Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 249.

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Donnerstag, den 22. Dezember.

( Nachdruck berboten.)

Was ist Rubm?

Roman von Mar Krezer

1910

Schon seit langem," sagte Kempen mit Bestimmtheit, da er sich nicht vorstellen konnte, daß Klara nein sagen würde. Lorensen schritt, die Hände in den Hosentaschen, nach denklich vor ihm auf und ab, im Innern den Kampf eines Menschen führend, der etwas Bedeutendes sagen möchte, ohne den Anfang dazu zu finden. Inzwischen musterte er Sie fragte nicht mehr; aber sie hätte schreien mögen, denn wie zerstreut diese kleine Bude, in der noch etwas von ihrer zu dem einen Unheil gesellte sich das andre. Still schlich fie alten Armut lag, die wohl bei ihm nie mehr zurückkehren wieder ins Atelier, wo Sörgel gerade aufgetaucht war, der würde, die aber den anderen auf seinem Lebensweg begleiten sich bereits ausgeschält hatte und vergnügt grinsend vor könnte, sobald er sich von der Gesellschaft abschlösse, ohne die Lorensen stand, als wollte er ihm zurufen: Siehst Du, da bin der strebende Künstler kein freudiges Dasein führen konnte. ich wieder. Jekt wage es nur, mich hinauszuwerfen!" In und Kempen kam ihm schlimmer vor, als einer dieser Ge­feinem wettergebräunten Gesicht hob sich das fümmerlich miedenen: er sah in ihm den Armen im Geiste, der, verrannt sprossende Schnurrbärtchen noch immer so flachsfarben wie früher ab, während das Haar aber nicht mehr den alten in seinem Willen, mit getrübtem Blick in diese Welt schaute, Schmalzglanz zeigte. Er harrte sozusagen wieder der die nur zu gern das Lachen bereit hatte, wo andere am Politur Berlins , die draußen auf dem Lande bedenklich ver- liebsten weinen wollten. Und sein Entschluß war gefaßt, zu blaßt war; dafür sah er wohlgenährter aus, hatte ein breiteres dem er aber vorläufig auf Umwegen gelangen wollte. Gesicht bekommen, was Kempen durchaus nicht behagte, womit er sich aber rasch abfand, denn dieser Muskelmensch war ihm fast so unentbehrlich geworden wie die andre.

Sörgel reichte Klara treuherzig die Hand; als sie dann aber zu Mantel und Hut gegriffen hatte, um selbst den nötigen Gang zu machen, weil sie sich nach der frischen Luft sehnte, sagte er mit einer gewiffen Verwunderung: Sch hab Sie ja schon neulich gesehen, Fräulein, nun fällt's mir ein." Und er sah Lorensen an und zeigte seine weißen Zähne, wie immer, wenn er sich über etwas belustigen wollte. Als er an jenem Mittag bereits auf der Straße war, hatte er fie in die Einfahrt biegen sehen und für die feine Dame" ge­halten, die von Lorensen erwartet wurde, denn neuerdings ging fie eleganter als sonst; nun aber erkannte er sie an ihrer Kleidung und an ihrem dichten weißen Schleier, der ihm be­fonders aufgefallen war.

Na, sehen Sie," warf Klara gleichgültig ein, gewisser­maßen erfreut darüber, unbewußt zu Kempen die Wahrheit gefagt zu haben. Wo war es denn?"

Sie gingen hier ins Atelier," sagte Sörgel dreist, um Lorensen zu ärgern, denn mit seinem gesunden Menschen verstand reimte er sich sofort alles zusammen. Längst hatte er gemerkt, wie der Blonde hinter ihr her war, ohne aber zu wissen, was sich inzwischen abgespielt hatte.

Lorensen sah bereits das Unvermeidliche kommen, aber fofort half ihm Klara aus allen Nöten. Richtig, ich wollte sehen, ob Herr Kempen noch hier sei," warf sie mit gemachter Ruhe ein. Es wurde aber nicht geöffnet, draußen hing ein Zettel: Atelier geschlossen."

Kempen blidte erstaunt auf, beruhigte sich aber rasch, denn er selbst hatte diesen Bettel noch an der Tür gesehen. Lorensen war also jedenfalls schon bei der Arbeit und wollte ungestört bleiben. Sie ging, während Sörgel ein dummes Geficht machte, denn er vermochte nicht, sich zu erklären, wie die Dame" so rasch zu dem Blonden gelangt sein sollte. Sie sind noch immer der alte Tolpatsch," schnauzte Lorensen ihn an, als er gleich darauf etwas unsanft an ihm vorbeiſtrich und mit seinem Ellenbogen in Berührung ge­

Tommen war.

"

Ich will nicht rechten mit Dir, Du warst ja immer ein verschrobener Kerl," begann er dann wieder. Und siehst Du, was Du mir jetzt wieder zu verstehen gibst, ist so furchtbar echt an Dir. Bedenke nur eins: es ist unser Modell! Das fagt doch eigentlich alles. Und dann erinnere Dich einmal, wie Du selbst darüber geurteilt haft. Verludert hast Du sie genannt, die sich so weit vergessen konnten."

"

Ich weiß, ich weiß," schnitt Kempen ihm das Wort ab, Du wirst dann mit mir nicht mehr verkehren können. Hättest Du ja auch sowieso nicht getan. Man ändert eben manchmal seine Ansicht. Na, und was die Welt darüber denkt, ist mir Gottlieb Schulze. Habe ich alles mit mir selbst auszumachen."

" Du wirst es Dir noch überlegen, Hermann. Gratulieren fann ich Dir nicht."

Schadet auch nichts," quetschte Kempen zwischen den Zähnen und betrachtete die Sache als erledigt.

Lorensen ließ ihn wie einen Vernagelten fißen und ging zuerst fort, um diese längst erwartete Enthüllung allein gc­hörig zu verdauen. Lange ging er mit sich zu Rate; aber ein Tag nach dem anderen verging, ohne daß er sich zum letzten Wort aufraffen konnte. Allerlei Berstreuungen famen ihm dabei zugute. Er hatte mit seiner Braut Besuche zu machen und war des Abends viel in Gesellschaft, soweit ihn seilfe nicht mit Beschlag belegte. Endlich hatte Marianne einen fest, und so durchtollten sie all die Kreise, die dem Alten nahe standen, wobei Lorensen es sich gefallen lassen mußte, als großes Wunderkind angestaunt zu werden. Er betäubte fich fast mit Willen, um einen langen Schlaf zu haben, durch den die wenigen Stunden im Atelier noch mehr abgekürzt wurden.

Seitdem er nach Charlottenburg gezogen war, ließ er fich manchmal gar nicht sehen, was er mit der Suche nach einem Atelier entschuldigte. Er hatte das Gipsmodell feines Dichterdenkmals in die Ausstellung gebracht, weil er be hauptete, man dürfe dort in feinem Jahre in Abwesenheit glänzen; und befriedigt davon, finzelte er nur noch an neuen Skizzen herum, was er aber auch mit großer Unluſt tat. Der Nach drei Tagen, als die Freunde in ihrer Stube beim ganze Ort erweckte ihm Unbehagen, an dem Klara noch immer Morgenkaffee faßen und Lorensen noch einen sehr verschlafenen herumschlich und ihn jedesmal mit einem großen, fragenden Eindruck machte, vertraute er Kempen an, daß er sich am Blick betrachtete, auf den er aber niemals die Antwort fand. Abend vorher mit Marianne Heilfe verlobt habe und daß er Es lastete auf ihm, zu sehen, wie Rempen nur immer ihre fich weiter hinaus im Westen ein Zimmer mieten werde, weil unschuldige Miene fannte und fie nach wie vor als die treue ihm der Weg des Abends zu seiner Braut zu weit sei. Wohl- Kameradin betrachtete, der er sich in den kleinsten Dingen weislich verschwieg er dabei, daß sein zukünftiger Schwieger- offenbaren müsse. Oftmals fand Lorensen das so unerträg­bater ihm zur Bedingung gemacht hatte, sich so rasch als möglich, daß er die Hölzer hinwarf, sich anzog und beim besten lich von seinem Kunstgenossen zu trennen, bevor er wieder Licht davonging. eine neue große Arbeit begänne.

"

Kempen erblickte darin nur den Vorteil für seine Kunst. Kempen beglückwünschte ihn furz, zeigte aber nicht die Das Mädchen zu seiner Erdrosselung" war beendet, wozu geringste Aufregung, denn Frau Lemke hatte es ihm bereits er die Abwesenheit Sörgels benutzt hatte, der Lorensen beim gestedt, daß der Getreue demnächst ziehen werde. Das trifft Aufbau seiner Gruppe in der Ausstellung behilflich gewesen sich eigentlich ganz gut," sagte er dann nach einer Weile, ich war. Allerdings hatte er die letzten Feinheiten nur mit will mich auch verheiraten. Du fannst Dir wohl denken, Mühe bewältigen können, gezwungen durch Klaras Ein­mit wem." wendungen, die stets etwas Maulendes hatten. Bald flagte sie über Kopfschmerzen, bald fam sie mit der Ausrede, sie müsse rasch einmal nach Hause, da sie Besorgungen für die Mutter habe. Kempen schob das alles der Langeweile der

Ja, Hermann, ich fann es mir denken," warf Lorenfen leicht erschreckt ein und fand boll Bewegung seit langer Zeit wieder die alte treue Anrede. Seid Ihr denn schon einig?"