Nnterhaltungsblatl des Dorivärts Nr. 122. Mittwoch, den 28. Juni. 1911 (Jladizui verbollN.Z 18] pelle der Eroberer. Lehrjahre. Roman von M. Andersen Nexö. „Herrjemine, is daS'ne Mannsperson I" rief er Jeppe zu, der hinter dem Fenster sab und sich in die Milckschüssel hineinrasierte.„Sieh mal bloß, wie er pustet l— Nu musj er hin und Gott um Verzeihung bitten von wegen der Freiereil" Jeppe kam am Fenster zum Vorschein und beschwichtigte ihn, man konnte Bruder Jörgens Fistel ja über die ganze Straße härm.„Hat er gefreit? Wie hast Du ihn dazu bloß gekriegt, den Sprung zu wagen?" fwgte er eifrig. „Ach. daS war, als wir beim Essen saßen, ich kriegt meinen Melancholschen, weil ich an das mit dem kleinen Jörgen denken mußte. Da kommt, weiß Gott , nie ein kleiner Jörgen und verpflanzt Deinen Namen weiter, sagt ich zu mir selbst, denn«Ären is'nen Waschlappen und andere hast Du nich, auf die Du bauen kannst! Und Du kannst jeden Tag, den Gott werden läßt, mit der Nase in der Luft da- liegen, und denn is das Ganze weggeblasen und umsonst. Und all dergleichen, wie Du ja weißt, daß ich denk', wenn diese Gedanken die Oberhand in mir haben. Ich saß da und sah mich bitterböse an, Sören: ja, das tat ich: denn da sitzt ein prächtiges Stück Frauenzimmer ihm gerlade gegenüber, und er sieht sie nich mal. Und da auf einmal schlag ich mit der Hand auf den Tisch und sag:„So, Sören, nu faßt Du Marie bei der Hand und fragst sie, ob sie Deine Frau werden will, denn nu will ich der Sache ein Ende machen und sehen, wo Du zu gebrauchen bistl" Sören zuckte ja zusammen und hielt die Hand hin, und Marie, die is nich uneben.„Ja, das will ich," sagt' sie und griff zu, eh er Zeit hatte, sich zu be- sinnen. Und nu machen wir bald Hochzeit." „Wenn da denn man Stiefel aus dem Leder werden," meinte Jeppe. „Ach, die hat Wärme, so wie sie gebaut isl Die wird ihn schon aufwuen. Weiber, die verstehen es, er wird nich im Bett frieren." Der alte Jörgen lachte zufrieden und ging an seine Arbeit.„Ja, die können selbst den Toten Leben ein- blasen," wiederholte er draußen aus der Straße. —-- Die anderen flogen im feinsten Staat aus, aber Pelle hatte keine Lust. Er war nicht frohgelaunt in dieser Zeit. Seinen ständigen Beschluß zu zeigen, daß er sich selbst ordentlich halten konnte, hatte er nicht durchzuführen ver- macht, das Bewußtsein seiner Niederlage saß in ihm und nagte. Und diese Löcher in den Strümpfen, die nun so groß waren, daß sie nicht mehr gestopft werden konnten, die machten sich an der Haut geltend auf eine ekelhafte Weise, so daß er Abscheu' vor sich selbst empfand. Nun zog die Jugend aus! Er sah das Meer in einem Ausschnitt unten am Ende der Straße, eS lag in völliger Ruhe da und entlieh dem Sonnenuntergang die Farben. Dann ging der Zug nach dem Hafen oder nach den See- Hügeln hin, man tanzte im Grünen, und vielleicht wurde ein Kampf um die Mädchen ausgefochtenl Aber er wollte sich nicht wie ein reudiger Hund von der Schar weghöhnen lassen, er pfiff auf die ganze Gesellschaft! Er warf die Schürze ab und ließ sich auf einem Bier- faß draußen vor der Pforte nieder. Da drüben auf der Bank saßen die alten Leute aus der Straße und rauchten ihre Pfeifen, sie plauderten über alles unter der Sonne. Jetzt läuteten die Glocken den Feierabend ein, und Madam Ras- müssen prügelte ihr Kind und schimpfte im Takt. Plötzlich verstummte das Ganze, nur das Weinen des Kindes blieb wie ein sanfter Abendgesang zurück. Jeppe erwähnte Malaga —„damals als ich auf Malaga fuhr!" aber der Bäcker Jörgen litt noch unter seinen Ent- behrungen und seufzte:„Ach ja, ach ja, wer nur in die Zu- kunft sehen könnt!" dann fing er auf einmal an. von den Mormonen zu reden.„Es könnt eigentlich ganz ulkig sein, mal zu versuchen, was die einem zu bieten haben," sagte er. „Ich Hab' geglaubt. Du wärst schon längst Mormone, Onkel Jörgen," sagte Meister Andres. Der Alte lachte. „Na, man hat ja in seiner Zeit so allerlei erlebt," sagte er und sah in die Luft hinauf. Oben in der Straße stand der Uhrmacher auf seiner Steintreppe, er wandte das Gesicht gerade aufwärts und schleuderte seine wahnsinnigen Rufe aus:„Die neue Zeit! Ich frage nach der neuen Zeit, o Gott Vater!" wiederholte er. Zwei müde Hafenarbeiter gingen vorüber.„Er will die Armut aus der Welt schaffen und uns ein neues Leben schenken. Das ist es, womit seine Verrücktheit sich abmarachtl" sagte der eine mit einem stumpfen Lächeln. „Denn hat er woll das Tausendjährige Reich in'n Kopf," meinte der andere. „Ne, er bellt bloß den Mond an," sagte der alte Jörgen hinter ihnen drein.„Wir kriegen gewiß einen Umschlag in der Witterung." „Es geht ihm augenblicklich nicht gut, dem Aermsten!" sagte Bjerregrav fröstelnd.„Um diese Zeit des Jahres hat er seinen Verstand verloren." Eine innere Stimme spornte Pelle an. Sitz doch nicht da, die Hände im Schoß, geh hinauf und sieh deine Sachen nach! Aber er konnte sich nicht dazu zwingen, es war zu un- llberwindlich geworden. Morgen riefen Manna und die andere ihn, und er konnte nicht über den Zaun zu ihnen hin- überspringen: sie hatten angefangen, kritisch die Nase zu rümpfen. Er verstand das nur zu gut, ein Ausgestoßener war er geworden, ein Subjekt, das sich nicht meho einmal ordentlich waschen mochte. Aber was nützte das: er konnte nicht fortfahren, mit dem Unüberwindlichen zu kämpfen! Niemand hatte ihn beizeiten gewarnt, und nun hatte ihn die Stadt eingesponnen und ihm selbst das Uebrige überlassen. Er hatte die Erlaubnis, das Leben abzuschütteln. Kein Mensch hatte einen Gedanken für ihn! Wenn bei Meisters gewaschen wurde, kam die Madam nicht auf den Einfall, etwas von ihm mitzuwaschen, und Pelle war nicht derjenige, der sich meldete. Die Waschfrau war bedachtsamer, sie tat es doch, wenn sie etwas Wäsche von ihm einschmuggeln konnte, obwohl sie selber dadurch mehr Arbeit hatte. Nun, sie war ja selbst arm, die andern konnten ihn nur aus- nutzen! Hier in der Stadt hatte er nicht einen einzigen Menschen, der uneigennützig war und nur soviel an sein Wohl dachte, daß er sich die Mühe machte, seinen Mund zu öffnen, um ihm die Wahrheit zu sagen. Das war ein Ge- fühl, das seinen Mann wohl matt in den Knien machen konnte, selbst wenn er fünfzehn Jahre alt war und den Mut hatte, auf einen tollen Stier loszugehen! Mehr als alles andere war es die Verlassenheit, die seinen Widerstand unter- grub. Er war hilflos allein unter diesen Menschen, ein Kind, das— wenn es nur seinen Nutzen tat— selbst dafür sorgen konnte, wie es mit alledem fertig wurde, was von allen Ecken und Enden hereinstürmte. Er saß da und ließ den Kummer kommen und in sich hineingehen, wie er wollte, während er dem Leben um sich her mit halbem Ohr lauschte. Aber plötzlich fühlte er etwas in seiner Westentasche— Geld! Das nahm ihm einen Stein vom Herzen, aber Pelle lief nicht, er schlich hinter die Pforte und zählte es. Anderthalb Kronen waren es! Er war gerade daran, es als Gabe von oben zu bitrachten, als etwas, was ihm der liebe Gott in seiner großen Güte zugesteckt hatte, aber da fiel ihm ein, daß es ja das Geld des Meisters war. Er hatte es gestern für ein Paar Damenbesohlungen bekommen und nicht daran gedacht, es abzuliefern, und der Meister hatte merkwürdigerweise ganz vergessen, danach zu fragen. Pelle stand kopfüber draußen am Brunnen in einem Kübel und schrubbte sich, so daß das Blut brannte. Dann fuhr er in seine besten Kleider, er zog die Schuhe auf die nackten Füße, um das peinliche Gefühl der durchlöcherten Strümpfe zu vermeiden. Der Gummikragen wurde zum letztenmal an das bloße Hemd angeknüpft. Nach einer Weile stand er bei dem Kaufmann und betrachtete einige große Krawatten, die eben in den Handel gekommen waren und auf vier verschiedenen Seiten getragen werden konnten: sie ver- deckten die ganze Brustöffnung, so daß man das Hemd nicht sah: nun hatte es ein Ende mit dem Verschmähtsein I Einen Augenblick lief er hin und her und sog die Luft ein: dann witterte er die Spur und rannte in sausendem Galopp nach
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28 (28.6.1911) 122
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