Mnterhattungsblatt des Horwärts Nr. 20. Sonnabend, den 28. Januar. 1911 tNaSdru« bttsotttt.J 20] pelle der Gröberer* Roman von Martin Andersen Nexö . Autorisierte Uebersetzung von Mathilde Mann . Hallohl Er stößt!" rief Gustav und hob ihn in die Luft empor.„Wollt Ihr den alten Satan auf Smoaland sehen? Bei ihm ist eben Umzugstaq gewesen, er hat den Hintern in das Gesicht raufgerückt!"— Er zeigte Pelles dicke Wangen Pelle bemühte sich, sein Gesicht mit den Armen zu verdecken und stieß mit den Füßen, um herunter- zukommen; er machte auch einen Versuch zu beißen.„Na, er will beißen, der Teufelsjunge!" Gustav mußte ihn hart an- fassen, um ihn regieren zu können. Er hielt ihn am Kragen fest und drückte ihm die Knöchel in die Kehle hinein, so daß er nach Luft schnappte: währenddes sprach Gustav mit höhni- schem Mitleid:„Schneidiger Junge das! Noch nich trocken hinter den Ohren und will sich schon prügeln!" Gustav fuhr fort, ihn in die Höhe zu halten, es sah so aus, als wolle er mit seinen überlegenen Kräften prahlen. „Ja, nu haben wir wirklich gesehen, daß Du der Stärkste bist!" sagte der erste Knecht endlich<— laß ihn man laufen!" Und als Gustav nicht gleich hörte, sauste ihm eine geballte Faust zwischen die Schulterblätter. Da ließ er den Jungen los und der lief in den Stall zu Lasse hinüber, der das Ganze gesehen hatte, aber nicht wagte, sich zu nähern. Er konnte nichts ausrichten, und seine Anwesenheit würde nur schaden. „Ja, und dann unser Ausgang heut abend, Du," er- klärte er entschuldigend, während er den Knaben tröstete. „Solchen Windhund wie Gustav sollt ich doch woll durch- prügeln können, aber dann wären wir ja heut abend nich weggekommen, denn er hätt ja das Vieh nich für uns be- sorgt. Und auch keiner von den andern, denn die hängen zusammen wie Wickcnstroh.— Aber Du kannst Dich ja selbst wehren! Hast den Satan selbst grad auf seinen Klumpfuß getreten! Ja, ja, das war ja ganz gut. aber vorsichtig muß man sein, nich zum Pläsier scharf schießen! Das bezahlt sich nich." Der Junge war nicht mehr so leicht zu trösten. Tief in ihm saß es und tat weh, weil er in so gutem Glauben ge- handelt hatte: sie hatten ihn in seinem offenen, fröhlichen vertrauen getroffen. Das Geschehene schmerzte auch seinen Ehrgeiz sehr: er war in eine Falle gegangen, hatte sich von ihnen zum Narren halten lasten. Das Erlebnis brannte sich tief in ihn ein und gewann grvßen Einfluß auf seine weitere Entwickclung. Es war ihm schosn früher begegnet, daß man auf Menschenwort nicht trauen konnte, und er hatte unbeholfen Versuche gemacht, dahinter zu kommen. Jetzt traute er keinem mehr ohne weiteres: und er hatte entdeckt, wie man hinter das Geheimnis kam— n«in brauchte nur den Leuten in die Augen zu sehen, wenn sie etwas sagten. Sie hatten so sonderbar ausgesehen, hier wie auch in Kaascgard gelegentlich des Selbstdrchers, als lachten sie inwendig. Und der Verwalter hatte damals gelacht, als er ihnen Schweinebraten und Nhabarbergrütze für jeden Tag versprach; sie bekamen eigentlich niemals was anderes als Heringe und Suppe. Die Leute sprachen mit zwei Jungen, Vater Laste war der einzige, der das nicht tat. Pell« ward aufmerksam auf sein eigenes Gesicht. Das Geficht sprach: daher erging es ihm übel, wenn er sich mit einer kleinen Notlüge herumdrücken wollte. Und das Gesicht war an dem heutigen Unglück schuld— wenn man sich freute, mußte man es nicht zeigen. Er hatte die Gefahr entdeckt, die darin lag, wenn man seinen Sinn offen daliegen ließ: und sein kleiner Organismus machte sich rastlos daran, harte Haut abzusondern, nm sie über die edleren Teile zu ziehen. « Nach dem Abendessen trabten sie über die Felder von Launen, Hand in Hand wie immer. Sonst ging Pelle der Mund unaufhörlich, wenn sie allein zusammen warem aber heute abend war er stiller: die Begebenheit des Nachmittags saß ihm noch in den Gliedern, und der Besuch erfüllte ihn mit feierlicher Spannung. Lasse hatte ein rotes Bündel in der Hand, darin war eine Flasche mit Süßem— Likör aus schwarzen Johannis- beeren—, die ihnen Per Olsen gestern in der Stadt gekauft hatte als er dort war, um sich loszuschwören. Sechsundsechzig Oere hatte sie gekostet, und Pelle ging in Gedanken versunken einher und überlegte, ob es Wohl anging oder nicht. „Vater, darf ich sie nich mal tragen?" fragte er kindlichd „Bist Du verrückt, Jung?— Ich glaub Du träumst— das is teure Ware! Du könntest die Flasche ja fallen lassen." „Ich laß sie nich fallen— kann ich denn nich wenigstens ein bißchen anfassen? Ach, bitte, Vater! Guter Vater!" „Was für Einfälle Du auch immer hast! Du kannst gut werden, wenn man Dir nicht beizeiten- einen Stopper davor. setzt! Ich glaub, weiß Gott , Du bist nich recht bei Trost, so unverschämt, wie Du wirst!" Lasse murmelte noch eine Weile allerlei vor sich hin, aber dann blieb er stehen und beugt-c sich über den Jungen. „Na, denn faß sie man mal an. Du dummer Jung, aber vorsichtig, hörst Du? Und daß Du mir keinen Schritt damit machst!" Pelle klemmte die Flasche mit den Armen gegen den Körper, er wagte nicht, sich auf seine Hände zu verlassen: der Magen schob sich weit vor, um mit zu tragen. Lasse stand da und hielt die Hände bereit, um die Flasche aufzufangen, wenn sie fiel. „So, nu is es genug." sagte er fieberhaft erregt und nahm die Flasche. „Sie is schwer!" sagte Pelle bewundernd und ging be- friedigt weiter an der Hand seines Vaters. „Aber warum will er sich eigentlich losschwören?" fragte er nach einer Weile. „Weil man ihn beschuldigte, einem Mädchen ein Kind gemacht zu haben. Hast Du das denn nich gehört?" Pelle nickte. „Hat er es denn nich getan? Alle sagen es doch." „Das kann man doch woll nich gut glauben: das würde ja die sichere Hölle für Per Olsen sein. Aber das Mädchen sagt ja, daß e r es iS und kein anderer, weißt Du. Ach ja« die Mädchen, das is'n gefährlich Spielzeug— Du mußt aufpassen, wenn Deine Zeit kommt. Denn die können den besten Burschen ins Unglück bringen." „Wie schwört man denn? Sagt man: hol mich der Deubel?" Lasse mußte lachen: „Ne, es is woll nich so ganz leicht für jemand, der falsch! schwört. Ach ne! Denn da in' Gericht, da sitzt die ganze hohe Obrigkeit Gottes um einen Tisch, der ganz so is wie ein Hufeise«, und inwendig darin steht ein Altar mit dem gekreuzigten Ehristus leibhaftig da auf. Auf dem Altar liegt ja nu ein großes, großes Buch, das mit'ner eisernen Kette an die Wand festgemacht is, damit der Böse es nich bei nacht- schlafender Zeit wegholt— und dos is Gottes heilige Schrift, Wer schwört, muß seine linke Hand auf das Buch legen, und die rechte soll er in die Höhe halten, die drei Finger ganz frei— das sind Gott der Vater und der Sohn und der heilige Geist. Aber wenn er falsch schwört, Tann der Landeshauptmann es gleich sehen, denn dann sind da rote Blutflecke auf den Blättern der Schrift." „Und was dann?" fragte Pelle gespannt. „Ja, dann welken seine drei Finger hin und es frißt sich ihm weiter in den Körper rein. Solche Leute leiden schrecklich, sie verfaulen ganz und gar." „Kommen sie dann nich in die Hölle?" „Ja, da kommen sie auch bin. Wenn sie sich nich selbst melden und ihre Strafe hinnehmen, damit können sie sich für das andere Leben loskaufen. Aber bei lebendigem Leibe verfaulen tun sie doch, da kommen sie nich von ab." „Warum bestraft sie denn der Landeshauptmann nich gleich von selbst, wenn er es doch in seinem Buche sehen kann« daß es falsch gewesen is?" „Ne, dann kämen sie ja um die Hölle weg. Und das iS 'ne-bgcmachte Sache mit dem Satan, daß er alle die haben soll, die sich nich selbst angeben, versteht Dgl "
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28 (28.1.1911) 20
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