料
Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 195.
27]
-
Sonnabend, den 7. Oktober.
( Nachdrud berboten.)
Vor dem Sturm.
Roman von M. E. delle Grazie.
Da sie atmete auf. Eines der Mädchen mußte eine besonders lustige Geschichte erzählen, denn plöglich hielten alle ein, wandten die Köpfe, lachten.... Als sie die Arbeit wieder aufnahmen, flaubten sie nach der entgegengesetzten Richtung weiter. Reine hatte ihr Schwinge entdeckt.
Wonn's Mittog wird, san's firti," dachte die Annaliese, und wonn f' hoamgengan, schleich' i außi und klaub' o, wos f' stehn'n loss'n hob'n."
Das sagte sie sich so vor. Aber mein Gott! Wußte fie selbst in diesem Augenblick, was sie wollte oder nicht wollte? Und wenn sie es wußte würde sie es deshalb auch fönnen? So mir nichts dir nichts da hinausgeben und ruhig ein Lagewerk aufnehmen, als wäre nichts geschehen? Das Tagewerk, das ihr sonst Gott gesegnet und ihr gutes Gewissen leicht gemacht! So leicht und schön, daß ihr in heiligen Stunden oft war, als ginge ihr Schußengel selbst hinter ihr her: Schritt für Schritt mit weit entbreiteten Schwingen, die leuchtenden Hände wie zum Segen erhoben. Sei fleißig, Annaliese, ich bring's vor den Herrn!"
Vas hatte er nun vor den Herrn zu bringen? Mit einem dumpfen Quallaut schlug sie beide Hände ins Antlitz und weinte, weinte.... Weinte dic Tränen, die sie in jener unbewachten Stunde so nahe gefühlt.
Wieder näherten sich die Klaubenden der Hütte, nun von der anderen Seite, tamen näher und näher, so n he, daß die Annaliese jede Stimme erkannte, und das Geruschel der Röcke hören konnte, die draußen an die Bohlen streiften. Ob wer drinn' is?" hörte sie eine sagen.
hr Blut erstarrte.
" Der Grof is jo schon hoamgonga," warf eine andere ein. " Host'n' leicht g'seh'n?"
•
" Wia i hergonga bin, do is er durch die Lokva hoam." „ Na," lachte eine Dritte auf. s nit ollemol a Moannsbild d'rin!" Wißt's no, wer d' lekte g'west is?" fragte eine dunkle Frauenstimme. Und das Mitleid, das in diesen Worten erzitterte, legte sich plötzlich wie Bergeslast auf die Brust der
Horchenden.
1911
rkt heb'n f' d' Schwing'n auf'n Kopf," dachte die Annaliese. Wenn sie fort waren, wer weiß vielleicht wurde auch ihr leichter. Da plötzlich schrie eine auf.
" Jessas und' s Ave Maria....!?"
Ein Augenblic tiefen, feierlichen Schweigens folgte. Deutlich hörte die Annaliese, wie die Schwingen wieder niedergestellt wurden und die Weiber draußen ins Knie fanten, Stud um Ruck, eine nach der anderen, während das Geläute der fernen Mittagsglocken gedämpft, aber deutlich über die sonnige Heide hinging- ein sanft rufender, heimatlicher Laut.
-
Sie mußte nicht draußen sein, die Annaliese, um das alles zu sehen und zu empfinden. Mehr als einmal war auch sie so ins Knie gesunken mitten im Feld, und hatte Hände und Augen zum Himmel erhoben, während die sonnige Einfamfeit wie leuchtender Gottesfriede über den Seelen lag, die der unbefleckten Mutter des Heilands huldigten. Gegrüßet sei'st du Maria, du bist voll der Gnadender Herr ist mit dir...."
Laut, feierlich flang es zu ihr herein und zwang auch sie auf's Knie, riß auch ihr die Worte von den Lippen, die Morte des Glaubens, den sie so lang' in unentweihter Seele getragen und die sie nun so mühsam, so qualvoll herausstieß, als wären es blutende Feten ihres zuckenden Herzens. Du bist gebenedeit unter den Weibern... und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes.
-
Jesus !" fiel es draußen in der Stille hinein- sonor, feierlich, wie mit einer Stimme gesprochen. Wieder eine kleine Pause, in der die Betenden Atem holten, dann laut und gleichsam himmelstürmend des Englischen Grußes Schluß..
,, Heilige Maria Mutter Gottes, bitt' für uns arme Sünder...
Immer tiefer war das Haupt der Annaliese während des Gebetes herabgesunken, immer tiefer. Nun schlug es mit einem erstidten Wehlaut an die Dielen und ihr bebender Störper glitt nach. So lag sie da und weinte in die Erde hinein, was sie dem Himmel nicht mehr anvertrauen fonnte. Endlich wurde es draußen still.
Die Annaliese erhob sich, lauschte, noch am Boden fauernd, den Stimmen nach, die ferner und ferner verflangen, bis nichts mehr um sie war, als das tiefe Schweigen der Heide. Nichts und niemand, den sie zu fürchten hatte...
Da fam die Antwort. Zehn Stimmen zugleich nannten die Unglückliche- laut, rücksichtslos, halb mitleidig, halbst außi, und d' Schwinga g'holt und wegwerfend. Eine ganz junge, ganz helle Stimme lachte fogar auf dabei.
So treten' nacher mi z'samm'!" dachte die Annaliese. Doch sie mußte still stehen, ganz still, und eine Träne um Träne ihre Qual hinunterschlucken. Nicht einmal aufschluchzen durfte sie mehr. So nahe waren die Klaubenden.
Die friagt irkt weiter foane Schläg'!" kam es wieder von draußen herein.
.G'schiacht ihr gonz recht!" rief ein Mädchen dazwischen; hart, hell, mit der ganzen Unbarmherzigkeit der Jugend.
Dös is die Zöllner Kath!!" dachte die Horchende. Und wieder stieg ein dumpfer Haß in ihr empor. Was machte es aus, daß die draußen eine andere meinten? Es waren auch ihre Richterinnen.
Menscher, lost's auf-3wölife läuten f'!" frähte plötlich ein altes Weiblein. Eine Weile blieb es still. Offenbar horchte jede nach derselben Richtung.
Die Zöllner Kathl wurde zuerst laut. Meiner Seel'," staunte sie und, mit einem tiefen Seufzer der Erleichterung: Dös is heunt' g'schwind ganga!"
"
o, wonn ma viele fan!"
11
Wonn uns der Drab nit so spat ausg'schickt hätt', war's no g'schwinder' ganga," Frähte wieder die Alte. Sunſt hot ma nia g'schwind g'nua do sein könna. Heunt na, heunt hot erst die Sunn' auf die Bleameln scheina müaffen." " Ah, die Sunn'! Weil holt der Herr Grof hot nit g'stört sein woll'n beim Jog'n.
,, Red'ts nit erst long daher, doß ma endli hoamkämman!" Wieder rauschten draußen die Röcke, als hätte sich plöß lich Flug Tauben niedergelassen.
"
Wie seltsam, daß sie das Wort„ heim" nicht einmal mehr zu denken wagte! Mit den Gedanken förmlich umkehrte, jo oft sie dahin kam! Und sie hatte doch keinen anderen Ort auf Gottes ganzer, weiter Belt, wenn sie nicht in der Schweighütte" bleiben wollte.
-
-
11
Die Schweighütte die Schweighütte die Schweig hütte," wirbelte es durch ihren Stopf. Stam immer wieder, schrill, eintönig, wie draußen das mittägliche Gezirp der Zikaden, als gäb' es ringsum fein Entrinnen mehr.
11
Mit bebenden Händen streifte sie die Nöcke über, fuhr in ihren Spenzer, an dem da und dort noch die klebrigen Spuren verschütteten Weines hafteten. Die wasch' ich beim Teich weg," dachte sie wie im Fieber. Beim Teich..." die Rojala hatte so scharfe Augen. Und hatte man schon jemals gebört, daß man vom Klauben Weinspuren heimbrachte? wie efel und schal es nur roch, das Zeug! Und da- knapp über, der Brust, der lang am Faden herabbaumeinde Knopf, auch ein Zeuge der wüsten, zähen Gier, die sie entweiht.
-
-
Eine tiefe Röte stieg in ihr Antlik so rasch und heftig, daß ihr das Blut förmlich vor den Augen flimmerte. Dazu das nun fast geisterhafte Schweigen um fie. Und diese zwei entsetzlichen Fliegen, die immer wieder wie ratlos gegen die Scheiben stießen, sich auch keinen Ausweg wußten... ganz wie sie! Wie unheimlich, daß ihr zuweilen gerade so war, als wären dies gar keine Fliegen, sondern ihre eigenen Gebanken. Ich werd' noch verrückt," dachte sie. Und ganz heimlich, ganz leife antwortete etwas in ihrer Seele:„ Wenn du es nur würdest, Annaliese! Wenn du es nur würdest!" Aber das war ja schon... nicht mehr auszuhalten war das! Mit einem Sprung stand sie vor der Tür, schob den