Anterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 52. Mittwoch, den 15. März. 1911 (ZiaSdrua dernultiU 62] pelle der Gröberer. Roman von Martin Andersen Nexö . „Ich freue mich nur. daß Kongstrup mit ihr hinüber- reist." sagte Frau Kongstrup eines Abends zu der blonden Marie, als sie vor dem großen Stopflorb saßen und die Strümpfe des jungen Mädchens nach der Wäsche ausbesserten. ».Kopenhagen soll eine arge Stadt sein für die unerfahrene Jugend. Aber Sine wird sich schon zurechtfinden, sie hat den guten Grund der Köllers in sich." Sie sagte das ganz in kindlicher Einfalt: man konnte mit großen Holzschuhen in ihrem Herzen aus- und eintrampeln, so mißtrauisch sie sonst auch war.—„Zu Weihnachten kommen wir vielleicht hinüber und sehen uns nach Dir um, Sine," fügte sie in ihrer Herzens- ßüte hinzu. Jungfer Koller öffnete den Mund und schnappte voller Angst nach Atem, erwiderte aber nichts. Sie saß über ihre Arbeit gebeugt und sah den ganzen Abend niemand an. Sie sah überhaupt keinen Menschen mehr offen an.„Sie schämt sich ihrer Falschheit!" sagten sie. An sie konnte sich das Urteil heranwagen, sie hätte wissen müssen, was sie tat. sie hätte sich nicht zwischen die Rinde und den Baum drängen sollen— noch dazu hier, wo der eine Teil all sein Vertrauen in sie setzte. Oben auf dem oberen Hof war der neue 5Awcht Per damit beschäftigt, den geschlossenen Wagen in Stand zu setzen. Erik stand bei ihm und ließ den Kopf hängen. Er sah so unglück- lich und trostlos aus, der Aermste— wie immer, wenn er sich nicht in der Nähe des Vertvalters befand. Jedesmal, wenn ein Rad abgenommen oder wieder eingesetzt werden sollte, mußte er seinen schweren Körper unter den Wagen stemmen und ihn in die Höhe heben. Lasse erschien von Zeit zu Zeit in der Stalltür, um sich ein Urteil darüber zu bilden, was hier vor sich ging. Pelle war in der Schule, den ersten Tag im neuen halben Jahr. Heute sollte sie also abreisen— die falsche Person, die sich hatte verleiten lassen, diejenige zu betrügen, die wie eine Mutter gegen sie gewesen war. Frau Kongstrup gab ihnen wohl noch obendrein das Geleite bis ans Dampfschiff, da ja Her geschlossene Wagen benutzt werden sollte! Lasse ging in die Kammer, um allerlei zurechtzulegen, damit er heute abend entschlüpfen konnte, ohne daß Pelle es bemerkte. Er hatte Pelle ein Stück Papier mit ein wenig Zuckergut für Madam Olsen mitgegeben. Auf das Papier hatte er ein Kreuz mit einem Bleiknopf gemalt, und das Kreuz bedeutete ganz im geheimen, daß er heute abend zu ihr kommen werde. Während er seine guten Kleider herausholte und sie unter ein wenig Heu an der äußeren Tür verbarg, ging er umher und summte: ,.— aber meiner Liebe Drang Der erleichtert meinen Gang, Und den Weg verkürzt der Nachtigall Gesang." Er freute sich so unsinnig auf heute abend, er war nun bald ein ganzes Vierteljahr nicht unter vier Augen mit ihr gusammengewesen. Und dann war er auch stolz darauf, sich der Schrift bedient zu haben, und zwar einer Schrift, die zu ergründen, Pelle schon unterlassen sollte, ein so scharfer Schristgelehrter er auch war. Während die anderen nach Tische der Ruhe pflegten, ging Lasse hinaus und ebnete den Misthaufen. Der Wagen stand da oben mit dem großen Koffer hinten aufgeschnallt und einem andern auf der hohen Kante oben auf dem Vorderbrett. Lasse ging umher und grübelte nach, wie so ein Mädchen es nun wohl anfing, wenn sie allein da draußen in der weiten Welt lag und für ihre Sünde büßen sollte. Es mußte wohl Häuser geben, wo sie sich so einer gegen gute Bezahlung annahmen— dadrüben gab es ja alles! Johanne Piehl kam da oben durch das Tor gewatschelt. Lasse zuckte zusammen, als er sie sah— sie kam nie in guter Absicht. Wenn sie sich hier oben so frech ausstellte, war sie immer betrunken, und dann wich sie vor nichts zurück. Es war traurig, wie tief das Unglück einen Menschen herunter- bringen konnte— Lasse mußte daran denken, was für ein schönes Mädchen sie in ihrer lichten Jugend gewesen war, Und nun ging sie nur darauf aus, Vorteil aus ihrer Schande zu ziehen! Er zog sich vorsichtig in den Stall zurück, um nicht offenbarer Zeuge von etwas zu werden. Da drinnen stand sie und glotzte. Die Sau ging unter den Fenstern auf und nieder und rief mit lallender Zunge, die Stimme wollte ihr nicht so recht ge- horchen:„Kongstrup, Kongstrup! Komm mal heraus, ich will mit Dir reden! Du mußt Geld für mich und Deinen Sohn rausrücken, ich Hab seit drei Tagen kein Essen gekriegt." „Das is nu'ne ausgestunkene Lüge", sagte Lasse wütend vor sich hin,„denn sie hat ihr gutes Auskommen. Aber sie schweinigelt mit den Gaben Gottes— und nu is sie auf'ne Gemeinheit aus." Er hatte die größte Lust, die Mistgabel zu nehmen und sie zum Tor hinauszujagen, aber gegen ihre giftige Zunge konnte man sich nicht gut wehren. Sie hatte den Fuß auf der Treppe, wagte aber nicht, hin- aufzugehen. Es hielt sie etwas in Schock, so umnebelt sie auch war. Da stand sie nun und tastete an dem Geländer und kaute auf irgendeinem Gedanken. Von Zeit zu Zeit hob sie ihr fettes Gesicht in die Höhe und schrie nach Kongstrup. Jungfer Koller kam ahnungslos aus dem Keller heraus und ging auf die Treppe zu: sie hatte den Blick zu Boden gesenkt und sah die Sau nicht eher, als bis es zu spät war. Da machte sie schnell Kehrt. Johanne Piehl stand da und grinste: „Komm hierher. Jungfer, und laß mich Dich begrüßen?" rief sie.„Bist Du großschnauzig. Du? Die eine kann woll ebenso sein wie die andere! Das kommt woll daher, weil Du in'ner Kutsche wegfahren und De i n s drüben überm Wasser kriegen kannst, wogegen ich meinen in'ner Rübenfurche ge- kriegt Hab'. Is das nu auch woll'n Grund, sich was cinzu- bilden— wir haben woll mit demselben Stier zu tun gehabt! — Du, geh rauf und sag dem stolzen Heinrich, daß sein Aeltester hungert! Ich bin bange vor den bösen Augen!" Jungfer Köller war schon längst wieder in den« Keller ver- schwunden, aber Johanne Piehl blieb ruhig stehen und wieder- holte dasselbe wieder und wieder, bis der Verwalter auf sie losgefahren kam. Da zog sie sich zeternd vom Hof zurück. � Die Knechte waren durch ihr Geschrei zur Unzeit aus dem Schlaf geweckt und standen nun schlaftrunken da und spähten hinter den Schcunentüren hervor. Lasse hielt gespannt Aus- guck aus dem Stall, und die Mädchen hatten sich im Brauhaus versammelt— was würde jetzt geschehen. Sie erwarteten! alle irgendeinen schrecklichen Ausbruch. Aber es geschah nichts. Hier, wo Frau Kongstrup he- rechtigt gewesen wäre, Himmel und Erde erzittern zu machen, — so treulos, wie sie sich gegen sie benommen hatten—, hier schwieg sie. Der Hof lag so ruhig da wie an den Tagen, wo es zu einer Art Auseinandersetzung zwischen ihnen gekommen» war und wo Kongstrup sich im Zaum hielt. Frau Kongstrup ging da oben an den Fenstern vorüber und sah aus wie jede andere— es geschah nichts. Worte mußten nun aber doch wohl gefallen sein, denn Jungfer Köller sah mächtig verweint aus, als sie den Wagen bestiegen, und Kongstrup hatte sein närrisches Wesen. Und dann rollte Carl Johan mit den beiden davon: Frau Kongs- trup ließ sich nicht sehen. Sie schämte sich wohl da, wo es den andern zukam. Es war nichts geschehen, was die Spannung hätte aus- lösen können, und sie lag wie ein Druck über ihnen allen. Sie mußte sich auf ihr unglückliches Los besonnen und darauf verzichtet haben, auf ihrem Rechte zu bestehen, gerade jetzt, wo ein jeder auf ihrer Seite stehen mußte! Diese Ruhe war so unnatürlich und so unbegreiflich, daß sie die Gemüter be- drückte und verstimmte. Es war ja, als litten andere für sie, als habe sie selbst kein Herz! Aber dann riß der Strang, das Weinen fing an, auf den Hof hinauszusickern, leise und gleichmäßig, wie rinnendes Herzblut. Den ganzen Abend strömte es hinaus, so ver- zweifelt hatte das Weinen noch nie über Stengaardcn dahin- geklungen— es ging allen durch Mark und Bein. Sie hatte das arme Kind wie ihr eigenes aufgenommen, und das arme Kind verriet sie— ein jeder fühlte an sich selbst, wie sie darunter leiden mußte.
Ausgabe
28 (15.3.1911) 52
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