Mnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 182. Mittwoch� den 20. September. 1911 (Nachdruck verdolen.) 14, Vor äem Sturm. Roman von M. E. d e I l e G r a z i e, Immer lauter, immer beredter wurde die Einsamkeit um ihn. Diese Gedanken... Und er betete doch! Plötzlich fuhr er empor.Gib du mir a Zoacha," hatte er der Gottes- inutter im Niederknien zugeflüstert. War das am Ende ihr Zeichen? Geh' hin und suche dein Recht, und hast Du's ge- funden, bring' es den anderen." Das glaubte er zu hören, wie von einer Stimme ge- fprochen laut, eindringlich. Ja, er wollte gehen! Als er sich erhob, schien ihm der Wind förmlich weiter- zuschieben, mit einem erregten Gezische! hinter ihm herzu- laufen...Geh' geh' geh'!" Als wären tausend Geisterstimmen um ihn lebendig geworden die Stiminen oll der Dulder, die sich nie ihrer Menschenwürde besonnen aus Angst, vor Arbeit oder in dumpfer Gewohnheit. Bis die Zeit ihre Leiber selbst zu Schollen zusammengetreten hatte, die nun auch Reichtum brachten und Brot trugen für die Herr- schaft, während die Enkel schweißtriefend darüber hingingen wie einst die Väter. Geh' geh' geh'!" Und er ging. DerSchreiber", wie der Winkeladvokat von Schönbach der Mrze halber genannt wurde, genoß das volle Vertrauen der Bauern. Von weit und breit trugen ihm die Leute ihre klagen und Anliegen zu, und jedem wußte er einen Rat, fand er irgend einen Ausweg aus dem Wirrsal der Paragraphen, vor denen die schlichten Leute nicht nur den Respekt der Ein- falt, sondern auch die Angst der Gewitzigten hatten. Viel, sehr viel, mußte einem Bauer geschehen, bis er sich an den Schreiber" wandte. Saß er aber einmal dort, riß er Mund und Augen auf vor Staunen, daß er überhaupt noch ein Recht besaß, und manch einer traute den eigenen Ohren nicht, so hündisch hatte die Gewohnheit, zu ducken, sein bißchen Selbst- gefühl zusammengeprügelt, lind so weit all diese Unter- drückten und Rechtlosen daherkamen, so weit wurde der Schreiber" geliebt und verehrt. Hätt' es ihm eines Tages Spaß gemacht, von ihnen Zehent und Robot(Arbeitsleistung) zu verlangen Zehent und Robot wären i h m mit leuchten- den Augen gewährt worden: lieber als dem Pfarrer und dem «bestengnädigen Herrn". Die Leute wußten selbst nicht, woran es lag. Aber für denSchreiber" wären sie durchs Feuer gegangen. Dabei war es ihm nichts weniger als leicht geworden, sich in ihr Vertrauen hineinzureden. Denn mit dem Schreiber von Schönbach" hatte es eine ganz eigene Be- wandtnis, und die Bauern waren ihm anfangs so scheu und vorsichtig aus dem Weg gegangen, als hätte sich der richtige Wolf im Schafspelz" unter ihnen niedergelassen. Der Schreiber von Schönbach" war nämlich selbst ein Graf. Ein armer, heruntergekommener Graf zwar, aber immerhin auch einer von den verhaßtengnädigen Herren". Sein Wappen war sogar eines der ältesten und in den landständi- fchen Tafeln von Steiermark wurde der Name seines Ge- schlechtes seit undenklichen Zeiten geführt. Wer hätte da glauben sollen, daß er es mit dem Bauer ehrlich meine? Daß er ein Leben voll wilder Abenteuer hinter sich habe, stand ihm im Antlitz geschrieben. Aber auch er selbst niachte kein Hehl daraus, packte sogar mit einem gewissen Behagen aus, was er erlebt und durchgemacht. Der zweitgeborene Sohn seines Vaters, hatte er zwar keine Anwartschaft auf das Majo- rat, sein Erbe jedoch war auch kein kleines gewesen. Weil er es abermit viel zu großen Augen angeschaut", wie er von sich selbst sagte, lief es ihm nur so unter den Fingern weg. Immerhin glaubte seine Sippe ihn noch retten zu können, und dieseRettung" so gründlich und christlich als möglich zu gestalten, zwang man ihn in die Ehe mit einer alten, häßlichen Gräfin. Zwei Jahre ertrug er die Tugend seiner Gattin und das von Tag zu Tag sich steigernde Wohlgefallen derRetter". Als ihm Tugend und Wohlgefallen aber zuviel Salbung de- kamen, wie er sagte, begann er die Tugend zu prügeln und dem Wohlgefallen einige Wechsel zu präsentieren. Worauf sich die Tugend von ihm scheiden ließ und das Wohlgefallen sichi von ihm zurückzog, ein für allemal. Denn vor dem Wechsel- einlösen macht auch die beflissendste Nächstenliebe Halt. Einige Jahre lebte er von dem Erlös der wenigen Kost- barkeiten, die er noch sein eigen nannte. Schiveren Herzens gab er fie dem Juden. Als er sie aber los hatte, staunte er, mr- S-l!r u j man auch ohne dergleichen leben könne, Als Schmuck und Silber beim Teufel waren, ging es an Wäsche und Garderobe. Zwanzig 5ioffer hatte er davon. Das über- lluiligste Zeug, wie er heute sagte. Auch davon erlöste ihn der Jude. In. diesem Zustand geriet er nach Schönbach Der Bauer, bei dem er Wohnung nahm, gab ihm durch sen, tägliches Leben eine Lehre, die ihm alle Hofmeister und Mcntres"(Lehrer) nicht beigebracht, so teuer auch seine lieben Eltern sie bezahlt: wie wenig man brauche, um ein glücklicher Mensch zu sein glücklicher als manche, die mitVieren" daherfuhren. Und wie köstlich es sei, über der Arbeit eines Tages die Stunden zu vergessen, die einen dem Alter und dem Grab näher brachten. Ter Bauer besaß nicht eininal einen Koffer voll Zeug. Mit dieser Erkenntnis und seinen letzten zwei Koffern zog sich der Herr Graf aufs Land zurück. Den Seinen war er ein Ekel und Greuel gewesen. Nun wollte er sich einmal die Seinenvom anderen Ufer" aus betrachten. Diese Drohnen, die sich so wichtig vorkamen, mit so viel Getu und Gesumm um den jeweiligenWeisel " herumflogen und im Grunde doch nichts waren, als lästige Schmarotzer und Müßig- gänger. Soweit er sich erinnerte, waren ihm die Bauern immer als eine Art unsauberesVieh" geschildert worden: als Bestien, gegen deren Roheit und Unflat weder das Christen- tun, noch die von Gott eingesetzte Obrigkeit aufkamen. Und vielgeklagte, bis in die Seele �signierte Herren mußten ihr Leben damit zubringen, dieseBande" in Zucht und Glauben zu erhalten. Der Herr Graf mußte nicht allzu lange in Schönbach sitzen, uni mit einigem Erstaunen gewahr zu werden, auf welcher Seite dasVieh" stand. Denn, ob ein Tiger seinen Bart kräuselt oder nicht, ein Tiger bleibt er doch, und dem Vieh, dem esbestimmt" ist, von ihm verzehrt zu werden oder unter dem grausamen Schlag seiner Pranken zu verbluten diesem Vieh kann es doch alles eins sein, ob die höhere Bestie soigniert ist oder nicht. Gefressen wird es auf jeden Fall. Schau, schau," dachte der einstige Herr,wie ganz anders wir aussehen von dieser Seite!" Kurz, die Sache begann ihm Spaß zu machen. Ein Zufall fügte es. daß sein Hauswirt bald darauf in einen Handel mit der Herrschaft geriet. Einige Zeit ver- bargen die Leute voll Mißtrauen ihre Angelegenheiten vor ihm. Als die Geschichte aber von Termin zu Termin eine schlimmere Wendung nahm, ging der Bäuerin doch endlich der Mund über. Und weil der Bauer zugleich mit ihr und dem Herrn Grafen auf der Bank saß, gab er das Sachliche dazu. Der vornehme Mieter brauchte nicht allzu scharf auf- zuhorchen, um es sehr bald herauszukriegen, welch ein Unrecht da wieder unterwegs war, und daß der Bauernadvokat der Regierung so gewiß von der Herrschaft das Seine hoffte, als die Herrschaft von ihm. Der Graf hatte nicht völlig umsonst einige Semester Jurisprudenz hinter sich und die Kameralia". Was er schon längst vcrsckpvitzt und vergessen glaubte, blühte aus der geistigen Frische, die er seinem neuen Leben dankte, nun förmlich verjüngt hervor. Und mit einer Art wehmütiger Genugtuung entdeckte er plötzlich, daß er doch nicht bloß derNichtsnutz" sei, als den ihn feine Familie estimiert hatte und er sich selbst. EinJurist" stak in ihm, der mit hellen Augen in alle Winkel sah, die das Recht ver« klausulierten, mit unerbittlicher Verstandesschärfe die Hin- fälligkeit der gegnerischm Gründe erkannte, und nicht einen Augenblick verlegen gewesen wäre, all diese Spitzfindigkeiten auch vor dem Tisch des Richters in ihr Nichts zu zerpflücken. So trefflich stand ihm plötzlich selbst die Rhetorik zu Gebot. Der Bauer'riß Maul �md Ohren auf, die Bäuerin flennte. Sie hatten ihre Sache schon aufgegeben. Nun zeigte ihnen ein Fremder, und noch dazu eingnädiger Herr", daß das Recht auf ihrer Seite hielt und kein Gesetzbuch mehr zu finden war. in dem der strittige Paragraph noch zu Reckst bestanden hätte. Herrschaftsadvokat und Bauern-Rechts-