Anterhaltungsblatt des Horivärls Nr. 123.' Donnerstag, den 29. Juni. 1911 lZiaSdruck btxiottn.J 19] pelle der Eroberer. Lehrjahre. Noman von M. Andersen Nexö. Pelle beschloß es für sich zu behalten: viele Tage ging er umher und litt unter der eigenen Schlechtigkeit. Aber dann packte ihn die Not an der Kehle und drängte alles andere zur Seite: um sich das Notwendigste anzuschaffen, mußte er den gefährlichen Ausweg wählen: zu sagen, daß es ange- schrieben werden solle,'wenn ihm der Meister Geld für irgend etwas mitgegeben hatte. Und eines Tages brach alles über ihm zusammen. Die andern waren nahe daran, das Haus auf den Köpf zu stellen. sie warfen seine Sachen aus de? Kammer heraus und nannten ihn ein unreines Tier. Pelle weinte, er war fest überzeugt, daß er eS nicht gewesen war. sondern Peter, der sich immer mit den dreckigsten Frauenzimmern abgab, aber er konnte sich kein Gehör verschaffen. Da lief er seiner Wege mit dem Vorsatz, nie wieder zu kommen. Draußen auf den Seehügeln wurde er von{£mil und Peter eingefangen, die der alte Jeppe nach ihm ausgesandt hatte. Er wollte nicht mit ihnen zurückgehen, da warfen sie ihn nieder und trugen ihn nach Hause, einer faßte am Kopf an, der andere an den Beinen. Die Leute kamen an die Türen und lachten und fragten, die beiden gaben ihre Er- klärung, das war eine fürchterliche Schmach für Pelle. Und dann wurde er krank. Er lag unter dem Ziegel- dach und tobte im Fieber, dort hatten sie ein Bett hin- geworfen.Was, is' er noch nich' auf?" sagte Jeppe erstaunt, wenn er in die Werkstatt hineinkam.«Na. er wird schon auf- steh'n, wenn er man erst hungrig wird." Es war keine Sitte, kranken Lehrlingen Essen ans Bett zu bringen. Aber Pelle kam nicht herunter. Eines Tages überwand sich der junge Meister und trug ihm Essen hinauf.Du machst Dich lächerlich," höhnte Jeppe, auf die Weise wirst Du nie Leute halten können!" Und die Madame schimpfte. Aber Meister Andres pfiff, bis er außer Hörweite kam. Der arme Pelle lag da und erging sich in Phantasien, sein kleiner Kopf konnte nicht soviel fassen: jetzt war der Rückschlag eingetreten, und er lag da und schwelgte in alledem, woran es ihm gebrach. Der junge Meister saß viel oben bei ihm und wurde sich über vieles klar. Es war nicht seine Art, irgend etwas mit Nachdruck durchzusetzen, aber er erreichte es doch, daß für Pelle im Hause gewaschen werden sollte: und er sorgte dafür, daß nach Lasse geschickt wurde. 8. Jeppe war so ungefähr mit der halben Insel verwandt, aber es interessierte ihn nicht immer gleich stark, die Per- wandtschaft zu entwirren. E» war eine leichte Sache für ihn, ganz oben bei dem Stammvater der Familie anzufangen und das Geschlecht bis zweihundert Jahre hindurchzuführen>, die einzelnen Mieder vom Lande in die Stadt, über das Meer und zurück zu verfolgen und nachzuweisen, daß Andres und der Stadtrichter Vettern zweiten Grades sein müßten. Aber wenn dann irgend ein kleiner Mann sagte:Wie war es doch, waren nicht mein Vater und der Meister Geschwister- kinder?" so antwortete Heppe kurz:Mag sein, aber die Sache wird allmählich zu dünne, dies' Verwandtschaft." Dann sind Sie und ich ja weiß Gott , Halbvettern, und Sie sind auch mit dem Stadtrichtcr verwandt!" sagte Meister Andres, der andern gerne eine Freude gönnte. Die Armen sahen ihn dankbar an und fanden, daß er so gute Augen hatte ein Jammer, daß es ihm nicht vergönnt sein sollte zu leben. Außerdem war Jeppe düch der älteste Handwerksmeister in der Stadt und unter den Schustern hatte er die größte Werkstatt. Tüchtig war er auch, oder vielmehr, er war es gewesen. Er besaß noch die Handfertigkeit der alten Zeit, wo es sich um schwierige Gebiete handelte, um die die Ent- Wickelung gern den Weg herumlegte, oder über die sie mit einer Erfindung hinwegsetzte. Zungen- und Zugstiefel hatten das Walken überflüssig gemacht, aber die gute Kunst hatts noch ihren guten Ruf. Und wenn irgend ein alter Knopf zu dem Meister kam. und Halbstiefel aus Fettleder ohne di« neumodischen Teufelskünste haben wollte, so mußte er zu Jeppe gehen, niemand konnte einen Spann walken wie er, Auch wenn es auf die Behandlung des dicken SchmierlederS zu Seestiefeln ankam, lvar Jeppe der Mann. Eigensinnig war er auch, und lehnte sich hartnäckig gegen alles Neue auf, wo alle andern sich verlocken ließen. Dadurch wurde er noch mehr der Träger der alten Zeit, und man hatte Respekt vor ihm« Die Lehrlinge waren die Einzigen, die ihn nicht respek- tierten. sie taten alles, um ihn totzuärgern, als Vergeltung für seine harte Fachhand. Alles legten sie darauf an, ihn zu foppen, die selbstverständlichsten Dinge führten sie auf eine verblümte Art aus, um den alten Jeppe mißtrauisch zu machen; wenn er sie dann ausspionierte, und sie bei etwas ertappte, das sich als nichts ettvies, hatten sie einen großen Tag. Was soll das heißen? Wo willst Du ohne Erlaubnis hin?" fragte Jeppe, wenn einer von ihnen aufstand, um in den Hof hinauszugehen: er vergaß immer wieder, daß die Zeiten sich verändert hatten. Sie antworteten nicht, und dann geriet er in Harnisch.Ich bitt' mir Respekt aus!" rief er und stampfte auf den Fußboden, so daß der Staub um ihn aufwirbelte. Meister Andres erhob langsam den Kopf.Was hast Du nur einmal wieder, Vater?" fragte er müde. Dann stürzte Jeppe hinaus und wütete gegen die neue Zeit. Wenn Meister Andreas und der Gehilfe nicht zugegen waren, ergötzten sie sich damit, den Alten in Wut zu ver- setzen, das wurde ihnen nicht schwer, er erblickte überall Auf- sassigkeit. Dann griff er nach einem Spannriemen und fing an, darauf loszuprügeln, während der Sünder die merk- würdigsten Grimassen schnitt und einen sonderbar gluck- senden Laut von sich gab.Da, nimm das, obwohl es mir leid tut, zu harten Mitteln zu greifen!" fauchte Jeppe.Und auch das!-- und das! Denn das gehört mit dazu, wenn das Fach bestehen soll." Dann versetzte er dem Jungen etwas, das schwach an einen Fußtritt erinnern konnte, und stand da und rang nach Atem.Du bist ein schwieriger Junge, willst Du das eingestehen?"Ja, meine Muter schlug jeden zweiten Tag einen Besenstiel auf mir kgput," antwortete Peter, der Schurke und Schnok.Ja, da siehst Du's! Aber es kann noch alles gut werden! Die Grundlage ist ja nicht schlecht!" Jeppe trippelte hin und her, die Hände hinten auf dem Rücken. Den Rest des Tages war er feierlich gestimmt und bemühte sich, die bleibenden Spuren der Strafe zu ver- wischen.Es war ja nur zu Uuerm eigenen Besten!" sagte er versöhnlich.>> Jeppe war ein leiblicher Vetter des verrückten Anker. aber er machte am liebsten keinen Gebrauch davon: der Mann konnte ja nicht dafür, daß er verrückt war, aber er lebte schimpflicherwcise davon, Sand auf der Straße zu verkaufen, ein fachgelernter Bürger! Tagtäglich sah man Ankers lange, dünne Gestalt auf der Straße mit einem Sack voll Sand über dem fachen Nacken; er trug einen grauen Twist- anzug und weißwollene Strümpfe, das Gesicht war leichen- fahl. Es war keine Faser Fleisch an ihm.Das kommt von all dem Grübeln," sagten die Leuteseht doch den Adjunkt an!" In der Werkstatt ließ er sich nie mit seinem Sandsack blicken, er war bange vor Jeppe, der jetzt der Aelteste der Fa- inilie war. Sonst ging er mit seinen klappernden Holzschuhcn überall ein und aus: und die Leute kauften von ihm, da sie doch Fußbodensand haben mußten, und sein Sand ebenso gut war wie der aller andern. Er brauchte fast nichts für seinen Unterhalt, die Leute behaupteten, er nähme niemals Nahrung zu sich, sondern ernähre sich von innen heraus. Von dem Geld, was er einnahm, kaufte er Hilfsmittel fürdie neue Zeit" und was dann noch übrig blieb, warf er in seinen großen Augenblicken von seiner hohen Treppe herab. Die Straßenjungen kamen immer gelausen, wenn der Ruf ver- kündete, daß der Wahnsinn mit der neuen Zeit über ihn ge- kommen war. Er und Bjerregrav waren Jugendfreunde, sie waren früher unzertrennlich gewesen und keiner wollte seine Pflicht