Nnterhaltungsblatt des Dorwärts Nr. 92.' Sonnabend, den 13. Mai. 1911

rsiz�drua verrslry.Z! 271 Das GememÄekinä. Erzählung v. Marje v. Ebner-Eschenba'ch. y 14. Peter ging es täglich besser: er durfte wieder sprechen lind durfte essen, was ihm schmeckte, nur schreien und rauchen war ihm noch verboten. Während seiner Krankheit hatte er nicht aufgehört sich zu fürchten, iin Anfang vor dem Sterben und später vor der Rechnung, die der Arzt ihm machen würde. Als dieser seine Besuche einstellte lind die� Rechnung nicht sofort schickte, ließ Peter sie abholen, aber nur, um ihr einen schnöden Empfang zu bereiten. Er legte sie auf den Tisch, setzte sich vor sie hin und begann, Posten für Posten grimmig anzufeinden. Sein Weib schlich voll Besorgnis um ihn herum und bat ihn schüchtern, nicht so zu toben, worauf er es noch viel ärger trieb. Zu Fleiß! weil er doch sehen wollte, ob die Reparatur, die der alte Notcnreitzer an ihm vorgenommen und sich so unverschämt bezahlen lasse, wenigstens ordentlich gemacht sei. Es war ihm gelungen, sich völlig um sein bißchen Menschenverstand zu bringen und in den nicht mehr zurech- nungsfähigen Zustand hinein zu ärgern, in dem ihn Binska am liebsten vor der Begegnung mit fremden Leuten bewahrt hätte, als es au der Tür pochte und recht zur unguten Stunde der Wirt erschien. Er zog höflich den Hut. und Binska sah auf den ersten Blick: Der will etwas und zwar etwas nicht ganz Recht- mäßiges. Peter gab auf die Erkundigung nach seinem Befinden, mit der der Besuch sich einführte, keine Antwort, schob, als jener sich neben ihn gesetzt hatte, ihm nur die Rechnung hin. schnaubte:Da!" und sah ihn von der Seite gespannt und erwartungsvoll an. Der Wirt versank in das Studium des Schriftstückes. Nach einer Weile, die hingereicht hätte, lim es auswendig zu lernen, sprach er, seine Worte mit einem Schlage der flachen Hand auf das Papier bekräftigend: Das ist die Rechnung vom Doktor." Die Rechnung vom Doktor, vom Spitzbubeir. furchtbar iiberhalten hat mich der Lump." ..Kann's nicht finden," erwiderte der Wirt:Dich über- halten, so ein Sparmeister! kommt nicht vor. Die Rech- nungen sind in Ordnung beide Rechnungen, die vom Doktor und" er lächelte verlegen, griff in die Brustwsche und zog langsam ein gefaltetes Papier hervor, das er dem Peter hinhielt,und die meinige auch." Peter fuhr zurück wie vor einem Feuerbrand und schrie vus Leibeskräften:Rechnung?" was das zum Teufel für eine Rechnung sein könne, hätte er wissen mögen: er hatte keinen Kreuzer Schulden im Wirtshaus, er trank nie einen Tropfen, den er nicht sogleich bezahlte. Ja, meinte der Wirt, als er endlich zu Worte kommen konnte, es handle sich auch nicht um Tropfen, sondern um einen Zaun, den Zaun seines Gartens nämlich, der bei Ge- legenheit des Lokomobilsturzes zu Schaden gekommen war. Nun geriet Peter völlig in Wut. Was in alle Wetter ging der Zaun ihn an? Wie konnte der Wirt sich erfrechen, ihm die Rechnung für den Zaun zu bringen?... Daß der Zaun umgerissen worden, das war ja die Ursache des ganzen Unglücks gewesen. Es geschah in dem Augenblick, in dem Peter just im Begriff gewesen, die Pferde wieder in die Hand zu kriegen, er hatte sie schon, ein Riß noch, und sie wären gestanden wie Mauern lind hätten die Wendung ge- genommen ins Hoftor wie die Lämmer. Freilich, wenn der Zaun umpoltert vor ihren Nasen, da werden solche Trerc scheu... Kühe sind's ja nicht. So wars, Peter schwor es hoch und teuer schwor auch, jeden, der es nicht einsähe, Wittels Fußtritten davon zu überzeugen. In seiner Auf- regling verließ er trotz Binskas Abmahnungen das Haus und begab sich mit dem Wirt an die Ecke von dessen Garten, um den Vorgang an Ort und Stelle ausführlichst zu de- mMstrieren.

Sorgenvoll blickte sein Weib ihm na� Sieben Wochen lang hatte er das Zimmer nicht verlassen AM unternahm jetzt seinen ersten Ausgang an einem stürmischen Oktobertag, im leichten Hausanzug, heiß vor Zorn und keuchend vor Auf- regung. Bis herüber hörte sie ihn schreiem Als er den Zaun erblickt hatte, dessen Wiederaufstellung zu bezahlen ihm zugemutet wurde, war er in die Höhe gesprungen wie toll. Was war denn das! Betrugt schuftiger Betrug!... Nicht nur einfach aufgestellt, neu hergestellt war der Zaun. Mehr als die Hälfte seiner morschen Bretter durch neue ersetzt. Wie? ein alter Zaun war umgefallen und ein neuer auf- gestanden, und zwar auf Peters Kosten?... Er tobte, er rief jeden Vorbeigehenden zum Zeugen des Diebstahls, den der Wirt an ihm verüben wollte. Vor einem immer wachsen- den Publikum erzählte er die Geschichte ein halbes Dutzend Mal nach einander, erzählte sie mit immer neuen, seine Be- Häuptling bekräftigenden Zusätzen. Der verfluchte Zauii- umreißer, derBub", hat alles auf dem Gewissen, das Scheu- werden der Pferde, den Sturz des Lokomobils, den Unfall Peters des Helden, der, selbst im Augenblick dringender Lebensgefahr, die Rettung des Eigentums der Gemeinde im Auge behalten und, statt zur Seite zu springen, noch ganz zuletzt seinem Gespann eine Wendung gegeben, einen Ruck, der verhindert hätte, daß die Maschine aufFransen" ging. Er war zuletzt fo heiser wie eine Rohrdommel und fiel vor Müdigkeit fast um. In der Nacht ließ die Unruhe ihn nicht schlafen, und des Morgens schickte er zum Bürgermeister, zu den Räten und zu einigen Freunden und entbot sie ins Wirts- haus, wo er eine ernstliche Beratung mit ihnen pflegen wollte. Sie kamen und er setzte ihnen auseinander, daß er fein Recht verlange, und wenn die Gemeinde es ihm nicht gewähre, werde er sich's beim Bezirksgericht holen, beim Kreisgcricht, beim Kaiser. Der Bürgermeister stieß Seufzer um Seufzer aus, wäh- rend Peter sprach, lächelte ängstlich, sah die Räte um Beistand bittend an. Er war der sanftmütigste Mann im Orte, sehr jung für sein Amt und weil etwas gebildeter als die meisten seiner Standesgenosseu ihrer Roheit gegenüber ziemlich hilflos. Was denn also Peters Recht sei? fragte er, und dieser, statt zu antworten, begann seine Geschichte zu er- zählen, die seit gestern noch viel wunderbarer,, unmöglicher und glorreicher für ihn geworden war. Der Bürgermeister zuckte die Achseln, der älteste der Räte schlief ein: Anton machte seine ausdrucksvollste bedauernde Gebärde. Einige Witzbolde jedoch erlaubten sich, Peters Prahlereien im Scherz zu überbieten, und erregten damit großes Gelächter. Er schtvankte eine Weile, ob er mitlachen oder sich ärgern sollte, wählte aber dann das letztere: Hab ich den Zaun umgerissen?" rief er Nein, nein," antwortete man ihm. So bezahl ich ihn auch nicht." Nein, nein." Wer aber tut's?" jammerte der Wirt, dem dicke Schweiß- tropfen auf den glänzenden Wangen standen. Wie Du die Rechnung gestellt hast, niemand: sie ist auf alle Fälle unverschämt," sagte Anton, und dankbar nickte der Bürgermeister ihm zu. Barosch jedoch, der eben sein fünftes Sckmapsgläschen leerte und gern ein sechstes auf Kredit be- kommen hätte, neigte demütig den kleinen kugelrunden Kopf auf die Seite und sagte: Warum niemand? warum nicht der, der ihn umgerissen hat? warum nicht der Bub?" Der Bub? Das wäre das wäre was haha, der Bub!" kicherte, lachte, spottete man: trotzdem aber ließ sich unschwer erkennen, daß der Vorschlag Anklang gefunden hatte. Peter bemächtigte sich seiner sogleich und beanspruchte ihn als sein Eigentum. Das war das Recht, von dem er geredet, die Genugtuung, die ihm gebührte für die Gefahr, in die der Bub ihn gebracht. Ihn, der so viel Opfermut bei Rettung der Maschine an den Tag gelegt hatte. Der älteste Rat war eben aufgewacht und fiel verdrießlich ein: mit dieser Rettung sei es ein verfluchtes Geflunker Bei dieser Rettung habe das Lokomobileins hinauf be- kommen," von dem es sich nicht erholen könne. In einem fort repariere Anton an ihm und vermöge nicht, esauf