Anlerhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 100. Sonnabend, den 25. Mai. 1912 lNachdrucl vervolen.l 21] Suitana. Ein arabisches Frauenschicksal von Emil Rasmussen. Während Sultana mit Mabruka das kniende Kamel be- stieg und von den gastfreundlichen Frauen Abschied nahm, die sie in Gossa zu besuchen versprachen, grübelte sie unauf- hörlich darüber nach, wo Abdallah sich wohl aufhalte und warum er sich nicht sehen lasse. Eine Frage nach ihm wäre unschicklich gewesen, und keine der Frauen sprach aus eigenem Antrieb. Kaum waren sie aus dem Hause, als Musik erscholl. Ein Trommelschläger und drei Flötenspieler aus In Salah marschierten spielend vor dem Kamele, das in ge- tränkter Majestät dahinschrttt, gedemütigt von den baumeln- den Eisenglojen, mit denen man es behangen hatte wie einen Hofnarren, im übrigen jedoch, den ganzen Aufzug sichtlich als eitel Tand und Mummenschanz erachtend, aus seiner stoischen Philosophie heraus die gesamte Bande zum Teufel zu wün- scheu schien. Neben dem Kamel tanzte ein Neger und schlug den Takt dazu mit zwei schmiedeeisernen Kastagnetten von Fußlänge. Vier Kaninchenselle baumelten ihm um den Magen und seinen Kopf mit den mit glühendem Eisen tätowierten Man- gen, die ihn als frischen Import aus dem Sudan kennzeich- neten, bedeckte ein barocker spitzköpfiger Federnhut, der halb so lang war wie er selbst. Er fand seinen eigenen Tanz un- glaublich komisch, und sein Negergrinsen steckte seinen tam- burinschlagenden gleichfarbigen Begleiter an. Die ganze Schar der Beduinenweiber folgte der Braut unter lauten Freudentönen, die bloß mit dem Glucksen von Hennen zu vergleichen waren. Alle waren barfüßig, aber mit großen« barbarischen Schmuckstücken behangen, und die dunkeln, blauen und roten Mlahfas fielen wie antike Ge- wänder um die schlanken Körper. Sie waren erst wenige Minuten geritten, als Suitana einen Reiter in weißem Bernus, aber grünem Turban und langem weißen, um die Wangen flatternden Schleier auf einem schnaubenden Schimmelhengst ihnen entgegen- sprengen sah. Es war Abdallah, der Roß und Turban gewechselt hatte. Zum erstenmal und mit bebendem Staunen sah sie ihn die grüne Farbe anlegen, die nur diejenigen das Recht zu tragen hatten, die von dem Propheten stammen. Abdallah hatte bisher von dieser seiner vornehmen Her- kunft nicht das geringste verlauten lassen, und Sultana er- klärte sich dies Schweigen nicht als Bescheidenheit, auch nicht als Gleichgültigkeit, sondern als einen wohlberechneten Plan, um Eindruck auf sie zu machen und sie durch stets neue Ueber- raschungen, die er bereit hielt, für sich zu gewinnen. Aber obwohl sie seine Taktik durchschaute, verringerte dies die Wirkung nicht. Im Gegenteil, sie rechnete es ihm hoch an, daß er sich nicht bloß eine Braut als Eigentum kaufen wollte, sondern bestrebt war, ihr Herz zu erobern, ihre Liebe auf ehr- liche Art zu gewinnen. Er saß so ruhig wie eine Säule auf seinem tanzenden Renner und lächelte zu seiner Braut empor, deren Stimme er wohl hörte, obgleich sie selbst unter dem Baldachin ver- steckt war. Er hatte zu melden, daß die umwohnenden Stämme seine Hochzeit mit Kunstritten, Kriegsspiclen und Turnier, kurz gesagt mit einer arabischenFantasia" feiern wollten. Nun begriff Sultana, worum das Dorf die ganze Nacht im Fieber gewesen war. Vor sich auf der Ebene sah sie in kurzer Entfernung eine Hecrschar weißgekleideter Beduinen mit ihren Weibern und Kindern auftauchen. Zu Tausenden tvaren sie im Laufe der Nacht langen Weges zusammengeströmt, und einzelne waren Abdallah sogar aus Gasfa entgegengerittcn. Als die Scharen der von dem jungen Marabu begleiteten Baldachins ansichtig wurden, stieg ein Gesang aus tausend Kehlen. Das wogende, lärmende Menschenmeer öffnete sich vor dem Kamele und schloß sich wieder. Da fühlte Sultana etwas wie Stolz, während Mabrukcl nahe war, vor Glück den Verstand zu verlieren, Mitten in der dichten Versammlung ließ man einen großen länglichen 5lreis offen. An jedem Ende des Kreises hielten etwa zehn Reiter auf ihren Rossen, welche kunstfertig gestickte Sattel und lang- schleppende Söidenschabracken trugen. Die Reiter waren in schneeweißem Festbernus erschienen, einige mit eigentümlichen Helmen aus Straußenfedern auf dem Kopfe. Das ganze Untergesicht war von dünnen- Schleiern verhüllt. Sobald Abdallah und seine Braut die ihnen reservierten Plätze erreicht hatten, nahm das Spiel seinen Anfang. Die beiden Reiterscharen stürmten unter wildem Kriegsgeheul in vollem Galopp aufeinander los, einige mit gezogenen Säbeln, andere mit Pistolen oder langen silber- damaszierten Büchsen, die sie über den Köpfen schwängern Mitten im Kreise prallten sie zusammen, feuerten die Pistoleit in die Luft, wandten die langen Büchsenläufe zur Erde und schössen sie zwischen den Beinen der Rosse, die, scheu und' nervös von den Schüssen, dem Kriegslärm und Pulver- rauch, schnaubend und sich bäumend mit den Vorderbeinen ausschlugen, in das Gras ab.. Dieses Wirrwarr sah lebensgefährlich aus, währte jedoch nur wenige spannende Augenblicke, während derer man kaum Zeit hatte, sich über das Geschehene klar zu werden. Die Rosse bekamen die Sporen in die Flanken und' sprengten zu je ihrer Richtung aus dem Kreise, der sich vor ihnen öffnete. Nun sah man, daß ein Pferd ohne Reiter war. Mittels im Kreise lag ein junger Mann regungslos still. Sultana glaubte im ersten Augenblick, dies gehöre mit zum Spiel, aber sogleich eilte man von allen Seiten hinzu und trug den Verwundeten vor Abdallah hin, als erwarten alle von ihm allein Hilfe und Beistand. Er selbst war augenscheinlich derselben Meinung. Er sprang vom Pferde und untersuchte den jungen Mann, der ohne eine Klage, bleich aber mit offenen, ruhigen Augen, auf der Erde lag. Das eine Schenkelbein war gebrochen. Abdallah fügte es mit überlegener Ruhe zusammen, als habe er nie anderes im Leben getan als Knochen zusammen- zusetzen und legte einen vorläufigen Verband an. Sultana hatte in ihrem Eifer, zu sehen, den Balda'chick zerrissen. Erst als sie dem Blick des jungen Mannes be- gegnete, erinnerte sie sich, daß sie unbedacht ihr Antlitz ent- blößt hatte und zog sich errötend zurück. Der leidenschaftliche Blick des bartlosen Helden gab ihr einen Stich ins Herz. Die leichenblasse Farbe veredelte sein Antlitz und rief ihr Mitleid wach. Ihretwegen war es ja geschehen, daß er seine jungen Glieder aufs Spiel gesetzt hatte. Eine Bahre wurde in aller Eile bereitet, und zwei Männer trugen ihn nach El Gettar. Abdallah stieg wieder zu Pferde, und Sultana erfuhr, daß der Verwundete Zaied ben Bu-Kris heiße und ein vor- nehmer junger Mann aus Gasfa sei. Dieser unglückliche Zwischenfall verdarb Sultana den Rest der Festspiele. Sie legte ihm die Bedeutung eines bösen Omens bei und mußte wieder an den getöteten Delphin denken. Für alle anderen war es, als sei nichts geschehen. Die dressierten Pferde wurden weiter vorgeritten und zeigten all ihre Künste. Eines konnte niederknien und ein Taschentuch aufheben. Ein milchweißes, schlankes, nervöses Pferd aus der Wüste spielte eine ganze Komödie: es fiel mit großer Bravour auf dem Schlachtfclde und blieb tot liegen. Nach neuen Gefechten zwischen Fußvolk und Reitern gab man ein spannendes kleines Zwischenspiel zum Besten, da? Liebesabenteuer des Löwen. Aber die Hauptnummer des Tages war doch die Dar- stellung einer Brautentführung, deren rittlerlicher Brauch noch heutzutage unter den Wüstenbeduinen herrscht. Sultana folgte schlaff dem ganzen Schauspiel. Sie ja? alles, genoß es aber nicht,