AnterhaltungsAatt des Dorwäns Nr. 193. Donnerstag, den F. Oktober. 1911 (Rachdrml perSoten.) 25] Vor dem Sturm. Roman von M. E. d e l l e G r a z i K. So oft hatte sie sich vorgesagt, wie sie bitten wolle. Nun war ihr plötzlich, als könne sie auch nicht ein Wort finden. Und der gnädige Herr würde sie erst groß anschau'n— und stch'n lassen. „Ja— nein— za— nein.. Sie begann die Knöpfe ihres Spenzers abzuzählen. „Ja— nein— ja--." Da fiel der Schuß, rollte dumpf und lang hin, aus dem Schweigen heraus in das Schweigen hinein. Ueber einer Lichtung flogen ein paar große Vögel auf, wahrscheinlich die zugestrichenen Hennen. Auch im Rohr wurde es plötzlich lebendig. Dann wieder tiefes, tiefes Schweigen. „Das war jetzt der Tod!" dachte Annaliese. Und plötzlich schauerte sie zusammen. Warum? Sie wußte es selbst nicht. Aber heute war schon alles anders! Eine ganze Weile blieb es still, nur das Gesumme der Fliegen und Käfer wurde immer lauter. Da und dort sprang ein Fisch auf im Teich. Der Schein der Morgenröte, der bis- her wie Kupfer auf den dunklen Buchenstämmen gelegen, wurde licht und goldig. Die Sonne kam. Voni Waldrand, jenseits des Teiches, flog ein Lachen auf, hell und sonor: die Stimme des„gnädigen Herrn".'Auch den Jäger hörte man dazlvischen reden und da? Geknack des Laub- Holzes, das sie im Vorwärtsschreiten niedertraten. Noch ein Weilchen und man würde sie auch sehen können, wie sie drüben erst aus dem Buschwerk traten, in den Kahn stiegen, der an den schwarzen Pflock verankert war und so starr und bewegungslos auf der blanken Fläche des Weihers ruhte, daß nicht einmal sein Schatten zitterte. Plötzlich flogen ein paar Wasserhühner aus dem Rohr auf.„Jetztl" dachte hie Annoliese und trat noch tiefer ins Schilf zurück. Wenn er sie nicht gleich sah, hatte er keine Zeit, sich anders zu besinnen. Und guter Laune, wie er jetzt sein mußte... wer weißl Den Kopf zwischen die Schultern gezogen, stand sie eine Weile so da und spähte mit angezogenem Atem durchs Röh- richt: sah, wie zuerst der Leibjäger ans Ufer trat und in den Kahn stieg, wobei er den Hahn mit einem Ruck voraus schmiß, daß die metallisch glänzende Brust des Tieres wie grünliches Gold in der Sonne aufglühte. Er machte den Sitz für seineu Herrn bequem, schob die eigene Jagdtasche unter die Bank, legte die Ruder zurecht und die Hand an die Kette, die den Kahn noch festhielt. Seine Gnaden konnten einsteigen. „Wo er nur bleibt?" dachte Annaliese. Wie konnte sie auch ahnen, daß der gnädige Herr dort drüben im Buschwerk lauerte und nach einem anderen Wild auslugte? Nach einem Wild, das ihm der Mexikaner verbellt! Und daß er im Augen- blick recht übler Laune war, weil er dieses Wild noch immer nicht sah. Es nickst seh'n konnte, wie sie so dastand, den Kopf zwischen den Schultern— und sich duckte und duckte. „Am End' bleibt er gar im Wald!" sagte sich die Anna- liefe. Und während sie eZ dachte, hob sie langsam den Kopf und trat einen ganzen Schritt vor, um besser zu seh'n. Nur einen Augenblick lang, aber gerade diesen Augenblick erspähte der Jäger sein Wild und im nächsten trat er heraus. „Er Hot mi nit g'schn!" tröstete sich die Annaliese. Sie hatte ja genau bemerkt, wie der Graf zwischen den Büschen hervortrat, den Blick zu Boden gesenkt, den Fuß schon er- hobem um in den Kahn zu steigen. Und nun fielen die Ruder ins Wasser, begann sich die glatte Fläche zu kräuseln. Weiter und weiter wurden die grüngoldenen Ringe— nähe? und näher zogen die Wellen. Schon spwng es glucksend im Schilf auf. Ob sie auch an der richtigen Stelle stand? Aber freilich! Da hob sich derselbe schwarze Pflock aus dem Wasser, wie drüben— und dort lag die..Schweighütte". Das Blut in ihren Ohren begann wieder leise zu singen.... Der Kahn aber kam näher und näher.„Nun krieg' ich auch die Henne," dachte der Graf, während er mit der Fuß- spitze leis' an die Brust des erlegten Hahnes tipvte. Hell und prall sprang das Sonnenlirfch von dem Lauf der Flinte zurück, der ihm blitzend über die Schultern sah („Wenn wir drüben sind, kannst Du den Hahn gleich zur Kalesche tragen," befahl er wie nebenbei. Ter Leibjäger stutzte....„Euer Gnaden wollten doch mn der Jagdhütte frühstücken? Ich Hab' schon alles zurecht- " gestellt!" Seine Gnaden kniffen bloß die Augen ein:„Ich; ihr zwei fahrt wieder heim!" „Aha!" dachte der Jäger. Wußte sich aber noch keinen rechten Vers darauf zu machen. Sonst Pflegte er bei solchen Gelegenheiten die Weiber„einzutreiben". Endlich rauschte der Kahn ins Schilf hinein. Der Graf sprang ans Ufer. Hinter ihm pflockte der Jäger das Fahr- zeug an. „Jetzt!" dachte die Annaliese, und schon vertrat sie dem Grafen den Weg. „Euer Gnaden... i bitt' schön, Euer Gnaden!" Keine Antwort. Nicht einmal stoh'n blieb er. Nur sein Blick ging groß und fremd über sie bin.„Was fällt Dir ein, mich da zuhören?" so beiläufig. Mit großen Schritten ging er an ihr vorüber, der Jagdhütte zu. Aber sie mußte doch bitten für ihren alten Vater! So schön hatte sie sich die Worte gesetzt und alle fielen ihr wieder ein, gerade jetzt! Obwohl ihr die Angst das Herz zusammen- preßte. War es möglich, daß ein Mensch das mit ansehen konnte? Soviel Angst und Not und Oual— und vorüber- gch'n? Und diese Augen hatten sie einmal gesucht, sie wußte es! Nicht das Ge'latsch der Leute hatte sie gebraucht, um sehend zu werden. Das Vollreife Weib, das sie war, hatte mit stiller Genugtuung und nicht ohne eine geheime Lust des Blutes die Huldigung empfunden, die in jedem Blicke lag, die aus diesen großen, stolzen Augen so heiß und wohlgefällig über sie hingingen. Und das war nun alles vorüber? Sie selbst ihm nicht mehr als eine lästige Bettlerin, die ihm zur Unzeit über den Weg lief? Und es war doch kaum eine Woche her, daß er hinter ihr steh'n geblieben, lang, lang, mitten im Feld— bloß um sie dahingeh'n zu sehen! Sie hatte zwar getan, als ob sie nichts merke, und war um keinen Schritt rascher gegangen. Aber natürlich hatte sie's doch gemerkt. „Der Herr Graf bleibt steh'n, wenn ich vorübergeh' I" Und wie hoch hatte sie tags darauf den Kopf getragen! Das Weib empörte sich plötzlich in ihr, nicht nur die zu- rückgewiesene Bittstellerin, konnte das einfach nicht fassen. Wäre Annaliese nur stolz gewesen, nicht einen Schritt hätte sie mehr hinter ihm her gemacht. Aber sie war auch eitel, eitler als sie bis jetzt gewußt, so eitel, daß sie alles vergaß, bloß um zu seh'n, ob er sie wirklich noch einmal von sich treten würde. Und so lief sie ihm nach. Er hörte, wie die nackten Füße hinter ihm über den Heidegrund herkamen— rasch, bebend. Hinter ihm! Die Vorstellung allein machte ihn wirbelig. Aber er wußte, wie die Weiber zu kriegen waren. Tie Weiber und das Wild: Geduld mußte man haben! Er biß die Zähne in die Unter- lippe und sah mit keinem Blick zurück. Ließ das schöne Mäd- chen hinter sich herlaufen, während er mit großen Schritten auf die„Schweighütte" zuging— rasch, stolz, unnahbar. Nun stand er vor der Tür: steckte den Schlüssel ins Schloß, öffnete, trat ein. Durch das halbblinde Fenster sah er noch, wie sein Leibjäger, den Hahn auf der Schulter, dem Wald zutrabte. Jetzt war es Zeit! Mit einem Ruck hob er die Flinte von der Schulter, dann die Jagdtasche, bracht? beide an ihren On, wobei er die Hütte der ganzen Länge noch durch- schreiten mußte. Sein Blut fieberte, seine Sinne schrien förmlich auf... aber er war ein Jäger! Er hatte die Tür hinter sich offen gelassen. Prall und hell floß durch die Oeffnung der goldene Glanz des Morgens hinein. Wie er sich aber jetzt zurückwandte— scheinbar absichtslos und ohne jede Hast, da lag ein schlanker, dunkler Schatten in dem Goldstrom, der von draußen hereinfloß, auf der Schwelle stand die— Annaliese! Er hatte Mühe, an sich zu halten. Denn wie sie so da- stand, von all dem Licht umflossen: die goldenen Flechten über dem zurückgealittenen Kopftuch wie eine Krone aus dem fein- gemeißelten Haupt, im Aug' einen flammenden Groll, um die Lippen einen Zug, wie ihn schmollende Lkindcr haben, bis an
Ausgabe
28 (5.10.1911) 193
Einzelbild herunterladen
verfügbare Breiten