Nnterhaltimgsblatt des Dorwärts Nr. 66 Mttwoch den 3. April� 1912 (Nachdruck dwoownji eöj pelle der Eroberer. Der große Kampf. Roman von Martin AndersenNexS. Pelles Vorschlag wurde angenommen, und er ging gleich hinaus nach Westerbrücke zu dem Vorsitzenden deS Vereins der Abfuhrleute. Der war gerade aufgestanden und saß bei seinem Mittagessen. Er war ein kleiner gemütlicher Mann, der immer einen Schelm im Auge hatte: er war aus der Köhler Gegend. Pelle hatte ihm seinerzeit geholfen, die Or- ganisation in Gang zu setzen und wußte, daß er mit ihm und seinen Leuten rechnen konnte. Weißt Du wohl noch, daß ich Euch einmal gezeigt habe, daß Ihr die wichtigsten Arbeiter in der Stadt seid. Las Hansen?" fragte er. Der Vorsitzende nickte.Ja. man müßte ja ein reines Rindvieh sein, wenn man das vergessen könnte! Nie, solange ich lebe, werde ich die Wirkung vergessen, die Deine Worte auf uns verachtete Abfuhrleute gehabt haben! Du warst es ja, der uns den Glauben an uns selbst schenkte und uns eine Organisation gab! Und selbst wenn wir nicht gerade die allerwichtigsten Arbeiter sind, so" Las Hansen saß da und starrte grübelnd in die Lampe hinein, während er kaute.Wir stehen ja in einer Art kon traktlichem Verhältnis zu der Stadt," sagte er endlich lang sam.Sie können uns dafür strafen und unS zwingen, die Arbeit wieder aufzunehmen. Aber wenn Du es durchaus willst, so tun wir es natürlich. Darüber herrscht nur eine Ansicht unter den Kameraden! Was Du dann dadurch er- reichst, mußt Du ja selbst am besten wissen." "Danke!" sagte Pelle und reichte ihm die Hand.Das ist also abgemacht, es fährt kein Wagen mehr aus. Die Straßen- kehrer müssen wir auch zur Arbeitseinstellung bringen!" Dann schieben die Fuhrleute andere Arbeiter ein, zu der Arbeit finden sich genug Hände." Das werden sie nicht tun, denn dann legen wir ihnen das Handwerk!" Ja, das ist eine schlimme Geschichte, das wird eine eklige Sache für die Feinen werden I Den armen Leuten kann es ja einerlei sein, denn die haben ja nichts zu essen. Aber wenn nun das Militär dazu abkommandiert wird!" Es blitzte in Pelles Antlitz auf:Hör mal, Kamerad! Wenn Ihr nun die Arbeit niederlegt, so liefert Ihr ja sofort alle Schlüssel ab, damit die Obrigkeit Euch nicht fassen kann, steckt die dann alle in Säcke und schüttelt sie gut durchein- ander." Las Hansen brach in ein schallendes Gelächter aus.Das wird ja eine verteufelte Komödie!" stöhnte er und schlug sich auf die Schenkel.Dann müssen sie zu uns kommen, denn kein anderer kann die Geschichte so schnell auseinander finden! Ich will die Schlüssel selbst hinfahren und mich da oben noch so unschuldig anstellen!" Pelle dankte ihm noch einmal.Ihr rettet das Ganze," sagte er still.Es ist das Brot und das Zukunftsglück von vielen Tausenden, das Ihr jetzt in Euren Händen haltet!" Er lächelte hell und verabschiedete sich. Sobald er allein war, erblaßte sein Lächeln und machte einem Ausdruck von Tod- Müdigkeit Platz. Pelle ging auf den Straßen umher, hierhin und dorthin schlendernd. Jetzt war alles geordnet. Es gab nichts mehr, wofür man sich ins Zeug legen mußte. Inwendig in ihm war alles zusammengebrochen, da waren nicht einmal mehr Kräfte zu einem Beschluß, was er mit sich selbst anfangen sollte. Er ging und ging, kam in die Hauptstraße und bog wieder in die Seitenstraßen ein. In einem Materialladen stand Karl lächelnd und adrett hinter dem Ladentisch und expedierte einige Kunden.Du solltest eigentlich hineingehen und Dich erkundigen, wie es ihm geht," dachte er, schlenderte aber weiter. Auf einmal blieb er vor einer Mietkaserne stehen und sah unwillkürlich auf. Hier hatte er ja gerade aus- gerichtet, was er wollte. Hier wohnte ja der Vorsitzende der Abfuhrleute. Nein, jetzt war die Tagesarbeit getan, nun lvollte er nach Hause zu Ellen und den Kindern! Nach Hause? Er hatte ja keine Häuslichkeit mehr, et war verlassen und einsam! Und doch ging er hinüber nach Norderbrücke: welchen Weg er eingeschlagen hatte, wußte er nicht, aber er fand sich selbst vor der Tür stehen und auf de» kleinen verrosteten Briefkasten starren. Da drinnen ertöntevl jammernde Laute, er hörte Ellen dort hin und her gehen: st« bereitete alles für die Nacht vor. Dann ging er hinab, eilt« fort und atmete erst wieder auf, als er um die Straßeneck« gebogen war. Er bog wieder und wieder um, von einer Seitenstraße i» die andere hinein. Drinnen in seinem Kopf ging es wunder� sich um: bei jedem Schritt knickte es ein. Plötzlich war es ihm. als ertönten bekannte, hastige Schritte hinter ihm Ellen. Er wandte sich um: da war niemand. Nun, dann war es also eine Einbildung! Aber die Schritte waren wieder da, sobald er ging. Es war etwas in diesen Schritten, als wollten si« ihm etwas sagen, ein Wille, als wollten sie ihn an sich heran- ziehen, spürte er deutlich in ihnen. Er blieb mit einem Ruck stehen da war niemand, und es kam auch niemand aus dep Dunkelheit der Seitenstraße. Lag denn dieses sonderbare Gehen nicht in ihm selber?! Pelle fühlte das Unbegreifliche und bekam Herzklopfen, die entsetzliche Müdigkeit machte ihn wehrlos. Und Ellen was hatte sie nur? Dies vorwurfsvolle Jammern, das in seinen Ohren klang! Verstehen was sollte er nur verstehen? Sie hatte es auS Liebe getan, sagte sie. Ach was weg damit l Er war zu müde, um ihr Vergehen auch noch zu verteidigen. Aber was war das nur für ein Wandern? Nun fielen die Schritte mit den seinen zusammen, sie hatten einen doppelten Laut. Und wenn er dachte, sprach ein anderes Wesen mit darein aus der innersten Tiefe. Es lag das- selbe Hartnäckige darüber wie über Mörlens Einfluß: eine Ansicht, die sich überall Bahn brach, selbst wenn sie zum Schweigen gebracht wurde. Was wollte dies alles von ihm, hatte er nicht treu genug gearbeitet? War er nicht Pelle, der den großen Kampf durchgeführt hatte, zu dem alle aufsahen? Aber es lag keine Freude darin, der Takt von den Schritten der fünfzigtausend Kameraden hallte nicht in seinen Schritten wider. Man hatte ihn im Stich gelassen, hatte ihn allein ge- lasten mit diesem verdammten Etwas hier in den öden Straßen, die Einsamkeit lag über ihm! Du bist wohl vor dir selbst bange geworden, dachte er mit einem bitteren Lächeln. Aber Pelle wollte nicht allein sein und lauschte stark um sich. Alles, was er besessen hatte, war dahin, der Kampf hatte es verschlungen. Da war doch eine Gemeinschaft, so trübselig sie auch war, zwischen ihm und dem Elend um ihn her. Was hatte er sich da zu beklagen? Entsetzlich lag die Stadt der Armen um ihn herum, der- heert vom Kampf und der Arbeitslosigkeit, durch Weinen und Nachtkälte und Not! Drinnen aus den Hinterhöfen drang das Weinen der Kinder: sie weinten um Brot, das wußte er: betrunkene Männer schwankten um die Ecken, und in den Hinterstuben und auf den Höfen ertönte das Schreien von Frauen. Ach, dies war ja die Hölle! Gott Lob! daß der Sieg nahe war. Irgendwo hörte er deutliche Stinnnen: Kinder, die weinten, und eine Frau, die im Zimmer hin und her ging, sie beschwichtigend und das Kleinste, das sie wohl auf dem Arme hatte, in den Schlaf lullend. Es klang so deutlich zu ihm herab, er sah hinauf. Da waren keine Fenster in der Woh- nung. Die sollen wohl durch Zug hinausgetrieben werden, dachte er empört und lief die Treppe hinauf: er ivar gewöhnt, für die Unglücklichen einzuspringen. In der Wohnung ging eine Frau mit einem kleinen Kinde auf dem Arm auf und nieder. Der Lichtschein aus der ladt beleuchtete sie halb: den Rock hatte sie über den Kopf geschlagen, um auch das Kind zu bedecken, unten war sie nackend. Da war keine Spur von Hausrat. Die Kinder lagen in einer Ecke, mit den Ueberresten ihrer Kleider zugedeckt. Der Wirt hat Türen und Fenster herausgenommen: er wollte uns auf die Straße setzen, aber wir gehen nicht, denn wo sollen wir wohl hin? Da will er uns durch Zug ver- treiben, so wie die Wanzen! Meinen Mann haben sie in den Tod gejagt!" Plötzlich erkannte sie Pelle.Ach, Du bist eS, Du ver­fluchter Teufel!" schrie sie.Du selbst hast ja damit an«. ..... r A.- ,3-..«E