Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 200.

82]

Sonnabend, den 14. Oktober.

( Nachdruck verboten.)

Vor dem Sturm.

Roman von M. E. Selle Grazie.

6. Hochsommer.

Wenn der hochwürdige Dechant von Schönbach Lange­weile hatte, lud er den Schulmeister und den Förster zu einem ..Spieletter!" ein. War man der Karten müde, tat man sich an einem Schmaus gütlich. Während der Verdauung wurde der Dorftratsch aufgenommen. Und gab auch der keine An­regung mehr, schlief man zu Dritt ein. Wer zuerst erwachte, schlich sich fort; sacht und leise, damit die anderen nicht gestört würden. So geschah es, daß der hochwürdige Herr Graf fast immer allein war, wenn er erwachte. Und das war ihm gerade recht. Er fand es nett, auch von seinen Gästen so wenig als möglich molestiert zu werden.

Der Förster pflegte sich wie auf Kommande einzustellen. Der Schulmeister ließ zuweilen auf sich warten. Er hatte eine Art Pflichtbegriff, der dem hochwürdigen Herrn nicht recht mit dem zu stimmen schien, was er den Respekt vor der geist­lichen Obrigkeit" nannte. Der gute Bastl war nämlich der Meinung, daß er die zwei Stunden des nachmittägigen Unter­richtes auch wirklich einzuhalten habe; besonders während des Sommers, um welche Zeit der Vormittagsunterricht häufig geschwänzt wurde. Die Bauern fanden die Schnitt­ferien zu kurz, da sie selbst erst ernten durften, nachdem sie der gnädigen Herrschaft Hand- und Spann- Dienste" geleistet. Bastl aber wollte doch seinen Lehrplan aufarbeiten".

Seine Hochwürden fanden das geradezu albern. Was bekam denn der Bastl dafür? Die Bauern blieben das Schul­geld meist jahrelang schuldig. Und das Wenige, das ihm die Gemeinde gab...! Die Hauptsache blieb, daß die Kinder den Katechismus kannten. Alles andere war überflüssig nach der Meinung des Herrn Grafen ; wenigstens für diese Leute". Und war der Schullehrer nicht ihm unterstellt? Der Herr Dechant hatte also absolut kein Verständnis für den Eifer des guten Mannes. Das ist G'schaftelhuberei," pflegte er zu fagen. Und in nervösen Stunden reizte ihn die Empfindung, daß der Schulmeister ihm auf seine Art eine Lektion" er teilen wolle. Denn Seine Hochwürden vergaßen zuweilen auch auf den Katechismus", so wichtig er war. Konnte ein Graf Gallenberg sich das gefallen lassen? Er betrachtete es als seine Pflicht, die lächerliche Bedanterie dieses mediokren Menschen" eines besseren zu belehren. Kam also Bastl nicht zu der Stunde, die Seiner Hochwürden behagte, riefen Seine Hochwürden ihn einfach vom Unterricht weg, wie einen Knecht von der Arbeit. Seine Hochwürden hatten es in dieser Hin­sicht recht leicht. Die Schule stand dem Pfarrhof gerade gegen­über, klein, niedrig, strohgedeckt, mit ewig blinden Scheiben; so recht eine demütige Magd der Kirche. Wenn der Herr Graf also ein Spieletter!" wünschte, brauchte er bloß über die Straße hinüberzurufen. So ein Schulmeister hatte da­mals noch gar feine Ohren.

Der Förster saß schon die längste Zeit vor dem Spiel­tisch. Wenn es der Bauer, am gnädigsten" hatte, konnte der Grünrod seine Zeit noch spazieren tragen. Erst gegen Ende des Schnittes gab es wieder zu tun; aber auch da nicht viei. Das gnädige Fräulein von Schönbach war keine Jagdlieb­haberin. So gab es nur selten Gäste. Und ob mehr oder weniger Wild angeschossen wurde, ihm fonnte es gleich sein. Aecker und Gärten der Bauern sorgten dafür, daß die liebe Kreatur nicht zu kurz kam.

He- Bastel!"

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Seine Hochwürden hatten es schon zum zweitenmal über die Straße hinübergerufen. Endlich hörte man das Schluß­gebet der Kinder eintönig und schläfrig herabgeleiert", als könnten all die Buben und Mädel kaum mehr zwei zählen bor Müdigkeit. Gleich darauf aber fuhr die liebe Jugend auf die Straße heraus, daß es wie ein Knäuel anzuseh'n war, den weder Gott , noch der Pfarrer, noch der Schulmeister ent­wirren konnten. Der Herr Graf hatten immer seine Freude, wenn er das sah. Freilich... wozu brauchten die eine Schule? Ordentlich ranfen fonnten sie schon jetzt. Und so­wie sie den Herrn Dechant am Fenster sahen, schnappte auch der Ungebärdigste zu einem devoten Buckerl zusammen. Mehr

1911

zu können und zu wissen, war für ihresgleichen von Uebel. Wenigstens nach der Meinung Seiner Hochwürden.

Die Sonne stand hoch und der Sommerwind strich leis' und wie verträumt durch die breitschattenden Linden, die über den Pfarrhof rauschten und leise, leise ihre Blüten zur Erde fallen ließen. Hochsommer war's! Schon klang die Sichel im Feld.

"

Heiß ist's!" fagte der hochwürdige Herr Graf , als er die Beruhigung hatte, daß Bastl nun jeden Augenblick er­scheinen müsse.

Der Förster nickte und griff nach den Karten. Ich kann ia derweil mischen?"

Misch' er nur!"

Draußen wurde der schüchterne Schritt des Schulmeisters hörbar. Er suchte sich immer noch einmal so leicht zu machen, als er ohnedies war, und versäumte es nie, sich auf der Treppe die Schuhe abzustäuben, wenn sie auch noch so blizblank schienen. Endlich trat er ein. Gerade zum Abheben!" rief der Förster und schob ihm die Karten hin. Unter vielen Bücklingen trat Bastl an den Tisch. Heiß ist's!" sagte Seine Hochwürden.

"

Der Förster und Bastl nickten eifrig. Die Karten fielen weiter. Der Schulmeister wagte endlich, Blaz zu nehmen. Der Herr Graf machte sich einen Fächer zurecht, zog die Stirn in die Höhe, die Mundwinkel herab. Sein Blatt war nicht gut gefallen. Der Förster sah es und machte einen servilen Buckel: Ich hab's besser gemeint!"

Seine Hochwürden überhörten es, schielten aber mit einem etwas ungnädigen Blick nach dem Schulmeister, der trotz der schuldigen Devotion eine gewisse zappelige Genug­tuung zeigte.

" Der hat's!" hüstelte der Herr Graf. " Freilich," lachte der Förster. Er legt ja förmlich die Löffel zurück vor Vergnügen!"

Seine Hochwürden hatten die ersten Karten bekommen, mußten aber ein refigniertes Weiter!" sagen.

Nun meldete sich der Schullehrer. Als er den Talon hob, spizten Dechant und Förster die Lippen. So ein Talon fonnte immerhin noch etwas verderben! Aber nein! Auch die gekauften" Karten steckte Bastl nach der Tarokseite". Hat der Kerl ein Noßglück!" knurrten Seine Hoch­würden.

"

Der Schullehrer bemühte sich vergeblich, sein Entzücken zu verbergen. Balat!" sagte er so bescheiden als möglich. Höllisches Gegrinse!" brummte der Förster. Er meinte auch diesmal Bastls Antlig, der in dem Eifer, seine Genug­tuung und Freude zu verbergen, seine Gesichtsmuskeln zu einer abscheulichen Grimasse verzog.

Wieviel Baßen" gibt er denn seinen Buben, wenn sie so dreinschau'n?" lachte der Herr Graf. Er war noch immer etwas aigriert", fand aber diese Visage" doch höchst komisch.

Bastl errötete. Im Innersten seiner Schulmeisterseele saß das letzte Stückchen Mann, das sich in ihm noch wehrte und zuweilen auch schämte. Weil die Kirche ihn aber in Obe­dienz hielt, kam es immer bloß zu diesem Erröten. Es war die letzte Notwehr und eine ganz ungefährliche dazu, denn Seine Hochwürden, der Herr Graf, hielten auch dieses Er­röten für einen Teil der schuldigen Devotion, und weil Basil genau wußte, daß ein von ihm angesagter Balat" von dem geistlichen Herrn fast wie eine Demütigung empfunden wurde, verjäumte er nie, sofort nach der Ansage ein Bucker!" zu machen und ein ergebenes Bardon!" hinzuzufügen. Sun?" machten der Herr Graf.

"

Pardon," wiederholte Bastl, aber- Euer Gnaden haben die Vorhand!"

Der Graf schmiß eine Karte auf den Tisch. Das Spiel begann.

Draußen ging der Sommerwind noch immer durch die blühenden Linden. Ganze Duftwellen trug er durch die offc­nen Fenster herein und blähte dabei die weißen Spizen­gardinen auf. Kein Laut kam von der Straße, so still und verträumt lag draußen das Dorf, und wenn man durch das Schweigen lauschte, konnte man das Geknarr des Wetter­hahns hören, der sich auf dem Schloßturm von Schönbach drehte, und das tiefe Gesumm der zahllosen Bienen, die in