UnterHaltungsblatl des Horwärts Nr. 206�__ Dienstag den 24. Oktober. 1911 Nachdruck vervoltn.7 88] Vor dem Sturm. Roman von M. E. d e l l e G r a z i Das wei&e Band, das ihre Locken zusammengehalten, war ihr langsam in den Nacken geglitten und von da über die Schultern. Er hatte es sofort bemerkt und mit einem Griff die schimmernde Schleife festgehalten, wie einen Besitz, der ihn: zukam und ihm allein. Mein Band hauchte Lolette mit einem müden Lächeln. Da drückte er sie noch fester an sich, daß sie nun Brust an Brust lagen wie zusammengeschmiedet von dem seligen Rausch der Stunde. Wie seh ich denn aus?" stammelte sie nach einer Weile. Wieder fand er kein Wort, sein Mund schloß sich fester, die Hand, die sie führte, begann so heftig zu beben, daß sie das Fliegen und Pochen seiner Pulse zu spiiren meinte. Eine Wolke zog über den Mond und legte für einen Augenblick eine lauernde Dunkelheit um sie. Es war, als hätte die Lust selbst ihren weichen, samtenen Mantel über die beiden geworfen, daß sie eine ganze Weile allein waren in heißer, atemloser Beklommenheit. Wohin tanzen wir denn?" lachte sie leise in das Schweigen hinein. Er keuchte etwas zurück, das sie nicht der- stand, aber mit dem Gluthauch seines Mundes förmlich in sich trank in sich aufnahm, als war es der Geliebte selbst, den sie zwischen Grauen und Sehnsucht empfing. Nur einen Mick wagte sie, einen Blick in das Antlitz, das so nah dem ihren glühte. Da brach der Mond hervor und der ganze süße Schreck des Ertapptseins machte sie wieder blöde und stumm. Warum er so gar nichts spricht?" dachte sie. Und er, als hätte er auch Gewalt über das, was ihr durch die Seele ging, sagte im selben Augenblick:Unter der Hiitt'n wars nicht so schön!" Sie zuckte zusammen, suchte nach einer Antwort, die der Wonne nahekam, mit der dieses erste Geständnis seiner Lippen ihre Seele erfüllte. Damals und heute! Ja, viel war anders geworden seitdem, mehr als sie auszudenken wagte. Wie auf einem reißenden Strom trieb sie dahin, ohne Halt, ohne Be- sinnung. Aber was lag daran? Sie wollte ja nichts anderes, als ihr geschehen konnte: ein seliges Untergehn! Unwillkür- lich folgte sie dem Zug seines Armes, preßte sich noch enger an ihn, schloß wie in einer letzten Angst die Augen, als fürchte sie, zu sehen, was im nächsten Moment geschehen konnte. Ihre Lippen öffneten sich langsam, wie dürstend. Da verstummte plötzlich die Harfe, die Paare traten auseinander. Euer Gnaden entschuldigen..." Es war der alte Preiner, der vor ihr stand. Was soll's denn?" ließ Lolette ihn etwas ungnädig an. Der Alte zog die Schultern hoch und den Kopf so weit als möglich zwischen die Sultern. Wie er immer tat, wenn der Wind von der Seite wehte. Aber er ließ sich nicht abschrecken. Der hochwürdige Herr Dechant, bitte!" J e tz t?" stammelte Lolette betroffen. Zugleich fuhr ste nach ihren Haaren, suchte das entglittene Band entsann sich plötzlich, daß es der Klamert festgehalten, fühlte, wie ihr das Blut in die Schläfen stieg, jäh, siedend. Meine Frisur!" lispelte sie verwirrt. Aber da stand einer, der nicht mehr zurückgab, was er einmal hatte, und wie er da stand gerade s o gefiel er ihr.Gott , wegen des Pfaffen!" dachte sie. Doch abweisen durfte sie den Gollenberg nicht, ihn zuletzt. So ungelegen er auch heute kam. Was will er denn?" fragte sie so nebenbei. Seine Hochwürden meinten, es war eine sehr ivichtige Angelegenheit." Na ja," seufzte Lolette resigniert aus.Man hat seine Pflichten..." Ihr Blick suchte den Klamert. Aber der stand rührte sich nicht. Noch immer ihr Bedienter. Sie aber chatte nur eine Angst: ob er noch hier sein würde, wenn sie wiederkam? Der Bediente das war ja nur mehr die Pose! Dort stand der Mann, der sie beherrschte, schon jetzt, ihren Willen dem feinen nachzog, ob er auch kein Wort sprach, schroff, dunkel, unerbittlich... ihr Schicksal. Vielleicht, daß der alte Preiner etwas ähnliches empfand, sie gerade darum so rasch weghaben wollte. Doch gab es keinen Mittelweg? Sie feierte ein Fest! Man konnte also Seine Hochwürden ebensogut herunterbitten. Warum hat er dem Grafen nicht gesagt, wo ich bin?" fragte sie, noch immer mit ihren Locken beschäftigt. Der alte Preiner zögerte eine Weile. Sollte er lügen? Wenn je war der hochwürdige Herr gerade diesmal zur rechten Zeit gekommen! Da war es schon am besten, gleich ganz bei der Wahrheit zu bleiben. Gottes Wege liefen auch so ihrem Ziele zu. Und der Wahrheit gemäß erwiderte er: Ich hab's dem hochwürdigen Herrn gesagt, bitte. Aber" Lolette sah ihn bloß an. Wieder zog der Alte die Schultern hoch:Aber der Herr Graf wollen ganz allein reden mit Euer Gnaden!" Und gerade jetzt!" rief Lolette ärgerlich. Der Alte überhörte es.Ich Hab ihn also in den blauen Salon geführt." Das auch noch!" dachte Lolette. Doch was blieb ihr übrig? Und schließlich... wer weiß, wozu es gut war! Schön," sagte sie mit einer plötzlichen Wendung an ihre Leute:Laßt Ihr Euch nicht stören unterdes. DenKehr- aus"tanzen wir deswegen doch miteinander." Damit nahm sie ihr Kleid und flog die alte Steintreppe empor. Ob sie wirklich noch einmal kommt?"" dachte der Bursch. Er machte sich auch seineu Vers zu dein späten Besuch des geistlichen Herrn. Indessen hatte sich Graf Gallenberg soviel als möglich in die Rolle desSeelenretters" hineingedacht. Warum sollte es ihm nicht möglich sein, diesen blonden Leichtsinn zurecht­zubringen? Eiir Standesgenosse war er auch. Wer weiß, ob nicht die weltläufige Sicherheit des Aristokraten zuletzt er- reichte, was der Sermon des Seeleuhirten nicht bewirkte. Als letztes Argument blieb ihm der Verdacht, den der alte Förster heute ausgesprochen. Wenn der neue Günstling Lolettes wirk- lich ein Wilddieb war Herrgott! Sic müßte ja keinen Rest von Schanigefühl mehr in sich haben, wenn das nicht verfing. Tiefer konnte sie nicht mehr hinabsteigen! Der Untcrweger hatte sie betrogen der andere lief in ihren Wäldern umher und knallte wie ein ordinärer Dieb ihr Wild zusammen. So konnte das nicht mehr fortgehn.! Durch die weitoffenstehenden Fenster scholl das lustige Geklimper des.Harfenisten und das verhaltene Gekicher der Dirnen. Ein Bursch jauchzte seinen Jubel zum Mond empor. der immer reiner, immer sieghafter zwischen dem weißen Nachtgewölk hervortrat. O ja, es nnißte sich ganz vergnügt hier leben auch fiir die Dienerschaft. In diesem Hause, in dem die Herrin selbst so weich und sorglos im Pfuhl der Sünde lebte. Sonst war es ganz still im blauen Salon. Der Papagei schwatzte, die kostbare Rokokouhr auf dem Kamin tickte leise und diskret in das Schweigen hinein. Hoch und still brannten die Girandoles, die der alte Preiner in aller Eile auf den Tisch gestellt. Lolette hatte nicht mehr an die Möglichkeit eines Besuches gedacht, und so war auch in derblab'n Stub'n" allerlei Tand liegen geblieben, der an ihre reizvolle Weiblich- keit erinnern konnte. Der luftige Frisiermantel, ihre roten Safsianpätschelchen, die so erwartungsvoll vor dem Kamin standen, ein feines Spitzentuch, das den zarten Hauch ihres Lieblingsparsüms in die sommerliche Schwüle des Zimmers atmete, das hatte der alte Preiner übersehen. Aber Seine Hochwürden hatten übrige Weile, auch davon Kenntnis zu nehmen, ob sie nun wollten oder nickst. Es war schon eine geraume Weile her, daß der Graf an dergleichen ein Wohlgefallen gefunden. Jetzt wuchs ihm ein feistes Bäuchlein und Alter und Kurzatmigkeit hatten ihr übrig Teil an seinein makellosen Wandel. Wie die hübschen Dinger aber da wahllos herumlaqen und standen, entlockten ste ihm dennoch einen leichten Seufzer der ein Seufzer blieb, ob er sich auch einbildete, daß er bloß der Sündhaftig- keit dieser Welt galt. Lang, lang war's her.... Da flog die Tür auf. Der Wind, der ihr von den ge- ösfnctcv Fenstern eistgcgei, wehte, trug zwei duftige