Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 155.

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Sonnabend, den 12. August.

Pelle der Eroberer.

Lehrjahre.

Roman von M. Andersen Nero. Ein alter weißbärtiger Mann bestieg die Rednertribüne hinten im Saal. Das ist er selber," flüsterten fie rings­umber und beeilten sich auszuhusten und die Kleinen zu ver­anlaffen, den Mund leer zu essen. Er nahm das Weinen des Kleinen Kindes zum Ausgangspunkt: Mutter, ich bin so hungrig!" Das sei die Stimme der Welt, der große, schreck liche Ruf, in den Mund eines Kindes gelegt. Er sähe nicht einen einzigen, der sich nicht unter diesem Rufe aus dem Munde seiner Nächsten gewunden habe, und aus Angst, ihn wieder zu hören, sich das Brot fürs ganze Leben habe sichern wollen und zurückgeschlagen sei. Sie fähen nur nicht Gottes Hand, wenn dieser liebevoll den nackten Hunger in einen Hunger nach Glück umwandle. Sie seien ja die Armut, und die Armen sind Gottes auserwähltes Volk. Deswegen müßten fie in der Wüste wandern und blind fragen: o ist das Land?" Aber der Lichtschimmer, dem sie vertraulich folgten, sei nicht das irdische Glück! Gott selber führe sie rund herum, bis ihr Hunger zu dem rechten Hunger ge läutert sei, zu dem Hunger der Seele nach dem ewigen Glück! Sie berstanden nicht viel von dem, was er sagte; aber Seine Worte lösten etwas in ihnen aus, so daß sie in lebhafte Unterhaltung über die alltäglichen Dinge gerieten. Plöblich aber schwieg das heiße Summen, ein kleiner, budliger Mann war auf eine Bank geklettert und fah mit lächelnden Augen über sie hinaus. Das war Sort, der Wanderschuhmacher aus Bywangen.

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Wir wollen fröhlich sein," sagte er und setzte ein drolli­ges Geficht auf. Gottes Kinder sind immer fröhlich, mit wie viel Bösem sie auch zu kämpfen haben, und sie kann fein Un­glück treffen. Gott ist die Freude!" Er fing an zu lachen, ausgelassen wie ein Kind; und alle lachten mit, der eine steckte den andern an. Sie konnten sich nicht beherrschen, es war, als sei eine ungeheure Lustigkeit über das Ganze hin­weggegangen. Die kleinen Kinder sahen die Erwachsenen an und lachten, so daß es in ihren Fleinen Stehlen von Schleim und Husten kochte. Er ist ein richtiger Clown," sagten die Männer zu ihren Frauen, während ihr Gesicht ein breites Lächeln war. Aber er hat ein gutes Herz!"

Auf der Bank neben Belle saß eine stille Familie, Mann und Frau und drei Kinder, die wohlerzogen durch ihre Kleinen, hautlosen Nasen atmeten. Die Eltern waren fleine Leute und es lag etwas nach innen Gewandtes über ihnen, als seien fie beständig bemüht, sich noch fleiner zu machen. Belle kannte fie ein wenig und kam ins Gespräch mit ihnen. Der Mann war Tonarbeiter, und sie wohnten in einer der elenden Hütten draußen bei Krafts".

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war, wenn man quch einmal ein schönes Geschenk machte, ein Geschenk, das soviel Wert war, wie ein Verdienst in zwei Wochen das hatte er vor Gericht erklärt. Schafskopf, sagte Jeppe immer noch, wenn die Rede darauf kam, da friegt solche elende Laus plöglich Größenwahn und will groß­artige Geschenke machen, wenn es noch für die Braut gewesen wäre! Aber für seine Frau! Na, er hat seine Strafe bis auf den letzten Tag verbüßt, trop Andres." Ja, die Strafe hatte er gründlich auskosten müssen, nicht einmal hier wollte jemand neben ihm sitzen! Belle fah ihn an und wunderte sich darüber, daß er selber so ziemlich über die seine hinweggekommen war. Die Erinnerung in ihm lag nur noch in den Augen der Leute, wenn sie mit ihm sprachen. Aber jest ging Schmied Dam hin und setzte sich neben den Stehle- Jakob, und sie saßen Hand in Hand da und flüsterten. Und da drüben saß eine und nickte Belle so freundlich zu. Das war die mit den Tanzschuhen; der junge Mann hatte sie wieder verlassen, und nun war sie hier gestrandet, mit ihrem Tanz war es aus. Aber sie war dankbar gegen Belle, sein Anblick hatte füße Erinnerungen in ihr wachge­rufen; das sah man der Stimmung an, die über Mund und Augen lag.

Belle selbst ward weicher zu Sinn, während er hier faß. Etwas in ihm schmolz; ein stilles, verhaltenes Glücksgefühl beschlich ihn. Das war ja auch ein Mensch, der in seiner Schuld zu sein glaubte, obwohl ihr alles in die Brüche ge

gangen war.

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Als sich die Versammlung um halb zehn Uhr trennte, stand sie draußen im Gespräch mit einer Frau. Sie tam auf Belle zu und gab ihm die Hand. Wollen wir nicht ein Etüd zusammen gehen?" fragte sie. Sie kannte offenbar seinen Zustand, er las Mitleid in ihrem Blick. Komm mit mir," sagte fie, als ihre Wege fich trennten. Ich hab ein Stück Bratwurst, das gegessen werden muß. Und wir sind ja alle beide einsam."

Zögernd ging er mit, ein wenig feindlich diesem Neuen und Fremden gegenüber. Als er aber erst in ihrer kleinen Stube saß, fühlte er sich dort sehr wohl. Zierlich und weiß stand das Bett an der Wand. Sie selber ging im Zimmer hin und her und briet die Bratwurst im Ofen, während sie unverzagten Herzens darauf losplauderte. Der geht nicht alles so leicht in die Brüche, dachte Pelle und sah sich ganz froh an ihrer Gestalt.

Sie hielten eine vergnügliche Mahlzeit ab, und Belle wollte sie in seiner Dankbarkeit umarmen, aber sie schob seine Hände fort. Spar Dir das auf," fagte sie lächelnd. Ich bin eine ältliche Witwe und Du bist nichts weiter als ein Kind. Willst Du mir eine Freude machen, so finde Dich selbst wieder! Es ist unrecht, daß Du so herumgehst und faulenzit, so jung und nett, wie Du bist! Jetzt geh nur nach Hause, denn ich muß morgen früh auf und an meine Arbeit geben."-- Belle besuchte sie fast jeden Abend. Sie hatte eine effige Angewohnheit, an seiner Schlaffheit zu rütteln, war aber dafür auch wieder stärkend durch ihre fich immer gleich bleibende schlichte Weise, alles hinzunehmen. Sie verschaffte ihm hin und wieder ein Stück Arbeit und freute sich immer, wenn sie ihr ärmliches Essen mit ihm teilen konnte. Eine wie ich hat das Bedürfnis, hin und wieder einmal eine Mannsperson an ihrem Tischende zu haben," sagte sie. Die Finger laß nur davon, Du bist mir nichts schuldig."

Ja, das ist wahr mit dem Glück," sagte die Frau, Ein­mal träumten wir ja auch davon, ein wenig borwärts zu Tommen, so daß wir unser Auskommen gesichert hätten; wir Scharrten auch ein wenig Geld zusammen, das uns gute Leute borgten, und richteten einen kleinen Laden ein, dem ich vor­stand, während Bater auf Arbeit ging. Aber es wollte nicht gehen, niemand stüßte uns, wir bekamen schlechtere Waren, weil wir arm waren, und wer macht sich wohl etwas daraus, bei armen Leuten zu kaufen. Wir mußten die Sache auf geben und faßen tief in Schulden, an denen wir noch jetzt abzuzahlen haben, fünfzig Dere jede Woche, und dabei können wir bleiben, solange wir leben, denn die Zinsen summen sich ja fortwährend auf. Aber ehrliche Leute sind wir doch, Gottsch habe nichts weiter als dies," sagte Belle und schämte Bob" schloß sie. Der Mann beteiligte sich nicht an der Unter sich einmal wieder. haltung.

Ihre letzte Bemerkung war vielleicht durch einen Mann beranlaßt, der still eintrat und sich auf eine Bank im Hinter grund drückte; denn er war fein ehrlicher Mann, Er hatte wegen Diebstahl bei Wasser und Brot gesessen; es war der Stehle- Jakob", der vor ungefähr zehn Jahren die Fenster­Scheibe von Meister Jeppes guter Stube eingedrückt und ein Baar Backschuhe für seine Frau gestohlen hatte. Er hatte bon einem feinen Mann gehört, der seiner Braut ein solches Paar geschenkt hatte, und da wollte er doch versuchen, wie es

Sie bemäkelte auch seine Kleider. Das fällt Dir ja bald alles vom Leibe herunter, warum ziehst Du nicht was anderes an und läßt mich das nachsehen?"

Am Sonnabendabend mußte er aus seinen Zumpen raus und splitternackt in das Bett kriechen. Da half fein Weigern; fie nahm das Hemd und alles andere und steckte es in einen Kübel Wasser. Die halbe Nacht brachte sie da­mit zu, alles zu säubern. Belle lag im Bett, das Dedbett bis an das Kinn heraufgezogen und jah ihr zu. Ihm war so wunderlich zu Mute; sie hängte die ganze Geschichte zum Trocknen ar den Ofen und richtete sich selbst dann ein Lager auf ein paar Stühlen her. Als er mitten am Vormittag erwachte, saß sie am Fenster und flickte seine Kleider,