Ilnterhaltungsblatt des Honvärts Nr. 103. Donnerstag oen 8. Juni 1911 (NdSdruS Betteten.) 4] pelle der Eroberer. Lehrjahre. Roman von M. Andersen Rex<5. Berechtigte Uebersetzung von Mathilde Mann . Da drauhen brach sich die Sonne auf eine eigene Weise in den Bäumen, es kam ein eigentümlicher Ton in das Ge- zwitscher der Vögel, das war um die Zeit, wo die Kühe nach dem Wiederkäuen des Nachmittags aufstanden. Und da kam ein Junge aus den kleinen Tannen heraus, er brüllte eine Melodie aus vollem Halse heraus und knallte aufs lustigste mit der Peitsche, der General des Ganzen, Pelle, der Junge, der keinen Menschen über sich hatte. Und die Gestalt, die dort über die Aecker dahergestolpert kam, um die Kühe anzupflöcken das war ja Lasset Vater Lasse, jal Er konnte nichts dafür, aber es entrang sich ihm ein Schluchzen, es überkam ihn so sinnlos.Halts Maul!" rief der Geselle drohend. Und dann war es ganz um ihn getan, er machte nicht einmal den Versuch, dagegen anzugehen. Der junge Meister kam hin und nahm etwas von dem Bort über seinem Kopf, er lehnte sich vertraulich auf Pelles Schulter, das schwache Bein hing frei und baumelte, ßr stand eine Weile da und starrte in die Luft hinaus zögernd: und diese warme Hand auf der Schulter des Knaben brachte ihn zur Ruhe. Aber von Frohwerden konnte keine Rede sein, jetzt, wo er deutlich wußte, das das Ganze Vater Lasse war so eine schreckliche Sehnsucht. Er hatte den Vater nicht gesehen, seit jenem hellen Morgen, als er selber auszog und den Alten in Einsamkeit versinken ließ: gehört hatte er auch nickst von ihm, er hatte kaum einen Gedanken zu ihm hinausgesandt. Er hatte mit heiler Haut durch den Tag hindurchzukommen und sich anzupassen: eine ganz neue Welt war da, die man absuchen, in der man sich zurechtfinden mußte. Pelle hatte ganz einfach keine Zeit gehabt; die Stadt hatte ihn ver- schlungen. Aber in diesem Augenblick stieg es vor ihm auf als die größte Treulosigkeit, die die Welt je gekannt hatte. Und in seinem Nacken fuhr es fort zu schmerzen, er mußte irgend- wo hin/ wo ihn niemand sah. Er machte sich etwas draußen auf dem Hof zu schaffen, ganz unten hinter dem Waschhaus, und kauerte sich in das Brennholzloch beim Brunnen. Da lag er und kroch in schwarzer Verzweiflung umher, weil er Vater Lasse so schändlich im Stich gelassen hatte, über all diesem Neuem und Fremden. Ja, und damals, als sie zusammen arbeiteten, war er ja auch weder so gut noch so sorg- fältig, wie er hätte sein sollen. Es war wohl im Grunde Lasse, der so alt er war sich für Pelle opferte, ihm die Arbeit erleichterte und die Lasten auf sich nahm,, obwohl Pelle die jüngeren Schultern hatte. Ein wenig hart war er auch gewesen damals, als das mit Madam Olsen über dem Vater zusammenbrach: und mit seinem gemütlichen Greisengeschwätz, wofür Pelle jetzt, wenn er ihm lausten könnte, Leben und Wohlfahrt hingeben würde, hatte er da- mals so wenig Nachsicht gehabt. Er erinnerte sich nur allzu deutlich des einen und des anderen Falles, wo er nach Lasse gebissen hatte, ihn dahingebracht hatte, sich in einem Seufzer festzufahren. Denn Lasse biß ja nicht wieder, er schwieg nur so trübselig. Nein, wie schrecklich das war! Pelle warf alle Groß- mütigkeit über Bord und gab sich der Verzweiflung hin. Was sollte er hier, wenn der alte Lasse einsam unter Fremden umherging und sich nicht schützen konnte? Da war nichts, womit er sich trösten konnte, keine Ausflucht, Pelle erkannte brüllend, daß dies Treulosigkeit war. Und wie er so dalag und verzweifelt an den Gegenständen zerrte und sich leer brüllte, wuchs ein ganz männlicher Entschluß in ihm auf: er mußte all sein Eigenes aufgeben die Zukunft und die große Welt und alles und sein Leben dafür opfern, dem Alten das Dasein angenehm zu machen. Er mußte wieder nach Stengaarden zurück! Er vergaß, daß er nur ein Kind war und eben das Essen für sich selbst verdienen konnte. Den alten krüppeligen Vater Lasse in allen Punkten decken und ihm das Leben leicht machen das war gerade, was er wollte. Und Pelle war nicht dazu angetan, daran zu zweifeln, daß er es vermochte. Mitten in seinem Zusammenbruch nahm er alle Pflichten eines starken Mannes auf sich. Wie er da lag und vergrämt mit ein paar Stücken Brenn» holz spielte, teilten sich die Hollunderzweige hinter dem Brunnen und ein Paar große Augen starrten ihn verwundert an. Es war nur Manna. Haben sie Dich geschlagen, oder warum weinst Du� fragte sie ernsthaft. Pelle wandte das Gesicht ab. Manna schüttelte die Locken zurück und sah ihn fest an: Haben sie Dich geschlagen, wie? Wie, Du? Denn dann geh ich hin und schelt sie aus!" Was geht das Dich an?" So antwortet man nicht dann ist man nicht gebildet." Ach, halt den Mund!" Dann bekam er Ruhe: drüben im Hintergrund des Gar» tens kletterten Manna und die beiden kleineren Schwestern im Spalier herum, da hingen sie und starrten unverwandt nach ihm hinüber. Aber was ging das ihn an, er wollte nichts davon wissen, sich von Frauenröcken beklagen zu lassen und sie als Fürbstter zu haben. Es waren ein paar nase» weise Dirnen, selbst wenn ihr Vater auf den großen Meeren fuhr und viel Geld verdiente: hätte er sie hier gehabt, wür- den sie Prügel von ihm besehen haben. Jetzt mußte er sich damit begnügen, die Zunge rauszustecken. Er hörte ihre entsetzten Ausrufe aber was dann? Er wollte nicht mehr zu ihnen hinüberklettern und wollte nicht mehr mit ihnen spielen, in dem Garten mit den großen Muscheln und Korallenblöckcn. Er wollte aufs Land hinaus und für seinen alten Vater sorgen! Hinterher, wenn das überstanden war. wollte er selbst in die Welt hinaussegeln und solche Sachen mit nach Hause bringen ganze Schiffs- ladungen voll! Don dem Werkstattfenster her wurde gerufen.Wo in aller Welt bleibt das Biest denn ab?" hörte er sie sagen. Er zuckte zusammen, er hatte ganz vergessen, daß er in der Schusterlehre war. Aber nun kam er auf die Beine und lief schleunigst hinein. Pelle wurde schnell mit dem Aufräumen nach Feierabend fertig. Die anderen waren auf Lustbarkeiten ausgeflogen. er stand allein oben auf der Bodenkammer und sammelte sein Hab und Gut in den Sack. Da war eine ganze Sammlung von Herrlichkeiten: Dampfschiffe aus Blech, Eisenbahnzüge und Pferde, die inwendig hohl waren, alles, was er von den unwiderstehlichen Wundern der Stadt für fünf blanke Kro- neu hatte erwerben können. Das kam in die Wäsche hinein, um keinen Schaden zu leiden, den Sack schmiß er durch da3 Giebelfenster in den schmalen Gang hinab. Nun galt es selbst durch die Küche hindurchznschlüpfen, ohne daß Jeppes Alte Unrat ahnte: sie hatte Augen wie eine Hexe und Pelle hatte ein Gefühl, als müßte ihm jeder Mensch ansehen können, was er vorhatte. Aber es ging. Er schlenderte so beherrscht, wie es ihm nur möglich war, bis an die nächste Straßenecke, damit man glauben sollte, er trage Wäsche zur Wäscherin. Dann ging er in vollen Lauf über, es war Heimatsverlangen in ihm. Ein paar Straßenjungen schrien und warfen Steine hinter ihm drein, aber das war Pelle ganz einerlei, wenn er nur entkam: allem anderen gegenüber war er abgestuinpft: Reue und Heimweh waren hart über sein Gemüt hingegangen. Es war über Mitternacht, als er atemlos und mit hacken- der Milz draußen zwischen den Wirtschaftsgebäuden von Sten- gaarden stand: er lehnte sich gegen die verfallene Schmiede und schloß die Augen, um besser zur Ruhe zu kommen. Sobald er sich verschnauft hatte, ging er von hinten in �den Kuhstall hinein und auf die Kuhhirtenkammer zu. Der Fußboden des Futterganges kam ihm so bekannt unter den Füßen vor, und nun kam er im Dunkeln an dem großen Stier vorbei. Ter sog Luft von seinem Körper ein und bließ sie weit hinaus ob er ihn noch kannte? Aber der Geruch in der Kuhhirten» kammer war ihm fremd.Vater Lasse vernachlässigte sich