Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 231.

22]

Sonnabend den 26. November.

( Nachdruck verboten.)

Was ist Rubm?

1910

wie Heilke prahlerisch erwähnt habe. Hübscher Brief­beschwerer," knurrte er, ließ sich dann aber geduldig fort­ziehen, denn aus einem Randauer hinter ihnen wirbelten so­eben helle, duftige Kleider.

,, Ah, Herr Lorensen... Willkommen." Die Frau Pro­Roman von Mar Kreter. fessor, ganz in pfirsichfarbiger Seide, von oben bis unten rot Lorensen, der gut gefrühstückt hatte, war nicht böse über bebaspelt, schob sich aus einer Herrengruppe hervor und diese abermalige Zweiteilung der Arbeit, die vortrefflich ge- reichte ihm die fette, sechsmal beringte Patsche, die sie so hoch lungen erschien. Er wollte ihn in der Vollendung nicht stören, hielt, daß sie sich fast von selbst den aufmerksamen Lippen des und so ging er wieder mit einer Ausrede, ohne Klara eines Blonden zuneigte. Ihr rundes, fast braunrotes Gesicht Blickes zu würdigen. Als er aber draußen war, lachte er still strahlte; ihr mächtiger, eingeengter Busen quoll fast freudig vor sich hin bei dem Gedanken daran, wie ungefährlich ihr unter dem feinen Spinngewebe des Brusteinsatzes hervor, und Kempen erscheinen müsse, dem sie sicher nur das Modell sein seinem Wogen entströmte der starke Duft von Abazziaveilchen, wollte und weiter nichts. Dieser Brave war ihr der Eiskübel, in dem sie sich förmlich gebadet hatte. Und mit ihrer runden in den sie nur die Finger tauchte, um die Hiße zu fühlen, die Beweglichkeit funkelten die Brillanten an den Ohrläppchen, sie von ihm, Lorensen, empfangen hatte. Er freute sich seiner an dem Halbmond auf der Brust und an dem Stern auf der Weiberkenntnis und war beruhigt. Trotzdem sollten sich die hochgewölbten, grauen Frisur. beiden in ihrer Siegessicherheit nicht wiegen, denn schon am Und Lorensen verstand dieses Entgegenkommen zu wür­andern Tage hatte Lorensen seine Ansicht über den zweiten Entwurf geändert. Er nahm den Zon zur Hand und ber- digen; er fand sich jetzt hier ganz anders zurecht als vor deckte die Nacktheit wieder durch Gewandung, mit der gleich- Jahren, wo er von ihren schiefen Hüften", ihrer kurzen gültigen Miene des Künstlers, dem es nicht leid tut, die ver- Taille" und ihrem latschigen Gang" gesprochen hatte. Jede pfuschte Arbeit noch einmal zu machen. Aber in seinem Unbeholfenheit war verschwunden, und so glich er dem ent­Innern gärte es, denn er malte sich aus, wie schön Klara sein uppten Schmetterling, der lustig dahinflattert, sobald er müsse nach diesen kümmerlichen Andeutungen eines jungen Freiheit der Bewegung hat. Die großen Füße in schmale Meisters. Kempen hatte ihm gehörig den Mund wässerig ge- Ladstiefel gezwängt, den Naden gespannt unter dem tadel­macht in seiner trocknen Art, mit der er die Kunst über alles losen Smoking, machte er, während er langsam die gelben, im Leben stellte; aber aus seiner Stimme war ein Bittern schon etwas angefetteten Glacées abstreifte seine Verbeugung überall dorthin, wo er bekannte Gesichter erblickte. Und wie gegangen wie Schwingungen einer ergriffenen Seele. angelernt folgten nach derselben Richtung die Worte: Gnä­Gnädiges Fräulein..." Zwar blickte ihm dige Frau... Gnädiges Fräulein. noch der Schalk aus den Augen, jener gesunde, nordische Humor, mit dem er früher diese gesellschaftlichen Maskierun gen verlästert hatte, aber schon schwamm er unbewußt mit in diesen seichten Strom, der für den Naturmenschen so gefähr­lich ist, weil er über unzählige, scharf geschliffene Klippen

Klara stand ruhig und gelassen in ihrer faltenreichen Ge­wandung, ein Lächeln auf den Lippen, das für Lorensen eine Sprache mit tausend Worten war. Aber nur die Arbeit vor Augen, tat er so, als sähe und hörte er nichts. Sie aber ahnte, was in ihm vorging; und als er mit falter Miene einige Falten an ihrer Gewandung verlegte und dabei über ihren Naden streichen mußte, erschauerte sie am ganzen Körper.

10.

Nicht lange darauf wurden die Freunde zu einem Kehr­aus geladen, den Professor Heilke etwas spät als Schluß der Winterfestlichkeiten für die Intimen seines Hauses gab. Kempen war erstaunt, denn noch niemals hatte er die Schwelle des großen Mannes betreten. Lorensen jedoch, der in letter Zeit des Abends seine besonderen Gänge gehabt hatte, gab ihm die nötige Aufklärung. Heilfe fühle sich jedenfalls ver­pflichtet dazu, nachdem er unlängst in ihrem Atelier auf­getaucht sei; er lasse Kempen ausdrücklich bitten, von jedem Besuch vorher Abstand zu nehmen, denn es sei durchaus fein großer Fez", und unter Kollegen brauche man nicht viel Umstände zu machen. Dabei verschwieg Lorensen wohl­weislich, daß er die ganze Sache eingerührt hatte, um dem treuen Kunstgenossen dienlich zu sein. Im nächsten Jahre wollte Kempen seinen Löwenkämpfer in die große Ausstellung bringen; wenn dann Heilke in die Jury gewählt wurde, was als sicher anzunehmen war, dann konnte das ihnen beiden zugleich von großem Nuzen sein, denn auch Lorensen würde dann mit seinen großen Modell zum Denkmal soweit sein, um es dem Publikum am Lehrter Bahnhof vorzuführen.

Draußen vor dem Gitter der Villa, die im vornehmsten Teile Charlottenburgs lag, zögerte Kempen noch, wie jemand, der erst ein unbehagliches Gefühl unterdrücken muß, bevor er irgend einer dunklen Gefahr entgegengeht. In dem kleinen Vorgärtchen sah er Die Ringerinnen" stehen, ein Werk Heilkes, das er vor mehreren Jahren ausgestellt, aber nicht verkauft und hier als Schmuck aufgepflanzt hatte. Lo­rensen lobte es sehr. Kempen jedoch konnte in diesen gedrun­genen Bosefiguren, auf deren dunkler Bronze sich der Schein der hellerleuchteten Fenster wiegte, nichts besonderes entdecken. Lorensen aber, heute zu allerlei Scherzen geneigt, faßte die Gruppe symbolisch auf.

Sichst Du, so kämpfen die Frauenzimmer um den Mann, der irgenwo im Hintergrund steht," sagte er heiter. Die dann oben liegt, die kriegt ihn."

Kempen lachte erst furz, als er hörte, daß die Ringe­rinnen auch in kleiner Ausgabe bei Gladenbed erschienen feien und sogar auf dem Schreibtisch der Kaiserin stünden,

führt.

..Sie blühen wieder, Frau Professor. Wie machen Sie das bloß mit Ihrer ewigen Frische? Und dieses Kleid.. Märchenhaft. Tausend und eine Nacht."

Kempen staunte und bewunderte fast diese Leichtigkeit Lorensens, mit der er sich so ernst über jene Schwächen andrer hinwegsekte, die für den schönheitgewohnten Blick etwas Narrenhaftes hatten.

Unverbesserlicher Schmeichler." Sie wollte tadeln, aber ihre klugen, dunklen Augen sprachen dagegen.

Aber gewiß doch, gnädige Frau. So ein Kleid, wissen Sie, das ist wie ein Gedicht, verklärt durch die Dichterin, die da drin steckt."

"

,, Ei, ei. Na, ganz unrecht haben Sie nicht. Wird alles nach meiner Angabe komponiert."

Lorensen hob den blonden Kopf, der nichts mehr von dem einstigen Urwald zeigte. So was ist immer furchtbar echt, nicht wahr, Hermann?"

Selbst seine angestammten Redensarten hatten in dieser Umgebung etwas Liebenswürdiges, was seinen Nimbus nur erhöhte. " Ihr Freund?"

Lorensen nickte bedeutungsvoll; dann erst stellte er vor. Kempen , der im zugeknöpften, schwarzen Gehrod erwartungs­voll beiseite gestanden hatte, verbeugte sich leicht, ohne ein Wort zu finden; auch dann nicht, als sie ihm unter dem üb­lichen Geschwäß die Fingerspitzen reichte. Ihr Mann habe ihr bereits von ihm erzählt, und sie sei begierig gewesen, ihn kennen zu lernen; auch ihre Tochter habe ihr über die lustige Atelierwirtschaft berichtet. Sie wisse aus Erfahrung, wie es die Künstler trieben, die sich die Tageshelle manchmal ab­stehlen müßten. Das hänge alles mit dem Milieu zusammen, das die Menschen nun einmal mache; daher gebe es gerade unter den Bildhauern so viele unverdauliche Leutchen, die man am liebsten nur von weitem sehe.

Ich sage Ihnen, mein Mann, der Professor, könnte da­von ein Liedchen singen."

Sempen hatte sich zu keinem Handfuß aufschwingen können, und so war sie schon halb gegen ihn eingenommen, ohne jedoch ihren Worten Anzüglichkeit beizulegen.