Attterhaltimgsblatt des vorwärts Nr. 53. Freitag> den 15. März. 1912

(Nachdruck verdoien.) 53] pelle der Gröberer. Der große Kampf. Roman von Martin AndersettNexö. In der Mittagspause scharten sie sich um ihn.-Was nun?" fragten sie und ihre Augen hingen an ihm, ihre Fäuste zitterten.Sollen wir nicht zusammenpacken und sofort gehen? Denn nun wird es doch bald zu arg mit diesem Scheren. Jedesmal wenn wieder ein klein wenig Wolle auf uns gewachsen ist." Abwarten!" antwortete Pelle.Wartet nur ab! Laßt die anderen das Ganze machen und laßt uns sehen, wie weit sie gehen werden! Tut, als sei nichts vorgefallen und ver- richtet Eure Arbeit. Ihr habt Vercmtwortung für Frau und Kinder!" Sie folgten murrend seinem Rat und gingen wieder an die Arbeit. Er wunderte sich nicht über sie: es hatte eine Zeit gegeben, in der auch er die Arbeit hinwarf, wenn man ihm zu nahe trat: selbst wenn alles zum Teufel gehen sollte. Aber jetzt stand er mit der Verantwortung für die vielen, das sollte einem Mann wohl Besonnenheit verleihen.Abwarten!" sagte er wieder und wieder zu ihnen,morgen wissen wir mehr als heute! Es gehört Ueberblick dazu, ehe man handelt!" So legten sie denn den neuen Tarif zur Seite und gingen an ihre Arbeit, als sei nichts geschehen. Die Leitung der Fabrik schien die Sache als geordnet zu betrachten, die Di- rektoren gingen umher und sahen so vergnügt aus. Pelle bewunderte die Fassung der Kameraden: nach ein paar Tagew war derselbe Humor wieder da, sie trieben allerlei Kurzweil in den Essenspausen. Sobald es zu Mittag pfiff, hielten die Maschinen an, und alle Leute warfen das Werkzeug hin. Einige zogen schnell eine Jacke über und wollten nach Hause, um einen Löffel voll warmen Essens zu bekommen, einzelne gingen- in eine Keller- Wirtschaft in der Nähe und aßen dort. Die einen weiten Heimweg hatten, ließen sich auf den Drehbänken nieder und hielten dort ihre Mahlzeit ab. Wenn das Essen verzehrt war, scharten sie sich in Haufen zusammen«, plauderten und foppten bald diesen, bald jenen- Kameraden. Pelle benutzte oft die Mittagspause, um in dieArche" hinüberzugehen und Vater Lasse zu begrüßen, der Arbeit in einem der Speicher bekommen hatte und sich ganz ordentlich durchschlug. Eines Mittags stand Pelle mitten in einem Haufen und zeichnete einen aufgeblasenen Werkmeister mit Kreide auf eine große Eisenplatte. Die Zeichnung erregte viel Munter- keit. Ein paar von den Kameraden hatten- sich währenddem über den aufrechtstehenden Teil der Maschine in einem Taucherboot gezankt. Pelle wischte schnell seine Karikatur aus und entwarf schtveigend einen Riß von der Maschine. Er hatte sie so oft gesehen, wenn das Boot daheim im Hafen lag. Die anderen mußten zugestehen, daß es so war. Es trat eine plötzliche Stille ein, als einer der Ingenieure einen Augenblick durch die Halle ging. Er erblickte die Zeich- nung und fragte, wer sie angefertigt habe. Pelle mußte mit aufs Kontor hinaufkommen. Der Ingenieur fragte ihn nach allerlei aus und war erstaunt, daß er niemals Zeichenuntcr- richt gehabt hatte.Vielleicht können wir Sie hier oben ge- brauchen," sagte er.,Wollen Sie es versuchen?" Es ging ein plötzliches Zucken durch Pellcs Herz. Jetzt war das Glück da, das wahre, große Glück, das er des Fort- schritts halber über Bord geworfen hatte, das seinen Mann nahm und ihn jäh in lichte Gefilde emporzog.Ja," stammelte er.ja, vielen Dank!" Die Gemütsbewegung war nahe daran, ihn zu ersticken. Dann kommen Sie morgen um sieben Uhr. auf die Zeichen stube," sagte der Ingenieur.Nein, was yaben wir heute für einen Tag? Sonnabend, also Morltag morgen." Und dann war die Sache abgemacht, ohne Umschweife irgend- welcher Art. Das war ein Mann nach Pelles Herzen! Als er dann wieder hinabkam, scharrten sie sich um ihn, (um das Ergebnis zu erfahren.Jetzt ist Dein Glück ge- macht," sagten sie,jetzt wiift Du beim Zeichnen angestellt,

und wenn Du Deine Sache verstehst, bekommst Du selb- ständige Aufgaben und wirst Konstrukteur. Den Weg ist! Direktor Jebbesen gegangen, er hat hier unten bei den Sandformen angefangen, fetzt ist er Matador!" Ihre Ge- sichter leuchteten vor Freude über sein Glück. Er sah es Ihnen an. daß sie ihn für fähig hielten, es zu allem Möglichen zu bringen. Wie im Traum verbrachte er den Rest des Tages und- eilte dann nach Hause, um Ellen die Neuigkeit mitzuteilen: er war ganz verwirrt, es fachte in seinen Ohren wie in der Kindheit, wenn ihm das Lcden plötzlich eines seiner Wunder offenbarte. Ellen schlang die Arme vor Freude um ihn, sie wollte ihn nicht wieder loslassen, sondern hielt ihn fest und starrte ihn an, bewundernd wie in den ersten Zeiten.Ich! habe immer gewußt, daß Du zu etwas bestimmt bist," sagte sie und sah ihn stolz an.Du gleichst ja keinem andern? Und jetzt sieh nur! Die Kinder, die sollen es auch wissen." Und dann riß sie Schwesterchen aus dem Schlaf und erzählte ihr» was geschehen war. Die Kleine fing an zu weinen.Du er» schreckst sie ja mit Deiner Freude," sagte Pelle und lachte! selbst über das ganze Gesicht. Aber was nun? Nun werden wir wohl mit feinen! Leuten verkehren müssen," sagte Ellen plötzlich, während sie den Tisch deckte.Wenn ich mich nur dazu eigne. Und der! Junge soll in die Bürgerschule gehen." Als Pelle gegessen hatte, wollte er sich an eine Flick- arbeit setzen.Nein," sagte Ellen bestimmt und nahm ihm die Arbeit weg,das ist jetzt keine Arbeit mehr für Dich!" Aber es muß doch fertig gemacht werden," sagte Pelle« wir können doch keine halbfertige Arbeit abliefern." Das will ich schon fertig.inachen, zieh Du jetzt nup Deine guten Kleider an. Du siehst ja aus wie ein" Wie ein Arbeitsmann, nicht wahr?" sagte Pelle lachend. Pelle kleidete sich um und ging nach derArche", um Lasse die Neuigkeit mitzuteilen. Später wollte er dann die andern bei Ellens Eltern treffen. Lasse war zu Hanse und saß da und verzehrte sein Abendbrot, er hatte sich ein Spiegelei im- Ofen gebraten, und aus dem Tisch standen Bier und Brannt- wein. Er hatte sich eine kleine Kammer auf dem langen Gang neben dem blöden Vinzlev gennetet: da war kein Fenster, sondern nur eine Fensterscheibe iiber der Tür nach dem dunklen Gang hinaus. Der Kalk war von den Wänden abgefallen, so daß der Lehm in großen Flächen hervorguckte. Ei, ei. sieh mal einer an," sagte Lasse entzückt/Nu is es also doch gekommen. Ich habe mich oft bei mir selbst ge- wundert, wozu Du die unnütze Gabe bekommen hast, so da zu liegen und Wände und Papier zu bemalen. Du, ein armev Arbeiterjunge. Etwas muh wohl damit beabsichtigt sein» habe ich so in meinem stillen Sinn zu mir gesagt, vielleicht ist! das die Gottesgabe, die ihn vorwärts bringen soll! Und nun scheint es ja wirklich, als wenn sie ihren Nutzen schaffen soll." Hier bei Dir ist es nicht gemütlich. Vater!" sagte Pelle. Aber nun nehme ich Dich bald von hier fort. Du magst wollen oder nicht. Wenn wir jetzt ein wenig von unseren Schulden vom Winter her von der Hand geschafft haben, dann ziehen wir in eine Dreizimmerwohnung, und dann bekommst Du die eine Stube zu Deiner Verfügung: aber dann darfst Du nicht mehr auf Arbeit gehen, darauf mußt Du Dich ge-» saßt machen." Ja, ja, ich habe nichts dagegen, bei Euch zu wohnen» wenn es erst so weit ist, daß ich den andern nicht das Brot vom Munde wegnehme. Ach nein, Pelle, es wird mir nicht schwer werden, mich von der Arbeit zurückzuziehen: ich habe mich abmaracht, seit ich habe kriechen können: fast siebzig Jahre habe ich mich um mein tägliches Brot abgemüht, und nun bin ich müde! So habe denn vielen Dank für Deine gute Gesinnung. Ich will die Zeit schon mit den Kindern hin- bringen. Schick Du mir man Bescheid, wenn Du willst." Die Neuigkeit war in derArche" schon bekannt, und sie kamen heran und wünschten ihm Glück als er ging.Nu läufst Du hier nicht mehr herum und plauderst mit uns, wenn Du erst in Deine neue Tätigkeit gekommen bist," sagten sie.das geht ja nicht an! Aber vergiß uns darm« doch nicht ganz, weil wir arme Vögel sind."