Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 68.
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Donnerstag, den 6. April.
( Nachdrud berboten.
Das Gemeindekind.
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1911
der Mut. Babel wurde umringt und überwältigt, obwohl et raste und sich zur Wehr setzte wie ein wildes Tier,
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Was Pavel im Schlosse gewollt, erfuhr niemand, aber Erzählung b. Marie b. Ebner- Eschenbach. die Hartnäckigkeit, mit der er jede Auskunft verweigerte, beEinmal rief er laut: Bist da?" richtete sich im Salb- wies deutlich genug, daß er die schlechtesten Absichten gehabt schlafe auf, wiederholte: Bist da?" tastete suchend umher haben mußte. Einbrechen wahrscheinlich oder Feuer anlegen; und erwachte darüber völlig. Mit der Schnelligkeit des Blizes, dem Kerl ist alles zuzutrauen. So sprach die öffentliche Meimit der Gewalt des Sturmes fam das verwaisende Gefühl nung, und die mit Elternrechten ausgestattete Gemeinde be Der Trennung über ihn und warf ihn nieder. Der barte Schloß Babels eremplarische Büchtigung durch den Herrn Junge brach in Tränen, in ein leidenschaftliches Schluchzen Lehrer Habrecht in Gegenwart der sämtlichen Schuljugend. aus, weďte die Leute in der Stube, weckte die Häusler, seine äußerst ungern zur Ausübung des ihm zugemuteten StrafDer Lehrer, ein kränklicher, nervöser Mann, verstand sich Wandnachbarn mit seinem Geheul. Die ganze Gesellschaft fam herbei, bedrohte ihn, und da er taub blieb für jede, auch gerichts. Seine Ansicht war, daß solche vor einem jugend. die nachdrücklichste Ermahnung, wurde er mit vereinten Sträf- an dem sie vollzogen wird, und denen, die ihr zusehen, immen Sträf- lichen Publikum vorgenommene Exekution dem selten nüßt, ten zur Tür hinausgeschleudert. Das war eine tüchtige Abkühlung, selbst für den heißesten schadet. Dieses Bich wird durch den Anblick ein noch ärgeres Schmerz. Pavel blieb eine Weile ganz ruhig und still auf Bieh," äußerte er, viel zu derb für einen Pädagogen. Man der fest gefrorenen Erde liegen. Die ihm neue und grägliche batte, wenn auch nicht ganz überzeugt, seine Einwendung oft Empfindung einer ungeheuren Sehnsucht verminderte sich gelten lassen, dieses Mal fruchtete sie nichts. allmählich, und eine alte wohlbekannte trat an ihre Stelle: schleichers bestimmt war, übernahm ihn denn der Lehrer seufAn dem Tage, der zur Bestrafung des nächtlichen Ein Trok, falter wühlender Groll. zend aus den Händen der Schergen und führte ihn am Schopfe senkten Kopf des Knaben in die Höhe und sagte: bis zur Tür der Schulstube. Hier blieb er stehen, hob den ge
Wartet," dachte er, wartet, ich werde Euch!"
Schau mich an, was schaust denn immer auf den Boden, schlechter Bub!"
Der Entschluß, ein Ende zu machen, war gleich da; der Blan zu dessen Ausführung reifte langsam in Bavels schwerfälligem Kopfe. Nachdem aber die große Anstrengung, ihn auszudenken, überstanden war, erschien dem Burschen alles Nicht liebreich waren diese Worte, und doch, woran lag übrige nur noch wie Spielerei. Er wollte ins Schloß eines denn, daß sie dem Pavel ordentlich wohltaten, und daß sodringen, die Schwester entführen, mit ihr über die Berge in die Fremde gehen, sich als Arbeiter verdingen und nie wieder den Vorwurf hören, daß er der Sohn seiner Eltern sei.
gar die Art, in der der Herr Lehrer ihn dabei an den Haaren zauste, etwas Vertrauen Einflößendes hatte und wie eine Herzstärkung wirkte?
Fürcht Dich, Du Bosnickel, Du Tropnickel! Fürcht Dich!" fuhr jener fort, machte schreckliche Augen und schwang mit äußerst bezeichnender Gebärde den dürren Arm in der Luft. Und Pavel, aus dem seit drei Tagen fein Wort herauszu bringen gewesen, der seit drei Tagen keinem Menschen ins Gesicht geschaut hatte, richtete mit einem Male seinen scheuen Blid blinzelnd auf den Lehrer und sprach mit einem halben Lächeln:
Ich fürcht mich aber doch nicht!"
"
Mit dem Bewußtsein eines Siegers erhob sich Pavel vom Boden und ging im weiten Bogen hinter den Häusern des Dorfes dem Schloßgarten zu. Die Pfeife des Nachtwächters warnte freundlich vor den Wegen, die zu vermeiden waren. Auf den Feldern lag harter, hoher Schnee; die Erde schimmerte lichter als der Himmel, an dem die bleiche Mondes fichel immer wieder hinter treibendem Gewölf verschwand. Pavel gelangte ans Gartengitter, überkletterte es und ließ sich von oben in die Fichten und dann von Zweig zu Zweig zu Boden fallen. Da befand er sich nun im Garten, wußte auch, Aus der Schulstube hatte es früher herausgesummt tofe in welcher Gegend desselben, in der dem Dorf entgegenge- aus einem Bienenforbe, dann war das Summen in wüsten festen, der besten, die er hätte wählen können, für jekt sowohl Lärm übergegangen, und icht wurde da drinnen gerauft um tie später zur Flucht. Von steigender Zuversicht erfüllt, ging die besten Bläße zum bevorstehenden Schauspiel. Der Lehrer er vorwärts... immer gerade aus, und man muß zum brummte unwillig vor sich hin und schüttelte Pavel von Schlosse kommen. Was dann zu geschehen hätte, malte Bavel neuem: fich nicht deutlich aus; er ging, Milada zu befreien, das war ihm herrlich flar, und mochte alles übrige Zweifel und Natlosigkeit sein, der Gedanke erleuchtete ihm die Seele, den hielt er feit. Daß er jämmerlich zu frieren begann in seinen elenden Kleidern, daß ihm die Glieder steif wurden, grämte ihn nicht; aber schlimm war's, daß immer tiefere Finsternis einbrach und Pavel alle Augenblicke an einen Baum anrannte und hinfiel. Wenn er auch das erste Mal gleich wieder auf bie Beine sprang, beim zweiten Male schon kam die Versuchung: Bleib ein wenig liegen, raste, schlafe!" Trotzdem aber erhob er sich mit starker Willenskraft, tappte weiter und gelangte endlich ans vorgefekte Biel - ans Schloß. Hochauf schlug ihm das Herz, als er an die alte verwitterte Mauer griff. Weiß Gott , wie nahe er der Schwester ist; weiß Gott , ob sie nicht in dem Zimmer schläft, vor dessen Fenster er jetzt steht, das er zu erreichen vermag mit seinen Händen.... Es fönnte so gut sein warum sollte es nicht? Und leise, leise fängt er an zu pochen.... Da bernimmt er dicht am Boden ein knurrendes Geräusch, auf furzen Beinen kommt etwas herbeigekrochen, und ehe er sich's bersieht, hat es ihn angeSprungen und sucht ihn an der Kehle zu packen. Babel unterdrückt einen Schrei; er würgt den Röter aus allen seinen Kräften. Aber der Köter ist stärker als er und wohlgeübt in der Kunst, einen Feind zu stellen. Das Geheul, das er dabei ausstieß, tat seine Wirkung, es rief Leute herbei. Sie kamen schlaftrunken und ganz erschrocken; als sie.aber saben, daß sie es nur mit einem Kinde zu tun hatten, wuchs ihnen sogleich
Wenn Du Dich schon nicht fürchtest, so schrei, schrei was Du kannst, rat ich Dir!" sagte er, öffnete die Tür und trat ein. Sogleich wurde es still in der Stube, nur einzelne unwillkürliche Ausrufe befriedigter Erwartung ließen sich hören: freundschaftlich rückte man aneinander in den Bänken; die rührendste Eintracht herrschte. Der Lehrer stellte Bavel neben das Katheder und fah sich nach der Nute um. Da er sie eine Weile nicht fand oder nicht zu finden schien, rief eine Stimme:" Dort im Fenster steht sie, im Winkel." Die Stimme fam aus einer der letzten Reihen und gehörte dem Arnost, dem Sohne des Häuslers, bei dem Virgil zur Miete wohnte. Pavel ballte die Faust gegen ihn, was zu einem Ge murmel der Entrüstung Anlaß gab. Mehr als hundert Augen richteten sich schadenfroh und gehässig auf den braunen zerlumpten Jungen. In ihm kochte die Galle, und so klar er zu denken vermochte, so flor dachte er:„ Was hab ich Euch getan? Warum seid Ihr meine Feinde?"
Habrecht gebot Stille und hielt eine Ansprache, in der en die Schuljugend auf eine merkwürdige Enttäuschung vorbe reitete. Ihr seid voll Vergnügen. Warum? Wieso? Tun Euch die Prügel wohl, die ein anderer kriegt? Baßt auf Weh tun werden sie Euch! Jeder von Euch"- seine Stimme fenfte sich zu einem geheimnisvollen Geflüster, und er streďte den Beigefinger langsam gegen das Auditorium aus:„ Jeder, der dasißt und vor Schadenfreude aus der Haut fahren möchte, wird bald vor Schmerz aus der Haut fahren mögen. Jeder, der berglott und zuschaut, wie ich meine Schläge austeile,