Anierhaltungsblatt des Horwiirts

Nr. 246

Mittwoch den 20. Dezember.

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Die Guten von Gutenburg* Von Hermann Kur».

Diese» Unglück der beiden Liebesleute war bielleicht für beide ein großes Glück, denn eS schlissen sich dadurch einige Ecken ab. die.»u lange am alten Ort gelassen, vor lauter Schärfe und Spitzen leicht blutige Wunden gerissen hätten. Und gekommen war'S vor lauter Freude und Stolz, und was willst Du noch mehr. Herz? Denn der Findling hatte nichts so eilig, als er aus dem ersten Ueberschwang der Dankbarkeit erwacht und wieder im alltäglichen Gleichgewicht war. wie zur Madlen itt den Schlüssel zu laufen. Und wie die beiden jungen Leute alles beredet hatten. begannen sie ihren Plan zurechtzulegen, um ja recht bald zu- sammenzukommen. Der Findling meinte, das beste war', er würde einfach um sie anhalten. Aber die Madlen kannte ihren Vater zu gut. Der war ein hochmütiger Mann und hätte leicht mit Worten aufgewartet, die der Findling mit keinen Liebenswürdigkeiten bezahlt hätte. Es wäre dann aus der Werbung ein arger Handel geworden. Doch in ihrem krausen Köpflein schoß da ein entsprechend krauser Gedanke aus. Der Findling sollte zu ihrem Vater gehen und ihm von seinem Glücke erzählen, und dann sollte er sich für des Vaters Büvgermeisterwahl an den Laden legen, und dann als Lohn sollte die Hochzeit sein. Da wurde die Madlen zur Eva, und ohne daß sie dies wollte, zur Versucherin. Denn der Findling war durchaus gegen den Schlüsselwirt als Bürgermeister und auf der Seite de» anderen Kandidaten, des alten Bürgermeisters, und der Adlerpartei. Darum sagte er schroff:Das ist nichts. Madlen. das geht nicht t" Die Madlen war nun die ganze letzte Zeit nicht wenig stolz auf ihren Vater gewesen. TerHerr Bürgermeister" hatte ihr beinahe halb soviel das Köpflein verdreht, wie der Findling eS ganz getan. Darum fragte sie beleidigt und schnippisch: So, warum geht das nicht?" Weil'S nicht geht, Madlen." Warum, mächt' ich wissen." Weil Dein Vater nicht zum Bürgermeister paßt." Warum paßt er nicht dazu?" Weil er nichts davon versteht." Du stimmst also nicht für ihn?" Nein!" Von Wort zu Wort wurden beide erregter, heftig und rasch sprachen sie: wenn auch mit leiser Stimme, war der Nach- hall um so lauter. Es schien jedem der beiden. eS müsse vom anderen recht bekommen, und jedes hätte am liebsten dem anderen recht gegeben. Aber keins konnte ablassen, und eS schien dem Findling, er kämpfe, um etwas zu verlieren und dafür ein anderes zu gewinnen. Und in Wirklichkeit nahm er der Madlen den Glauben an ihren Vater. Er öffnete ihr die Augen, um durch das richtige Bild, das er ihr von ihrem Vater gab. sie für sich allein zu gewinnen. Darum blieb er hart und gab nicht nach. Und als die Madlen wieder fragte, da sie nicht fasten konnte, was der Liebste ihr sagte, da hatte er wieder nur einNein" übrig. Die Madlen aber mußte erst verstehen, um über daS Harte und Wehe wegzukommen. Nur die Zeit konnte ihr aber das Verständnis geben. So wogte in ihr bei deS Find­ling? Worten heißer Zorn auf, und die Aufregung in ihr wallte voll Unruhe wie siedendes Wasser. Darum brannten den Findling ihre letzten Worte. Denn die Madlen flammte auf und sagte: $evt sollst Du Dich aber schämen, so all Du bist, so etwas von meinem Vater zu sagenl" Und als sie dies heraus hatte, da war ihr Zorn ver- flogen, und das Master begann in ihr aufzusteigen, um das Brändlein zu löschen. Doch sollte dies der Findling nicht sehen. Sie drückte ihre Tränen hinunter und lies von dem Burschen weg. Der Findling aber tat das gleiche. Er ließ den Schlüssel Schlüstel sein und fühlte sich ebenso unglücklich

wie seine Liebste. Aber er wollte nicht nachgeben. Darum kam er die ga cze Zeit über nicht mehr in den Schlüstel. Doch sehnte er sich.räch der Madlen geradeso, wie die sich nach ihm. Di« Madlen aber schaute seit jenem Morgen ihren Vater anders an. Den Menschenwert und die Güte des Herzens suchte sie. Und da mußte sie dem Findling recht geben. Nicht das Kind in ihr urteilte, nicht den Vater erkannte sie. Sie suchte die Macht, die den Nebenmenschen zur Achtung zwingt. die Reinheit des Gemütes. Und sie fand die Enttäuschung. Was sie bislang von ihrem Vater gehalten, war Traum und Schaum. Die beiden Parteien der Gutenburger lagen in heftigem Kampfe.Hie der Neuel" schrie die eine.Hie der Altet" die andere. Die Partei des alten Bürgermeisters hatte ihr Loger im Adler aufgeschlagen und der Doktor war ihr Hanpt- mann. Die Parte» des Erhard aber hatte ihren Sta»»d im eigenen Haus, und deren psrp�tnum mobile war der Erhard in höchsteigener Person. Natürlich hatte er für verschiedent» liche Geschäfte, die er selbst nicht in die Hand nehmen konnte, seine Strohmänner. Diese waren alle? Leute mit einem Strick um den Hals. Sie hingen wie die Kletten am Erhard. denn auch in seinem Buche hingen sie ähnlich und waren nicht daraus zu tilgen. Wenige Wochen vor der Wahl beschloß der Doktor, dem alten Bürgermeister als Demonstration eine Ovation zu bringen. Und richtig, am Abend versammelte sich ein Zug vor dem Rathause. Die Disharmonie wurde sonst im ge- wohnlichen Leben vom Doktor zum Teufel gewünscht. Heute aber war er über den von ihr verursachten Radau froh, da er die Aufmerksamkeit erregte. Die Disharmonie bildete also die Spitze. Räte, Bürger. Kinder, Weiber und einige Hunde machten den Zug. So zog man vor das Haus des alten Bürgermeisters. Dort schrie alles dreimal Hoch. Die Musik posaunte einen Tusch von solcher Kraft, daß dem Trompeter das Blech platzte und dem Mann am Bombardon sämtliche Knöpfe von der Weste flogen. Im selben Augenblick. So verlies diese Ovation. Aber der Bürgermeister hatte einen Fehler begangen. Er hotte das WortBrot und Spiel" vergessen, und deshalb waren einige Unzufriedene bei der Mehrzahl. Darum verlor der Abend gerade seine Bedeutung, da kein Suff und Rausch mit ähnlicher Freude ein Echo hervorrief, zum Ausschlachten der Erinnerung. Als der Zug am Schlüstel vorbeikam, biß sich der Erhard auf die Lippen. Diesem Trumpf war er nicht gewachsen. Darum hatte er in seiner Verzweiflung gerade schon sei« unterstesSiedigheißeS" und so weiter gebetet, als der Seppetoni wie ein dem Gebet entsprechender Heiland �r- schien.Wenn Du mir meine Schuld quittierst, sag' ich Dir, wie Du die da reinlegen kannst." Der Schlüsselwirt quittierte. Und der Rat des Seppetoni brachte die Strohmänner des Erhard auf die Beine. Da wurde gelaufen und geredet. Und als alles im reinen war. wurde ein Fackelzug daraus zur Ehre des Schlllsselwirts. Zwar hatte der Erhard die Fackeln selbst bezahlt, die ihn in das rechte Licht bringen sollten. Auch ver- sprach er jedem, der eine Fackel an seinem Ehrenabend herum- trug, freies Trinken. Darum waren nicht genug Fackeln da, als der Abend gekommen war. Doch hatte der Erhard am bloßen Mitlaufen schon seine Freude. Sein Herz und seine Gläser flössen über. Herrgott nochmal. wie lange gab dieser Abend zu erzählen! Wie hatte man dort gesoffen und welche Riesenräusche, ei ei eil So gewann der Erhard den Vorsprung im Rennen, den ihm sein Partner genommen hatte. Aber noch war nicht alles entschieden. Da kam dem Erhard das Schicksal entgegen. Das Schicksal war diesmal die lose Hand des Herrn Kaplans und der starre Kops des alten Bürgermeisters sowie des Doktors. Nochher behauptete der Erhard zwar, dies alles hätte nichts zu sagen gehabt. Gezogen hätte sein echtes Wesen und auch das Denkmal der Veteranen, das er den Bürgern als Hauptgegenleistung für seine Wahl versprochen habe. Darauf freilich meinte einmal ein böses Maul: Wenn das die größte Kunst von einem Bürgermeister ist