Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 183.
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Donnerstag. den 21. September.
( Nachdruck berboten.)
Vor dem Sturm.
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1911
einander. Verschwieg nichts, weder seine Unbotmäßigkeit, noch den Ingrimm, der ihm damals' s Maul aufg'mocht". Und sein trotiges Weil i nöt mög'n hob'!" fam um feinem Ton sanfter und feiner heraus als damals. Wer sein Recht Roman von M. E. Selle Grazie. suchte, mußte den Mut haben, zuerst das eigene Unrecht einzugestehen. Das war dem Jüry klar. Darum begann er Wenn der Bauer auch angeblich kein Reibeigener mehr gleich im vorhinein mit dem Geständnis seiner Schuld, gab war ein Mensch war er darum noch lange nicht. Und sein auch vor dem„ Schreiber" zu, daß es ihm noch heute eine Kampf würde diesen Rechten gelten, Rechten, für welche die„ damische Freud'" mache, auch einmal den„ ondern Buckl großen Märtyrer der Revolution schon vor einem halben Jahr- zoagt z' hob'n". Nur die„ Strof die Strof! Ob die hundert geblutet. Aber das ging alles so langsam in diesem nit do z' hart war"? lieben Desterreich, wo so viel friedliches Behagen am täglichen Der Schreiber kniff die Augen ein und überlegte eine Bissen kaute, die Polizei mit langer Spürnaje in alle Eden Weile. So weit er den Fall übersah, lag die Schuld gewiß hineinschnüffelte und der breite Pfaffenhut vom Licht ferne auf Jürys Seite. Auch der dreitägige Arrest war nicht zu hielt, was die Faust des„ gnädigen Herrn" etwa noch freiließ. hoch bemessen. Denn Jüry hatte nicht nur die Pflicht, sonSie waren gut gedrillt, diese Schafe! Nicht eines wagte zu dern auch den schuldigen Respekt" des Untertänigen außer blöken, selbst wenn ihm das Messer schon an der Stehle jaß. acht gelassen. Der Haken saß ganz wo anders. In der Art, So mußte der Sturm von den Städten ausgehen trotz wie das gesetzliche Recht der Bestrafung durch ein willkürliches alledem. Hinausschieben zur Veration erniedrigt wurde. Einstweilen wuchsen einige wenige an diesem Kampf Mit wenigen Worten brachte er dem Bauer zu Bewußt ams Recht, wuchsen in eine schönere, höhere Menschlichkeit sein, was dieser bisher nur dumpf empfunden. Jurys Augen hinein, zu der die Jugend des Landes mit scheuer Bewunde- leuchteten. Wohl, wohl, i versteh' schon!" Und voll jener rung aufijah. Hätte jemand dem Schreiber von Schönbach" Geduld und innersten Güte, die nur dem Volke eigen ist, gesagt, daß er auch zu diesen wenigen gehöre er hätte meinte er:" Do verlong' i jo a nit 3'viel, wenn i' s Arrest Lächelnd den Kopf geschüttelt. Und doch gehörte auch er dazu. noch'n Kirrito osig'?" Seine fromme Sippe hatte immer erwartet, daß sich endlich das Gute" in ihm regen würde, was eine so hoch geborene Sippe eben unter dem„ Guten" verstand: die Wahrung der„ Dehors"( des äußeren Anstandes) und des" Dekorums", eine Lebensführung, die zur Hoffähigkeit" berechtigt und zur österlichen Beichte bei den ehrwürdigen Vätern der Gesellschaft Jesu . Aber von keiner dieser Seiten her war das Gute in ihm auferstanden. Und seit er dasaß und den Armeleut'- Advokaten" machte, schien er ihnen erst recht deklassiert". Und doch war er unterdes ein anderer ein ganz, ganz anderer geworden; wenn auch die große Welt keine Notiz nahm von seinem Dasein. Das Gute war endlich doch gekommen, und dieses Gute war sogar das Bessere, ob es Seine hochgeborene Sippe nun zugab oder nicht.
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Als Jüry nach Schönbach fam, dämmerte es bereits. Er fand den Schreiber" auf der Bank vor dem Hause. Und weil auch seine Quartiersleute draußen faßen, bat er beScheiden um eine eigene Unterredung". So traten sie in die Stube.
Auch das Wohnzimmer des einstigen Schloßherrn barg gerade das Wenige an Einrichtungsstücken, das er im Laufe seines Schicksalsreichen Lebens als das Notwendige erkannt hatte: einen Tisch, um daran zu arbeiten und zu essen, einen Stuhl, um darauf zu ruhen, und ein Bett, um die Welt und sich selbst zu vergessen", wie der Schreiber von Schönbach" zu sagen pflegte. Seine andere Habe barg er nach wie vor in den zwei mitgebrachten Koffern, und für die Garderobe, die er am Tage wechselte, genügte der Haken an der Wand. Nur einen Lurus fonnte der Kavalier von einst noch immer nicht Lassen: in seiner Stube mußten zwei Kerzen brennen. Anders tat er es nicht. Es war die einzige Belleität", die ihm aus einem Leben voll Bedürfnissen zurückgeblieben. Er wußte es, lachte selbst zuweilen darüber und konnte sich doch nicht helfen. Zwei Kerzen mußten es sein. Selbst die ihm so wohlgesinnten Bauersleute belächelten das. Denn erstens hatte er es ja nicht so„ dick" und dann... wozu zwei Kerzen, wenn selbst der Herr Pfarrer sich mit einer begnügte?
" Fehlt nur noch's Kruzifir dazwischen," meinten sie mit Der ruhigen Ueberlegenheit der Gescheiteren. Er aber ließ es sich nicht abbringen. Ja, noch mehr: diese zwei Kerzen staken in zwei-silbernen Leuchtern, die er selbst in den Tagen größter Not nicht veräußert hatte, nie veräußert hätte, auch heute nicht.
Die Bauern lächelten darüber. Die Schönbacher und Rorowizer Herrschaften zuckten geringschäßig die Achseln, wenn von dieser Velleität"( schwächlichen Anwandlungen) gesprochen wurde.„ Der Schreiber mit seinen zwei Kerzen!" Selbst die Znaimer Advokaten nannten ihn so. Aber die wußten ja am besten, zu welch ärgerlichem Zun die zwei Kerzen ihm leuchteten.
Ruhig und klar setzte Jüry Sem Schreiber alles aus
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,, Gar kein' Arrest habt's mehr abzusißen, Better," rief der Schreiber. Nicht ein Viertelstünderl mehr! Ein Recht wird geübt oder nicht geübt. Und weil ihr immer zur Stelle war't, ist's nicht Eure Schuld, daß die Herrschaft von ihrem Recht feinen Gebrauch gemacht. Was sie aber jetzt mit Euch vorhaben, ist reiner Mutwille. Und daß der nimmer zu Recht besteht, dafür hat unser guter Kaiser Josef gesorgt."
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Jüry atmete auf. Und und... i muaß wirkli nit eini?" stammelte er voll rührender Freude, während er die Mütze zwischen den schwieligen Händen hin und her drehte. ,, Nicht einen Augenblick."
" Jowia sollt' i denn dös onstell'n?"
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" Daheim bleiben und enk das Gansl schmecken lass'n," scherzte der Schreiber. Und gut schmecken lass'n, Jilly- Vetter! Wenn ein Fall flar liegt, ist's der Eure."
Woann's ober do fahlgeht?" " Das laßt meine Sache sein." ,, Nacher kommt's zu an'm Prozeß," meinte Jüry, wäh rend er sich bedächtig hinter dem Ohre kraute.
„ Aber Vetter? Habt's schon einmal g'hört, daß ein Bauer auf einen anderen Weg sein Recht kriegt hätt'?"
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Jüry erhob sich.„ Wohr is's," sagte er mit dumpfer Stimme, und einen Augenblick war ihm, als sehe er wieder das dunkle Marienbild auf sich herablächeln Mut und Trost spendend. Als höre er noch einmal das geheimnisvolle Gesäufel des Windes, der über die Saaten herkam:„ Geh'- geh' geh'!"
O ja, er würde weiter gehen, immer weiter. So weit, bis er sein Recht fand!
" So sog' i holt' gelts God derweil!" Er dankte mit einem schlichten Handschlag, ohne jedes weitere Wort. Nach feiner Meinung war nun alles abgemacht.
Als er wieder gegen Lorowitz zurückwanderte, zogen langsam die Sterne auf, und über die Felder klang der vielstimmige Chor der Burschen, die den Kirchtag„ einfangen". Ordentlich leicht wurde ihm zu Mut. Der gnädige Herr" hatte also doch kein Recht, ihm seinen Feiertag zu nehmen! Wie denn auch?" dachte er.„ Die Feiertäg' gibt unser Herrgott! Würden die sich freuen daheim, wenn sie diese Botschaft hörten!"
Der Sonntag fam, und es war ein Feiertag, den wirklich | ,, unser Herrgott" gab. Blau und klar hing der Himmel über den Saaten, während die Sonne schon mit ernstem Willen dem Frühling an die Hand ging, der sich förmlich über Nacht zurechtgemacht hatte, daß es in allen Gärten und zwischen allen Hecken nur so grünte und blühte.
Mit heller Stimme luden die Glocken zum Gottesdienst, und wie sie sich im Schalloch des Turmes hin und her warfen, bald rechts, bald links ins Blaue hinausgrüßend, schienen auch sie Freude und Glanz über Saaten und Menschen zu streuen.