Zlnterhaltungsblatt des Horwärts
Nr. 60.
Sonnabend den 25. März.
1911
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pelle der Gröberer. Roman von Martin Andersen Nexo.
„Ich soll abgewiesen werden," brachte Pelle heraus und bohrte sich in das Hau, um das Weinen zurückzuhalten. „Das sollst Du doch woll nich?" Lasse sing an zu zittern. �Was kannst Du denn bloß verbrochen haben?" „Ich Hab den Pastor seinen Sohn halb totgeschlagen." „Ach, das war bald das Schlimmste, was Du tun konnt'st, Hand an den Pastor seinen Sohn legen! Ich weiß recht gut, daß er es woll verdient haben muß, aber— Dl: hätt'st es nu doch nich tun soll'n. Außer, wenn er Dich einen Dieb genannt hat— denn das braucht ein ehrlicher Mann sich von keinem Menschen gefallen zu lassen— und wenn es der König selbst war." „Er— er hat Dich Madam Olsens Kebslveib genannt," Pelle hatte Mühe, es herauszubringen. Lasse bekam einen scharfen Zug um den Mund ballte die Hände.„Hm, ja, hm, ja! Hütt ich ihn hier, ich wollt ihm die Gedärme aus'n Leib raustretcn, dem Affengesicht! Du hast ihm doch woll genug gegeben, so daß er es noch lange fühlt?" „Ne, so schlimm war es nich, denn er wollt sich nich wehren — er schmiß sich hin und schrie. Und da kam der Pastor!" Lasse ging eine Weile außer sich vor Zorn umher, von Zeit zu Zeit stieß er eine Drohung aus. Dann wandte er sich an Pelle.„Und nu haben sie Dich abgewiesen?— Bloß weil Du für Deinen alten Vater eingetreten bist! Immer muß ich Dich auch ins Unglück bringen, obgleich ich nur Dein bestes will.— Aber was machen wir denn nu. Du?" „Ich will hier nich länger bleiben," sagte Pelle sehr be- stimmt. „Ne, laß unS hier bloß wegkommen, hier is nie ein andres Kraut als Wermut für uns gewachsen, hier auf'm Hof. Viel» leicht liegen da draußen neue, frohe Tage und warten auf uns. Und Pastors gibt es woll überall. Wenn wir beide uns da draußen zu einer guten Arbeit zusammentun, können wir Geld wie Heu verdienen. Und dann gch'n wir einen Tag hin und schmeißen einem Pastor fünfzig Kronen auf den Tisch, und es müßt schnurrig zugehen, wenn er Dich nich auf der Stelle kun- firmieren tut— und sich am Ende noch obendrein einen Tritt vor den Arsch geben ließ. Die Art Leute, die sind bannig hinter Geld her." Lasse hatte sich straff aufgerichtet unter seinem Zorn und seine Augen hatten einen wütenden Ausdruck angenommen. Er schritt schnell durch den Futtergang und schleuderte rück- sichtslos nach rechts und links, was ihm in den Weg kam, Pelles abenteuerlicher Vorschlag hatte ansteckend auf die jugendlichen Gefühle in ihm gewirkt. Mitten während der Arbeit sammelten sie alle ihre Kleinigkeiten zusammen und packten sie in die grüne Kiste.„Na. werden die hier auf'm Hof morgen früh große Augen machen, wenn sie kommen und das Nest leer finden," sagte Pelle munter. Lasse lachte, daß es gluckste. Ihr Plan ging dahin, daß sie ihre Zuflucht zu Kalle nehmen und dort ein paar Tage bleiben wollten, während sie sich einen Ueberblick über das verschafften, waS die Welt bot. Ms am Abend alles besorgt war, nahmen sie die grüne Kiste zwischen sich und schlichen durch die äußere Tür nach dem Felde hinaus. Die Kiste war schwer, und die Dunkelheit machte ihnen das Gehen nicht leichter; sie bewegten sich in kleinen Stößen vorwärts, wechselten mit den Händen ab und ruhten sich aus. ».Wir haben ja die Nacht vor uns," sagte Lasse munter. Er war ganz aufgelebt; während sie mrf dem Kistendeckcl lagen und sich ausruhten, redete er drauf los über alles, was -da draußen lag und mff sie wartete. Wenn er schwieg, begann Pelle. Keiner von beiden hatte sich einen bestimmten Plan für die Zukunft gemacht; sie ertvarteten ganz einfach das Märchen selbst mit seinen unfaßlichen Ueberraschungen. Alles das, was sie imstande sein würden, an Bestimmtem auszu- führen, wenn sie sich irgendwo niederließen, erschien so winzig «im Vergleich mit dem, was kommen mußte; daher ließen sie es nach w'd gaben sich dem Ueberfluß in die Hände»
Lasses Füße traten so unsicher in der Dunkelheit, immev häufiger mußte er die Last niedersetzen. Er ward müde und atemlos, die lichten Worte erstarben ihm auf den Lippen.„Ach, wie schwer sir ist!" seufzte er—„wieviel Dreck scharrt man nicht auch zusammen im Laufe der Zeit.„Und dann saß er auf der Kiste und rang nach Atem— er konnte nicht mehr. „Hätte man bloß ne kleine Stärkung gehabt," sagte er matt. „Wie dunkel und traurig es auch über Nacht is!" „Hilf mir die Kiste auf den Nacken!" sagte Pelle,„dann will ich sie ein Stück tragen." Lasse wollte nicht, gab aber schließlich nach, und es ging wieder vorwärts; er lief voran und meldete, wenn Gräben und Erdwälle kamen.„Wenn Bruder Kalle unS nu nich haben kann!" sagte er plötzlich. „Das kann er gewiß— da is ja Großmutters Bett, das is breit genug für uns beide." „Aber, wenn wir nu keine Arbeit kriegen?— denn liegen wir ihm ja zur Last!" „Wir werden schon was kriegen— es fehlt überall an Arbeitskraft." „Ja, Dich nehmen sie schon mit Kußhand, aber ich bin woll zu alt, um mich auszubieten." Lasse hatte alle Hoffnung ver- loren und untergrub nun auch Pelle. „Nu kann ich nich mehr!" sagte Pelle und ließ die Kiste fallen. Sie standen mit herabhängenden Armen da und starrten aufs gradewohl in die Dunkelheit hinein; Lasse verriet kein Verlangen, wieder zuzugreifen, und Pelle war jetzt erschöpft. Die Nackst lag dunkel um sie her und machte alles so verlassen, als flössen sie allein im Weltraum herum. „Dann müssen wir woll sehen, daß wir weiterkommen," rief Pelle aus und wollte die Kiste wieder aufnehmen; als Lasse sich nickst rührte, gab er es auf lind setzte sich hin. Sie saßen mit dem Rücken gegeneinander und konnten daS rechte Wort nicht finden— es entstand eine immer größere Kluft zwischen ihnen. Laffe kroch schauernd in der Nachtkälte zusammen. Wäre er nur zu Hause in seinem guten Bett! seufzte er. Pelle war kurz davor, zu wünschen, daß er allein gewesen wäre, dann wollte er sein Vorhaben schon ausführen. Der Alte war ebenso schwer mitzuschleppen wie die Kiste. „Ich glaub, ich geh wieder zurück. Du!" sagte Lasse endlich kleinmütig,„ich tauge woll nich dazu, die losen Wege zu treten. — Und Du wirst auf diese Weise ja auch nie kunfiermiert: Wenn wir zurückgingen und Kongstrup bäten, daß er ein gutes Wort bei dem Pastor für uns einlegt." Lasse stand da und faßte an den einen Henkel der Kiste. Pelle blieb eine Weile sitzen, als höre er nichts. Dann faßte er schweigend an und sie arbeiteten sich nach Hause über die Felder in einer anstrengenden Wanderung. Jeden Augen- blick war Pelle müde und mußte sich hinsetzen: jetzt, wo e? nach Hause ging, war Lasse der Ausdauernde.„Ich könnt sie am Ende ganz gut ein kleines Stück allein tragen— wenn Du sie mir auf den Nacken helfen wolltst," sagte er. Aber davon wollte Pelle nichts hören. „Puh, ha!" Lasse atmete wohlbehaglich auf, als sie wieder im Kuhstall in der Wärme standen und die Kühe in trägem Wohlsein pußten hörten.—„Hier is es gemütlich, Du. Es is beinah, als wär man wieder in seine Kinderheimat ge« kommen. Ich glaub, den Stall hier könnt ich an der Luft er- kennen, wo in der Welt sie mich auch dareinführteu, mit ver- bundcnen Augen." Nun, wo sie wieder zu Hause waren, konnte Pelle auch nich umhin, es hier wirklich ganz schön zu finden. — 23. Sonntagvormittag zwischen dem Tränken und dem Mittagessen stiegen Lasse und Pelle die hohe steinerne Treppe hinauf. Sie stellten die Holzschuhe oben auf die Diele und standen nun vor der Tür des Herrenzimmers und schüttelten sich— die grauen Strumpfsocken waren voll von Spreu und Erde. Lasse hob die Knöchel prüfend in die Höhe, hielt aber iime.„Hast Du Dich nu auch gut ausgeschnoben?" fragte er flüsternd. Seine Miene war gespannt. Pelle schnob noch ein- mal auf und fuhr mit dem Blusenärmel über die Nase hin. Lasse erhob abermals die Knöchel, er war sehr bedrückt. „Kannst Du denn nich ein bischen still sein?" sagte er ärgerlich zu Pelle, der wie eine MmiS dastand. Lasses Knöchel bewegten sich drei- viernial durch die Luft, ehe sie gegen die Tür fielen;