Anterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 75._ Donnerstag den 18. 2lpril. 1912 Nachdruck verbotenst 2] Suitana. Ein arabisches Frauenschicksal von Emil Rasmussen. Es brauchte seine Zeit, bis Nur Marcel erreicht hatte. Seine rückwärts offenen schwefelgelben Pantoffel, die nur dreiviertel der Fußlange hatten, waren zur Bergbesteigung nicht eben geeignet. „lZoo jour, mon amü", rief er schon von weitem. „Lbabb el hrer, ia Nurl", grüßte Marcel auf Arabisch zurück. ,/Cii: ennek?" „El hamdu'llah!" „U äsj hal ühlek?" Diese teilnehmende Frage nach dem Befinden der Familie wurde mit einem verständnisvollen Lächeln, das seine Ge- schichte hatte, vorgebracht und erwidert. Die größte Schwierigkeit, mit der Nur auf dem Lyzeum zu kämpfen gehabt, war die Forderung gewesen, zu richtiger Zeit zu erscheinen. Viele Jahre grübelte er vergebens darüber, wie die Leute es bloß anstellten, zu bestimmter Zeit an einem bestimmten Orte zu sein. Ihm war es unmöglich. Ebenso wenig durfte man von ihm verlangen, einen ganzen Monat lang Tag um Tag die Schule zu besuchen, ohne ein einziges Mal zu schwänzen. Zum Glück war seine Phantasie ein wahrer Quell an Unversiegbarkcit, und er verstand es Vorzug- lich, aus der Unkennwis der Lehrer über seine häuslichen Ver- Hältnisse Vorteil zu ziehen, da es ja eine grobe Unschicklichkeit gewesen wäre, sich nach dem Harem eines Arabers zu er- kundigen. Nur wußte seine Entschuldigungen so gut zu sortieren, daß sie sich allmählich zu einer ganzen Familientragödie ver- ketteten, deren Heldin seine Mutter war. Die arme Frau war von seinem Vater geschieden worden und hatte sich wieder verheiratet. Das Kind, das sie in der neuen Ehe bekam, war sehr kränklich. Als es endlich starb, nahm Nur sich einen dreitägigen Schulurlaich und hatte seine Lektionen bis zum vierten Tage nicht gelernt. Nur Marcel wußte, daß Lalla Djerida mit Nurs Vater Hamza EI Askari in einer ganz glücklichen Ehe lebte. Während Nur näher kam, wurden seine Augen ganz starr und schwer vor Neid über Marcels weißen Flanellanzug mit dem interessanten Trauerflor um den Arm. Es war Nurs liebster Traum, einmal in europäischem Kostüm auf- treten zu dürfen, wogegen seine konservative Mutter Lalla Djerida sich jedoch mit Händen und Füßen sträubte. Er mußte sich begnügen, den entzückenden Wollstoff, aus dem des Freundes Anzug angefertigt war, zu liebkosen und sich in das hinter der tiefausgeschnittenen Weste sichtbare weiche Piquet- Hemd zu verlieben. Und doch war auch Nur heute ungewöhnlich geschmückt. Unter dem schneeweißen Burnus, der lose über die Schultern hing, trug er eine rot- und schwarzgestreifte Seidengandura mit grünen Borten und zuunterst eine mattgrüne Fermla, die die Brust deckte. Die einzige, ziemlich unglückliche Anleihe von der europäischen Tracht, die er durchzusetzen gewußt, war ein Stärkkragen und eine bunte scheckige Krawatte der letzten Mode. Marcel war zu diskret. Nur zu fragen, warum er so fest- täglich gekleidet sei, aber ein Blick auf den ungeheuren arabi- fchcn Friedhof unter ihnen, der von verschleierten Frauen wimmelte, belehrte ihn, daß es Freitag, also arabischer Sonn- tag sei und daß Nur wohl aus diesem Anlaß Festkleidung trage. Es entging Marcel nicht, daß Nur besonders nervös war. Er ließ sich kaum einen Augenblick Ruhe, sondern forderte seinen Freund sogleich auf, mit ihm auf den Friedhof zu gehen. Sie folgten einem Fußsteig in der Richtung der weiß- getünchten Zäuia(Grabkapelle), in der der angesehene Marabu (Heilige) Sidi bel Hassen, der dem Fort und Kirchhof den Namen gegeben, begraben lag, verehrt von allen Gläubigen. Der islamitische Friedhof hat weder in Anlage noch Stimmung etwas Gemeinsames mit einem christlichen oder europäischen Kirchhof. Dieser hier war eine große freie Landschaft, ein herrlich gelegenes Stück wilder Natur, in dem die Zufälle des Lebens in allen Dingen frei zu herrschen schienen. Er lehnte sich an einen Höhenzug mit tiefen Schluchten, die zu ebnen kein Ver« such gemacht worden war. Kein Weg war angelegt. Es gab keine anderen Pfade als diejenigen, die von den Füßen der Verwandten gebahnt und ausgetreten waren. Nur mitten durch die Landschaft lief ein etwas breiterer Weg zwischen einer Doppelreihe von Akazien. Da und dort stand ein Fliederbusch, ein Feigenbaum, ein Eucalyptus mit langen Streifen flatternder Rinde, aber sie alle waren so launisch verstreut, daß keiner glauben konnte, sie seien von Menschen- Hand gepflanzt. Bei dem Begräbnis der Toten schien man keinem anderen Prinzip zu folgen, als sich den nächsten Platz zu wählen, wo niemand anderer lag. Die Lehre von der Eitelkeit aller Dinge, die jeder Fried- Hof predigt, erschien hier in verschärfter Form verkündigt, denn die Gräber selbst waren in Verfall und Auflösung be- griffen. Man mauerte über den Toten eine längliche Er- höhung, die in der Regel nur einen Fuß hoch und breit und weiß getüncht war. An jedem Ende lag ein kleiner Stein, auf dent die Engel des Gerichts sich in der ersten Nacht nieder- lassen konnten, während sie die bösen und guten Taten des Verstorbenen jeder auf seiner Tafel verzeichneten. Ein höherer Stein, oben wie ein Turban ausgehauen, gab die Gräber der Männer an. Einen weiteren Bescheid erhielt man nur in ganz einzelnen Fällen: der Islam erstreckt seine Geheimnisse bis auf das Grab. Kein Gitter schützte die letzte Ruhestätke, und keine Blume war gepflanzt, um sie zu schmucken. Nur wenig gab es hier zu pflegen und zu betreuen, und vielleicht eben deshalb wurde dies Wenige versäumt. Der Kalk bröckelte ab, die Steine fielen auseinander und verwitterten; der Turban lag auf der Erde, von wilden Pflanzen über- wachsen. Dieser stumme Kirchhof erzählte vielleicht mehr von den Lebenden als alle unsere Grabschriften, verriet die Mängel in seines Volkes Charakter, verschwieg aber auch hellere Seiten nicht. Die banale Wahrheit, die die„Totentänze" des Mittel- alters lärmend von den Kirchhofmauern verkündeten: daß vor dem Tode wir alle gleich sind— erschien auf dem Kirch- Hofe selbst, den man zu einer getreuen Kopie der Stadt der Lebenden gemacht hatte, mehr als zweifelhaft. Längst der Hauptgänge mit den teueren Baugründen baute man als Totenwohnstätten Marmorkapellen, kostbar wie Paläste, während das Pack in tristen, abseits gelegenen Teilen schlafen mochte. Die Ungleichheit des Lebens erstreckte sich bis in den Tod. Hier unter dem Halbmond war dem nicht so; alle waren gleich: alle wurden vergessen. Nur auf einzelnen Gräbern war der Kalk durch Marmor ersetzt— da unten lag vielleicht ein Marabu oder ein Nachkomme des Propheten, dessen Er- habenheit über die übrige Menschheit sich ja bis in alle Ewig- keit erstreckte. Da und dort hatte eine Bruderschaft oder eine große Familie eine Gräbergruppe mit modernen Lehmmauern umhegt, ja sogar einen Anlauf zu Grabkamniern genommen. die jedoch nicht feierlicher waren als eine Dreschtenne. Aber dke Mauern sanken in Schutt, den Fenstern fehlten die Scheiben: die Türen hingen an schiefen rostigen Angeln. Man erkannte, daß diejenigen, die einmal hier gebaut hatten, fort- gegangen waren mit dem Gefühle, weit mehr getan zu haben, als einem Toten gebührt. „Hast Du bemerkt," sagte Marcel,„daß man auf unseren Kirchhöfen schwermütig wird? Hier wird man fast fröhlich." „Dein Vater schläft eben nicht hier," erwiderte Nur ein wenig gekränkt. „Du darfst Dich nicht verletzt fühlen. Ich dachte bloß an all diese wunderbaren Blumen." Er wies mit einer breiten Handbewcgung auf die üppigen Abhänge. Eine ganze Stadt seliger Muslim!» schlief unter dem Rasen, und mau schenkte ihnen kaum einen Gedanken. Eine kolossale Fülle blühender Frühlingskräuter aller Art bedeckte und verbarg die prunklosen Gräber unter einem Traum frischer heller Farben. Nur antwortete nach einem Augenblick des Zögerns: „Alle diese weißen, blauen und roten Blumen sind die Trikolore, die uns und rrnsere Toten beschützen,"
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29 (18.4.1912) 75
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