Nnlerhalwngsblatt des Horwärts

Nr. 157.

Mittwoch den 16. August.

1911

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(Nachdruck verbolen.1 Pelle cler Eroberer. Lehrjahre. Roman von M. Andersen Nexö. < Jetzt wardie Kraft" am Ziel, er hatte die Hand zum Griff ausgestreckt, plötzlich wurde er von einer unsichtbaren Hand von der Lunte weggehoben, schwebte sanft hintenüber durch die Luft wie ein Ballonmensch und fiel auf den Rücken. Das Dröhnen ließ auf einmal alles verschwinden. Als die letzten Brocken gefallen waren, liefen sie hinab;die Kraft" lag ausgestreckt auf dem Rücken und sah ruhig zum Himmel empor. Die Mundwinkel waren ein wenig blutig und aus einem kleinen Loch in dem einen Ohr sickerte das Blut heraus. Die beiden Betrunkenen hatten Feinen Schaden genommen. Sie erhoben sich ganz verwirrt ein paar Schritte hinter dem Explosionsort.Die Kraft" wurde in die Scheune getragen und während nach dem Arzt geschickt wurde, riß Emil einen Fetzen von seiner Bluse und goß Branntwein darauf, den legten sie ihm hinter das Ohr. Er schlug die Augen auf und schloß sie wieder. Sein Blick war so klug, daß jeder wußte, er hatte nicht mehr lange zu leben.Es riecht hier nach Schnaps," sagte er,wer spendiert einen Schluck?" Emil reichte ihm die Flasche und er leerte sie. Es schmeckt doch gut," sagte er leise.Nun habe ich, ich weiß nicht wie lange, keinen Branntwein angerührt, aber was hilft das alles. Der arme Mann muß Branntwein trinken, sonst taugt er zu nichts. Es ist kein Spaß, ein armer Mann zu seinl Eine andere Rettung gibt es nicht für ihn. Das habt Ihr bei Ström und Olsen gesehen. Betrunkene kommen niemals zu Schaden. Sind sie Wohl zu Schaden gekommen?" Er versuchte den Kopf aufzurichten. Ström trat vor.Hier sind wir," sagte er mit heiserer Stimme, aber ich würde viel dafür geben, wenn wir beide in die Hölle gereist wären, statt daß dies geschehen mußte. Nie- wand von uns hat es gut mit Dir gemeint, Du!" Er streckte die Hand aus. Aberdie Kraft" konnte die seine nicht er- heben. Er lag da und starrte zu dem durchlöcherten Stroh- dach empor.Es ist zwar hart genug gewesen, zu den Armen zu gehören," sagte er,und gut, daß es vorbei ist. Aber Ihr seid mir keinen Dank schuldig. Warum soll ich Euch wohl im Stich lassen und das Ganze selbst für mich nehmen? Sieht dasder Kraft" ähnlich? Freilich war der Plan mein! Aber hätte ich ihn allein ausführen können? Nein, behaltet nur alles Geld. Ihr habt es redlich verdient.Die Kraft" will nicht mehr haben, als irgendein anderer, wo wir doch alle gleich viel gearbeitet haben." Mit Mühe erhob er die Hand und machte eine großmütige Bewegung. Ach, er glaubt, daß er der Hafenbaumeister ist," sagte Ström,er redet irre. Ob ihm nicht ein kalter Umschlag gut tun würde?" Emil nahm den Eimer, um frisches Wasser zu holen.Die Kraft" lag mit geschlossenen Augen und einem schwachen Lächeln da, er glich einem Blinden, der lauscht.Wißt Ihr wohl noch," sagte er, ohne die Augen zu offnen,wie wir gearbeitet und gearbeitet haben und doch kaum das tägliche Brot schaffen konnten? Die Großen saßen da und fraßen alles auf, was wir hervorbringen konnten; trenn wir das Werkzeug niederlegten und unseren Hunger stillen wollten, war da nichts. Unsere Gedanken stahlen sie, und hatten wir eine hübsche Braut oder eine junge Tochter, so konnten sie auch die gebrauchen, selbst unsere Krüppel ver- schmähten sie nicht. Aber jetzt ist das vorbei und wir wollen uns freuen, daß wir es erleben; es hätte ja noch lange dauern können. Mutter wollte es auch gar nicht glauben, als ich ihr erzählte, daß die bösen Tage bald vorüber wären. Aber nun seht einmal: Bekomme ich nicht ebensoviel für meine Arbeit, wie der Doktor für seine? Kann ich nicht meine Frau und Tochter halten und Bücher haben und mir ein Klavier hinstellen so wie er? Ist es nicht auch etwas Großes, der Hände Arbeit zu verrichten? Karen hat jetzt Klavierstunden, das habe ich mir immer gewünscht, denn sie ist schwach und kann keine harte Arbeit vertragen. Ihr sollt nur mit nach Hause kommen und sie spielen hören! Sie faßt so leicht auf! Armer Leute Kinder haben auch Talente, bloß daß keiner es beachtet."

Herr Gott, wie er redet!" sagte Ström weinend.>,Es ist ja beinahe, als wenn er Delirium hätte." Pelle beugte sich überdie Kraft" hinab.Jetzt solltest Du klug fein und schweigen," sagte er und legte ihm etwas Nasses aus die Stirn. Das Blut sickerte schnell hinter den Ohren des Verwundeten hervor. Laß ihn doch reden," sagte Olsen.Er hat ja jetzt seit Monaten kein Wort mehr gesprochen und hat wohl das Be- dürfnis, sich mal zu reinigen. Lange macht er es wohl auch nicht mehr!" Jetzt bewegtedie Kraft" die Lippen nur noch schwach, das Leben blutete langsam aus ihm heraus.Bist Du naß geworden, kleine Karen," murmelte er.Ach was, das trocknet ja wieder! Und nun geht es Dir gut, nun kannst Du nicht klagen. Ist es fein, ein Fräulein zu sein? Sag mir nur alles, was Du Dir wünschst. Wozu auch bescheiden sein? Wir sind es lange genug gewesen! Handschuhe für die entzwei gescheuerten Finger, ja ja! Aber da mußt Du mir auch etwas vorspielen. Spiel das schöne Lied: Von der frohen Wanderung durch das Erdenland, das von dem tausend- jährigen Reich!" Leise fing er an, mitzusummen; er konnte den Kops nicht mehr zum Takt bewegen, da zwinkerte er mit den Augen; und nun brach sich sein Summen Bahn und ward zu Worten. Irgend etwas zwang die andern unwiderstehlich, mitzu- singen: vielleicht war es der. Umstand, daß es ein geistliches Lied war. Pelle führte mit seiner klaren Stimme an; er war auch der, der die Worte am besten auswendig wußte: Schön ist die Erde, Prächtig ist Gottes Himmel, Schön ist der Seele Pilgergang, Durch die lieblichen Reiche auf Erden Gehen wir zum Paradies mit Gesang. Die Kraft" sang immer stärker, als wolle sie Pelle über- tonen. Sein einer Fuß war in Gang gekommen und trat nun den Takt. Er lag mit geschlossenen Augen da, wiegte blind den Kopf zum Gesänge und glich jemandem, der bei einer umnebelten Orgie den letzten Senf dazu geben muß, ehe er unter den Tisch gleitet. Das Blutwasser lief ihm aus den Mundwinkeln. Zeiten sie kommen. Zeiten sie rollen, Mensch auf Mensch geht den Erdengang. Rimmer verstummen, Töne vom Himmel, In der Seele frohem Pilgergesang. «Die Kraft" verstummte, sein Kopf hing auf die eine Seite nieder; im selben Augenblick schwiegen auch die andern. Sie saßen im Stroh und starrten ihn an. Sein letztes Wort hing noch in ihren Ohren, wie ein törichter Traum, der sich wunderlich mit dem Siegesklang des Liedes vermischte. Sie fühlten alle dieselbe stumme Anklage des Toten und richteten sie in der UnHeimlichkeit des Augenblicks gegen sich selber. Ja, wer weiß, wozu man es hätte bringen können," sagte ein zerlumpter Bursche und kaute grübelnd auf einem Strohhalm. Aus mir wird doch nie etwas," sagte Emil mißmutig. Mit mir ist es immer zurückgegangen. Ich war in der Lehre und als ich Geselle wurde, gaben sie mir einen Fuß- tritt; ich hatte fünf Jahre meines Lebens vertrödelt und konnte nichts. Pelle, der wird schon vorwärts kommen." Verwundert erhob Pelle den Kopf und sah ihn ver« ständnislos an. Was nützt es wohl, wenn ein armer Teufel versucht, in die Höhe zu kommen, er wird doch nur wieder herunter- gestoßen," sagte Olsen.Seht nur maldie Kraft" an. Hatte wohl irgend jemand größere Anrechte als er? Nein, die Großen erlauben nicht, daß wir andern in die Höhe kommen!" Und haben wir selbst es vielleicht erlaubt?" murmelte Ström.Wir sind immer bange, wenn einer von unfern eigenen Leuten an uns vorüberfliegen will." Ich verstehe nicht, daß nicht alle Armen gegen die andern zusammenhalten, wir leiden doch denselben Schaden,"