Anterhaltungsblatt des'Vorwärts Nr. 240. Dienstag� den 12. Dezember 1911 lNachdru« verbolewl 21] Die Guten von Gutenburg. Von HermannKukz. Im März begann das Spielen der Buben, die im Wer sind, um Soldat zu werden. Und schon im Januar tat sich der Jahrgang zusammen. Soldatenlieder singend zogen sie durch das Städtlein. Das machten sie so schön als möglich. Be- sonders innig oder laut, je nach Gemüt, erhoben diese Guten- burger Troubadoure ihre Stimmen, wenn gerade ein Haus in der Nähe war, das einen anderen Jahrgang barg. Aber diese anderen Jahrgänge wuchsen nicht im Rebland draußen, sondern in den Mädchenkammern. Der Findling sang da überall herum tüchtig mit, doch seine Stimme erhob er nirgends zur Serenade vor irgendeinem Fensterlein. Doch freute er sich an dem Treiben, denn er war trotz seines Schulsackes im Gemüte ein Bauernbub, und da er bislang ge- scheite Lehrer gehabt hatte,öffnete" keiner von diesen des Burschen Augen. Ende März begann die Aushebung und Anfang April hatten die Gutenburger wieder zukünftige Rekruten. Auch der Findling wurde gezogen. Er mußte im Oktober ein- rücken und sein Jahr abdienen. DiesesEinjährige" gab ihm einen gewissen Glanz. Besonders einige Mädchen juckte es, wenn sie diesen Einjährigen versteckt betrachten konnten. Denn sie wußten alle, daß er noch ungerächt vom Geschlechte der Zarten sich semes Lebens freute. Diese Wissenschaft wird von den Mädchen im Alterder Apfelblüte, worin sie Schnee- gänse sind", wie der Seppetoni, der Gutenburger Philosoph, erklärte, am liebsten gepflegt. Am zweiten Aprilsonntag war der Eiertanz. Die Burschen wählten den Sohn des Hirschenwirts und den Find- ling fürs Eierrennen und auch, wie dies Sitte ist, für das Sammeln der dazugehörigen Eier. Am Samstag kam der Findling in die Wirtsstube des Hirschen, um seinen Gegner im Eierrennen und Partner im Sammeln abzuholen. Die Mutter des Buben gab dem Findling freundlich die Hand. Aber in der Freundlichkeit lag auch ein wenig Herab- lassung und Bedauern. Einesteils tat ihr der Bub, der aus- gefundene leid, dann aber gab ihre honorige Seele auch dem eigenenIch" die Trauerhand. Daß auch dieser Bankert mit ihrem, man denke, ihrem Sohne das Rennen machen mußtet Aber das süße Lächeln behielt diese Frau vor ihrem Munde. Denn die Kundschaft konnte leicht ein schiefes Gesicht von ihr an den Findling falsch auffassen und beleidigt tun. Der Findling fühlte sich nicht wohl im Hirschen. Als aber der Hirschenwirtsbub mit dem Wäschkorb zum Eier- sammeln kam und noch hochmütiger tat als die Mutter, der- wunderte er sich. Bald merkte er, welcher Pfeffer die Hirschen- Wirtsleute biß und juckte. Seine gute Laune ging so in Trümmer und das Mensch- lein in ihm revoluzte. Wenn er schon nur der Findel war und auch nur den Simon zum Vater hatte, dem Hund hieß dies dennoch nicht vom Wadel gefallen. Die beiden hatten beim Sammeln der Eier nicht allzuviel Worte für einander. Aber in beiden war ein Gefühl, um jeden Preis Meister des andern zu werden. Am Sonntag war gutes Wetter. Um zwei Uhr waren die Eier der Straße entlang gelegt, alle zwei Schritte ein Ei. Und zwei Schritte vom letzten weg stand der Korb. Jedes Ei hatte der Wirtsbub einzeln zu holen und einzeln in den Korb zu tragen, zuerst das nächste, dann das zweite, immer hin und wieder zurück, ein Ei holen, zum Korb tragen, hinein- legen und hurtig das nächste dem vorderen nach. Der Findling aber mußte nach Altenberg hinüberlausen, und mit einem Fuhrwerk folgten einige ältere Bürger, um sicher zu gehen, daß der Weg hin und zurück getan wurde. Der Findling und der Hirschenwirtsbub hatten sich nicht gerade herzlich angeschaut, als sie am Korbe standen und aus das Zeichen zum Beginn des Rennen warteten. Der eine schaute da. der andere dort hin. Und da der Findling auf de? rechten Seite des Korbes stand, schaute er rechts. Der Hirschenwirtsbub auf seine, die linke Seite. Links standen nun Leute und hintendran die Linden. Rechts aber lag das Schlüsselwirtshaus. Und unter der Tür« des Schlüssels stand die junge Madien, die Tochter des Erhard, auf der Treppe vor der Tür und schaute hinaus. Sie war einige Jahre jünger als der Findling, aber so ohne Mutte» ausgewachsen ein sicheres keckes Fräulein. Und da sie ein feines hübsches Ding war, durfte sie sein, wie sie wollte und war immer recht. Das heißt, es gab unter ihresgleichen auch einiae, die ganz anders dachten. Da sie aber ein Fräulein war, entschieden darüber die Mannsleute.Leider", sagten die Frauensleut. Die Madlen schaute nun so wie von ungefähr die zwei Buben an. Der Hirschenwirtsbub war ein derber, hübscher Mensch, den sollte sie später mal heiraten, sagte ihr Vater. Aber auch der Findling war hübsch. Eigentlich nein, hübscher war der Hirschenwirtsbub. Aber der Findling gefiel ihr besser. Woran dies wohl liegen mochte? Dieweil die Madlen so dachte und das Rätsel lösen wollte, schaute sie dem Findling gut in das Gesicht. Und an seinen Augen blieben die ihrigen hängen. Und da wußte sie, was es war. Die Augen waren es, der Findling hatte schön« Augen. Da sagte jemand beim Korbe:Losl" Der Hirschen» Wirtsbub lief wie der Teufel einem Ei nach dem andern nach. Und da hörte die Madlen, wie einer sagte:So lauf doch, zum Donnerwetterl" Und sie sah, daß ein anderer Vursch dem Findling einen Puff gab, dann einen Stoß und ihn vorwärts schob. Und da begann der Findling auch zu laufen, was das Zeug hielt, das Fuhrwerk hinterdrein. Die Leute lachten ringsum. Aber die Madlen Wußte gar nicht warum. Sie nahm sich aber vor, sobald dies ging, den Findling noch gründlicher einer Besichtigung zu unterwerfen denn heute. Sie wollte herausbringen, was alles hübscher an ihm war als an dem Hirschenwirtsbub, den sie heiraten sollte, wie der Vater immer sagte, wenn er guter Laune war. Ter Findling aber nahm den Weg nicht übel unter die Füße. Mit jedem Schritt soviel als möglich. Er wollte rasch wieder in Gutenburg zurück sein, denn er konnte sich nicht losreißen von dem Blick der jungen Madlen. Wie er so rechts geschaut hatte, um den Hirschenwirtsbub nicht in das Gesicht zu sehen, schaute er, ohne daß er wußte. wie das eigentlich kam, der Madlen ins Gesicht. Und da er Gefallen an diesem Gesicht fand, guckte er auch weiter hin nach rechts. Und er würde heute noch nach rechts schauen, wenn nicht irgendeiner ihm einen Puff gegeben und er nicht hätte losrennen müssen. So bekam der Findling den Funken ab, als die Madlen und er einander anschauten, und beide nicht wußten, wie und wo. Aber als der Findling so dahin rannte, kam ihm mit einem Male der Gedanke, daß er unter allen Umständen eher zurück sein müsse, als der andere mit Eierlesen fertig war. Denn wenn er der letzte war, mußte er sich ja zu Tode schämen unter dem Gespötte. Und er wollte doch in den Schlüssel gehen und ja was hatte er denn eigentlich im Schlüssel verloren? Nichts, dies war schon so, aber. Da läßt sich weiter nichts tun, wenn ein junger Bursche, der einem Mädchen in die Augen geschaut hat, sagtnichts", um hintendran mit demaber" zu kommen. Der würde dem Teufel sogar mit seinem Aber die Hölle heiß machen...,.... In Gutenburg lief der Hirschenwirtsbub wie ein Wiesel so eilig hin und her von Ei zu Korb und immer weiter die Straße hinaus. Schon lagen nur noch einige wenige zu einem Dutzend der Hunderte von Eiern. Wie das erste Ei vom letzten Dutzend im Korbe lag. begann die Musik so gut sie konnteHei! dir im Siegerkranz" zu spielen. Der Schul- meister als Dis-Harmoniedirektor von Gutenburg schwang den Zauberstab über den Tönen. t Eben hatte der Hirschenbub das zehnte Ei in den Korb gelegt. Jetzt noch die letzten neun! Wenig vor Gutenfycrg draußen rasselte das Fuhrwerk hinter dem Findling drein. Das war gerade als der Lehrer den Stock schwang und.zwei drei" gesagt hatte und die Musikanten mit vollen Backen in das Blech bliesen, daß es > krachte vor Musik.