Hlnterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 226. Sonnabend, den 19. November. 1910 (Nachdruck verdate».) 171 ift Ruhm? Roman von Max Kretze«� Walzmann lachte grimmig auf und stapfte vor der Tafel auf und ab. In einer solchen Stunde, wo er mit sich selbst kämpfte, um enthaltsam zu bleiben, weil der andre Tag drohte, hatte er merkwürdige Anwandlungen, die ihn dem Weinen nahe brachten. Es waren die Tränen über seine eigne Schwäche, die er nur mühsam zurückhielt; und man merkte es schon seiner Stimme an, was in ihm vorging. Dann wurde die große Tragödie seines Lebens in ihm wach, die Geschichte seiner Liebe, die ihn in den Sumpf gezogen hatte und die er selten jemand offenbarte. Kempen war einer der wenigen, die sie kannten: und noch entsann er sich der Dämmerstunde in der alten Scheune, wo der Alte sie ihm erzählte: Wie er seine Braut, eine fleißige, nicht mehr junge Näherin, die er mit vierzig Jahren kennen gelernt und die keinen Anstoß an seiner Mißgestalt genommen hatte, an der Schwindsucht stückweise sterben sah, ohne ihr helfen zu können. Schon lange waren sie verlobt, und immer mußte die Hochzeit aufgeschoben werden, weil der Arzt dagegen war. Von dem brennenden Wunsch er- füllt, sie nach dem Süden zu bringen, hatte er damals be- gönnen, sich zum Lohnsklaven zu erniedrigen, ohne an seine Weiterentwickelung zu denken. Der Sohn einer armen Mutter, der Witwe eines Land- messers, der sich nicht viel um die Häuslichkeit hatte kümmern können, war Peter ganz auf seine zwei Hände angewiesen. Stets eine einsame Natur, hatte er sein Herz an ein einfaches Geschöpf verschenkt, um jemand zu haben, der ihm Halt brächte; denn ohne Erziehung und ohne besseren Verkehr aufgewachsen, nur ganz seinen Leidenschaften überlassen, führte er schon als junger Mensch ein ungebundenes Leben, das ihn mit zweifel- hafter Gesellschaft umgab. Nur sein Kunstdrang rettete ihn stets aus den Abgründen der Berliner Vorstadt. Wie so manche Künstlernatur, die von der Begierde nach dem Weibe gelenkt wird, fragte er nicht viel nach dem Woher und Wohin. Endlich, als er schon glaubte, sein Ziel erreicht zu haben, war es mit ihr vorüber. An einem regnerischen Herbstnachmittag trug er sie zu Grabe, weit draußen im Süden der Stadt, wo die Landstraße durch das Armenviertel führt. Nur seine Mutter und er folgten dem Sarge. Das Spiel war aus, und er konnte seinen Schmerz nun zügellos in die Nachtstätten tragen, die er mit Gewalt gemieden hatte. Solange seine Mutter noch lebte, ging es, denn er hatte jemand, mit dem er reden konnte. Als er dann aber allein stand, verlassen wie ein Stein auf der Straße, überließ er sich ganz dem dunklen Drange seines schlechteren Menschen und schwamm gleichgültig in dem Strom seines verfluchten Daseins. „Nuschke, Nuschke, was bist Du zu beneiden!" unterbrach er diese Stimmung mit Gewalt, um am Klang seiner Stimme Halt zu finden.„Fährst dort runter, wo einem das Herz auf- geht. Gerade in der schönsten Zeit. Du— meine Augen, als ich die Alpen hinter mir hatte! Dann Mailand , dann Rom . Dann in Sankt Peter. Das Herz zitterte mir. Ich weinte vor Freude. Noch jetzt wird's mir feucht. Dja." Seine Augen waren kleiner geworden, aber aus einem Grunde, den er mit dieser Ausrede verschleierte. Und er schwelgte weiter in Erinnerungen, die ihm das Land wieder zeigten, wo ihm das Gesundheitsedcn für die Geliebte hatte erblühen sollen; und es geschah mib jener grausamen Wollust, mit der man der eigenen Seele manchmal süße Schmerzen bereitet. Alle kamen nun auf Italien zu sprechen, das uur . Blankert und Nuschke noch nicht kannten. Selbst Kempen wurde redselig und kramte seine Eindrücke aus, während . Lorensen mit seiner Deutlichkeit das ganze Luderleben schilderte, das sie beide geführt hatten, als ihnen vor einem Jahre durch Ersparnisse sür Bauarbeiten die Reise ermöglicht Wörden war. Von Mailand aus waren sie zu Fuß gegangen, hatten in elenden Herbergen geschlafen, in ihrem Räuber- zustande kaum zu Unterscheiden von dem niederen Gesindel. � Alles tauchte wieder vor ihnen- auf: das bunte Lebei, in der Osteria, der Chiantitaumel und der Dalles, den sie zuletzt hatten, aus dem nur die offene Hand der deutschen Künstler� kolonie sie herausreißen konnte, damit sie notdürftig wieder in die Heimat könnten. Denn Lorensen, dieser Bruder Leicht- sinn, der alles gründlich auskosten wollte, hatte den Strengen mitgerissen, der, vom frent en Klima berückt, fast selbst seine Grundsätze wanken sah. Schmarr, der endlich satt war, fing sogar an zu singen und plärrte sein„funiculi, funicula" so herausfordernd her- vor, daß die übrigen lustig einfielen. Nur Walzmann ver- sagte; die Hände auf dem Rücken stand er da, den Blick zu Boden gerichtet. „So kommen Sie doch mit, Meister, wir schinden uns schon durch," rief ihm dann Nuschke halb im Scherz zu, nach- dem der Lärm verstummt war. Walzmann jedoch, der lvre aus einer Betäubung erwachte, drehte sich um und zog den Kopf mit, den er nur so bewegen konnte.„Danke, mein Sohn. Zu spät für mich. Glaubte auch mal die Fahrt zu zweien zu machen, neuen Frühling zu holen. Nun ist ewiger Winter bei mir. Dja.... Das ist nur für die Großen, für die Glückspinscher ü la Heilke." Er gluckte ein Lachen heraus. „Ich verrecke doch mal hinter der Hecke. Dja. Als Ruhm- loser, als bloße Nummer, unbekannt, unbeweint. Dja. Aber besser, mein Sohn, mit Spottdreck gesalbt, als mit un- verdientem Lorbeer bestattet." „Oho, oho," schallte es ihm entgegen; er aber versuchte, seine Stimmung durch andere Dinge abzulenken. Auf dem Wandbrett stand der Gipsabguß eines Reiters, der von Grebemann stammte, einem längst Verschollenen. Sofort be- gann er, sich damit zu beschäftigen.„Auch einer, der im großen Massengrab Italien zugrunde gegangen ist. Aus- geflogen und hat sein Nest verloren. Nicht verstanden worden. Zu stolz gewesen, um sich das Futter zusammenzubetteln, das der Sperling auf der Straße findet. Konnte niemals die Hintertreppe benutzen. Hab ihn noch gekannt, war immer ein Sonderling... Dieser Gaul, wie er schreitet, man möchte mitlaufen. Gleich wird er dort in der Ecke sein. Paßt auf." Und wie närrisch geworden, fetzte er sich in Bewegung und trabte schwerfällig das Brett entlang, was sich so komisch ausnahm, daß ein brüllendes Lachen entstand. „Das Hindernis,, das Hindernis! Springen Sie über die Kiste!" gröhlte Blankert los.„Ich setze auf Sie." „Nuschke jedoch, der ihn für kindisch geworden hielt. glaubte sich seinen Zustand erklären zu können.„Trinken Sie doch endlich einmal, Meister, zuviel Wasser regt auf." Und er goß ein Glas voll, trug es ihm entgegen und wollte auf sein Wohl anstoßen. Walzmann jedoch bekam plötzlich seinen Rappel, den er oftmals zeigte, sobald er stark bleiben wollte und etwas Be- sondercs in ihm vorging.„Ich muß fort, ich muß fort," rief er erregt aus und stieß sanft die Hand zurück.„Kempen , Du weißt es, ich habe noch Maß zu nehmen. Sohn Blankert hatte recht. Ich muß noch nach dem Kirchhof. Gleich, gleich, fönst wird's finster. Ein Auftrag, ein Auftrag, schon lange liegt er bei mir. Seid mir nicht böse, Zigeuner. Manchmal packt's mich, und dann schäm ich mich. Schäme mich, so die Zeit zu vertrödeln... Doch, doch, mein lieber Kempen , ich muß fort." Er wehrte sich, als man ihm nicht den Mantel geben wollte. Die andern hielten das für eine feiner verrückten, Possen, trotzdem sie wußten, daß er auch hin und wieder einem Steinmetz weit draußen vor der Stadt hilfreiche Hand leistete. Kempen jedoch kannte dieses Spiel, das so komisch ch.irkte und gerade dann aus der Tiefe dieses seltsamen Menschen kam, sobald die Reue ihm mit der Gewalt eines Seelenaus- bruchs packte. Seit Jahren schon hatte er sich vorgenommen, der Ver- storbenen ein Denkmal zu fetzen, aber nie kam er dazu/weil die Erinnerung daran am stärksten aufloderte, sobald er kein Geld zur Ausführung hatte. Etwas Großes, noch nie Da- gewesenes schwebte ihm- vor, in das er all sein Ringen und seinen Kummer legen wollte. Wenn er einsam in seinem Stall stand und. sich beim gleichmäßigen Kneten seinen Gedanken überließ, dann reifte das. Werk in seiner Phantasie zu einer Kolosialgestalt,- zu einem männlichen Genius/ der, hoch- thronend mit gebrochenen Flügeln, tausend Schmerzen im hageren Antlitz, anklagend ins Wesenlose starrt«. Aber dies
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27 (19.11.1910) 226
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