Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 235.

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Freitag, den 2. Dezember.

( Nachdruck berboten.)

Was ist Rubm?

Roman von Mar Krezer.

Wie, was? Das ist dosh gar nicht möglich," plärrte Rensdahl, der den Barontitel als ganz selbstverständlich hin­nahm.

Doch, es ist so," erwiderte Röstlin, fie arbeiten ja zu­sammen. Kempen ist überhaupt der Größere, er bleibt nur immer im Hintergrund, weil er zu bescheiden ist. Von dem können wir aber noch was erwarten, er ist ein Vollmensch."

Die übrigen achteten kaum auf diesen Einwurf, denn die Wogen der Unterhaltung gingen hoch.

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,, Man kann ja auch mit dem Pinsel zeichnen, Herr Pro­feffor," erwiderte Golding berbindlich, wobei der Schalt ihm hinter dem scharfen Glas aus den Augen blickte. Man nennt das eben impressionistische Kunstfertigkeit. Richtig sehen und richtig erfassen ist doch die Hauptsache. Gewiß, gewiß! Den ersten überwältigenden Eindruck der Natur festzuhalten, ohne sich um Nichtigkeiten zu bekümmern, sozusagen den Geist der Schöpfung, erfaßt durch die eigne Seelenstimmung, wieder zugeben, darum wird es sich immer in erster Linie handeln; bei einem Kunstwerk sich handeln, Herr Professor."

Können denn die Leute richtig sehn? Was sehn sie denn?" frähte Thormeyer aufs neue und fuhr gewohnheits­mäßig mit der großen, bunten Taschenwindel über den Westen­ausschnitt, weil er sich wie gewöhnlich beim Essen bekleckerb hatte; dann noch über seinen mächtigen Nietzschebart, dessen Heilke jedoch, der diese Aufklärung gehört hatte, gab wie traurig herunterhängende Spigen noch nicht ganz entfettet seinem Gehilfen einen Wink, die Bemerkung nicht weiterzu- waren. Diese Menschen sehn die Natur überhaupt nicht, wie Spinnen, die seine eigne Kunst schließlich in Mitleidenschaft ge- sie ist, nur wie sie in ihrem Kopp figt. Is es nich so, Felix?" zogen hätte. Und um der Sache sofort die Spize abzubrechen, Stampf, der sein Glas auf einen Tisch gestellt hatte, beruhigte er Rensdahl, der ganz verblüfft dreinschaute. Das berhielt sich ablehnend nach beiden Seiten, denn sobald sich zwei find so Künstlerscherze, die man nicht ernst nehmen darf," andre Leute von Bedeutung stritten, gab ihm seine Klugheit fagte er lächelnd. Man plaudert nicht gern aus der Schule, den Wint, es mit feinem von beiden zu verderben. Von Thor. aber wenn's sein muß. Anregungen nimmt jeder gern ent- meyer hatte er prächtige Studien und Bilder, die ihm weiter gegen. Und vielleicht hat er Lorensen angeregt. Möglich, nichts gekostet hatten als die kritische Anerkennung, die er ihm möglich. Kann auch mal selbst daran herumgenudelt haben. jahrzehntelang in Zeitschriften und Tagesblättern gezollt Warum nicht? Wenn Lorensen es für gut befand? Jeder hatte; und was diesen Golding betraf, der überall herum ge Meister muß seine Gesellen haben." sellschaftete, überall mit seiner Feder orakelte, für die neue Geistesbewegung zur Aufnahme neuer Saat die Furchen zog, so war jene Vorsicht geboten, die als Mutter der Weisheit an der Grenze des Möglichen Halt macht. Und möglich war alles in der Welt! Er, Felix Stampf, hätte sogar noch einmal auf den Gedanken kommen können, sich eine Galerie der Modernen anzulegen, und dann würde er sich schön gehütet haben, Geld dafür auszugeben; obgleich es ihm doch sicher schwer gefallen wäre, seine ganze Kunstanschauung, gleichsam wie einen Rock, zu wenden und all die braven Kerle fallen zu lassen, die er groß gelobt hatte.

Und er sah dabei den Schwarzbärtigen so bezeichnend an, daß dieser ihn verstand. Zufälligerweise ging Marianne an dem Tisch vorüber, und so fuhr er mit Betonung fort: 20­rensen überragt den ganzen Nachschub, ich weiß es, er war mein Schüler. Seine Kunst hat große Feinheiten. Sie find da wirklich an die richtige Adresse gekommen."

Wenn Sie es sagen, Verehrter, muß es wahr sein," gab Rensdahl zurüd. Aber merkwürdig, ja eh, merkwürdig bleibt solche Erscheinung doch. Man will doch schließlich nur die richtige Hand haben, gerade bei solchem Meisterstück." Sein Blick glitt zu den beiden hinüber und blieb auf Kempen haften, als wäre dieser jetzt einer besonderen Musterung wert.

Heilte lachte nur kurz, was ein Zeichen dafür sein sollte, daß er über solche Dinge ganz anders denke und jeden aber­maligen Hinweis darauf für unnük halte. Rensdahl unter­lag aufs neue dem Augenspiel der schönen Frau, und so wurde sein Mißtrauen gegen Lorensen bald wieder unterdrückt.

Stampf und Golding hatten sich zusammengefunden. Beide standen, ihr Glas in der Hand, abseits in einer ver­lorenen Ede und befanden sich im heftigsten Redefeuer über ihre grundverschiedenen Kunstansichten, wobei das Jupiter­haupt wie bedauernd lächelte, sobald der Gegner eine neue Meinungladung rasseln ließ.

,, Aber ich bitte Sie, mein Bester, das sind ja alles olle Kamellen, die Sie da vorbringen," sagte er zerstreut wie ein Mann, der es für überflüssig hält, fich über gewisse Dinge noch zu streiten. Dabei röchelte er fortwährend durch die Nase, weil er an einem Stockschnupfen litt, der ihm dieselbe Bein bereitete wie seinem Zuhörer. Kunst kommt doch her von Können. Die Neuen sollen doch erst mal zeigen, was sie können."

,, Und das Licht kommt von der Sonne," wandte Golding lebhaft ein. Ihre Alten haben immer bei Sonnenfinsternis gemalt. Und da die nicht sehr oft eintritt, sind auch ihre Meisterwerke so selten. Beit genug hatten sie ja eigentlich zum Nachdenken."

Ein wohlfeiler Wit, mein Lieber, mit dem Sie aber gar nichts beweisen," sagte Stampf wieder. Wenn die Kunst ein Stüd Naturausschnitt sein soll, durch ein Temperament ge­sehen, frei nach Zola, dann haben Ihre Modernen vielleicht recht. Temperament ist genug vorhanden, aber es fehlt die Bügelung."

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Sehr gut, sehr gut, Felir," mischte sich Thormeyer hinein, der die beiden still umkreist und auf den Augenblick gewartet hatte, wo er seinen Groll aussprigen könne. Die gehn ja alle durch mit der Kunst. Die Durchgänger müssen aber erst ein­gefahren werden. Schule, Schule das ist die Hauptsache. s es nich so, Felix? Erst zeichnen lernen, Herr Doktor, und dann malen. Grundregeln befolgen, Konturen sehen!"

Aber das meinte ich ja gerade, Herr Professor," warf Golding lächelnd ein. Wenn die Künstler nur fähig sind, die Erscheinungen der Natur richtig in ihren Kopf aufzu nehmen, das genügt schon. Ohne Denkvermögen keine aus­übende Straft."

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Thormeyer, der sich verhaspelt hatte, kehrte jetzt seinen Merger gründlich hervor. Erscheinung- das Wort stimmt," spottete er grimmig los. Diesen Kerlen erscheint die Natur auch nur so, wie sie sie hinschmieren. Der eine sieht die Wolken als weiße geschlachtete Kaninchen an, der zweite den Wald als einen Spinathaufen, und der dritte, na, dem ist die ganze Welt nur ein Kohlrübenfeld. Es können auch Lupinen sein. Is es nich so, Felir?"

Stampf mußte lachen, winkte dann aber sofort mit Würde ab: Aber ich bitte Dich, das sind doch lebertreibungen."

Allerdings, wenn Sie die Sache ins Lächerliche ziehen wollen, dann ist jede ernste Diskussion darüber ausgeschlossen," warf Golding ein und wollte sich abwenden.

Thormeyer jedoch hielt ihn zurüd. Scherz beiseite, Herr Doktor," brachte er mit übergehenden Augen hervor, weil ihm die letzte Brise in der Nase stach, aber die Auswüchse machen's doch so. Pinselauswischen ist doch noch keine Malerei. Manch­mal gehn die Delflecke aus der Leinwand gar nicht mehr her. aus. Und das ist recht schade. Um die Leinwand nämlich. Is es nich so, Felig?" Und plötzlich begann er durchaus ernst feine Auffassung zu entwickeln, die eigentlich weiter nichts als eine Verfechtung des technischen Inhalts all der vielen Ge­mälde war, die er während eines Menschenlebens geschaffen hatte und die er von der neuen Richtung nun mit Hohn in die Versenkung geworfen fah.

Jeder, der mit gefunden Augen in die Natur blicke, sehe die Blümlein in der Nähe scharf als solche, überhaupt alles deutlich und klar, was sich dem Blick in dem gehörigen Abstand zeige, den man vor einem Bilde einnehmen müsse. Jedes Blatt fehe man scharf umgrenzt, jeden Zweig, jeden Grashalm. Das fönne man fogar bei flarer Luft in einer bestimmten Ent­fernung noch bemerken, wie auch bei Menschen und Tieren. Das sei allerdings schwierig wiederzugeben, denn es verursache