Anterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 44. Freitag, den 3. März.!911 (Nacddrucr vervoten.) 44] pelle der Gröberer. Roman von Martin Andersen Nexö . Die Jungen hatten Auftrag von ihren Eltern, gut auf sich acht zu geben die alte Schifferwitwe Marta hatte drei Nächte hintereinander die See mit kurzem Bellen eine Leiche fordern hören. Auch davon sprachen sie, und darüber, wann sich die Fischer wohl wieder hinauswagen würden, während sie am Strande umhersprangen.Eine Flasche! Eine Flasche!" rief plötzlich einer von ihnen und fuhr hart am Wasser ent- lang, er hatte ganz deutlich eine Nasche aus der Brandung da hinten auftauchen und wieder verschwinden sehen. Die ganze Schar stand lange da und starrte gespannt in den Schaumstrudel. Nilen und noch einer hatten die Jacken ab- geworfen, um bereit zu sein, hinauszuspringen, sobald sie sich wieder zeigte. Die Flasche kam nicht wieder zum Vorschein, aber die Phantasie war in Fluß geraten, jeder Junge hatte seine eigenen feierlichen Kenntnisse von der Sache. Jetzt zur Zeit der Aequinoctialstürme ging wohl manch eine Masche über die Schiffswand mit einem letzten Gruß an die am Lande. Strenge genonrmen lernte man ja nur deswegen schreiben um seinen Zettel schreiben zu können, wenn die Stunde kam. Dann ging die Flasche vielleicht in den Magen eines Haifisches, vielleicht wurde sie von dummen Bauern aufgefischt, die sie ihrer Frau mitbrachten, damit sie Getränke darauf abzapfte das war ein wohlgemeinter Hieb auf Pelle. Aber es kam auch wohl vor, daß sie gerade da an Land trieb, wohin sie bestimmt war: und im übrigen war es die Sache des Finders, sie bei der nächsten Obrigkeit abzuliefern, wenn er nicht seine rechte Hand einbüßen wollte. Dort am Hafen gingen die Wellen über die Mole, die Fischer hatten ihre Boote auf das Ufer hinaufgezogen. Sie lwtte keine Ruhe in der warmen Stube, die See und das böse Wetter bannten sie an den Strand, Tag und Nacht. Sie standen im«chutz der Boote, gähnten kräftig und starrten auf die Tiefe hinaus, wo von Zeit zu Zeit ein Segler vorüberschoß wie ein vom Sturm verschlagener Vogel. Kommt herein, kommt herein!" riefen die Mädchen von der Tür des Schulhauses her, die Jungen schlenderten lang. sam hinauf.'Fris ging vor dem Pult auf und nieder, er rauchte seine Pfeife mit dem Bilde des Königs, die Berlingske Zeitung guckte ihm aus der Tasche.Zu Platz! Zu Platz!" rief er und schlug mit dem Rohrstock auf das Pult. Js da was neues!" fragte ein Junge, als sie zu Platz gekommen waren es geschah wohl, daß Fris ihnen die Schiffsnachrichten laut vorlas. Das weiß ich nicht!" antwortete Fris mürrisch.Könnt Ihr die Tafeln und Rechnenbücher herausholen." Ah, wir soll'n rechnen? Ah, das is fein!" Die ganze Klasse freute sich sichtbar, während sie die Sachen herausholten. Fris teilte nicht die Freude der Kinder an dem Rechnen seine Begabung war rein historischer Art, wie er zu sagen pflegte. Aber er kam ihrem Verlangen entgegen, weil jähre- lange Erfahrung ihm sagte, daß an einem Unwettertag wie heute leicht die Hölle los sein könne: dos Wetter hatte einen eigentümlichen Einfluß auf die Kinder. Er selbst verstand sich nur auf Chr. Hansens I. Teil, aber da waren ein paar Baucrnjungen, die sich auf eigene Hand bis in den dritten Teil hineingearbeitet hatten, die halfen den anderen. Die Kinder waren ganz von der Arbeit in Anspruch ge- nommen und lagen ihr mit Eifer ob, ihre langen, regelmäßigen Atemzüge stiegen und fielen im Schulzimmer als tiefe Ruhe, es war ein fleißiges Wandern zu den beiden Rechnenmcistern. Nur von Zeit zu Zeit ward der Fleiß von einem kleinen Gaunerstreich unterbrochen, der als Erinnerung diesem oder jenem überkam, aber sie beruhigten sich bald wieder. Ganz unten in der Klasse ertönte ein Schluchzen, deut> licher und deutlicher: Fries legte ungeduldig die Zeitung nieder. Peter weint," sagten die Zunächstfitzenden. So o!" Fris guckte weit über die Brille hinweg.Was gibts denn da?," Er sagt, er weiß nich mehr, wieviel zwei mal zwei is!" Fris stieß Luft durch die Nase aus und griff nach dem Rohrswck, besann sich jedoch.Zwei mal zwei ist fünf!" sagte er ruhig. Dann lachten sie ein We ng über Peter und ar» beiteten weiter. Lange herrschte ausschließlich Fleiß, da erhob sich Nilen, Fries sah es, fuhr aber fort zu lesen. Was is leichter, ein Pfund Federn oder ein Pfund Blei? Das steht nich hinten in den Auflösungen." Fris Hände zitterten, während er die Zeitungen sich hielt, um irgend etwas Wichttges darin sehen zu können. Die kleinen Teufel machten sich seine Mittelmäßigkeit im Rechnen be- ständig zunutzen: aber er wollte sich nicht mit ihnen ein» lassen. Nilen wiederholte seine Frage unter dem Gekiecher der anderen, aber Fries überhörte es er war so in seine Lektüre vertteft. Dann schlief die Sache von selbst ein. Fris sah nach der Uhr, er konnte ihnen bald ihre Pause geben so eine recht lange Pause. Dann nur noch eine kleine Stunde Quälerei, und dieser Schultag konnte als überstandene Widerwärtigkeit ack acta gelegt werden. Pelle stand auf seinem Platz mitten in der Klasse, er hatte Mühe, sein Gesicht in die rechten Falten zu legen und! mußte so tun, als wenn seine Nachbarn ihn störten. Endlich brachte er es heraus, aber die Klappohren waren ein wenig rot an den Spitzen:Wenn ein Pfund Mehl zwölf Oere kostet, was kostet dann eine Tonne Kohlen?" Fris saß eine Weile da und sah Pelle unentschlossen an, es tat ihm innerlich immer mehr weh, wenn Pelle ungezogen gegen ihn war, als wenn es die anderen taten er hatte, sich in den Jungen vernarrt.N na!" sagte er bitter und kam langsam mit dem dicken Rohrstock in der Handna na!" Deck Dich!" flüsterten ihm die Jungen zu und schickten sich an, Fris den Durchgang zu versperren. Aber Pelle tat etwas, das gegen alle Regeln und Gewohnheiten verstieß und ihm trotzdem Respekt verschaffte: Statt sich gegen die Prügel zu decken, trat er frei vor und streckte beide Hände aus, die Handflächen nach oben: er hatte ein.m dunkelroten Kopf. Fris sah ihn überrascht an und hatte zu allem anderen mehr Lust als zum Prügeln Pelles Augen erfreuten ihn bis ins Herz hinein. Er verstand sich nicht auf die Kategorie Jungen; aber Menschen gegenüber war er feinfühlig, und hier machte sich etivas Menschliches geltend es würde Unrecht sein, es nicht ernschaft zu nehmen! Er zog Pelle einen tüchtigen Hieb über die Hände und warf dann den Rohrswck hin.Pause!" sagte er kurz und wandte den Jungen den Rücken. Der Gischt spritzte bis an die Mauer des SchulhauseZ herauf. Draußen auf der See, eine Strecke vom Ufer ent- fernt, segelte eine Schute, sie sah sehr mitgenommen aus und war in der Gewalt des Unwetters: sie jagte schnell ein Stück vorwärts und stand dann still und schaukelte eine Weile, ehe sie sich wieder bewegte wie ein Betrunkener auf das süd­liche Riff zu. Die Jungen hatten sich hinter dem Schulhause verkrochen, um ihr Frühstück im Schutz zu verzehren, aber plötzlich donnerte es hohl von Holzschuhstiefeln auf der Strandseite: der Strandvogt und ein paar Fischer liefen vorüber. Und nun kamen sie in sausender Fahrt mit den Rettungsapparaten her. beigeeilt. Die Mähnen der Pferde flatterten im Winde. Es lag etwas Ansteckendes in der Fahrt, die Knaben mußten alles hinwerfen und sich anschließen. Die Schute war nun ganz unten an der Landzunge, sie lag da vor Anker und stampfte und ließ die Wellen über sich hinspülen, das Achterende dem Riff zugewendet, sie glich einem alten Gaul, der wütend gegen das Hindernis hinten ansschlägt. Der Anker konnte sie nicht halten, sie trieb rückwärts auf das Riff zu. Es waren eine Menge Menschen am Strande, von der Küste wie auch vom Lande hei die Bauern waren offenbar heruntergekommen, um zu sehen, ob das Wasser naß war! Die Schute war auf Grund gestoßen und lag da und wollte auf dem Riff; sie hatten an Bord wie Schiveine manövriert sagten die Fischer übrigens war es kein Russe, sondern eine Lappenschute. Die Wellen gingen über sie hin, so daß der ganze Kadaver zitterte: die Mannschaft war in die Takelage