Nnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 45� Sonnabend ven 4. März 191t (Haasrui oereotsn.) 45] pelle der Gröberer. Roman von Martin Andersen NexL. Das geschah. Aber draußen auf dem Wrack hingen sie so sinntos stumpfsinnig in der Takelage, ohne sich zu rühren— was in Himmels Namen war denn in sie gefahren? Die Leine lag noch immer tot im Sande ohne zu gleiten. Am Boden hing sie nicht, sie bewegte sich, wenn die Wellen sie in die Höhe hoben: sie mußte an dem Mast festgemacht sein. „Sie haben sie festgemacht, die Dummköpfe!" sagte der Lotseillommandeur.„Sie erwarten wohl am Ende, daß wir Ihnen die Schute an Land ziehen sollen— an dem Garn- ende!"— Er lachte verzweifelt. „Sie wissen es woll nich besser, die Aermsten!" sagte der Mormone. Niemand sprach oder rührte sich. Sie standen da, gelähmt von dem Unfaßbaren: ihre Augen wanderten in schrecklicher Spannung von dem Wrack hinab auf die unbewegliche Leine und wieder zurück. Die schwerlastende Angst, die dort folgt, wo Menschen ihr Aeußerstes aufgeboten haben und von der Dummheit selbst zurückgeschlagen werden, befiel sie. Das einzige, was die Schiffbrüchigen taten, war, daß sie mit den Armen fochten. Sie meinten wohl, man könne hier am Lande stehen und Wunder vollführen— trotz ihnen. „In einer Stunde ist es aus mit ihnen," sagte der Kam- mandeur traurig—„es ist schwer, stillzustehen und zu- zusehen." Ein junger Fischer trat vor. Pelle kannte ihn gut: er hatte ihn mehrmals da drinnen an dem Steinhaufen getroffen, wo die Kinderseele in den Sommernächten brannte. „Wenn einer von Euch mitgeht, will ich versuchen, sie runterzutrciben!" sagte Niels Koller ruhig. „Das ist der sichere Tod, Niels." sagte der Kommandeur und legte die Hand auf seine Schulter,„darüber bist Du Dir doch wohl klar? Ich bin nicht für mein Leben besorgt, aber es wegwerfen, das tue ich nicht. Jetzt kennst Du meine Ansicht." Die anderen betrachteten es nicht anders. Es war ganz einfach unmöglich, in dem Wetter ein Boot aus dem Hafen herauszubekommen— es würde sofort bei den Molen zerschellen— geschweige denn, sich bis zu dem Wrack hinab- zuarbeiten, wo Sturm und Wellen von der Seite kommen! Daß das Meer auch seine Ansprüche auf das Dorf gerichtet hatte, dagegen war nichts zu machen— seinem Schicksal konnte sich niemand entziehen! Aber dies war offenbarer Wahnsinn. Mit Niels Koller war es ja auch so seine eigene Sache: Mit einem Kindesmord halbwegs auf dem Gewissen und die Braut im Zuchthaus! Er hatte seine eigene Ab- rechnung mit dem lieben Gott — ihm dürfte niemand ab- raten! „Es will also niemand von Euch?" sagte Niels und starrte zu Boden,„ja, dann muß ich es allein versuchen." Schwerfällig ging er hinab. Wie er hinauskommen wollte, begriff kein Mensch, er selbst am wenigsten— die Macht war offenbar über ihm. Sie standen da und sahen ihm nach.„Ich muß woll mitgehen und das eine Ruder nehmen," sagte ein junger Bursche langsam—„allein kann er ja nichts ausrichten." Es war Nilens Bruder. „Es würde wunderlich klingen, wenn ich Dich zurüphaltcn wollte, Sohn," sagte der Mormone—„aber könnt Ihr zu zweien mehr ausrichten als einer?" „Niels und ich haben zusammen auf der Schulbank gesessen und sind immer Kameraden gewesen," antwortete der junge Mann und sah den Vater eine Weile an. Dann ging er: nach einer Weile fing er an zu laufen, um Niels ein- zuholen. Die Fischer sahen ihnen schweigend nach.„Jugend und Torheit!" sagte einer.„Ein Segen, daß sie das Boot nie aus dem Hafen rausbringen werden." „Wenn ich Karl recht kenne, so werden sie das Boot schon aus dem Hafen rausbringen," sagte der Mormone diister. Es verging eine lange Weile. Dann tauchte ein Boot auf der Südseite des Hafens auf, wo ein wenig Land tvar— sie mußten es mit Hilfe von Frauen über Land geschleppt haben. Der Hafen schob sich eine Strecke hinaus, und das Boot kam aus der ärgsten Brandung heraus, ehe der Schutz aufhörte. Sie arbeiteten sich hinaus. Sie konnten soeben das Boot gegen das Wetter halten und viel vorwärts kamen sie nicht. Jeden Augenblick zeigte das Boot sein ganzes Inwendige, als solle es für ein gutes Wort kentern. Aber das hatte das gute, daß das Wasser, das sie einnahmen, wieder über Bord lief. Es war deutlich, daß sie sich soweit hinausarbeiten wollten, daß sie die hohen Wellen benutzen und sich von ihnen an das Wrack treiben ließen— ein verzweifelter Einfall. Aber das Ganze war ja halsstarriges Tollhauswerk: man sollte nicht glauben, daß dies Leute waren, die von Kindesbeinen an am Wasser gelebt hatten. Nachdem sie eine halbe Stunde gerudert hatten, konnten sie offenbar nicht mehr: sie waren nur ein paar gute Kabellängen aus dem Hafen heraus- gekommen. Sie lagen still: der eine saß an den Rudern und hielt das Boot gegen die Wellen, während der andere sich mit etwas abmühte— einem Stück Segel so groß wie ein Sack. Also so! Wenn sie nun die Ruder einzogen und sich dem Wetter anvertrauten— mit Wind und Wellen quer etwas von hinten!— dann mußten sie doch sofort voll Wasser laufen. Aber sie zogen die Ruder nicht ein. Der eine saß da und spähte wie ein Verrückter, während sie vor dem Wind herliefen: ganz toll sah es aus, aber man mußte zugeben, daß es eine größere Macht über das Boot gab. Dann auf ein- mal ließen sie das Segel fahren und ruderten das Boot hart gegen den Wind an— wenn eine Welle sich brechen wollte. Etwas Aehnliches von Segelei erinnerte sich kein Fischer, je erlebt zu haben: es war junges Blut und sie verstanden ihren Kram! Jeden Augenblick mußte man„Jetzt!" sagen. Aber das Boot war wie ein lebendiges Wesen, das allem zu begegnen wußte— beständig kam es über alle Launen hinaus. Der Anblick machte einem das Herz warm, so daß man für eine Weile vergaß, daß es ein Segeln um den Tod war. Kamen sie wirklich glücklich bis ans Wrack hinan— was dann? Sie wurden ja unfehlbar an der Schiffswand zerschellt. Der alte Die Koller, Niels Vater, kam über die Dünen herab.„Wer is das da draußen, der sich wegwirst?" fragte er. Die Frage wirkte brutal in dem Schweigen und der Spannung. Niemand sah ihn an— Ole pflegte den Mund ziemlich voll zu nehmen. Er warf einen Blick über die Schar, als suche er nach etwas Bestimmtem.„Niels— hat keiner von Euch Niels gesehen?" fragte er leise. Einer nickte nach der See hinaus. Dann verstummte er und brach zusammen. Die See mußte die Ruder geknickt oder sie ihnen aus der Hand geschlagen haben: sie machten das Segel los, das Boot wühlte ratlos mit seinem Steven und legte sich dann träge mit der Breitseite in die Höhe. Da nahm eine große Welle sie und führte sie mit einem langen Wurf nach dem Wrack. sie verschwanden in den zusammenbrechenden Wassermassen. Als das Wasser sich wieder beruhigte, lag das Boot da und rollte im Schutz des Schiffes, den Kiel nach obem Ein Mann war im Begriff, sich vom Deck in die Takelage hinaufzuarbeiten.„Das is gewiß Niels?" sagte Ole und starrte, daß ihm die Augen voll Wasser liefen— „ob es wohl nich Niels is?" „Nein, das is mein Bruder Karl!" sagte Nilen. „Denn is Niels weggegangen," sagte Ole jammernd— „denn is Niels ja weggegangen." Die anderen wußten nichts dazu zu jagen: es war ja von vornherein abgemacht gewesen, daß Niels weggehen würde. Ole stand eine Weile da und kroch zusammen, als warte er darauf, daß jemand sagen würde, es sei Niels. Er trocknete seine rinnenden Augen und versuchte, auf eigene Hand da hinauszustarren: aber sie liefen voll Wasser.„Du bast junge Augen." sagte er zu Pelle—„kannst Du nicht sehen, daß es Niels is?" Sein Kopf zitterte. „Nein, es ist jtarl," sagte Pelle leise. Da ging Ole gebeugt durch die Schar, ohne jemand anzusehen oder aus- zuweicheu. Er ging, als sei er ganz allein auf der Welt, an
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28 (4.3.1911) 45
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