Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 72.
Mittwoch den 12. April.
( Nachdruck berboten.)
7) Das Gemeindekind.
1911
„ Hast Du den gar kein Gefühl für Deine Mutter?" fragte der Lehrer endlich.
hat.
Nein," erwiderte Babel.
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Der Alte schüttelte sich vor Ungeduld:„ Ich denk der Erzählung v. Marie v. Ebner- Eschenbach . Beit, wo Du ein Kind warst," frach er, und brab unter der Babel schüttelte den Kopf:„ Aus dem Buch kann ich's Obhut Deiner braven Mutter, die Dich zur Arbeit angehalten ... Gloß Du nur! Brav und rechtschaffen, sag ich. schon, aber da" er fuhr mit der Hand, die heftig zitterte, Das war sie; aber leider gar zu geschreckt und immer halb zwischen sein Hemd und seine Brust und zog einen zer- närrisch aus Angst vor dem niederträchtigen... Nal" knitterten Brief hervor, da hat mir der Bote etwas von der unterbrach er sich jeder Mensch hat Mitleid mit ihr ge Post gebracht.. habt, sogar den Richtern hat sie Erbarmen eingeflößt, nur Du, ihr Sohn, bist ohne Mitleid gegen sie. Warum denn, warum? Ich frage Dich, gib Antwort, sprich!" Er schob die Brille in die Höhe und näherte die kurzsichtigen Augen chdem Gesichte Bavels. In den Zügen des Knaben malte sich Babel füßte, wenn man so sagen darf, das Blatt mit ein eiserner Widerstand; aus den düsteren Augen funkelte ein den Augen und reichte es dem Alten hin, sorgfältig, ängstlich, Abglanz jener Entschlossenheit, die auf eine große Sache gestellt, den Märtyrer macht.- wie ein leicht zu beschädigendes Kleinod.
Geschriebenes? Ja so! das ist freilich eine andere Sache, da würde ich wohl selber Mühe haben."
Sein Scherz reute ihn, als Bavel denselben für Ernst nahm und zum ersten Male im Leben demütig sprach: möcht den Herrn Lehrer doch bitten, daß er's probiert."
Der Lehrer entfaltete es und überflog die Zeilen:" Es
ist ein Brief, Bavel- und weißt Du von wem?" Er wird von meiner Schwester Milada sein, aus Kloster."
Nein, er ist nicht von Deiner Schwester aus „ Nicht?"
Kloster."
dem
dem
,, Er ist von Deiner Mutter aus dem" er stoďte, und der Bursche ergänzte mit plöglich veränderter Miene und rauber Stimme:
"
Aus dem Zuchthaus."
,, Willst Du ihn hören?"
ist nichts anzufangen." Als Pavel schon an der Tür war, Der Alte seufzte, trat zurück und sagte:„ Geh, mit Dir rief er ihm doch Halt zu:„ Eins nur will ich Dir sagen. Es ist Dir nicht alles eins; ich hab es gemerkt, wenn die Leute Dich schimpfen; eine Beit fann kommen, in welcher Du froh wärst, gut zu stehen mit den Leuten und gerne hören möchtest: In seiner Jugend war der Pavel ein Nichts. nug, aber jetzt hält er sich ordentlich. Für den Fall merk Dir, merk Dir, Pavel," wiederholte er nachdrücklich, und eine schwache Röte schimmerte durch das fahle Grau seiner Wangen: Das Mach Dich nicht zu Deinem eigenen Verleumder. Schlechte, das die anderen von Dir aussagen, kann bezweifelt,
Bavel hatte den Kopf sinken lassen und antwortete durch fann vergessen werden; Du kannst es niederleben. Das ein stummes Nicken.
Der Lehrer las:
Mein Sohn Bavel!
Vor drei monat habe ich meine feder an das papier gesezt und meiner Tochter Milada einige Parzeilen in das Seloster geschrieben meine Tochter Milada hat sie aber nicht bekommen die Klosterfrauen haben Ihr ihn nicht gegeben fie haben mir sagen lassen das beste ist wenn sie von der mutter nichts hört so weiß ich nicht ob ich recht thu wenn Ich dir schreibe Pavel mein lieber sohn mit der bitte daß du mir antworten sollst ob meine Parzeilen dich und Milada deine liebe schwester in guter gesundheit antreffen was mich betrifft ich bin gesund und so weit zufrieden in meinem play.
deine Mutter. Meine zwei finder tag und nacht Bete ich für euch zum Liebengott glaube auch das meine tochter Milada eine Kleine flosterfrau werden wird wenn es die Zeit sein wird und arbeite fleißig hier imhause was mir zurückgelegt wird
für meine finder
In sechs Jahren mein lieber sohn Pavel werde ich wider Nachhaus kommen und bitt euch noch daß ihr manchesmal inguten an die Mutter denkt die ärmste auf
der welt."
Die Lettern des Briefes waren steif und ruhig hingemalt, bei der Nachschrift hatte die Hand gezittert; große matte Flecken auf dem Papier verrieten, daß sie unter Tränen geschrieben worden waren. Mit Mühe entzifferte der Vorleser die halbverwischten Züge, und ihn ergriff die Fülle des Leids und der Liebe, die sich in dieser armseligen Kundgebung aussprach.
Babel," sagte er, Du mußt Deiner Mutter sogleich
antworfen."
"
Der Junge hatte sich abgewendet und starrte finster zu Boden. Was soll ich ihr antworten?" murmelte er.
Was Dein Herz Dir eingibt für die unglückliche Frau." Pavel verzog den Mund:„ Es geht ihr ja gut." ,, Gut, Du dummer Bub? Gut im Kerfer?"
Der alte Mann geriet in Eifer, er wurde warm und beredt; die schönen und vortrefflichen Dinge, die er sagte, ergriffen ihn selbst, ließen Pavel jedoch fühl. Er hatte auf die Vorhaltungen des Lehrers zwei Antworten, die er hartnöcfig wiederholte, ob sie paßten oder nicht: Sie sagt ia fet, daß es ihr gut geht," und:„ die Schwester schreibt ihr nicht, warum soll ich ihr schreiben?"
"
Schlechte, ja sogar das Widersinnige und Dumme, das Du von Dir selbst aussagst, das putt sich nicht hinweg, das haftet an Dir wie Deine eigene Haut das überlebt Dich noch!"
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Er erhob die Hände über den Kopf, huschte so planlos und unbeholfen im Zimmer umber, wie ein aus dem Schlafe gescheuchter Nachfalter und wimmerte und stöhnte: Bergiß meinetwegen alles, was ich Dir gesagt habe; aber den Rat bergiß Du nicht, den geb ich Dir aus meiner eigenen Erfahrung!"
Bavel betrachtete den Schullehrer nachdenklich; der alte Herr tat ihm leid und kam ihm zugleich unendlich töricht bor. Worüber kränkte er sich? Konnte es darüber sein, daß die Leute ihn einen Herenmeister nannten?... Das wäre auch der Mühe wert!
Für sein Leben gern hätte er sich erkundigt, wußte aber nicht wie die Frage stellen. Er nahm so lange keine Notiz von des Lehrers entlassenden Winken, bis dieser ihn heftig anließ:„ Was willst Du noch?" dann gab er zur Antwort: ,, Wissen, was den Herrn Lehrer kränkt."
Habrecht bog sich zurück, tat einen tiefen Atemzug und schloß die Augen. Später, Pavel, später, jetzt würdest Du mich nicht verstehen."
a platte Babel hervor:„ Das wegen der Hererei?" Ein unwillkürlicher Aufschrei:„ Ja, ja!" und der Lehrer packte ihn an den Schultern und schob ihn aus der Tür.
Also richtig! der Alte grämte sich über den Verdacht, in dem er im Dorfe stand.- Unbegreiflich findisch erschien das dem Bavel; sein Gönner wurde von Stunde an ein Schwächling in seinen Augen, und er schlug dessen eindringlichste Warnung in den Wind. Ja, fie reizte ihn sogar, ihr zuwiderzuhandeln. Die Leute sollen ihn nur für schlechter halten, als er ist, er will's nach Lob und Liebe geizen die Feiglinge; fich sagen zu dürfen: Ich bin besser, als irgendeiner weiß das ist die herbe, die rechte Wonne für ein starkes Herz.
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Den Brief der Mutter bemühte sich Babel nachzubuch stabieren, und jeßt, da er seinen Inhalt kannte, gelang es ihm so ziemlich. Vinska überraschte ihn bei der Beschäftigung, wollte wissen, was er las, und als er ihr eine Auskunft darüber verweigerte, suchte sie ihm das Blatt zu entreißen. Was?" zürnte sie, da er ihr wehrte, Du willst mir berbieten, daß ich mit dem Peter gehe, hast aber Geheimnisse