Mnlerhallungsblatl des Horwärts Nr. 247. Dienstag, den 20. Dezember. 1910 (7-aqdrult vnlslen.) ss] Mas ist Ruhm? Roman von Max Kretzen 15. Auch am Nachmittag ließ sich Lorensen nicht sehen: als er dann aber am andern Tage freundliche Worte an Klara richtete und sie bat, ibm doch no6) die letzten Stunden zu seinerPoesie" zu gewähren, machte Kempen große Augen und nahm zum Lobe Lorensens an. daß dieser inzwischen eine bedeutende Zwiesprache mit sich gehalten habe, um den alten, gemütlichen Ton zu finden. Weshalb sollte sie ihm auch nicht sitzen und stehen, sobald er höflich zu ihr war, obendrein zu solchen Dingen, wobei es nichts zu sehen gab. Kempen war es überdies lieb, denn nun, wo sie beide im Atelier waren, mußte er seine nackte Figur liegen lassen: die Zeit aber durfte nicht totgeschlagen werden. Er konnte sein Grabrelief fort- setzen und auch allmählich an den Affen gehn, während Loren- sen ruhig sein Denkmal volleudete, das dann als Gipsabguß in die Gießerei kam, um in Bronze gegossen zu werden, nach- tun drei Koimteemilgliedec �Rensdal'> war diesinol der- hindert) die letzte Besichtigung vorgenommen hatten. Als die einzelnen Teile bei Gladenbeck zusammengestellt wurden, blieb Lorensen ganze Tage fort, um in der Ziselierwerkstatt selbst noch die Hand anzulegen, damit die letzte Form heraus- käme. Dadurch bekam wieder Kempen Freiheit der Bewegung zu seinem Mädchen in Lebensgröße. Er hatte den riefigen Orang-Utang nur als eine Art Vogelscheuche angelegt, um wenigstens den Stand der Figur zu haben: denn ein unüber- windlicher Drang trieb ihn dazu, immer erst das Weib fest- zuhalten, gerade, als könnte ihm Klara wider Erwarten ver- loren gehn. Lorensen sah das zwar alles, sobald er wieder auftauchte, was sozusagen nach vorheriger Anmeldung ge- schal,: aber er hatte jetzt so viele andere Dinge im Kopf, daß er sich nicht weiter darum bekümmerte, höchstens nur heiße Blicke auf Klara schießen ließ in jenem stillen Einverständ- uis mit ihr, das großer Worte nicht mehr bedarf. Aber der Herbst ging vorüber und alles blieb un- verändert. Das Denkmal sollte Anfang Januar, am Ge- burtstag des Dichters, enthüllt werden. So benutzte Lorensen die Gelegenheit, diesmal früheitig eine Weihnachtsreise nach Hause anzutreten, um gleich zwei Dinge miteinander zu ver- binden. Zwar hatte er sich diese Fahrt anders gedacht, zu Zweien, wie früher, wo es undenkbar gewesen wäre, daß einer der Unzertrennlichen bei einem derartigen Ereignis sich ab- seits gehalten hätte: jedoch sagte er nichts, und als ihm Keinpen, der diesmal in Berlin bleiben wollte, nur Glück und Heil wünschte, tat er den Mund nicht mehr auf. Schließlich war?s auch besser, wenn Kempen gründlich die Zeit ausnutzen wollte: um so eher würde die Stunde kommen, in der Klara ihr Versprechen halten könnte. Lorensen kehrte wirklich in Zufriedenheit zurück: nicht nur, daß man ihn in seiner eignen Heimat nach Verdienst ge- feiert hatte, auch in weiteren Kreisen war seine Kunst ge- würdigt Ivorden. Die großen illustrierten Blätter hatten sein Porträt und Abbildungen des Denkmals gebracht und dabei die Figur der die Rose überreichenden Muse als einen besonders glücklichen Gedanken gepriesen: und auf dem kleinen Bankett, das das Komitee ihm zu Ehren gegeben hatte, war von Rcnsdahl der Name Fritz Lorensen besonders gefeiert worden. So hatte er also wohl das Recht, sich in seinem mit Krimmer besetzten Kaisermantel noch stolzer zu wiegen und fast mitleidig auf den Löwcnkämpfer zu blicken, der als Atelierhüter in der äußersten Ecke des hohen Raumes stand, fast verkümmerter noch als vor Monaten in der Toten- kammer der Ausstellung, wo man ihn wenigstens von allen Seiten betrachten konnte. Als er dann den Wust Zeitungen und Wochenblätter mit seiner Verherrlichung aus dem Mantel hervorholte, die Blätter einzeln vor Kempen aus- breitete und dabei Klara bedeutungsvoll ansah, war es, als wollte er ihr zurufen:Na, was sagst Du dazu? Bist Du mit mir zufrieden? Wenn Dich das nicht reizt, dann weiß ich nicht!" Kempen stand schweigend dabei, vernahm geduldig die kleine Prahlerei und lachte vergnügt, denn frischer Erdgeruch war wieder mit Lorenfen hereingedrungen, der die Gedanken mit forttrug zu all den kernigen Gestaltin und koniischen Käuzen in der Kleinwelt da draußen, die auch Kempen sc» genau kannte. Erst als er bemerkte, daß Klara aufmerksam alles zu studieren und mit einer gewissen Bewunderung darüber zu sprechen begann, wurde er ärgerlich. Er faßte an Lorensens Rockkragen und taute auf mit der trockenen Frage: Wo ist denn der Orden?" Lorensen fand diese Frage so wenig sträflich, daß er durch. aus ernst erwiderte, man wolle ihn zur Konkurrenz um das Kaiserdenkmal auffordern, und wenn er die Ausführung be- komme, werde vielleicht bei dieser Gelegenheit auch etwas füv sein Knopfloch abfallen. Dann, rasch wieder heimisch geworden im Atelier, staunte er über den Fortschritt in Kernpens Arbeit, die bis auf die Füße nahezu vollendet war. Der Klumpen Ton zu Seiten deS Mädchens, der ihm wie eine Karikatur dünkte, machte ihm Kopfzerbrechen, und so fragte er, was das zu bedeuten Hobe.. Das sollst Du werden," erwiderte Kempen , um einen, Witz zu mackzen und zugleich die Eitelkeit des andern zu be- strafen. Lorensen jedoch, fast erschreckt darüber, seine innersten- Gedanken so erraten zu sehen, blickte ihn verblüfft an, kaum eines Wortes fähig: erst als er zu der Ueberzeugung kam, daß Kempen sich dabei nichts gedacht hatte, bekam er die Sprache wieder, obwohl er sehr gedrückt Herurnschlich. Aber schon nach einigen Tagen reckte er sich bedeutend, denn diesmal wollte Kempen verreisen, und zwar iwch Ham- bürg, wo sein Grabrelicf so gefallen hatte, daß man mit einem neuen Auftrag auf ihn wartete. Da er seine alte Mutter seit einem Jahr nicht gesehen hatte, so gedachte er den Aufenthalt dort auf mehrere Tage auszudehnen, denn er war sicher, ohne Unruhe die Zeit verleben zu dürfen. Lorensen trug sich mit den Gedanken zu neuen Skizzen für Rensdahl und hatte über- dies eine Bestellung aus die Büste einer verstorbenen jungen Dame bekommen, die er nach einem kleinen Relief und nach Photographien zusammenbauen sollte, was eine höchst undank- bare Arbeit gab. Klara wurde also während dieser Zeit über- flüssig und konnte zu Hause bleiben und spazieren gehen, was sie mit einer gewissen Freude begrüßte. Hinter Lorensens Rücken spielten sich gewisse heimliche Dinge ab. was er bald bemerkte. Mehrmals ging Klara schon vor dem Dunkelwerden in Begleitung Kempens fort, und dann blieb dieser längere Zeit aus, ohne sich darüber zu äußern. Als dann aber Lorensen eines Morgens erfuhr, daß Kempen den Abend zuvor bei Frau Münk zugebracht hatte, konnte er mit seiner Heiterkeit nicht zurückhalten. Weshalb lachst Du denn?" fragte Kempen , der in zwei Stunden abfahren wollte und schon seinen Koffer mitgebracht hatte. Nun, ich mache mir so ein Bild," erwiderte Lorenseu und betrachtete ihn mit einem gewissen Mitleid, worauf aber der andere nicht achtete.Ich kenne jemand, der immer dar- über spottete, ich würde einmal gründlich hängen bleiben." Das tust Du ja auch," knurrte Kempen zurück.«Es gab eine Zeit, wo Du offener zu mir warst." Ja, bist Du es denn?" warf Lorensen ein Liegt allein an Dir," brummelte Kempen wieder. Adieu. Halt alles in guter Ordnung." Glückliche Reise, Kenrpen. Grüß mir herzlich Deine Mutter." Danke. Soll geschehen." Kempen , den Koffer in der Hand, war hinaus. Lorensen blieb allein mit seinen Gedanken zurück, die in seinem Kopf einen tßllen Wirbel schlugen, gerade wie der Schnee draußen, der wieder einmal in großen Flocken an dem Fenster hernieder- strich. Tann N arf er sich auf einen Stuhl und dachte an das Auf und Nieder dieser letzten Jahre, die so große Wandlungen in ihrem Leben geschaffen hatten. Mit einem Ruck erhob er sich wieder und ging in den Nebenraum, wo der Schreibtisch stand. Heute um zwei Uhr, falls sie keine weitere Nachricht mehr bekäme, wollte Klara konimen, um endlich ihr Ver- sprechen einzulösen, worauf er wie der dürstende Hund an der