AnterhaltungMatt des Nr. 153. Donnerstag den IT. August 1911 t?l»»drulk oerbotfn.) 64} pelle der Eroberer. Lehrjahre. Roman von M. Andersen N e x ö. >Jch will bloß meine Abrechnung haben," entgegnete Pelle was er weiter wollte, wußte er auch nicht. Und dann ging er nach Hause und brachte sein Zimmer in Ordnung. Es glich einem Schweinekoben. Er begriff nicht, wie er die Unordnung hatte aushalten können. Währenddessen sann er verdrossen auf einen Ausweg. Es war sehr bequem ge- Wesen, zu dem Abschaum der Menschen zu gehören und zu wissen, daß man jetzt nicht tiefer sinken konnte; aber es gab ja vielleicht doch noch irgendeine Möglichkeit. Emil hatte die dummen Worte gesagt, was meinte er nur damit?„Pelle, der kommt schon vorwärts!"— Jawohl, was wußte Emil von dem Elend anderer. Er hatte natürlich genug an seinem eigenen. Er ging herunter, um sich ein wenig Milch zu kaufen. dann wollte er hingehen und schlafen; er hatte das Bedürfnis. dies alles zu betäuben, das auf einmal wieder in seinem Kopf zu wimmeln begann. Unten auf der Straße lief er dem Wanderschuhmacher Sort in die Arme.„Na. da haben wir Dich ja," rief Sort aus.„Ich ging hier gerade und grübelte darüber nach, wie ich Dich wohl am besten zu sprechen bekäme. Ich wollte Dir nämlich sagen, daß ich morgen meine Wanderschaft antrete. Wenn Du mitwillst? Es ist ein herrliches Leben, jetzt zur Frühlingszeit auf den Höfen herumzuziehen, und Du gehst vor die Hunde, wenn Du so beibleibst. Jetzt weißt Du es alles und kannst Dich selbst entscheiden. Um sechs Uhr gehe ich. Länger schiebe ich es nicht hinaus!" Sort hatte Pelle an jenem Abend im Bethaus beobachtet und ihn mehrmals angesprochen, um ihn aufzurütteln. Vier- zehn Tage also hat er seine Wanderung um meinetwillen ausgeschoben, dachte Pelle mit einem Anflug von Selbst- gefühl. Aber er wollte nicht ausziehen! Und den Bettelgang von Hof zu Hof gehen, um Arbeit zu suchen. Pelle hatte in der Werkstatt gelernt und sah mit Verachtung auf den Wanderschuhmacher herab, der von einer Hand in die andere ging wie ein Armenhäusler, der Leder und Pechdraht ge- liefert erhielt, wo er gerade war und aus derselben Schüssel mit dem Gesinde aß. Soviel Fachstolz war denn doch in ihm. Von der Werkstatt her war er gewöhnt, Sort als jämmer- liche Ueberlieferung aus der Vergangenheit zu betrachten, eine Art au? der Zeit der Leibeigenschaft. „Du gehst vor die Hunde!" sagte Sort. Und Marie Nilsen meinte dasselbe mit allen ihren verblümten Andeu- tungen. Aber waS dann? Er war vielleicht schon vor die Hunde gegangen. Wenn es nun keinen andern Ausweg mehr gab! Aber jetzt wollte er schlafen und nicht mehr an dies alles denken. Er trank seine Flasche Milch und aß etwas Brot dazu, dann ging er zu Bett. Er hörte die Kirchenuhr schlagen, es tvar am hellen Nachmittag und herrliches Wetter. Aber Pelle hatte das Bedürfnis zu schlafen, nur zu schlafen! Sein Gemüt war wie Blei. Früh am nächsten Morgen erwachte er und war in einem Satz zum Bett hinaus; die Sonne erfüllte das Zimmer, und er selber war angefüllt von gesunden Gefühlen. Schnell schlüpfte er in die Kleider; da war noch so vieles, was er tun wollte! Dann riß er das Fenster auf und sog den Frühlingsmorgen in einem Atemzug ein, der sich wie ein Gefühl tiewr Freude durch seinen Körper verpflanzte. Draußen über das Meer her kamen die Boote auf den Hafen zu; die Morgensonne fiel in die schlaffen Segel und machte sie erglühen. Jedes Boot arbeitete sich mit Hilfe der Nuder vorwärts. Er hatte wie ein Stein geschlafen, seit er sich gelegt hatte, bis jetzt. Ter Schlaf war wie ein Abgrund zwischen gestern und heute. Eine Melodie vor sich hin träl- lernd, packte er seine Sachen und machte sich auf den Weg, ein kleines Bündel unter dem Arm. Er schlug die Richtung Nach der Kirche zu ein. um nach der Uhr zu sehen. Es war noch nicht viel über fünf. Dann steuerte er mit kräftigen Schritten auf Byvangen zu, so froh, als ginge er seinem Glück entgegen. 25. Zwei Männer tauchten aus dem Walde auf und kreuzten die Landstraße. Der eine war klein und bucklig, er hatre einen Schustertisch fest auf den Rücken geschnallt; der Rand ruhte auf dem Buckel und ein kleines Kissen war dazwischen geschoben, damit er nicht scheuern sollte. Der andere war jung und stark gebaut, ein wenig mager, aber gesund und frisch von Farbe. Er trug ein großes Bündel Leisten auf dem Rücken, sie wurden im Gleichgewicht gehalten von einem Kasten, den er vorn auf der Brust trug und der, nach dein Geräusch zu urteilen, Werkzeug enthalten konnte. Am Grabenrande warf er seine Last hin und schnallte dem Buck- ligen den Tisch ab. Sie schmissen sich ins Gras und starrten in den blauen Himmel hinein. Es war ein herrlicher Morgen, geschäftig flogen die Vögel hin und her und zwit- scherten, und drinnen in dem betauten Klee ging das Vieh und schleifte lange Streifen hinter sich drein. „Und trotzdem bist Du immer fröhlich?" sagte Pelle. Sort hatte ihm die traurige Geschichte seiner Kindheit erzählt. „Ja, siehst Du, oft ärgert es mich ja auch, daß ich alles so leicht nehme. Aber wenn mir nun durchaus nichts ein- fallen will, worüber ich traurig sein könnte! Gehe ich ein- mal der Sache auf den Grund, dann stoße ich immer auf irgend etwas, was mich noch fröhlicher macht, wie nun zum Beispiel Deine Gesellschaft. Du bist jung und die Gesundheit strahlt Dir aus den Augen. Die Mädchen werden so freund- sich, wohin wir auch kommen, und es ist, als wäre ich selbst die Ursache zu ihrer Freude." „Woher hast Du eigentlich Deine Kenntnisie von allen Dingen?" fragte Pelle. „Findest Du, daß ich soviel weiß?" Sort lachte fröhlich. „Ich komme so viel herum und sehe so viele verschiedene Häuslichkeiten, wo Mann und Frau einig miteinander sind und andere, wo sie leben wie Katz und Hund. Mit Leuten jeglicher Art komme ich in Berührung. Viel bekomme ich auch zu wissen, weil ich nicht so bin wie die andern Menschen. Mehr als ei/i Mädchen hat mir ihr Elend anvertraut, und dann im Winter, wenn ich allein sitze, denke ich über all die Dinge nach. Tie Bibel ist auch ein gutes Buch, woraus man Weisheit schöpfen kann. Da lernt man hinter die Dinge gucken; und wenn Du erst weißt, daß alles seine Kehrseite hat, d«nn lernst Du auch Deinen Verstand gebrauchen. Du kannst hinter ein jedes Ding gehen, wohinter Du gehen willst; dann führen sie alle an einen Ort— zu Gott ; von ihm ist fa auch das Ganze ausgegangen. Es ist der Zusammenhang, siehst Du; und hat man den erst erfaßt, dann ist man immer glücklich. Ergötzlich würde eS auch sein, den Dingen weiterhin zu folgen, dahin, wo sie sich teilen, und nachweisen, daß sie trotzdem wieder schließlich in Gott zusammenlaufen. Aber das vermag ich nicht!" ..Wir sollten wohl sehen, daß wir weiterkommen." Pelle gähnte und fing an. sich zu rühren. „Warum?" Wir haben es hier so gut und erreichen schon das. was wir uns vorgenommen haben! Sollten da ein paar Stiefel liegen, die Sort und Pelle nicht versohlt be- kommen, che sie sterben, so richtet ein anderer das schon aus!" Pelle warf sich wieder auf den Rücken und zog die Mütze über die Augen, er hatte keine Eile. Nun war er fast einen Monat mit Sort gewandert und war beinahe ebensoviel auf den Landstraßen gewesen, wie er auf dem Arbeitsstuhl gesessen hatte. Sort hatte keine Ruhe, wenn er irgendwo ein paar Tage gewesen war, dann mußte er weiter! Er liebte den Watdcsrand und die Feldgräben und konnte dort halbe Tage verbringen. Und Pelle fehlte es nicht an Anknüpfungs- punkten für dieses müßige Leben in der freien Lust, er hatte seine ganze Kindheit, aus der er schöpfen konnte. Stunden- lang konnte er daliegen und auf einem Grashalm kauen, geduldig wie ein Rekonvaleszent, während Sonne und Luft ihre Arbeit an ihm verrichteten. „Warum predigst Du mir nie etwas vor?" sagte« � plötzlich und guckte schlemisch unter der Mütze hervor.
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28 (17.8.1911) 158
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