Nntethalwngsblatt des vorwärts Nr. 42. Donnerstag 0en 29. Februar. 1.912

(Nachdruck verbore«.) 421 Pelle der Eroberer. Der große Kampf. Roman von Martin AndersenNezö. Es schellte. Sie stürzte an den Ofen und riß etwas Kinderwäsche herunter, dann ging sie hinaus und öffnete. Ein brünetter, korpulenter Herr im Spazierpelz trat dienernd ein, den hohen Hut hielt er vor sich hin, zusammen mit den Handschuhen und dem Stock. Pelle wollte seinen Augen nicht trauen es war der Hofschuhmacher. Er kommt wohl, um mit Dir abzurechnen! dachte er und bereitete sich auf einen Kampf vor. Er bekam Herzklopfen, und etwas in ihm fing an. hinab zu rutschen, alte Untertänigkeit war im Begriff aufzusteigen und sich seiner zu bemächtigen. Aber das währte nur einen Augenblick, dann war er seiner selbst wieder sicher. Ruhig bot er seinem Gast einen Stuhl. Meyer saß da und sah sich in dem einfachen, netten Stäbchen um, als wolle er erst die Hilfsmittel seines Feindes mit seinen eigenen vergleichen, ehe er etwas unternahm. Pelle fing etwas in seinem wandernden Blick auf und ward plötzlich eine ganze Menge klüger in seiner Menschenkenntnis. Er sitzt da ja geradezu und guckt herum, ob er nicht etwas entdecken kann, was in die Leihbank gewandert ist, dachte er empört. Hm, ich ha"? Ihr geehrtes Schreiben erhalten," begann Meyer endlich.Sie sind also der Ansicht, daß keine Ver- anlassung zu einer Erwägung des Zustandes vorliegt; aber äh ich meine doch" Nein, das meine ich allerdings nicht," erwiderte Pelle, der sich vorgenommen hatte, den Ton des Schreibens fest- zuhalten.Es herrscht ja überall die beste Ordnung. Ueber- Haupt scheint es ja jetzt, als wenn die Sache gehen sollte, jetzt, wo wir jeder unseren Verein haben, der die Sachen un- parteiisch erwägen kann." Er sah Meyer unschuldig an. So, also das meinen Sie? Es kann Ihnen doch nicht unbekannt sein, daß mich meine Arbeiter einer nach dem anderen verlassen, um nicht zu sagen, daß sie mir weg- genommen werden. Ich kann Ihnen nicht den Gefallen tun, das geordnete Verhältnisse zu nennen." Pelle saß da und ärgerte sich über Meyers geleckten Ton. Zum Teufel auch, warum brauste er nicht auf, wie ein ordent- licher Mann, statt dazusitzen urtd Anspielungen hinaus zu schwitzen! Aber wollte er Firlefanzereien haben, dann man zu!Ah Ihre Leute verlassen Sie?" fragte er interessiert. Ja. das tun sie," sagte er und sah überrascht auf. Pelles Ton machte ihn unsicher.Und sie schikanieren mich, halten ihre Verabredungen nicht inne und lassen meine Boten ver- gebens laufen. Früher hat jeder Mann seine Arbeit geholt und gebracht, jetzt muß ich Boten dazu halten; das kann das Geschäft nicht tragen." Die Gesellen haben ja auch vergebens laufen müssen, ich habe ja selbst bei Ihnen gearbeitet," erwiderte Pelle.Aber Sie sind also der Ansicht, daß wir den Zeitverlust besser tragen können?" Meyer zuckte die Achseln.DaS ist doch ein Glied in Ihrem Erwerb, die Verhältnisse sind nun einmal auf die Ord- nung basiert. Aber wenn ich dann nur wenigstens sicher wäre, Leute zu haben. Das da geht nicht so weiter, Mensch!" schrie cr plötzlich auf.Verdammt und verflucht, das geht nicht so, das ist nicht ehrlich!" Der kleine Lasse sprang in die Höhe und fing an zu brüllen. Ellen kam hastig herein und trug ihn in die Schlaf- kammer. Ein scharfer Zug prägte sich um Pelles Mund aus. Wenn Ihre Leute Sie verlassen, dann werden sie wohl Grund dazu haben." erwiderte er; er hatte freilich mehr Lust, Meyer direkt ins Gesicht zu sagen, daß er ein Aussauger sei. Ter Fachvcrein kann seine Mitglieder nicht zwingen, für einen Mann zu arbeiten, mit dem sie vielleicht nicht aus- kommen können. Ich habe selbst eben den Abschied in einer Werkstatt bekommen aber aus dem Grunde kann man doch picht zwei Vereine alarmieren." Er sah seinen Widersacher

fest an, indem er ihm den Hieb versetzte; die Züge in seinem Gesicht zitterten leicht. Aha," erwiderte Meyer und rieb sich die Hände mit einem Ausdruck, der sagte, daß er nun endlich festen Boden unter seinen Füßen fühlte.Ach so da kam es endlich her- aus. Sie sind ja auch Diplomat, ein großer Diplomat! Sie haben einen klugen Mann, kleine Frau!" wandte er sich an Ellen, die sich am Büfett zu schaffen machte.Hören Sie einmal, Herr Pelle, Sie sind ein Mann für mich, und wir müssen zu einem Ergebnis kommen. Wenn zwei tüchtige Leute miteinander reden, dann kommt auch etwas dabei her- aus das kann gar nicht anders sein! Ich habe Verwendung für einen intelligenten und tüchtigen Fachmann, der den Maß- Zeichnungen und Zuschneiden vorstehen kann. Der Platz ist gut gelohnt, und Sie können einen schriftlichen Kontrakt auf eine Reihe von Jahren bekommen. Was sagen Sie dazu?" Pelle erhob den Kopf mit einem Ruck. Ellens Augerr stoben Funken, sie wurden wunderlich dunkel und legten sich zwingend über ihn, als wollten sie einen Willen in ihn hin- einbrennen. Einen Augenblick starrte er verwirrt vor sich hin. Das Anerbieten kam ihm so überwältigend und über- raschend; dann lächelte er. Ei, ei, sollte er sich jetzt als Hand- langer des Aussaugers verkaufen! Das ist wohl nichts für mich," antwortete er. Sie müsien sich mein Anerbieten natürlich überlegen," antwortete Meyer und erhob sich.Sagen wir drei Tage?" Als der Hofschuhmachcr gegangen war, kam Ellen lang- sam hin und legte den Arm auf Pelles Schulter.Was für ein kluger und tüchtiger Mann Du doch bist," sagte sie leise und spielte mit seinem Haar; in ihrem Wesen lag etwas, das einer Abbitte glich. Das Anerbieten erwähnte sie mit keinem Wort, sondern sing an, bei ihrer Arbeit zu trällern. Es war lange her, daß Pelle sie hatte singen hören; und der Gesang war ihm eine lichte Versicherung dafür, daß er diesmal siegen würde. 20. Pelle führte den Kampf unverdrossen weiter, schlug sich mit widrigen Verhältnissen und mit Abtrünnigkeit herum und ging nur immer wieder kühn drauflos. Zahlreiche Male im Laufe des Kampfes war cr immer wieder auf demselben Fleck; Meyer hatte eine neue Abteilung Arbeiter aus dem Auslande bekommen, und er mußte wieder von vorne an- fangen: sie zu bearbeiten, so daß sie wieder abreisten öder sie unter den Hausbewohnern unmöglich machen, so daß sie ver- ziehen mußten. Ter Nachwinter war hart und kam Meyer zu Hilfe. Er lohnte seine Arbeiter jetzt gut und hatte eine Schar Unorganisierter zusammengebracht: eine Zeitlang sah es so aus, als könne er sein Geschäft wieder in Gang bringen. Aber Pelle hatte den Unorganisierten nur infolge von Zeit- mangel Ruhe gelassen; jetzt suchte er sie auf und kam mit mehr Autorität als das lctztemal. Man sprach schon von seinem. Willen, die meisten übergaben sich ihm im voraus.Dem kann kein Teufel widerstehen," sagte sie. Er schwankte nicht in seinem Glauben an den Sieg und ging überall drauflos, er philosophierte sich nicht auf die eine Seite des Resultates hinüber, sondern setzte alle Kräfte daran, um es wirklich zu erreichen. Starke Mächte regten sich in ihm, führten ihn den geraden Weg. Tie Vereinsgenossen folgten ihm willig und nahmen die Entbehrungen, die die Entvölke- rung der Werkstätte mit sich führte, willig hin. Er besaß ihr Vertrauen, und sie fanden, daß es im Grunde ein herrlicher Spaß war, dies Spießumdrehen, wo sie ausnahmsweise ein- mal den Druck auf den Ausgangspunkt zurückkehren ließen. Sie hatten es bitter erprobt, was es heißt, vergebens zu laufen, um Arbeit zu betteln, und um ihr Guthaben zu betteln und zu zanken die Kleinen zu sein. Es war amüsant, die Rollen zu vertauschen. Jetzt spielten die Mäuse mit der Katze und amüsierten sich gut dabei, obwohl ihre Krallen sie hin und wieder kratzten. Pelle fühlte das Zutrauen von Mann zu Mann durch die Bereitwilligkeit, mit der sie ihm folgten, als sei cr nur der Ausdruck ihrer eigenen Gesinnung. Und wenn er auf den Generalversammlungen und Zusammenkünften stand, um einen Bericht abzulegen oder zu agitieren und der Belfall der Kameraden ihm entgegenschlug, spürten sie, wie rhre starke«