HlnterhaltMgsblatt des vorwärts Nr. 32. Donnerstag den 15. Februar. 1912 (Nachdruck verboim.l 82] pelle der Gröberer. Der große Kampf. Roman von MartinAndersenNezo. Der Laut kam wieder, stärker und langgezogener, und tzlwas darin erinnerte ihn an Stengaarden und weckte das Grauen seiner Kindheit in ihm: er saß und schwitzte über der Arbeit. Plötzlich hörte er draußen jemand tastend auf dem Gang gehen und an seiner Tür pusseln: er sprang ,hin und öffnete, die Spannung lief wie ein kalter Schauer durch seinen Körper. Draußen stand Hannes Mutter und zitterte in der Morgenkälte. Pelle," flüsterte sie ängstlich,jetzt ist es so weit, würdest Du wohl hinlaufen und Frau Blon? aus der Marktstraße holen? Ich kann Hanne nicht verlassen. Dann sollte ich Dir auch von ihr Glück wünschen." Der Auftrag kam ihm gerade nicht sehr gelegen, aber er tief trotzdem. Und dann faß er da und lauschte hinüber, während er so still wie möglich arbeitete, um Vater Lasse nicht zu wecken. Aber dann war es Zeit fiir die Kinder aufzu- stehen: zum letztenmal pochte er an die Wand und hörte Mariens schlaftrunkenesJa a!" Die nächtliche Stille war im selben Augenblick gebrochen, die Bewohner taumelten hinaus, rannten auf nackten Füßen an die Abwasche und knallten mit den Türen. Die Prinzessin jammert, sagten sie zueinander. Sie weint, weil sie das verloren hat, was sie nie wieder kriegt. Dann steigerte sich das Jammern zu einem lauten Schrei, und plötzlich wurde es still da drüben. Die arme Hanne! Nun hatte sie einen Mund zu ver- sorgen, und wo war der Vater dazu? Sie ging einer harten Zeit entgegen! Lasse ging heute nicht auf Arbeit, obwohl die Hochzeit erst am Nachmittag stattfinden sollte. Er war von früher Morgenstunde an feierlich gestimmt und gab acht auf Pelle, daß er nichts über kreuz legte und dergleichen. Und der große Pelle lachte jedesmal. Ja, Du lachst," sagte Lasse,aber dies ist ein wichtiger Tag, vielleicht der wichtigste im Leben. Da soll man wohl aufpassen, daß nicht die erste beste Kleinigkeit einem das Ganze verdirbt.Er ging umher und betrachtete alles als Vorbedeutung. Mit der Sonne war er zufrieden, sie ging aus einem Sack auf und wurde im Laufe des Tages immer heller. Es war nie gut, wenn es zu strahlend begann. Marie ging umher und betrachtete Pelle mit einem Aus- druck unterdrückten Kummers, wie eine Mutter, die ibr Kind hinaussendet und sich Mühe gibt, froh zu scheinen, dachte er. Ja, ja, sie hatte sich nach mancherlei Richtung hin seiner wie eine Mutter angenommen, obwohl sie noch ein Kind war: sie hatte ihn in ihr Nest aufgenommen wie einen verlassenen kleinen Vogel und ihm mit Staunen an sich vorbei wachsen sehen. Er hatte ihnen heimlich geholfen, wo er konnte. Aber was bedeutete das im Verhältnis zum Rhythmus, der ihm seine Arbeit leicht machte, wenn er sah. wie die drei Ver- waisten die Sache so nahmen, wie sie war, und selbst ihr ganzes Dasein auf nichts aufbauten. Wer sollte ihnen nun über die schwierigen Stellen hinweghelfen, ohne daß sie die Hand bemerkten? Er mußte ein wachsames Auge auf sie haben. Marie hatte hektische Wangen und glänzende Augen, als er ihre rauhe.Hand in der seinen hielt und ihr für gute Nach­barschaft dankte. Es kämpfte in ihrem engen Busen. Ein Widerschein verborgener Schönheit lag über ihr. Pelle hatte das Blut gelehrt, den Weg in ihr graues Antlitz zu finden: wenn er bei irgend etwas stark in den Vordergrund trat, glühten ihre Wangen, und ein wenig von der Farbe blieb jedesmal zurück. Es war, als ob die Säfte in ihr durch seine Gesundheit mitstiegen, und nun stand sie hier und suchte die verkrüppelte Schale zu zersprengen und ihm holde Fähig- keiten entgegenzustrecken, vermochte es aber nicht. Plötzlich fiel sie ihm um den Hals.Pelle, Pelle!" sagte sie und bohrte ihr Antlitz in seine Brust hinein. Und dann lief sie in ihre Stube. Lasse und Pelle trugen die letzten Sachen in die Woh> nung hinüber und setzten alles an Ort und Stelle: dann klei- deten sie sich in den feinsten Putz und gingen zu Stolpes hinaus. Pelle hatte zum erstenmal in seinem Leben einen! Zylinder auf und sah ganz stattlich aus.Du gleichst einem Großbürger," sagte Lasse und konnte sich nicht satt an ihm sehen.Aber was meinst Du, daß sie zu dem alten Lassa sagen? Es sind doch halbwegs feine Leute, und ich verstehe ja gar nicht, mich zu gebärden. Wäre es nicht am Ende besser, wenn ich umkehrte?" Ach, red' doch nicht so, Vater." sagte Pelle. Lasse freute sich ungeheuer darauf, zur Hochzeit zit kommen, hatte aber doch allerlei Bedenken. Die letzten Jahre hatten ihn Fremden gegenüber scheu gemacht, und er kroch gern in die Ecken. Seine Feiertagskleider waren auch mii drauf gegangen, und sein heutiger Staat war zusammen- geflickt: den Rock hatte er eigens zu diesem Zweck gemietet und der weiße Kragen und die Manschetten gehörten Peter. Er fühlte sich nicht heimisch in seinen Kleidern und sah aus wie ein genierter Konfirmand. Draußen bei Stolpes stand das ganze Haus auf dem Kopf. Die Gäste, die mit zur Kirche sollten, waren schon ge- kommen: sie gingen in der Wohnstube umher und vfjffen vor sich hin, sahen auf die Straße hinaus und langweilten sich. Stolpes Schreibtisch war in ein Buffett verwandelt und die Brüder zogen Bierflaschen auf und nötigten gemütlich:Ach, nehmen Sie doch noch ein kleines Stück Knackbrot dazu, man wird ja ganz trocken im Hals, wenn man so lange dasteht und nichts sagt." Drinnen in der guten Stube ging Stolpe auf und nieder und brummte. Er war in Hosenträgern und wartete, daß an ihn die Reihe käme, die Schlafstube zu benutzen, wo Ellen und die Mutter sich eingeschlossen hatten. Von Zeit zu Zeit wurde die Tür ein klein wenig geöffnet, und Ellens nackter. weißer Arm kam zum Vorschein und warf dem Vater ein Kleidungsstück hinein. Tann bekam Pelle Herzklopfen. Auf dem Fensterbrett stand Frau Stolpcs Myrte und war ganz geplündert. Nun kam Stolpe herein und war fertig. Pelle mußte ihm nur den Kragen zuknöpfen. Er reichte Lasse die Hand und ging dann hin und nahm denArbeiter". Hier sollen Sitz mal hören, was sie von Ihrem Sohn sagen," sagte er und be- gann zu lesen: Unser junger Parteigenosse Pelle feiert heute Hoch- zeit mit der Tochter eines der ältesten und wohlverdientesten Männer der Partei, Maurer Stolpe. Der junge Mann, der schon ein gutes Stück Arbeit für die Sache getan hat, wurde gestern abend einstimmig zun: Vorsitzenden seiner Organisation vorgeschlagen. Wir geben dem jungen Paar unsere besten Wünsche niit auf den Weg!" Das läßt sich hören, was?" Stolpe reichte den Gästen das Blatt. Ja, weiß Gott , das ist gut," sagten sie und ließen das Blatt von Hand zu Hand gehen. Lasse bewegte die Lippen. als wenn auch er die Notiz durchlese.Ja, verteufelt, wie sie das zusammenstellen können," sagte er entzückt. Aber was ist denn das mit Petersen, will er abgehen?" fragte Stolpe. Er ist ja krank," erwiderte Pelle.Ich bin übrigens gestern abend nicht dagewesen, daher weiß ich von nichts." Stolpe sah.ihn erstaunt an. Frau Stolpe kam und zog Pelle in die Schlafstube hinein. wo Ellen als schneeweiße Offenbarung stand, mit langem Schleier und Myrtenkranz im Haar.Eigentlich solltet Ihr beide Euch ja nicht sehen, aber ich finde, das ist unrecht," sagte sie und schob sie mit einem liebevollen Blick einander in die Arme. Frederik, der aus dem Fenster hinausgelegcn hatte, um nach dem Fuhrwerk zu sehen, kam und donnerte gegen die Tür.Ter Wagen ist da, Kinder!" brüllte er zwecklos laut. Ter Wagen ist da! Und so rollten sie denn von bannen, die paar Schritte bis nach Sankt Haus hinüber. Pelle ivußte kaum von dem, was mit ihn, vor sich ging, ehe sie wieder im Wagen saßen, man mußte ihn anstoßen, wenn er irgend etwas tun sollte, er sah