NnterhattungsSlatt des'Dorwarts Nr. 53. Donnerstag den 23. März. lSI» (J!a&uua cuiotes.2 68] pelle der Gröberer. Roman von Martin Andersen Nexö . Fries hatte so lange davon geredet, daß er abgehen wollte, setzt begriff er auch das nicht mehr. Zur bestimmten Zeit schnxinkte er zur Schule und von der'Schule wieder nach Hause— und wußte wohl auch davon nichts. Ihn geradezu abzusetzen, das kannte man nicht übers Herz bringen. Mit Ausnahme der Gesänge, die ein wenig zu kurz kamen, war auch eigentlich als Lehrer nichts über ihn zu sagen. Bisher war noch kein Junge aus seiner Schule abgegangen, der nicht sowohl seinen Namen schreiben, als mich ein gedrucktes Buch lesen konnte, wenn es mit der alten Schrift gedruckt war. Den modernen Druck mit lateinischen Bnchstaben lehrte Fris nicht, obwohl er in seiner Jugend Latein gelernt hatte. Fris selber spürte Wohl kaum die Veränderung, er hatte aufgehört, zu fühlen— für sich selbst wie auch für andere. Niemand kam mehr mit seinen menschlichen Sorgen zu ihm und fand Trost bei einer mitfühlenden Seele— seine Seele war nicht zu Hause. Sie schwebte außerhalb seines Körpers, halbwegs losgerissen, so wie ein Vogel, dem es schwer wird, sein altes Nest zu Verlasien, um die unbekannte lange Reise anzutreten. Diesem Flattern der Seele folgten wohl seine Augen be- ständig, während sie matt in ihren Höhlen standen und sich bewegten, dem leeren Räume zugewandt. Aber die jungen Leute, die iits Dorf zurückkamen, um zu überwintern, und Fris als alten Freund aufsuchten, spürten die Veränderung. Für sie mar daheim ein leerer Platz entstanden; sie vermißten den alten Brummbär, der sie alle durch die Bank haßte, solange sie in der Schule saßen!— um sie dann später alle mit gleicher Liebe zu umfassen, gute wie schlechte, und von einem Jeden von ihnen ein drolliges: er war mein bester Junge! zu sagen. Die Kinder machton früh Pause und stürzten hinaus, noch che Pelle das Zeichen gegeben hatte. Fris trippelte seinen gewohnheitsgemäßen Gang nach dem Dorf, um die gewohnten zwei Stunden wegzubleiben. Die Mädchen stellten sich an den kleinen Häusern auf und verzehrten ihr Butterbrot, die Knaben wirbelten wie losgelassene Vögel auf dem Platz herum. Pelle war wütend über die Auffässigkeit und sann über ein Mittel nach, wie er sich in Respekt setzen könne. Er hatte heute die anderen großen Jungen gegen sich gehabt. Er fuhr über den Platz wie eine kreisende Möve, den Körper schräg vornübergebeugt, die Anne ausgespreizt wie ein Fliigelpaar. Die meisten machten ihm genügend Platz, wer nicht srei- tmllig aus dem Weg ging, mußte dennoch weichen. Die Stellung war bedroht, und er hielt sich in unablässiger Be- wcgring, als wollte er die Frage in der Schwebe halten, bis sich eine Möglichkeit Zeigte, niederzustoßen. So ging es eine Weile weiter. Er stieß einige und schlug im Laufen gegen andere, während sich ein zorniges Macht- gefühl in ihm regte. Er wollte sie alle zu Feinden haben. An der Kletterstange fingen sie an, sich zusammenzurotten, und plötzlich hatte er die ganze Schar über sich. Er versuchte, sich aufzurichten und sie alle abzuschütteln, so daß sie hierhin und dorthin flogen, vermochte es aber nicht. Und die Knöchel drangen von oben herab durch den Haufen und trafen ihn, so daß es brannte. Er arbeitete unverdrossen, aber es wollte nichts Rechtes werden, bis er seine Gutmütigkeit aufgab und zu den weniger feinen Mitteln yriff: er bohrte seine Finger in die Augen, in den, Mund, in die Kehle und wohin er kommen konnte. Dann bekam er Lust und konnte sich aufrichten und einen letzten kleinen Burschen über den Platz schleudern. Pelle war arg zerschunden und ganz außer Atem. Aber er war froh. Tie ganze Schar stand da, sperrte Mund und Augen auf und ließ ihn sich ruhig abbürsten— er war der Sieger. Er ging mit seiner zerrissenen Bluse zu den Mädchen hinüber, und die hefteten sie mit Stecknadeln zusammen, und gaben ihm Näschereien. Zum Dank dafür knotete er zwei von ihnen mit den Zöpfen aneinander. Sie kreischten und ließen ihn gewähren, ohne böse zu werden. Und das Ganzs war so, wie es sein sollte. Aber ganz sicher war er seines Sieges nicht. Er konnte nicht, wie Henrik Bödker seinerzeit, gleich nach einer Prügelei quer durch die ganze Schar gehen, die Hände in den Hosen» taschen, und so tun, als existierten sie gar nicht. Er mußte von Zeit zu Zeit nach ihnen hinüberschielen, während er an den Strand hinabfchlenderte und mit aller Macht bemüht war, seine Atemzüge wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Nächst dem Weinen war die größte Schande, die einen treffen konnte, wenn man außer Atem geriet. Pelle ging an den Strand hinab und bereute, daß er nicht gleich wieder auf sie losgesprungen war, während der Drauf- losgehemut noch in ihm war. Jetzt war es zu spät. Dann würde es vielleicht auch von ihm geheißen haben, daß er die ganze übrige Klasse zusammen verprügeln könne. Jetzt mußte er sich damit begnügen, der stärkste Junge in der Schule zu sein. Ein wildes Kriegsgeheul von oben von der Schule her machte ihn zusammenzucken. Die ganze Schar kam hinter dem Giebel heraus mit Stöcken und Holzscheiten in den Händen. Pelle wußte, was auf dem Spiel stand, wenn er entfloh. Er zwang sich, ruhig abwartend stehenzubleiben, obwohl es ihm in den Beinen zuckte. Aber plötzlich stürzten sie in wilder Eile auf ihn los, und er wandte sich mit einem Sprung zur Flucht. Da lag das Meer vor ihm und ver- sperrte ihm den Weg, dicht bepackt mit schaukelndem Eis. Er lief auf eine Eisscholle hinaus, sprang von da auf die nächste, die nicht so groß war, das sie ihn tragen konnte— mußte weiter. Die Flucht war ihm in die Glieder gefahren und ge- staltete die Angst vor dem, was hinter ihm lag, übermächtig groß. Unter ihm gaben die Eisschollen nach; er mußte von einer Scholle auf die andere springen. �Die Füße gingen unter ihm wie die Finger auf den Tasten. Er hatte noch so viel Besinnung, daß er die Richtung geradeswegs auf die Hafenmole zu einschlug. Drinnen am Strande standen die andern und sperrten Mund und Augen auf, während Pelle auf dem Wasser tanzte wie ein Stein, der die Fläche nur von Zeit zu Zeit streift. Die Eisschollen tauchten unter, sobald er sie nur berührte, oder sie legten sich aus die hohe Kante. Aber Pelle kam und glitt vorüber wie ein Anschlag, warf sich blitz- schnell nach der Seite hinüber, griff ändernd, mitten im Sprunge ein, wie eine Katze. Es war wie ein Tanz auf glühen- dem Eisen, so schnell zog er seine, Fuß wieder zurück, brachte ihn an einer neuen Stelle an und hatte ihn auch schon wieder weggenommen. Von den Eisschollen, die er berührte, spritzte das Wasser schimmernd und quatschend auf, und hinter ihm lag ein krummer Streifen von Unruhe bis zu der Stelle, wo die Jungen standen und den Atem anhielten. Es gab keinen zweiten wie Pelle. Niemand hätte ihm das da nachmachen können. Als er sich in einem letzten Sprung auf dem Bauch über die Mole warf, riefen sie hurra für ihn. Pelle hatte in seiner Flucht gesiegt! Ermattet und keuchend lag er auf der Mole und starrte stumpfsinnig zu einer Brieg hinüber, die vor dem Dorf vor Anker gegangen war. Ein Boot kam hineingerudert, vielleicht mit einem Kranken, der abgesondert werden sollte. Das arg mitgenommene Aeußere des Schisses erzählte, daß es auf der Winterreise ausgervcjen war in Eis und schwerer See. Die Fischer kamen aus den Hütten heraus und schlenderten auf die Stelle zn, wo das Boot anlegen mußte. Alle Schulkinder kamen gezogen. Auf der Achterbank des Bootes saß ein älterer, wettergebräunter Mann mit einem Kranzbart. Er war in blauem Anzug; vor ihm stand eine Schifssklste.„DgI is ja Bootsmann Olsen!" hörte Peter einen Fischer sagen. Dann stieg der Mann an Land und reichte die Hand rund hm»,!. Die Fischer und die Schulkinder bildeten einen dichten Kreis um ihn. Pelle schlug den Weg nach oben hinauf ein. Er schlich sich hinter Booten und Schuppen dahin. Sobald er von dem Schulhaufe gedeckt war, jagte er in schnellem Lauf gerades» Wegs über die Felder auf Ctengaarden zu. Der Gram brannte bitter in seiner Kehle, die Schande veranlaßte ihn, einen großen Bogen um Häuser und Menschen zu machen. Das Paket, das er am Morgen nicht hatte abliefern können, war
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28 (23.3.1911) 58
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