Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 111.

88]

Sultana.

Mittwoch, den 12. Juni.

agbruk berboten.Z

Ein arabisches Frauenschicksal von Emil Rasmussen. Nun war es für die Franzosen nicht schwer, zu kon­trollieren, daß er ganz und gar einflußlos war und keine andere Autorität besaß als die seines herkulischen Körpers. Gerade sein eifriger Verkehr mit der kleinen französischen Kolonie, der er ein festes Thema für reich variierte Anekdoten lieferte, hatte zur Folge, daß man ihn bald in- und aus­wendig kennen lernte und sich klar wurde, welch zweifelhaften Wert er als Bindeglied zwischen französischen und arabischen Elementen repräsentierte. Auch die Eingeborenen behielten ihn nämlich im Auge, und er nahm in ihren Kreisen eine ebenso geachtete und beliebte Stellung ein wie der Zöllner in der Bibel.

Er konnte auf die Dauer nicht umhin, die wachsende Kälte zu empfinden, mit der man ihm begegnete. Man ließ ihn recht deutlich verstehen, daß keine Rede davon sein könne, ihn jemals als Caïd einzusetzen. Ja, selbst für die unschäß. baren Dienste, die Nur seines Erachtens der französischen Sache würde leisten können, schien man nicht den entsprechend flaren Blick zu haben, wenn man auch nicht völlig ausschloß, daß bei Gelegenheit in einer untergeordneten Stellung für Nur Verwendung sein könnte- wenn er genügende Geduld

zum Warten hätte.

Unter diesen veränderten Umständen wurde Hamza für Dieridas alte Anschauungen empfänglicher.

Vielleicht war doch ein wenig Wahrheit in der Ueber­zeugung, die sie schon seit vielen Jahren äußerte: daß die Franzosen sein Ruin und Unglüd geworden seien.

Nun war auch Nur, zu einem arabischen Nationalisten bekehrt, von Gafsa heimgekommen.

Abdallahs Popularität hatte einen unauslöschlichen Ein­druck auf ihn gemacht, und andererseits war er sich bewußt geworden, daß aus der Freundschaft mit den Fanzosen aller­lei peinliche Mißhelligkeiten entstehen konnten.

Er hatte sich mit gutem Gedächtnis all die Kraftstellen, die ihm im Munde des Schwagers besonders aufgefallen waren, angeeignet, und begann nun diese Goldkörner mit würdevoller Miene auszustreuen, wenn er in der inneren Stadt umherschlenderte.

Bald merkte er, daß dieser Ton anschlug und man ihm von vielen Seiten, wo er bisher nur mit kühler Vorsicht empfangen worden war, freundlich entgegenkam.

Das spornte ihn an und entflammte seinen nationalen Eifer.

Eine gute arabische Eigenschaft hatte er indessen schon unter der Berührung mit den Europäern eingebüßt: seine Diskretion und Verschwiegenheit. Hatte er sich dagegen ein gewisses Maß von Wahrheitsliebe eingetauscht, so schien dies fast nur von Uebel zu fein; denn er war geschwäßig geworden und wußte seine eigenen Gedanken und die anderer nicht mehr zu berhehlen, selbst wo es für die Sache, der zu dienen er für gut befand, von Bedeutung war. Er fühlte sich nicht mehr so recht vertraut mit der arabischen Anschauungsweise, welche Lüge und Verstellung als Tugenden und kostbare Waffen eines bezwungenen Boltes zu schäßen weiß.

Hätte Abdallah näher gewohnt, so wäre Nur ihm wohl gar gefährlich geworden, denn er wurde nicht müde, sich mit diesem Verwandten aufzupuzen und ihn als mächtigen Konspirator, als fünftigen Führer in dem großen heiligen Kriege zu schildern, der eines Tages die Welt vom Atlantischen Ozean bis zum Ganges " in Brand setzen würde.

Nurs plögliche Frontveränderung hatte indeffen keinen Einfluß auf sein Verhältnis zu Marcel. Er konnte nun ein­mal seine häufigen Besuche in dem großen traulichen Atelier­zimmer nicht entbehren, wo in allen schwierigen Fällen Rat und Auskunft zu holen war, und legte Wert darauf, hie und da zu einer europäischen Mittagstafel zugezogen zu werden. Ueberdies hatte Marcel eine wirklich ritterliche Eigenschaft: er vergaß stets, was man von ihm geliehen hatte. Und auf diesem Gebiete gab Nurs eigenes Gedächtnis dem Marcels an Schwäche nichts nach.

G

1912

Lange Zeit verbarg er sorgfältig seine veränderte Mei­nung über die Franzosen , aber eines Tages siegte sein Ver­langen, sich geltend zu machen, und seine Zunge ging mit ihm durch. Er stellte seine Gesichtspunkte jedoch in einer recht gedämpften Form dar und hob besonders stark hervor, daß er persönlich keine Abneigung gegen jene Franzosen hege, die er kennen gelernt, speziell nicht gegen seinen erprobten Freund Marcel.

Die lächelnde Nachsicht, mit welcher Marcel diesen Aus­einandersetzungen lauschte, fränkte ihn ein wenig- da nahm man ihn daheim und in den maurischen Cafés ganz anders ernst!

Wie sammelnd dieser Sinnesumschlag auch in der Familie wirkte, so war Sultana doch unzufrieden damit; denn sie selbst wollte nichts von Feindschaft mit der Nation wissen, der Marcel angehörte.

Den Eltern sagte sie nichts, aber Nur gegenüber hielt sie daran fest, es sei nicht recht, Menschen zu verleumden, die einem wohl wollten und deren Dienste man empfing. Er wisse ia doch gut, welche Bewandtnis es mit Frau Barrières Geld habe, das den Eltern so viel Unheil verursacht, ihm selbst aber nur Segen brachte.

nationale Frage, die schon seit so vielen Jahren um ihre Sutana hatte eben ihre eigene kleine Meinung über die bren summte: die Franzosen fasen nun einmal im Lande fest, und sie wußte, wie zahlreich und wie reich sie waren. Von ihrer Freundschaft hatten die Araber alles zu erwarten, von ihrer Feindschaft alles zu fürchten. Und so würde es, so demütigend es auch war, eben bleiben, bis ihr eigenes Volk die Franzosen an Kultur erreicht hätte.

Als Frau Barrières Cichuldner sah, Hamza sich genötigt, mit ihr eine Ausnahme zu machen. Er kam ihr mit aus­gesuchter Freundlichkeit entgegen und war im Gegensatz zu Nur ein Meister in der Verstellung. Ja, er trieb es so weit, ihre Missionssitungen mit wachsendem Nußen und From­men" zu besuchen. Sogar Djerida, die sich nun auf allen Seiten sicher fühlte, ließ sich herbei, Interesse für die Mission zu heucheln. Wenn Frau Barrière auf einen ihrer langen Besuche kam, saßen alle drei beisammen und sangen Psalmen. Das kleidete Hamza so gut und sie hatten hinterher viel Spaß damit.

Sultana hatte, so lange sie in Tunis war und Wochen zuvor nur den einzigen Gedanken, Marcel zu sehen und um jeden Preis in seine Nähe zu kommen.

Hier ersah sie eine Möglichkeit.

Sie schlug in scherzender Form vor, eine von Frau Barrières und Pastor Greens Sibungen zu besuchen.

Nur wollte nicht teilnehmen, obwohl er große Lust hatte, da es mit der neuen Haltung, die er angenommen hatte, nicht übereinstimmte, und Hamza lag in einem Chira- Rausche, aber die drei Frauen entschlossen sich zu gehen.

Der Sizungssaal lag in Sut el Grana, mitten im Juden­viertel, und wimmelte bei ihrer Ankunft von lärmender israelitischer Jugend. Es waren sicherlich die wenigsten er­schienen, um die Verkündigung des Wortes zu hören, und dies war auch nicht der Zweck. Diese Sigungen waren eben für jene bestimmt, die nicht suchen wollen und die hier dennoch finden sollten, selbst gegen ihren Willen.

Darum wurde es plößlich dunkel im Saale, und gleich­zeitig entstand andächtiges Schweigen. Es wurde zu Beginn eine Reihe von Lichtbildern vorgeführt, die, dem Publikum zu Schreck und Warnung, die bösen Wege" und die Hölle dar­stellten, in welche diese schließlich mündeten.

Sowohl Sultana wie auch Mabruka, die zum ersten Male in ihrem Leben Lichtbilder( ahen, waren tief ergriffen, und Sultana betete während der ganzen Vorführung in aller Stille ihre täglichen Gebete, um nicht irgend einer Art Ver­suchung anheimzufallen..

Als die Lichter wieder angezündet wurden, begann sie sich in der Versammlung umzusehen, ob Marcel nicht da sei.

Sie spähte vergebens. Dagegen stand Pastor Green auf und hielt eine Rede über den Weg, der am raschesten zum Himmel führe. Er sagte- was er jedoch wohl nicht allzu buchstäblich meinte- daß man durch den Islam dahin ge langen könne, aber das sei wie von Tunis nach Frankreich zu reisen und den Weg über China zu nehmen, oder von Tunis