Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 125.
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Sonnabend, den 1. Juli.
KRagdrid berboten.
Pelle der Eroberer.
Lehrjahre,
Seit jenem Tage wurden die beiden unzertrennlich! Die Freundschaft brauchte nicht erst an Stärke zu wachsen, sie stand da und beschattete sie mächtig, magisch aus den Herzen hervorgezaubert. In Mortens schönem, bleichen Antlig lag etwas Namenloses, das das Herz in Belle pochen machte. Alle bekamen auch eine fanftere Stimme, wenn sie mit ihm Sprachen. Pelle begriff offengestanden nicht, was an ihm felber anziehend sein konnte; aber er badete sich in dieser Freundschaft, die wie wohltuender Regen auf seinen verHeerten Sinn fiel.
Morten stellte sich auf der Werkstatt ein, sobald Feierabend war oder stand oben an der Eecke und wartete, sie Tiefen immer, wenn sie sich treffen wollten. Wenn Pelle noch nach Feierabend arbeiten mußte, ging Morten garnicht aus, sondern saß auf der Werkstatt und unterhielt ihn. Er las Sehr gern und erzählte Pelle von der Handlung in den Büchern.
Durch Morten fam Pelle Jens auch näher und entdeckte, daß er viel gute Eigenschaften unter den verhuzelten hatte. Jens hatte ja das verzagte, zerbrochene Wefen, worin Kinder instinktiv ein berachtetes Heim wittern. Belle hatte im Grunde vermutet, daß sie aus der Armenkasse unterstützt türden; er begriff es nicht, wie ein Junge darunter leiden Fonnte, daß sein Vater ein Hüne war, der der ganzen Stadt Schreden einjagte. Jens war so dick an der Nasenwurzel und sah schwerhörig aus, wenn jemand ihn anredete:„ Er hat so viel Prügel vom Vater gekriegt," sagte Morten. Bater Tonnt' ihn nicht aussteh'n, weil er dumm is'." Klug war er nicht, aber er konnte die wunderlichsten Melodien mit den bloßen Lippen pfeifen, so daß die Leute stillstanden und ihm lauschten.
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Belle hatte nach seiner Krankheit jetzt ein eigenes Ohr für alles; er ließ nicht mehr unbekümmert wie ein Kind die Wellenschläge über sich hingehen, sondern streckte selbst Fühler aus, er suchte etwas. Gar zu einfach hatte sich alles für ihn gestaltet, gar zu handgreiflich geradeaus war sein Traum bom Glück aufgebaut: er mußte leicht zerplagen, und dann war nichts weiter dahinter, was trug. Jezt hatte er das Bedürfnis, fich besser zu unterbauen, er forderte Nahrung bon weiter her, und seine Seele war im Begriff, fich hinausBuwagen; ganz hinaus in das Ungeahnte ließ er seine Fäden treiben, um sich zu befestigen. Das Ziel seines Sehnens mußte in das Unbekannte hinaus, sein Grauen holte er jetzt aus dem großen, mystischen Dadraußen, wo die Umrisse des tätfelhaften Gottesangesichts verborgen liegen.
Der Gott der biblischen Geschichten und der Seften war für Belle nur ein Mensch gewesen, ausgestattet mit Bart und Gerechtigkeit und Gnade und dem Ganzen; er war nicht übel, aber die Kraft konnte doch noch stärker sein. Bisher hatte Belle feinen Gott nötig gehabt, sondern hatte nur dunkel feine Zugehörigkeit zu der Alliebe gespürt, die sich aus den Stinkenden Bumpenbündeln erhebt und den Himmel überSchattet in den wahnwitzigen Träumen der Berarmten, die aus tausend bitteren Entbehrungen eine Pilgerwanderung mach dem gelobten Lande erschaffen. Aber nun suchte er das, was sich nicht fagen läßt das tausendjährige Reich des Wortes erhielt seinen eigenen Klang in seinen Ohren.
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1911
Gegenden schweiften, wohin fein anderer gelangen konnte Belle fühlte das Angesicht des unbekannten Gottes, aus dem Nebel auf sich herabstarren.
Er war nach feiner Krankheit ein anderer geworden, feine Bewegungen hatten mehr Nachdenken bekommen, mitter in seinem runden Kindergesicht waren markierte Züge empore gefproßt. Die beiden Wochen Krantenlager hatten die Sorgen von ihm geschüttelt und sie als Ernst in feine Person eins gegraben. Er ging still umher, ging und umgab sich in Ein famkeit und beobachtete den jungen Meister, auf seine eigene nachdrückliche Weise. Er hatte den Eindruck, daß der Meisten ihn auf die Probe stellte, und das tat ihm weh. Er wußte bei sich selbst, daß das, was vor der Krankheit lag, sich nie. mals wiederholen konnte und wand sich fürchterlich unteg dem Verdacht.
Eines Tages fonnte er es nicht länger ertragen. Es nahm die zehn Kronen, die ihm Lasse gegeben hatte, um sich einen gebrauchten Winterüberzieher dafür zu kaufen, ging damit zu dem Meister in die Zuschneidekammer und legte sie auf den Tisch. Der Meister sah ihn mit seinem verwun derten Geficht an, aber in seinen Augen dämmerte es. Was zum Teufel soll das?" fragte er langgezogen. Das ist Meisters Geld," sagte Belle mit abgewandtem Gesicht.
Meister Andres ließ seinen träumerischen Blick auf ihm ruhen. Der kam schon wie aus einer anderen Welt, und auß einmal verstand Pelle, was alle sagten, daß der junge Meister sterben müsse. Da brach er in Tränen aus.
Aber der Meister selbst verstand es ja nicht.
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Zum Kudud auch das macht ja nichts, Du!" und ließ den Behnkronenschein in der Luft tanzen.„ Herr, Du meines Lebens, so viel Geld! Du bist aber nicht billig!" Er stand da und wußte weder aus noch ein, die Hand hatte er auf Pelles Schulter gelegt.
" Es stimmt," flüsterte Belle, ich habe es genau aus gerechnet. Und der Meister muß mir nicht mißtrauen, ich will auch nie wieder-"
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Meister Andres machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand, er wollte etivas sagen, befam aber im selben Augen blid einen Hustenanfall. Du Teufelsjunge," ftöhnte er und lehnte sich schwer gegen Belle, er war blaurot im Geficht. Dann kam das Erbrechen, der Schweiß perlte ihm über die Stirn. Er stand eine Weile da und ließ, nach Luft schnap pend, das Leben wieder in sich zurückrinnen, steckte Belle dann das Geld zu und schob ihn zur Tür hinaus.
Belle war ganz niedergeschlagen Die Gerechtigkeit hatte ihren Lauf nicht gehabt, und was würde dann aus der Recht fertigung? Er hatte sich mächtig dazu gefreut, die ganze Schande jetzt los zu werden. Aber am Spätnachmittag rief der Meister ihn zu sich herein in die Zuschneidekammer. Du, Belle," sagte er vertraulich. ich möchte gern mein Loos erneuern, hab' aber kein Geld, kannst Du mir nicht die zehn Kronen auf eine Woche leihen?" So tam es doch, wie ea kommen sollte, es war seine Absicht, jetzt alle Schande vor sich abzutun.
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Jens und Marten halfen ihm dabei; sie waren jekt ihrer drei, und Pelle hatte ein Gefühl, als habe er ein ganzes Heen im Rücken. Die Welt war nicht kleiner geworden und nicht weniger anziehend als früher durch die endlosen Niederlagen des Jahres. Von Grund aus und bis dahin, wo er selber stand, hatte Pelle sein sicheres Wissen und das war bitter genug. Da unten lag nichts im Nebel, die Blasen, die hin und wieder an die Oberfläche aufstiegen und zerplatten, versezten ihn in fein mystisches Staunen über die Tiefe. Aber er fühlte Anker war ja verrückt, wenn die andern es sagten; wenn sich auch nicht bedrückt dadurch, bedrückt von dem, was so war, fie lachten, dann lachte Pelle mit, aber es blieb etwas in wie es eben sein mußte. Und über ihm wölbte sich die andere ihm zurüd, in erster Linie Neue darüber, daß er mitgelacht Halbkugel der Welt in himmelblauer Verwunderung und hatte. Pelle selbst wollte auch von seiner hohen Treppe herab stimmte noch einmal wieder ihr fröhliches:" Drauf los!" an. Geld in die Grabbel werfen, wenn er reich würde; und fabelte In seiner Einsamkeit hatte Belle oft seine Zuflucht zu Anker mit seltsamen Worten von einer Glückszeit für alle dem kleinen Haus am Friedhof genommen, wo Dues in zwei Armen, Vater Lasses Seufzer hatte doch von demselben fleinen. Stuben hausten. Es war immer eine Art von Trost, wieder geklungen, so lange er zurüddenken konnte. Der bekannte Gesichter zu sehen, irgendwelchen Nutzen von ihnen Grund von des Knaben Wesen wurde auch von demselben hatte er sonst nicht; Due war nett genug, aber Anne dachte heiligen Schauer berührt, der Lasse und den andern da nur an sich, und wie sie am besten vorwärts kommen könnten draußen auf dem Lande verbot, über Wahnsinnige zu lachen; Due hatte eine Anstellung als Kutscher bei einem Fuhrherrn denn Gottes Finger hatte sie berührt, so daß ihre Seelen in und sie schienen das Notwendige zu haben.