Unterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 41. Dienstag den 28. Februar. 191t lNachdrull Mnpttn.) il] pelle der Eroberer. Roman von Martin Andersen Nexö . 15. ..Recht wird sie woll gehabt haben, denn er hat ja nie ein heftiges Wort gesagt, wenn sie loslegte mit Klagen ziild Vorwürfen, so daß es hell durch die Wände ging, in die Gesindestube hinab und bis auf den Hof hinaus. Aber dumm war es darum doch von ihr, denn sie hat ihn damit bloß kollerig gemacht und ihn von Hause getrieben. Und was soll woll auf die Dauer aus der Landwirtschaft werden, wenn der Herr sich immer und ewig auf der Landstraße rumtrcibt, weil er nich zu Hause sein kann. Das is'ne schlechte Liebe, die den Mann von Haus und Hof jagt." Lasse stand am Sonntagabend im Stall und sprach mit öen Tagelöhnerfrauen darüber, wahrend sie melkten. Pelle ging dort auch herum und hatte sein Teil zu tun, hörte aber doch zu. Gang dumm war sie ja nun eigentlich auch nicht" sagte Dachdecker Holms Frau.Wie zum Beispiel, daß sie die blonde Marie als Zimmermädchen nahm, damit er hier zu Hause ein nettes Gesicht anzusehen hätt'. Sie hat auch woll gewußt, daß, wer sein Brot zu Haus hat, es nich auswärts zu suchen braucht. Aber das könnt' ja auch nichts nich nützen, wenn sie es doch nicht besser kann, ihn mit ihr ewiges Geheul und ihr Getrink von'n Hof zu jagen?" .,Er trinkt woll auch?" sagte Pelle kurz. Jawoll trinkt er sich auch mal'n Rausch an," sagte Lasse in verweisendem Tonaber er is'n M a n n, daß Du das man weißt und er kann woll auch außerdem seine Gründe haben. Aber es is'ne üble Sache, wenn eine Frauensperson au zu trinken fängt." Lasse war ärgerlich, der Bengel fing an, seine eigene Anficht über alles zu haben und mischte sich ganz dreist ein, wenn erwachsene Leute redeten. Feh bleib' dabei, daß er ein guter Mann is," wandte er sich an die Frauen,.wenn er man bloß nicht mit Heuleret und Gewissensbissen geplagt wird. Es geht nu, wo sie weg is, ja auch ganz gut. Er is beinah alle Tag' zu Hause und kümmert sich selbst um die Sachen, so daß der Verwalter ganz krank is denn der will ja am liebsten König über das Ganze sein. Gegen uns is der Herr, als wenn wir seines« gleichen wären: selbst Gustav hat nichts nich zu räsonieren." Na. er hat auch woll kernen Grund zu räsonieren höchstens, daß er'ne Frau mit Geld kriegt. Bodil soll ja über hundert Kronen zusammengespart haben, die zwei, drei Monate, die sie als Stubenmädchen gedient hat. Welche Leute, die verstehen es die kriegen Bezahlung für das. was wir unser ganzes Leben haben umsonst tun müssen," sagte eine von den allen Frauen. Ja, wir woll'n erst mal sehen, ob er sie überhaupt jemals als Frau kriegt ich glaub' es noch gar nich. Man soll ja nichts Schlechtes von seinen Kameraden sagen, aber Bodil, die is nich treu. Das mit dem Herrn mag sein wie es will das Hab ich Gustav auch einmal gesagt, als er so wütend war: der Herr gebt vor den Leuten vor. Bengta war mir eine gute Frau nach jeder Richtung hin, aber sie hatt' auch ihre liebe Not, sich gegen den Herrn zu wehren, sie auch. Die Größten nehmen zuerst, das is nu mal nich anders hier auf der Welt! Aber Bodil hat einen an jedem Finger. Nu bändelt sie mit dem Lehrling an, und der is noch nich sechzehn Jahr? Sie läßt sich Geschenke von ihm machen. Gustav sollt sich beizeiten da herausziehen es bringt immer Un- glück, wenn die Liebe bei eüiem Menschen Einkehr hätt. Das sehen wir hier auf dem Hof ja alle Tage." Ich sprach heut wen, der meinte. Frau Kongstrup war' gar nich nach Kopenhagen gereist, sie war bei Verwandten südwärts auf'n Land. Sie is ihm weggelaufen, das sollt Ihr sehen." Das soll ja hentzutag fein sein!" sagte Lasse...Aber wenn sie denn man bloß wegbleiben wollt; es geht am besten so, wie es nu geht." Es wehte jetzt eine ganz andere Lust in Stengaarden. Das Unheimliche war verschwunden; es klangen keine Klage- töne mehr aus dem Hause heraus, um sich wie Lehm und schwarze Trauer auf einen zu legen. An dem Besitzer von Stengaarden merkte man die Veränderung am meisten; er war zehn, zwanzig Jahre jünger und schlug in bester Laune hinten aus wie jemand, der von schweren Banden befreit ist. Er war ganz in Anspruch genommen von der Wirtschaft, jagte mehrmals täglich in seinem Gig nach dem Steinbruch, war bei jeder neuen Arbeit zugegen und konnte wohl auf den Einfall kommen, die Jacke abzuwerfen und selbst mit Hand anzulegen. Die blonde Marie deckte ihm den Tisch und machte sein Bett, und er genierte sich nicht zu zeigen, daß er ihr gut war. Wer gestand das wohl sonst einem armen Mädchen gegenüber bei hellem, lichtem Tag zu! Seine gute Laune wirkte förmlich ansteckend und verscheuchte das eine wie das andere. Im übrigen ließ sich ja nicht leugnen, daß Lasie sein Teil zu tragen hatte. Die Lust, sich zu verheiraten, packte ihn heftig bei der strengen Kälte, die sich schon im Dezember ein- stellte. Er sehnte sich danach, den Fuß unter den eigenen Tisch zu setzen und eine Frau zu haben, die ihm alles war. Ganz hatte er Korna noch immer nicht aufgegeben; aber er hatte Dachdecker Holms Frau doch zehn blanke Kronen auf den Tisch versprochen, ivenn sie etwas Passendes für ihn aus- findig machen könne. Eigentlich hatte er sich das ganze ja als Unmöglichkeit aus dem Kopf geschlagen und sich in das Land seines Alters be- geben. Aber was konnte es nützen, sich einzuschließen, wenn man doch nur nach einer Tür suchte, durch die man cnt- schlüpfen konnte. Lasse sah sich noch einmal wieder draußen, und wie immer, war es auch diesmal Pelle, der das Leben und die Freude ins Haus brachte. Unten an, äußersten Ende des Fischerdorfes wohnte eine Frau, deren Mann zu See fuhr und seit mehreren Jahren nichts von sich hatte hören lassen. Pelle hatte mehrmals auf dem Wege von und zur Schule Schutz gegen da° Wetter auf ihrer Diele gesucht, und all- mählich wurden sie gute Bekannte. Er richtete kleine Dienste für sie ans und bekam dafür eine Tasse warmen Kaffee. Wenn die Kälte so recht beißend war, holte sie ihn immer herein. Dann erzählte sie ihm von der See und von ihrem schändlichen Manne, der wegblieb und sie sitzen ließ, so daß sie sich ihren Lebensunterhalt durch Flicken von Netzen für die Fischer verdienen mußte. Und Pelle seinerseits mußte von Vater Lasse und Mutter Bergta erzählen, die daheim auf dem Kirchhof in Tommelilla lag. Viel mehr kam bei der Unter- Haltung nicht heraus, denn beständig kehrte sie zu ihrem Mann zurück, der wegblieb und sie als Witwe sitzen ließ. Er is woll ertrunken!" pflegte Pelle dann zu sagen. Ne, das is er nich, dem: ich Hab' kein Zeichen gekriegt?" antwortete sie sehr bestimmt, immer mit denselben Worten. Pelle erzähtte dem Vater das ganze wieder; er war sehr interessiert.Na, bist Du heute wieder bei Madam Olsen gewesen?" war das erste, was er sagte, wenn der Junge aus der Schule kam. Daim mußte Pelle alles mehrmals erzählen, Lasse konnte es gar nicht gründlich genug bekommen: Du hast ihr doch erzählt, daß Mutter Bengta tot ist? Hm, ja, das hast Du ja getan. Aber wonach hat sie Dich denn heute über mich ausgefragt? Weiß sie was von der Erbschaft?(Lasse hatte kürzlich fünfundzwanzig Kronen von einem Bruder seines Vaters geerbt.) Du könntest ja gern ein Wort darüber fallen lassen damit sie uns nich für solche arme Läuse hält." Pelle trug verblümten Bescheid hin und her. Von Lasse bekam er 5tteinigkeiken mit als Vergeltung für das Gute, dos sie ihm antat, gestickte Taschentücher und ein feines seidenes Tuch die letzten Reste von Mutter Bengtas Noch- lassenschast. Es würde schwer fem. sie zu entbehren, wenn nun aus diesem Neuen nichts werden sollte dann konnten sich «keine Erinnerungen mehr daran knüpfen! Aber Lasse setzte olles auf eine Karte. Eines Tages konnte Lasie erzählen, ßaß Madam Olsen jetzt ein Zeichen gehabt hatte. In der Nacht war sie davon aufgewacht, daß ein großer schwarzer Hund keuchend an ihrem