Unterhaltungsblatt des'Vorwärts Nr. 193. Donnerstag den 12. Oktober. 1911 (Nlichdrilck verboten.) SM Vor dem Sturm. Roman von M. E. delleGrazie. Als das Mädchen auf die Straße hinaustrat, schlug die Turmuhr gerade die vierte Nachmittagsstunde.„Ilm fünft kann i zcb'n sein." überlegte Nosala.„'leicht begegnet j' via a schon unterwegs.. Sie lief, was sie laufen konnte. Der Frühlingshimmel lachte blau und wolkenlos auf sie herab. Fluren und Saaten grünten. Alles lag so hell, so licht, so selbstverständlich da! Warum sollte gerade der Anna- liese etwas gescheh'n sein? Wie die Nosala seht so zuversichtlich in den leuchtenden Gottessrieden hineinlief, konnte sie selbst nicht begreifen, was ihr früher das Herz so schwor ge- macht. Die Mutter hatte doch nicht ganz unrecht mit ihrem „Gepenz"! Aus halbem Wege sah sie den gräflichen Leibjäger. Er kam von der Oeduug her und trug ein Stück zusammen- gerolltes Zeug in der Hand.„Wo hob' i so wos Blobs nur schon g'seh'n?" dachte die Rosala ganz nebenbei und ohne jedes Arg. Als der Jäger aber näherkam und merkte, daß ihr Blick an dem Zeug hing, ließ er es mit einem fast scheuen Ruck in seiner Jagdtasche verschwinden.„Wird a Flonk'n für sei' Liabste g'west sein," dachte Rosala.„No. i nniaß ja nix g'seh'n hob'n!" Nur nach der Annaliese hätte sie ihn gerne gefragt! Er kam ja von dort her, wenigstens der Rich- tnng nach. Gerade nur ein Acker trennte sie noch von ihm. Er ging längs des Waldsaumes dahin, sie lief über die Wiesen her. „Heiner!" rief sie und winkte ihm, stehen zu bleiben. Er hatte wohl nicht gehört, denn plötzlich trat er wieder in den Wald zurück und verschwand hinter dem dichten Buschwerk. „No an Schnaß wird er moch'n woll'u." tröstete sich die Ro- sala.„Und do hob'n f's nit gern, wonn eahna wer über'n Weg rennt No—" sie kam ja auch allein weiter. Ter Heiner aber hatte die Nosala wohl bemerkt und als er sie winken sah. blieb ihm ordentlich das Herz steh'u. Denn er wußte ja sofort, um wen sie fragen wollte! Und den Bescheid könnt er ihr nicht geben: er nicht! Dazu fühlte sich der Heiner nicht„kurafchiert" genug, wenn er auch ei» Mann war. Denn was er da in seiner Tasche heimtrug— und sonst noch geseh'n an dem Ort. an dem er das Zeug ge- sunden.... Ein Schauer lief ihm über den Rücken, wenn es auch ein Rücken war. der sich ebenso tief als geschmeidig krümmen konnte. Die Gänsehaut hatte er sich noch nicht ab- gewöhnt. Und einen Nest Gewissen hatte er auch noch, der Heiner, so viel er auch bisher beim gnädigen Herrn gesehen und mitangchört. Er war eben noch immer nicht„perfekt", wie der Mexikaner von folchen Toniestiken zu sagen pflegte. Nicht ganz auf der idealen Höhe, von der die Leibtrabanten eines großen Herrn noch verächtlicher auf die gemeinen Leute herabsahen, als die großen Herren selbst. Der dumme Kerl konnte es nämlich»och immer nicht vergessen, daß er selbst gemeiner Leute Kind war. Manches hatte er allerdings schon gelernt, nnd er hätte kein armer Teufel sein müssen, wenn ihn die Karriere deS Mexikaners nicht geblendet hätte. Gar so hoch verstieg er sich freilich nicht in seinen ehrgeizigen Träumen. Wenn er es so weit brachte wie der Predal, war es ja noch immer schön genug! Ter Predal hatte auch mit dem„Zutreiben" begonnen Nun saß er im Fett bis an die Ohren, hatte Feld und Hof und Schank. Weiter reichte anch der Ehrgeiz des Heiner nicht. Und weil er das eine wollte, durfte er eben auch das andere nicht scheuen. Das„Zutreiben" machte ihn also schon lange nicht mehr rot. Aber— aber... wenn es ein solches Ende nahm! Und plötzlich schüttelte sich der Leib- säger Seiner Gnaden und rannte, rannte, was er nur rennen konnte. Bloß um endlich den Wald hinter sich zu haben und das unselige Zeug aus der Tasche.„Was der Mexikaner für ein Gesicht machen wird?" dachte er dabei. Aber seltsam! Nicht einmal die Schadenfreude, die in dem hintersten Winkel der Bedicntenseelcn so oft einen großen Tag sciert— nicht einmal sie half ihm über dieses seltsame Grauen hinweg, das immer nnd immer wieder in seiner Seele emporstieg und ihm das zeigte, was er mit angststarren Augen gesehen— dort, am Wasser. Und plötzlich fing er wieder zu laufen an und lief, lief, bis er den Turmhahn des Lorowitzer Schlosses von der Höhe funkeln sah. Der Mexikaner saß um diese Stunde gewöhnlich beim Wein, bei seinem„Speziellen", wie er das Tröpfchen nannte, das ihm der Kellermeister Tag für Tag zur selben Stunde auf den Tisch setzte. Schlecht war er nicht, dieser Tropfen. Denn auch der Kellermeister war in der Schule des Meri- kaners klug und weltkundig geworden, und ein dankbares Gemüt hatte er auch. Ließ sein Amt und die Laune des gnädigen Herrn ihm etwas Zeit, setzte er sich wohl für ein Stündchen mit seinem eigenen Glas in die Stube des Mexi- kaners und dann begann es dort zu„wildeln". wie die Tiener sagten. Sie hatten so vieles erlebt, die beiden Ehren- männer! Und was noch zu erleben ihnen Gesundheit und Alter nicht mehr gestatteten, dafür hielten sie ihre„Erinne- rungen" schadlos.„Heut' läut'n s' wieder das Antoniglöckl!" pflegte der Kastellan zu sagen, der neben der Stube des Mexi- kaners sein„Gnadenbrot" aß. Er war noch im Dienst der „Gräfin selig" gestanden und selbst ein„beteter Mann". Nun mußte er in hohen Jahren lernen, mit dem Teufel Tür an Türe zu hausen. Es war keine leichte Ausgabe. Die Stube des Mexikaners füllte das Erdgeschoß des Turmes aus. der nach Norden das Schloß flankierte. Efeu und wilder Wein kletterten hoch über die Fenster empor und ließen ihre flatternde» Ranken lustig im Winde spielen. Die Mauern hatten hier die Ticke einer Armlänge. So blieb es im Winter warm und im Sommer hübsch kühl und beides konnte der Mexikaner brauchen. Er war gichtisch und schlag- fällig. Aber noch einen Vorzug hatte diese Stube. Von ihren Fenstern konnte man den ganzen Schloßhof überblicken. Jeden seh'n, der kam oder ging. Das war auch ein Vergnügen und meist sogar eines, das noch Geld trug. Denn wer hier kam, hatte meist ein Anliegen, und wer ging, eine Sache, die er halb und halb verloren gab. Wenn sich der Mexikaner aber einer solchen Bitte annahm oder eine solche Sache begutachtete. ging in der Regel alles merkwürdig rasch und glatt. So saß er wie eine alte, träge Spinne in seinem Turmloch und harrte der Beute, die ihm von selbst ins Netz flog. Und es waren nicht die dümmsten Leute, die sich von ihm eine gute Stunde beim gnädigen Herrn erkauften. Heute war der gnädige Herr in bester Laune heimgekehrt. lind die gute Laune des Gebieters hatte sich auch für ihn bereits gelohnt. Zwei Bauern, deren Angelegenheit er gegen den Justitiär befürwortet, kamen mit heiler Haut und ohne Buße davon. Sic hatten es ihm reichlich zu Tank gewußt. Nun saß er da und ließ sich den„Speziellen" noch einmal so gut munden. Nicht daß der Graf ihm deshalb„aufgesessen" wäre. Der wußte sehr gut um die Sporte!, die seinem Ver- trauten bei einem solchen Handel in die Tasche fielen. Auch der Justitiär, dem der Mexikaner das eigene Geschäft ver- darb, hatte„diesbezüglich" schon manches unwillige Wort fallen lassen. Aber Seine Gnaden blieben„diesbezüglich" :aub für jede Klage der entrüsteten Justiz. Ja, noch mehr... Seine Gnaden hatten von Zeit zu Zeit sogar einen„Mord- spaß" an den Gallenkoliken der also um ihr Teil verkürzten Gerechtigkeit und trugen die, für das eigene„Haben" angc- drohten Schäden mir einer Art komischer Wehmut. Ter Mexikaner war eben klüger als der Justitiär. wenngleich er niemals ein Kolleg über„praktische Philosophie" gehört hatte. Da war nun cinmal nichts zu machen. Er vermochte eben mehr, weil er— mehr wußte. Ter Wein mundete ihm also vortresslich, und da sein Nachbar, der Kastellan, an einer schweren Lungenentzündung erkrankt war, fehlte nichts zu seinem Wohlbehagen. Wie lauge könnt' es der«alte Kerl noch machen? Höchstens drei Tage! Dann war der letzte draußen," der ihn von Zeit zu Zeit noch die Verachtung fühlen ließ, mit der ihn die„Frau Gräfin selig" behandelt. Ja, es konnte jetzt noch cinmal so gemütlich hier werden! Da klopfte der Heiner. „Wer ist's?" grollte der Mexikaner. Er liebte es nicht. um diese Stunde gestört zu werden, und daß es nicht sein Freund, der Kellermeister, war, wußte er heute. Langsam össnete sich die Tür.„Schau, der Heiner!" Er machte eine Pause und blieb sitzen, um dem Leibjäger '--tM■-•■■■■...
Ausgabe
28 (12.10.1911) 198
Einzelbild herunterladen
verfügbare Breiten