Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 245.
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Freitag den 16. Dezember.
( Nachdruck berboten.)
Was ist Rubm?
Roman bon Mar Krezer
Er hatte seine Stimme so mächtig angestrengt, daß Frau Lemke durch die Tür des Nebenzimmers alles hörte und ge fchäftig hereinkam, weil sie glaubte, fie gingen sich an den Sragen; denn Kempen war auch sonst nicht müßig gewesen. Von plötzlicher Wut gepackt, hatte er ein Buch ergriffen und damit auf den Tisch geschlagen, daß es krachte. Was sich schon lange in ihm angesammelt hatte, fam mit elementarer Wucht zum Ausbruch, mit der ganzen Rücksichtslosigkeit unberechenbarer Naturen. In diesem Augenblid, wo man ihm etwas zu rauben dachte, von dem sein Herz schon lange Besitz ergriffen hatte, mit fengender Glut in all den Tagen, wo er sehen durfte, was andere niemals geschaut hatten, schoß das Mißtrauen gegen Lorenjen mächtig brennend in ihm empor und durchbrach flammend seine Besonnenheit.
„ Na, dann wären wir ja wieder einmal schön zusammen. geraten," sagte Lorensen eingeschüchtert und griff zu Hut und
Stod.
„ Und Du hast alles heraufbeschworen," brachte Kempen noch ganz außer Atem hervor und ließ ihn ruhig gehen.
Und Lorensen ging auch, in einer Stimmung wie nie zuvor. Und als er langsam die ausgetretenen Stufen hinabstieg, die sie so oft in froher Laune gemeinsam genommen hatten, stets dasselbe Ziel vor Augen, beschlich ihn etwas wie Rührung, die ihn fast veranlaßte, umzukehren und Kempen die Hand zu geben, was er zum erstenmal in seinem Leben bergessen hatte. Schon wollte er es ausführen, als sein Stolz ihn davon abhielt, denn wenn er es sich alles richtig überlegte, so hatte er feine Ursache, den Geducten zu spielen. War nicht bisher alles redlich von ihnen geteilt worden, hatte nicht Kempen immer selbst darauf hingewiesen, sie wollten sich beide gemeinsam Klara als Modell halten, und hatte er nicht damals schon, als sie noch Kind war, diesen Gedanken ausgesprochen? Die Notwendigkeit hatte ihnen dann das Mädchen aus den Augen gebracht, der Zufall aber wieder zusammen; und er, Lorensen, war es, der sie damals bei Schneetreiben wieder aufgesucht hatte, und seinem Rufe allein war fie ins Atelier gefolgt.
Es waren nur dumme Redensarten, die er vorhin angewandt hatte, um so zu tun, als wenn er sich nicht gar zu viel daraus mache. Berlin war allerdings groß, und viele hübsche Weiber liefen in ihm herum, die in schön sizenden Kleidern den Eindruck von Idealfiguren machten; aber sobald man sie dann bei Licht betrachtete, so wie man sie haben wollte, sah man manchmal die Bescherung; wenigstens an denen, die bereit gewesen wären, sich dazu herzugeben.
Was einigermaßen prächtig zur Welt gekommen war und sich in Ebenmaß hätte entwideln fönnen, wurde durch die Kulturschraube mit der Zeit jämmerlich verunstaltet, nament. lich durch die Zwangsarbeit des Korsetts; und wo man sonst Vollendung witterte, bligte man gehörig ab. Er mit seiner edlen Dreiftigkeit konnte ein Liedchen davon singen und mußte obendrein den Spott noch einstecken; denn behauptete er fedt, es gebe keine Naturschönheit mehr, so lachte man ihn einfach aus und ließ, um ihn zu ärgern, durchleuchten, daß man sich diesmal" wenigstens gewaltig irre, was ihn aber keinen Schritt weiter brachte. Er hatte sich schon die Beine abgeLaufen, um etwas Besonderes für seine„ Eva in Scham erglüht" zu finden, etwas ganz Außergewöhnliches, was seiner Auffassung entspräche und wozu er sich nicht erst alles zufammenzusuchen brauchte. Und nun war eine ins Haus geflogen und Kempen nahm sie ihm fort, dieser verschrobene Snurrhahn, dem er einen derartigen Trid niemals zugetraut haben würde.
Es fonnte nicht anders sein: er war in fie verschossen and vielleicht auf dem besten Wege, die größte Dummheit daraus entstehen zu lassen. Wunderbar waren die Nätsel der Menschenseele und noch wunderbarer die Lösungen, die sich manchmal daraus ergaben
1910
Lorensen wollte direkt an seine Arbeit gehen, als er aber vor der Ateliertür stand, fand er sie verschlossen; denn ganz hatte er vergessen, daß Sörgel nicht mehr bei ihnen war. Und so machte er wieder Kehrt, um ein Weilchen durch die Straßen zu gehen, bis Kempen fäme, der gewöhnlich niemals lange auf sich warten ließ.
Gewitterregen ganz Berlin überschwemmt, und so sah man Es war im Juli. Gegen Morgen hatte ein gewaltiger noch die Spuren auf Straßen und Plätzen. Die Luft war abgeklärt und rein, und ihre Feuchtigkeit dämpfte die Kraft noch die Spuren auf Straßen und Plätzen. der Sonne, die noch nicht die gewohnte Glut des Tages dammt waren, in einförmiger Tätigkeit den Atem des Steinschaffen konnte. Al die tausend Menschen, die dazu verungeheuers zu schlucken, begrüßten das Labsal des Himmels mit Dank und dehnten befriedigt die Lungen; ihr Schritt hoffnungsfreudiget, während die Brust nun weniger von war gemessener, gleichsam gestärkter, und die Augen strahlten Neid erfüllt war gegen die Glücklichen. Für einen Nichtstuer bummelte es sich angenehm dahin, und so empfand auch Lorensen diese ersten Morgenstunden in Berlin wie eine Art wohliger Nachkur, der er im Schlendrian ein wenig folgen müsse, bevor er sich wieder an die jaure Kunst mache. Herrliche Wochen mit wundervollen Ausflügen, die bis zur Zug spitze führten, lagen hinter ihm. Er hatte alles Schöne mitgenommen und war auf der Rückkehr noch gehörig durch München gebummelt, das er früher nur flüchtig kennen gelernt hatte. Und erwog er alles ganz genau, so konnte er mit sich zufrieden sein. Heilfes hatten alles getan, um ihm die Tage so angenehm als möglich zu machen; und was Marianne be traf, so hatte sie sich zwar in Gegenwart der Eltern die nötige Zurückhaltung auferlegt, sich dann aber um so zwanglofer gegeben, sobald sich einmal beide auf einsamen Pfaden in die Berge schlugen.
Ja, die Welt war doch schön und wert, darauf vergnügt zu sein! Die kleinen Berliner Mädchen lachten ihn an, und er nickte ihnen feck zu, sobald es ihm angepaẞt erschien, allerdings noch viel zu träge, um in dieser Stunde mit ihnen anzubandeln. Selbst der kritische Blick, mit dem er sonst den Spuren seiner Kunst zu folgen pflegte, fehlte ihm heute.
In Gedanken war er der Potsdamer Straße zugegangen, und als er sie behaglich entlang schritt, sah er plöglich Selara Mank auf sich zukommen, flink und frisch, wie immer in Kleidung und Chic ein Mittelding zwischen Mädel und Dame. Er sah den hellen Strohhut, das rosige Gesicht, die weiße Modebluse, den gestreiften Rock, unter dem die braunen Schuhe verlockend glänzten,- sah dieses ganze liebe Haustierchen, wie es, den zierlichen Schirm im Arm, stolz dahergeflattert tam, als wollte es mit fühn erhobenem Näschen sagen:„ Seht doch auf mich. Wenn Ihr wüßtet, wer ich bin! Das schönste Mädchen von ganz Berlin ; ein großer Künstler hat es mir gesagt."
Und plöglich war aus Lorensens Brust aller Haß gegen Die sie entschwunden, und nur Freude belebte seine Züge. Enge des Ateliers mit ihrer schwülen Luft, die auch die Menschen in ihren Bann zog, war gleichsam für ihn entwichen, hatte der freien Welt Platz gemacht, wo man in vollen Zügen atmen durfte.
Sie wollte mit freundlichem Gruße an ihm vorüber, er aber zog wie ein Gentleman den Hut und hielt sie in seiner geriffenen Weise fest:" So eilig, Aphrodite , auf deutsch Schaumgeborene?"
Weiß ich, weiß ich," winfte sie altflug ab. Sie halten mich doch für gar zu dumm. Adieu, ich muß ins Atelier. Hatte nur noch etwas für Mutter zu besorgen. Ihnen schmeckt wohl die Arbeit noch nicht?"
Ein Einfall fam ihm. Wissen Sie nicht' ne hübsche Wohnung für mich?" fragte er. Wir haben uns wieder mal gründlich verknurrt. Thretwegen natürlich! Na, und da bin ich auf der Suche. Mit Kempen , wissen Sie, ist gar fein Auskommen mehr."
Was er bezweckt hatte, geschah. Verblüfft trat fie mit ihm zur Seite und zeigte, blaß geworden, gesprächig ihre Neugierde. Sie sah weiter als Lorensen. Gingen die beiden auseinander, dann wurde alles anders; Kempen mußte den Lebenstampf erst recht führen, die ganze Atelierherrlichkeit