Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 116.
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Sultana.
Mittwoch, den 19. Juni.
Ein arabisches Frauenschicksal von Emil Rasmussen. Nachdem er dem alten Weisen sein Herz geöffnet hatte, sprach dieser:
" Nimm Dir ein Weib von den Töchtern der Araber. Verstoße das Weib, das Du nun hast; aber behalte es bei Dir mit Hilfe von.Verheißungen und guten Worten!"
Abdallah erkannte die Wahrheit, die dieser Nede zugrunde lag. Er ging zu einem Juden und kaufte goldene Geschmeide mit funkelnden Steinen, die er Sultana unter gütigen, troftreichen Reden überreichte.
1912
Eines schlug ihm sogleich und ganz unmittelbar entgegen: Nachdru berboten.) diese von der französischen Kultur so ganz unbeeinflußten, überdies auch gehaßten und gefürchteten Kreise waren ganz unvergleichlich männlicher und achtungswerter als die arm feligen entnationalisierten Broselyten, die Frankreich seine Sprache und seine Laster gelehrt, eben jene Clique, mit der Marcel bisher in Berührung gekommen und nach der er sich vorschnell sein Urteil über das ganze Volk gebildet hatte. Nun erst begann er die so arg verschrienen Laster der islamitischen Bölfer in einem anderen Lichte zu betrachten. Bei näherem Dazusehen entpuppten sie sich nicht selten als maskierte Vorzüge oder als berechtigte Waffen, die der Selbsterhaltungstrieb einem unterdrückten Volfe in die Hand zwang. Ronnte ein eindringendes Eroberervolk, das in der offenen Absicht kam, ihnen ihre Reichtümer, ihr Land, ihre Sprache und das teuerste von allem, ihren Kindesglauben, zu nehmen - konnte ein solches Volk Dankbarkeit, Zuverlässigkeit, Treue und eitel Wahrheit von den Beraubten erwarten? Waren die Griechen etwa ein verächtliches, wertloses Volf, weil sie in dem hinterlistigen Odysseus einen idealen Nationalhelden fahen? Sollte nicht der Wert eines Volkes an seiner Treue für dasjenige gemessen werden, was es selbst der Treue wert fand? Und in diesem Punkte konnten diese Menschen wohl einen Vergleich mit all den Völkern jenseits des Mittelmeeres aushalten. Wie lau und schwächlich war nicht die Treue der Christen für die Bibel im Vergleich zu der unbedingten Hingabe der Araber an ihren Koran ! Hatten die letzteren auch in vielen Dingen eine andere Moral, so folgten sie doch dem, was ihnen einmal als richtig oder falsch eingeprägt worden war, mit bewundernswerter Gradlinigkeit.
Als er sah, daß die Schmuckstücke sie erfreuten, rückte er mit seinen Plänen und Wünschen heraus und ließ es nicht an Schmeichelworten und Versprechungen fehlen, die zu halten er durchaus nicht die Absicht hatte.
Sultana erkannte im Nu den Kern der ganzen Sache. Sagte sie Nein, so lief fie Gefahr, nicht von ihm verstoßen zu werden. Aber hatte sie erst die Freiheit erreicht, was galten dann alle Versprechungen? Dann waren das Recht und die Macht auf ihrer Seite.
Sie täuschte Abdallah durch ihr falsches Lächeln. Er ließ sich mit Leichtigkeit überzeugen, daß sie glücklich über seine Erlaubnis sei, in seinem Hause wohnen zu dürfen wie zuvor.
Selbst seine Eifersucht wußte sie einzuschläfern. Er sah ja nun ein, daß all dies mit Marcel Lüge und Prahlerei gewesen war und bloß den Zwed gehabt hatte, Eindruck auf ihn zu machen.
28.
Marcel Barrière hatte die arabischen Studien ursprünglich ergriffen als einen naheliegenden verzweifelten Vorwand, um bleiben zu dürfen, wo er war.
Seine gewissenhafte, tiefgehende Natur verbot es ihm jedoch, sich mit irgendeiner Sache bloß fpaßeshalber zu beschäftigen.
Er studierte fleißig, arbeitete sich ein in die arabische Geschichte, Dichtung und Philosophie, und den wachsenden Kenntniffen folgte ein lebhaftes Interesse, eine Liebe zu dem Studium, von der er nie geträumt hatte.
Das allzu Gesezte seines Wesens verjüngte sich in diesem Bade von Romantik und glühenden Farben. Das weiblich Weiche seines Charakters härtete sich ganz unbewußt unter der Berührung und Beschäftigung mit diesen Volksstämmen, die all ihren Leidenschaften koste es, was es wolle voll und ganz die Zügel schießen lassen. Ein unschätbares Glüd war es für ihn, daß er in Si Salem ben Esjuk es- Serir nicht bloß einen grundgelehrten Meister, sondern zugleich auch einen großen Menschen fand.
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Si Salem beobachtete seinen Schüler ungefähr ein Jahr lang. Marcel war feiner von den Leichtzugänglichen und Salem ein ungemein vorsichtiger Mann. Sie verkehrten freundlich, aber zunächst wie zwei Geschäftsfreunde. Als aber endlich durch eine unerwartete und plöbliche Vertraulichkeit von Marcels Seite das Eis brach, da kannten sie einander so gut, daß das Verhältnis sozusagen im Laufe weniger Tage bollständig feinen Charakter änderte und fast wie das zwischen Vater und Sohn wurde.
Dieser Umschlag wurde an jenem Tage eingeleitet, da Marcel sich bereit erklärte, seinen Glauben zu wechseln, um diejenige heiraten zu können, die er liebte.
Wie wenig dieser Uebergang in Wirklichkeit für ihn bedeutete, wäre Si Salem allerdings nie zu begreifen imftande gewesen.
Von mun angelangte Marcel ohne Schwierigkeit in die gelehrten Kreise der Moschee, und da man ihn als einen verläßlichen jungen Mann fannte, dessen unverbrüchliche Ber schwiegenheit ihn jedes Vertrauens würdig machte, gewann er bald einen tieferen Einblick in die Gefühle und Stimmungen der leitenden geistigen Kreise als irgendein anderer seiner Nation. Er erkannte, daß man mit ihm als mit einem fünftigen Bundesgenossen im Kampfe für die ehrliche Sache des Volkes zu rechnen begann.
Auch aus dieser wachsenden Achtung vor dem arabischen Wolfe schöpfte die Liebe, mit der Marcel seinem Studium oblag, neue Nahrung.
Im Laufe des Winters ließ Frau Barrière sich zum zweiten Male trauen.
Pastor Green, der nun seinen Einzug in der Villa hielt, wußte sich in einer Weise auszubreiten, daß für Marcel kaum Blak übrig blieb.
Er konnte in dieser schwülen Hirtenluft nicht Atem holen. Da die Neuvermählten an eine Hochzeitsreise nicht dachten, beschloß er, sich auf einem längeren Ausflug durch das Land zu erfrischen.
Si Salem spornte ihn eifrig zu dieser Reise an und stattete ihn mit Empfehlungsschreiben aus, die ihm Zelte und Herzen öffneten, wohin er fam.
Einer der tüchtigsten jungen Studenten der Djamaa ezBituna, der Sohn eines angesehenen Siech aus dem Süden, wurde sein Begleiter.
Ihr Ziel waren die Casen in Bled el Dierid, aber sie nahmen den Weg über Stef und die inneren Hochebenen, um unterwegs mit den abseits lebenden Beduinenstämmen Befanntschaft zu machen und einen Einblick in ihre Denkungsweise zu gewinnen.
Er merkte sogleich, was Si Salems Briefe zu bedeuten hatten.
Raum war jemals unter den großen Belten ein Franzose mit größerer Gastfreundschaft, sicher keiner mit größerem Zutrauen empfangen worden.
Es war kein bloßer Zufall, daß Marcel den Weg über Gafsa nahm.
Von der Stunde an, da er von Sultana schied, hatte die Liebe immer tiefere Wurzeln in seiner Brust geschlagen.
Er prüfte sich täglich selbst, um eine Lösung dieses hoffnungslosen gemeinsamen Martyriums zu suchen. Es gab Beiten, wo er fich fragte, ob er nicht verrückt sei oder im Begriffe stehe, es zu werden. Diese Liebe war ja bloß ein Leiden ohne irgendwelchen Sinn. Es fonnte ja nicht die Absicht der gesunden Natur sein, menschliche Straft zu vergeuden und auf so erbärmliche Art dahinwellen zu lassen.
Seine Lage war nicht minder verzweifelt als die AbSallahs. Er trauerte, wenn die Liebe dahinfiechte; er trauerte doppelt, wenn sie wieder volle Schwungkraft gewann. Denn bedeutete dies etwas anderes, als daß sein Gefühl sich wieder an das unkörperliche Ferne heftete? Würde sie ihm nicht abermals eine Fremde sein an dem Tage, da sie zurückkehrte und vor ihm stand, lebendig, körperlich und warm?