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Nr. 293.

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Vorwärts

8. Jahrg.

Insertions- Gebühr beträgt für die fünfgespaltene Betitzeile oder deren Raum 40 Bfg., für Bereins- und Bersammlungs Anzeigen 20 Pfg Inserate für die nächste Nummer müffen bis 4 Uhr Nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ift an Wochen­tagen bis 7 Uhr Abends, an Sonn­und Festtagen bis 9 Uhr Bor­mittags geöffnet.

gern[ pred- Anschluß: Amt VI, Nr. 4106.

Berliner Bolksblatt.

Zentralorgan der sozialdemokratischen Partei Deutschlands .

Redaktion: Beuth- Straße 2.

The biter bitten.*)

Dienstag, den 15. Dezember 1891.

Expedition: Beuth- Straße 3.

Arbeiter das Bischen Versammlungsrecht, das die Polizei bestimmte Beiträge für die ungezählten Fonds zahlen, denn ihnen gelassen, nicht ausüben konnten. sonst sind sie wirthschaftlich geächtet.

Als im Jahre 1878 Fürst Bismarck das Rothe Ge­Doch die Arbeiter waren nicht unthätig. Sie wehrten penst an die Wand malte, um den deutschen Michel ins sich ihrer Haut, und antworteten auf den Boykott von Bockshorn zu jagen, und, unter dem Eindrucke des Oben durch den Boykott von unten. Nicht daß tünstlich gepflegten Attentatsschreckens, sich für seine fest- fie zu der abscheulichen Praxis verschritten wären, gefahrene Politik den Vorspann einer sicheren Reichstags- einen politischen Gegner um dessen Ueberzeugung majorität zu ergattern, da glaubte die deutsche Bour- willen in seinem Erwerbe zu schädigen- aber den geoisie, der Moment sei gefommen, wo sie an der Gegnern, die sich im politischen Parteikampf dazu her­deutschen Arbeiterklasse für deren Emanzipationsbestrebungen gaben, die Arbeiter rechtlos machen zu helfen, wurde ad ihr Müthchen kühlen, und der verhaßten Sozialdemokratie hominem, an der eigenen Person, der Beweis geliefert, einen Stoß ins Herz" versehen könnte. daß Niemand ohne Arbeitergroschen" leben kann.

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Mit der Feigheit, welche das deutsche Unternehmer- Der Boykott von Unten hat sich stärker erwiesen thum auszeichnet, benutzte es die von Bismarck inszenirte als der Boykott von Oben. Sozialistenhay und organisirte seiner Zeit einen allge­In den kapitalistischen Zeitungen Deutschlands finden meinen Bontott gegen die klassenbewußte Arbeiter- wir folgenden Artikel, der seit einigen Tagen die schaft Deutschlands . Runde macht:

Jeder Sozialdemokrat war geächtet! Keinem Sozial­demokraten sollte Arbeit gegeben werden! Jeder Arbeiter, der nicht die Sozialdemokratie abschwor oder sich als ihren Feind bekannte, wurde quasi zum Hungertodt verurtheilt!

Die Geschichte der Bourgeoisie keines zweiten Landes hat eine so schmutzige That aufzuweisen, wie diesen nieder­trächtigen Boykott. Wohl war und ist die Bourgeoisie anderer Länder brutal und grausam gegen die Arbeiter­man nehme nur die Junischlacht und die Commune Don Paris aber niemals ist es der französischen,

der englischen Bourgeoisie eingefallen, das Gewissen der Arbeiter zu vergewaltigen. Die deutsche Bourgeoisie ver­

tinte die rohe Unterdrückungswuth des Versailler Ordnungs­pöbels mit der infamen Kezerriecherei der spanischen Inquisitionsrichter.

ihn

Den klassenbewußten Arbeiter erwerbslos zu machen, um Verdienst und Brot zu bringen, das war das Biel , welches die deutsche Bourgeoisie sich 1878 gesteckt hatte und Tausende und Abertausende von braven, charaktervollen Arbeitern sind diesem wirthschaftlichen Boykott zum Opfer gefallen.

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Das Sozialistengesetz ist beseitigt, der Boykott des deutschen Unternehmerthums gegen die deutschen Arbeiter geblieben und Tag für Tag hören wir von neuen Maßregelungen, von neuen schwarzen Listen".

ist

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Und der Boykott des Unternehmerthums erstreckte sich auch auf weitere Gebiete. Mit der materiellen Existenz sollte dem Paria von Arbeiter zugleich die politische ge­taubt werden: der Feldzug zur Saalabireibung wurde begonnen und so methodisch, daß Jahre lang die

Mit der eigenen Waffe geschlagen.

Engl. ( sprich: De beiter bitten): Der Beißer gebissen!

Feuilleton.

Nachbrud verboten.]

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Von Edna Fern.

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Ein stärkerer Terrorismus als der, welchen auf diese Weise die Sozialdemokratie ausübt, läßt sich nicht denken! Die Sozialdemokratie würde über grenzenlose Unduldsamkeit schreien, wenn ein Fabrikherr erklären würde, er beschäftige nur Arbeiter, welche im Großen und Ganzen politisch dächten wie er; und dies felbe Sozialdemokratie trägt tein Bedenken, einen Gewerbetreibendenwirthschaftlich todt zu machen, weil er nicht Sozialdemokrat ist.

Das ist wieder ein Beitrag für die soziala bemokratische Freiheit! Die Partei ist aus Unduld. famkeit, Neid und Haß zusammengesezt, immer schroffer, unverhüllter treten jene widerlichen Eigenschaften hervor. Wir gestehen, diese Jeremiade klingt uns wie Engels­mufit wir hätten gesagt: wie Sphärenmusit, wenn wir wüßten, was das ist.

Arbeiter kennen zu lernen. Nun sie werden sie noch Die Herren Unternehmer fangen an, die Macht der besser kennen lernen.

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Der wirthschaftliche Krieg der Sozialdemokraten. Ohne Lüge geht es freilich auch bei obiger Klage Als seiner Zeit gelegentlich einer Wahl in Altona die Sozialdemokraten die Parole ausgaben: Rauft nur bei Ge- nicht ab. Es ist eine Verleumdung, daß die Sozialdemo­noffen", verkehrt nur mit solchen", hatte Abgeordneter Bebel fratie je unduldsam gewesen sei. Wo sie den Boykott noch den Muth, zu erklären, daß er die ausgegebene Parole anwandte, geschah es in berechtigter Nothwehr; und auch nimmermehr billigen tönne. Heute übt die Sozialdemokratie in Altona handelten die Genossen seiner Zeit in den allerschlimmsten Boykott aus, sie vollführt einen wirth­

schaftlichen Krieg, wie er ärger nicht gedacht werden kann, Selbstvertheidigung.

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gegen Gewerbetreibende, welche nicht zur Sozialdemokratie Genug die Arbeiter haben den Spieß umgedreht, schwören; fein sozialdemokratischer Führer findet sich heute und die Beißer" sind jetzt die Gebiffenen." Je lauter mehr, der dieses Gebahren geißelt. fie ern, desto größer unser Vergnügen. Und sie Immer weiter ist in der letzten Zeit der sozialdemokratische mögen sich in keinen Zäuschungen wiegen! Der Boykott Boykott ausgedehnt worden und heute ist er das gefährlichfte Rampfmittel der Partei. Bu dem eigentlichen Bontott, dem von Unten wird so lange dauern, als er nothwendig ist, Meiden bestimmter Wirthschaften, welche die Säle den Ge- und mit der wachsenden Organisation der Arbeiter wird noffen" für die Versammlungen nicht hergeben, ist jetzt immer feine Wirksamkeit und Kraft wachsen. Aus diesem mehr die Kontrollmarte gekommen; die Hutmacher­

Kontrollmarke war schon seit lange in Gebrauch, und die in Schraubstock werden die Herren Unternehmer erst an dem Berlin bestehende Hutmacher - Genossenschaft, an deren Spize Tage herauskommen, wo der allgemeine Boykott der neugewählte Stadtverordnete Borgmann steht, hat haupt- nicht das alberne Gaukelbild des allgemeinen sächlich durch die Kontrollmarke große Geschäfte gemacht, Streites! nein, wo der allgemeine Tausende und Tausende von Genossen" tragen nur Hüte mit Welt- Boykott der Arbeiterklasse gegen Rontrollmarken. Die Kontrollmarke der Textil­

arbeiter bürgert sich ebenfalls immer mehr und mehr ein, die ungerechten Handlungen der Unter­und es giebt in Berlin bereits eine ganze große Anzahl Genehmerklasse verkündigt, und den Proletariern und schäfte, welche nur Wirkwaaren, welche mit der Kontroll- Bourgeois von heute im sozialistischen Zukunftsstaat" die marke versehen sind, führen; dieser wirthschaftliche Möglichkeit eines friedlichen Zusammenwohnens und Krieg der Sozialdemokraten geht noch weiter, es erscheinen in den Parteiblättern Aufforderungen an die Ge- menschenwürdigen Daseins gewährt wird. nossen , ihre Weihnachtseinkäufe nur bei den Geschäftsleuten zu machen, welche die Sozialdemokratie und die sozialdemokratische Propaganda unterstüßen. Die Kommission der Tabatarbeiter in Rigdorf fordert die Arbeiterschaft Rixdorfs direkt auf, nur bei einer Anzahl namhaft gemachter Zigarrenhändler zu kaufen. Durch dieses System hat es in Berlin die Sozialdemokratie dahin gebracht, daß in einzelnen Gegenden ein Geschäftsmann, welcher nicht zur Sozial- Die Handelsverträge beherrschen das Parlament; demokratie schwört, fich nicht mehr halten tann, der heut begann die zweite Berathung, bei welcher die Milchhändler, der Bigarrenhändler, der Budifer, der Grün- in voriger Woche nicht gehaltenen Reden auf das Haus framhändler müssen die sozialdemokratischen Zeitungen halten, niederprasselten.

Politische Uebersicht.

Berlin , den 14. Dezember.

sich die Augenbrauen über dem spitzen Näschen in die Höhe, Also so sah Emilie Schuster's Gatte aus, nachdem er sorgenvoll wächst der graublonde Bollbart am Kinn, und fie, oder besser sie ihn geheirathet hatte. Es war nur ein sanft faltet er die kleinen Hände über sein Bäuchlein, sieht wahres Glück, daß der Mann sich Prost" nannte. Es ist seine Emilie streng mit gerümpfter Nase[ auf ihn herunter, doch etwas in einem Namen: Hätte er nun Angstmeier denn sie ist um einen Kopf fast größer als er, geistig und geheißen, oder Wehmüller, so wäre er doch der unglück­förperlich. lichste Mensch von der Welt gewesen, so aber " Ja, ja," sagt Ernst Rehling, Proft fieht aus, wie Ging er über den Markt, kam da ein Bekannter des " da harre seck Fritzschen mehr von vörstellt", und als Weges, so sagte der: Guten Tag, Herr Prost!" Saß Also Frau Emilie Proft und Fräulein Therese Günther Norberg ganz entsetzt fragt, was das nun wieder er in seinem Laden bei einer Uhr beschäftigt, und es tam Crone faßen zusammen am Fenster, und die Frau für eine speziell Rehlingsche Redensart sei, giebt lachend ein guter Freund herein, so sagte der: Broft bezeigte gar keine Luft ihren Platz aufzugeben, konnte eine kleine Geschichte zum Besten: fie doch von diesem Posten aus die Ladenthüre ihres Mamsell in Werdern war, außer im Eierkuchen backen, Mannes, des Uhrmachers und Juweliers Prost genau schlauem Augenzwinkern und andern Sachen, auch groß und beobachten. Ach, und Emilie liebte ihren Gatten zärtlich, bedeutend im Gelée einkochen und Früchte einmachen. trotzdem daß sie schon ein halbes Jahr verheirathet sind, so zärtlich, daß sie ihm am liebsten auf Schritt und Tritt folgte, um sein theueres, graublondes Haupt vor jeglichem zu behüten.

Nun hatte die alte Hühnerdörte einen Enkel, der hieß Fritschen. Fritschen trieb sich viel in der Küche herum und Mamfell und die Mägde hatten den lebhaften kleinen Schlingel gern. Ganz sicher aber war Fritschen in der Beit des Einkochens dort zu finden, denn er wußte, dann gab es

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Sage mal, Proft" Weil nun ein Jeder, der Prost!" sagt, guter Laune wird und lustiges Gläsers geflingel in den Ohren hat, so redeten ihn die Leute alle gern an und wurden kreuzfidel. Und wenn denn nun Brost es eine zeitlang geduldig angehört und die freund­lichen Gesichter angesehen hatte, so dachte er:

" Ich möchte doch auch einmal Prost! sagen und ver Hebel gnügt sein," und dann ging er ins nächste Wirthshaus, ließ Nun es hat ihr auch Mühe genug gekostet, ihn zu sich ein Glas Wein einschenken und sagte: Prost!--­tapern, da ist sie immer bange, daß er wieder davonläuft," etwas zum schlecken. deshalb-um auszufinden, wie oft Prost! gesagt würde- agen sie boshafter Weise in der Familie Rehling, und die Einst brodelte im Kessel wieder eine glänzende, braune saß auch seine Frau Emilie an dem Fenster ihrer mütter­jollten es wissen, denn Gertrud Rehling ist ja die Nichte Masse, und stand dabei und guckte tiefsinnig hinein; lichen Wohnung und guckte seine Ladenthür an.- der Frau Assessorin Schuster, aber sie stehen nicht gut es war aber fein Gelee, sondern isländisch Włoossaft gegen Drüben am Kaffeetisch ist indeß die Unterhaltung im miteinander, seitdem Eruft die kleine Gertrud, dieses un- den Husten nach der alten Dörte Rezept, für die kranten vollen Gange. mündige Ding, den liebenswürdigen, vollreifen Töchtern Leute im Dorf. Fritzschen wußte das nicht und hing gierig Frau Assessorin vorgezogen hat. am Schürzenband der Mamsell.

der

Der Herr Prost jedoch, nebenbei bemerkt ein recht wohlhabender Mann, macht feinen Versuch davon zu laufen; er hat sich in sein Schicksal und seine Schwiegermutter er geben. Er schweigt zwar still darüber, aber sein ganzes

" Fritschen, willst Du was?" sagte und gab ihm einen Löffel voll zu naschen. Fritschen leckte und leckte und machte ein etliches Gesicht.

" Schmeckt's nicht, Fritschen?" fragt Mamsell lachend. Nee," sagt der traurig, da harre seck Frißschen mehr

Aeußere spricht für ihn: Traurig sträuben sich die Haare über die faltenreichen Stirn; melancholisch fragend ziehen von vörstellt."

Nachdem die wichtigsten Tagesfragen nach herkömm­licher Weise gehörig von allen Seiten beleuchtet sind, sagt die Frau Ober- Amtsrichter Bittersüß etwas, was zuerst alle Damen in eine athemlose Spannung versetzt, dann aber in endlosen Beifall ausbrechen läßt. Sie sagt mit bedeutungs­voll gedämpfter Stimme mit geheimnißvoll erhobenem Zeige­finger, indem sie die noch fleißig gehandhabte Häkelei in den Schooß sinken läßt: