Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 93.

Dienstag, den 16. Mai.

( Nachdruck berboten.)

28] Das Gemeindekind.

Erzählung v. Marie v. Ebner- Eschenbach . Diese Mitteilung wurde so gleichgültig aufgenommen, als sie gemacht worden war. Babel ging heim, bestellte sein Haus, sperrte es ab und begab sich beinahe fröhlichen Mutes nach dem Orte seiner neuen Bestimmung. Das wenige, das er bei der Affentierungskommission vom militärischen Wesen gesehen, hatte ihm sehr gefallen.

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Dem Schmiede wurde viel Lob zuteil wegen der wieder vollkommen hergestellten Maschine; er schien es jedoch nur ungern anzunehmen und brachte, wenn jemand damit anfing, das Gespräch sofort auf etwas anderes. Daß die Hilfe Bavels nötig gewesen war, um die Ursache des Schadens, den das Lokomobil erlitten hatte, zu entdecken, wollte ihm nicht über die Lippen.

Während Bavels Abwesenheit kam die Frage, wer die Rechnung über die Reparatur des Zaunes bezahlen solle, im Gemeinderat auf die Tagesordnung. Der Wirt ließ mit Drängen nicht nach und setzte die Erledigung der Angelegen­heit endlich durch. Stimmenmehrheit entschied: Der Bub zahlt man ist ja schon früher einig darüber gewesen.

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Wenn er aber nicht kann," wendete der Bürgermeister ein. Ach was, wie soll er nicht können? Er hat Geld, und wenn er feins hat, ist ja sein Haus da, das immerhin ein paar Gulden wert ist. Mag ihn der Wirt auspfänden lassen." Dabei blieb es, trotz des Verdrusses, den dieser Beschluß dem Bürgermeister verursachte.

Als Pavel nach der Uebungszeit heimkehrte, fand der Wirt sich schleunigst bei ihm ein, erzählte ihm, was in seiner Angelegenheit ausgemacht worden war, und endete mit der Versicherung, daß an der Sache nichts mehr zu ändern sei, und Pavel unweigerlich zahlen müsse.

Der riß die Augen immer weiter auf; es tochte in ihm, obwohl er äußerlich ganz ruhig schien. Dennoch wurde dem kleinen, dicken Wirt unheimlich beim Anblick dieser Ruhe. Wer hat denn das bestimmt, daß ich zahlen muß?" fragte Pavel.

,, Nun, die Gemeinde, der Bürgermeister, die Bauern." Der Bürgermeister, die Bauern," wiederholte der Bursche und trat einen Schritt auf ihn zu, der Wirt aber mehrere zurück.

Bahl," sagte er; wenn Du gleich zahlst, laß ich die Kreuzer nach... laß ich einen Gulden und die Kreuzer nach." ,, Set Dich und zieh den Gulden und die Kreuzer gleich von der Rechnung ab."

Der Wirt hätte gern widersprochen, wäre dieser Auf­forderung sehr gern nicht nachgekommen, aber er tat es doch und erkundigte sich dann schüchtern: Wirst Du jezt zahlen?" Eher nicht, als bis ich mit den Bauern gesprochen habe. Am Sonntag komm ich ins Wirtshaus und spreche mit den Bauern. Auf was wartest Du noch?"

Die Frage war mit einem Ausdruck gestellt, der den Wirt veranlaßte, sie nicht erst in wohlgesetter Rede, sondern sogleich mit der Tat zu beantworten und dabei nicht mehr Zeit zu verlieren, als er brauchte, um die Tür zu erreichen, die er mit vorsichtiger Geschwindigkeit hinter sich schloß.

Was soll man ihm zeigen?"

1911

Auf diese zweite Frage erhielt Anton ebenso wenig Ant­wort wie auf die erste, niemand wußte eine; trotzdem stimmten alle dem Wirte bei: Der Bub nimmt sich zu viel heraus, und man muß es" ihm einmal wieder zeigen.

Und eine kleine Karikatur der Fama sekte eine Kinder­trompete an den Mund und huschte im Dorfe umher von Haus zu Haus, von Hütte zu Hütte und verbreitete die Kunde, am Sonntag kommt das Gemeindekind ins Wirtshaus und wird dort Rechenschaft verlangen von seinen Nährvätern, und die werden ihm das geben, was ihm gebührt; sie haben sich's vorgenommen, sie werden" es" ihm einmal wieder zeigen. Worin das geheimnisvolle es" bestand, verriet die kleine Fama nicht und gab dadurch dem erwarteten Ereignis einen ganz besonderen Reiz.

Am Sonntag war das Wirtshaus überfüllt; aber der Bürgermeister erschien nicht und von den Räten nur der älteste, Peschek, ein braver Mann und auch energisch, wenn er nicht eben an Schlafsucht litt. Peter hatte sich eingefunden mit seiner zahlreichen Freundschaft". Er sah übel aus, seine Kleider schlotterten um ihn, seine Stimme war heiser, und sein Atemholen glich dem Geräusch einer arbeitenden Säge. In der dunklen Ecke neben dem Ofen hockte auf einem Schemel Virgil. Das rote Gesicht des Alten und seine fun­kelnden Augen glänzten aus dem Schatten hervor.. An die große Wirtshausstube stieß das einfenstrige Bimmerchen, in dem der Honoratiorentisch stand. Vor einer Weile hatten der Doktor und der Förster an demselben Platz genommen und den einzigen Zugang, den es hatte, die Tür ins anstoßende Gemach, offen stehen gelassen, da auch sie nicht ganz ohne Neugier den Dingen, die da kommen sollten, entgegensahen. Sie blinzelten einander zu, als der Wirt hereinglitt mit anmutig auswärts gesetzten Füßen, wie er zu tun pflegte, wenn er das Extrazimmer betrat, und lispelte: ,, Da ist er."

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Bavel trat ein, und zum allgemeinen Erstaunen fam Arnost in seiner Begleitung. Waren am Ende gute Kameraden. geworden während ihrer Dienstzeit? etwas Militärisches hatten beide angenommen. In strammer Haltung, ohne den Hut zu lüften, trat Pavel auf den Tisch der Bauern zu. Er trug ein weißes Blatt, das er langsam entfaltete, in der Hand, näherte sich Beschet, hielt es ihm vor die Augen und sprach:" Der Wirt sagt, daß der Bürgermeister und die Bauern wollen, ich soll die Rechnung bezahlen; ist das wahr?"

Kein Laut der Erwiderung ließ sich vernehmen. Beschek hatte gar nicht aufgeblickt, und Pavels Stimme klang vor Bewegung so unterdrückt, daß der Rat bei dem herrschenden Durcheinander auch wirklich tun konnte, als hätte er die Frage überhört; er klopfte mit dem geleerten Bierglas traumselig auf den Tisch und mahnte den Wirt einzuschenken.. Pavel wartete, bis das geschehen war, dann wiederholte er Wort für Wort sein Sprüchlein. Zum zweiten Male verweigerte ihm Beschek seine Aufmerksamkeit, und nun legte Pavel die Hand auf dessen Schulter und sprach fest und drohend: Ant­wortet inir!"

,, Hund!" ertönte es vom anderen Ende des Tisches; Peter hatte geredet, und in seiner Umgebung erhob sich ein bei­fälliges Gemurmel. Pavel jedoch drückte stärker, als er wußte und wollte, die Schulter des alten Rates.

Abends erzählte er seinen Gästen: Der Kerl hat Euch beim Militär ein Wesen angenommen wie ein Korporal.frag Einer der keine Courage hat, tönnt sich vor ihm fürchten, und am Sonntag will er kommen, hierher ins Wirtshaus, und mit den Bauern reden."

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Die Gäste unter denen auch Anton und Barosch sich befanden widersprachen der Behauptung, daß man Courage brauche, um sich vor Pavel nicht zu fürchten, und Barosch meinte, die Absicht, mit den Bauern zu reden, könne der Bub haben, ausführen werde er sie schwerlich: Weil," und dabei Klopfte er voll ungewohnter Hochachtung gegen sich selbst an die eingefallene Brust: weil wir mit uns nicht reden lassen." ,, Ueberhaupt," rief der Wirt, nimmt er sich in der letzten Zeit viel zu viel heraus."

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Was denn eigentlich?" fragte Anton, der bis jetzt ge­schwiegen hatte, worauf der Wirt versetzte:

,, und man soll es ihm einmal wieder zeigen."

Ob ich zahlen muß, frag ich Euch, frag ich die Bauern, ich den dort," rief er zu Peter hinüber.

Ja! ja! ja!" wetterten ihm alle unter einer Flut von Flüchen entgegen. Peschek wand und krümmte sich: ihm war der Schlaf vergangen: so wach hatte er sich lange nicht gefühlt und kaum je so hellsehend.

,, Laß mich los," drohte er zu Pavel hinauf und dachte bei sich: An dem Menschen wird ein Unrecht begangen. Ich kann Dir nicht helfen," fuhr er fort, auch wenn ich möchte... Du mußt zahlen."

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Pavel wechselte die Farbe und zog seine Hand zurück. Gut," fnirschte er, gut also."

Langfam, mit einer feierlichen Gebärde, griff er in die Brusttasche, entnahm einem Umschlage, den er bedächtig öff­nete, eine Zehngulden- Note, reichte sie samt der Rechnung dem Wirt und sprach: Saldier und gib heraus."

Eine Pause des Erstaunens entstand; das hatte nie­