Anterhaltungsblatt des'Dorivarts
Nr. 41.
Mittwoch den 23. Februar.
1912
(NaSdruck»erdolen.Z
*1]
pcllc der Eroberer. Der große Kampf. Roman vonMartinAnderfenNexv.
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Als Pelle auf die Straße hinabkam, atmete er tief auf. »,Puh, ha, das war hart; ein paar Grobheiten und eins ans Maul, das wäre ja die natürlichste Antwort auf die Un- Verschämtheit des Mannes gewesen. Na, das war eine Probe für seinen hitzigen Sinn und jetzt war sie bestanden! Wenn er den Mund hielt, konnte er also eine Situation beherrschen! „Nun, verhängen wir also die Sperre über Meyer," dachte er, während er die Straße hinabging.„Und was dann? Ja, dann schlägt er wieder und macht Lockout. Können wir das aushalten? Nicht recht lange, aber die Meister können es auch nicht. Dann werden ihre Geschäfte ruiniert. Aber dann lassen sie sich Gesellen aus dem Ausland kommen— oder, falls diese Wirtschaft nicht geht, lassen sie die Arbeit anderswo ausführen; sie führen Fabrikware in großen Mengen ein und führen Maschinen ein, womit sie ja schon so bei kleinem angefangen haben!" Pelle blieb mitten auf der Straße stehen. Verdammt und verflucht, dies ging nicht! Er mußte acht geben, daß er nicht die ganze Geschichte zu Rührei machte. Bekamen alle diese Dinge erst einen Einlaß, so war die ganze Menge im selben Augenblick brotlos gemacht. Aber den Hoflchuhmacher wollte er fassen; es mußte ein Mittel geben, um dem Blutsauger eine Ohrfeige zu versetzen, so daß er es in seinem Geldbeutel fühlte! Am nächsten Morgen kam er wie gewöhnlich zu Meister Beck. Beck sah ihn von weitem über die Brille an.„Ich habe nichts mehr mit Ihnen zu schaffen, Pelle," sagte er leise. „Nanu!" rief Pelle erschreckt aus.„Aber wir haben doch so viel zu tun, Meister!" „Ja, aber ich kann Sie nicht länger beschäftigen. Es ge> schieht nicht mit meinem guten Willen; ich bin immer sehr zu- frieden mit Ihnen gewesen; aber die Verhältnisse liegen nun einmal so. Da ist so vieles, was man in Betracht ziehen muß: ohne Material kann ein Schuster nicht arbeiten, und Kredit beim Lederhändler kann man auch nicht entbehren." Mehr wollte er nicht sagen. Aber Pelle hatte auch hinreichend verstanden. Als Vor- sitzender des Meistervereins hatte Meyer Beck gezwungen, ihn zu verabschieden, durch Drohungen ihm seine Bezugsquellen zu verstopfen. Pelle ward getroffen, weil er an der Spitze der Organisation stand, obwohl sie jetzt anerkannt war. Das war ein Eingriff in das Koalitionsrecht. Und doch war nichts dagegen zu machen; man hatte das Recht, einen Mann zu verabschieden, wenn man keine Verwendung mehr für ihn hatte. Meyer war ein pfiffiger kkerl! Pelle trieb sich eine Weile mutlos umher. Er hatte keine große Lust, mit der traurigen Nachricht zu Ellen zu kommen, und ging zu verschiedenen Meistern, um sich nach Arbeit um- zusehen. Aber sobald sie hörten, wer er sei, fiel ihnen ein. daß doch eigentlich nichts für ihn zu tun sei. Er merkte, daß man ein Kreuz hinter seinen Namen gesetzt hatte. So mußte er sich denn auf die Heimarbeit beschränken und versuchen, mehr unter den Bekannten seiner Bekannten aufzustöbern. Und sonst bei Tag und bei Nacht bereit zu sein, falls ein kleiner Meister, der ohne Hilfe hcrumnusselte, plötzlich mehr zu wn bekam, als er erledigen konnte. Ellen nahm die Verhältnisse hin, wie sie waren, und beklagte sich nicht. Aber gegen die Ursache leistete sie stummen Widerstand. Pelle fand keine Unterstützung bei ihr in seinem Kampf; was er dort vorhatte, mußte er allein ausfechten. Es verrückte seinen Kurs nicht, sondern erzeugte vielmehr Eigensinn in ihm. Da war eine Seite in ihm, die Ellens Wesen nicht zu decken vermochte; nun ja, sie war ja ein Frauenzimmer. Man mußte Nachsicht mit ihr haben! Er war gut gegen sie und stellte sie in seinen Gedanken immer mehr auf eine Stufe mit dem kleinen Lasse. Dadurch be- freite er sich von ihrer Ansicht über ernste Dinge und fühlte sich mehr als Mann.
Dank dem kleinen Gehalt, das ihm sein Posten als Vorsitzender brachte, litten sie keine Not. Es war sonst eigentlich nicht nach Pelles Sinn, und er hatte große Lust, auf die paar hundert Kronen zu verzichten. Es floß keina Spur von Beamtenblut in seinen Adern; er begriff nicht recht, daß man Vergütung für den allgemeinen Nutzen haben sollte, den man ausrichtete. Aber nun kam ihm das Geld doch sehr gelegen, und er hatte andere Dinge zu tun, alS von Kleinigkeiten Aufhebens zu machen. Die Sperre Hatto er aufgegeben: aber das Gehirn grübelte beständig nach Auswegen, um den Hofschuhmacher zu fassen; das beschästigts ihn Tag und Nacht. Eines Tages strauchelten seine Gedanken über Meyer? eigene Taktik! Ganz unschuldig hatte man ihn aus deo Arbeit hinausgedrängt. Wie, wenn er es ebenso machte und ganz im stillen dem Hofschuhmacher seine Leute wegnahm? Meyer war der böse Geist des Faches. Er saß wie ein Tyrann da. krafl seiner Uebermacht und hielt das Ganze nieder. ES würde nicht so unmöglich sein, als Vergeltung ein Kreuz hinter seinen Namen zu setzen! Und Pelle hatte nicht die Absicht, es so genau mit den Mitteln zu nehmen. Er beredete die Sache mit dem Schwiegervater, de? wieder Zutrauen zu ihm gefaßt hatte. Stolpe, der ein alter gerissener Taktiker war, riet ihm, keine Versammlung wegen dieser Angelegenheit einzuberufen, sondern das Ganze unter vier Augen mit jedem einzelnen zu ordnen, so daß man den Fachverein nicht fassen konnte.„Du hast ja jetzt Zeit genug," sagte er.„Geh Du erst zu den zuverlässigen Leuten und mache ihnen begreiflich, was für ein Kerl Meyer ist, und nimm ihm zu allererst seine besten Leute weg; daß er die schlechten behält, kann ihm ja nicht viel nützen. Du kannst! die Kameraden ja anfeuern, wenn Du willst! Mach Deine Sache so gut, daß niemand mehr den Mut hat, an den Platz derer zu gehen, die ihn verlassen. Er muß von Mann zu Mann als der gestempelt werden, der er ist." Pelle schonte sich nicht; er ging von einem Genossen zum anderen, stark und anfeuernd. Und was sich vor drei Jahren als unmöglich erwiesen hatte, ließ sich jetzt ausführen; der Groll gegen das Unrecht hatte sich in den Gemütern fest« gesetzt. Meyer hatte die Manier gehabt, seine Arbeiter umsonst nach Arbeit rennen zu lassen, es sei nicht ganz eingerichtet, sie mußten wiederkommen! Und wenn ihnen die Arbeit dann ausgeliefert wurde, sollte sie gewöhnlich über Hals und Kopf fertig gemacht werden. Es lag eine Absicht hierin. Es machte die Leute demütig und fügsam. Aber nun ward der Spieß umgedreht. Die Arbeiter kamen nicht und lieferten die dringliche Arbeit nicht zu der verabredeten Zeit ab; er mußte danach schicken und erhielt seine eigenen Worte als Antwort: Sie sei noch nicht ganz fertig: aber sie mMtekt sehen, was sich tun ließe! Er mußts seinen eigenen AnTeitern die Tür einrennen, um seine feine Kundschaft nicht vor den Kopf zu stoßen. Die ersten Fälle behandelte er durch die Bank mit Verabschiedung. Aber das half nichts; es war ein Hochmutsteufel in die einfachen Schuhmachergesellen gefahren! Es sah aus, als wenn sie die Begriffe Herr und Untergebener auf den Kopf stellten! Die harte Hand mußte er aufgeben und es mit guten Worten ver- suchen. Das Geschäft hatte die ganze vornehme Welt als Kundschaft und bedurfte immer eines Stabes von Elite- arbeitern. Aber nicht einmal Freundlichkeit half. Kaum hatte er einen guten Gesellen bekommen, so war der auch schon wieder weg, und ftagte er nach dem Grunde, so erhielt er immer dieselbe foppende Antwort: Sie hätten keine Luft zu seiner Arbeit. Er bot hohen Arbeitslohn und verschrieb mit hohen Unkosten Leute von auswärts; aber Pelle war stets unterrichtet und suchte sie sofort auf. Wenn sie nur einige Tage unter seinem Einfluß gestanden hatten, reisten sie wieder ab oder gingen zu anderen Meistern, die jetzt, wo es mit Meyers Geschäft zumckging, mehr zu tun bekamen. Die Leute, die ins Lager kamen, erzählten, daß er oben umher- ging und wütete und die Unschuldigen ausschimpfte und auch sie von sich jagte. Meyer fühlte eine Hand hinter diesem allen, er ver«