Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 122.
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Sultana.
Donnerstag, den 27. Juni.
( Nachdrud berboten.)
Ein arabisches Frauenschicksal von Emil Rasmussen. Mabruka fühlte sich bereits ihres Halses sicher.
Es war jedoch nicht das Volk allein, das sich enttäuscht fühlte, die Verurteilte frei ausgehen zu sehen. Auch unter den Mitgliedern des Gerichts herrschte eine unversöhnliche Stimmung. Der Ermordete war nicht nur Mabrukas Gebieter und Wohltäter, sondern auch ein Marabu gewesen, dem man nicht ergernis bereiten soll, indem man seinen Tod ungerächt läßt.
Man begann zu munfeln, es ginge nicht an, das Gericht und dessen Präsidenten, die Majestät selbst, hier sitzen und auf dreihundert Frank warten zu lassen, und andererseits konnte der Rechtsspruch nicht aufgehoben werden, ehe nicht das Geld in die richtigen Hände abgeliefert war.
Der Beh dagegen, minder blutdürftig als die Korantheologen, wollte den jungen Franzosen, der eine so edelmütige Gesinnung bewies, und überdies erst kürzlich zum mohammedanischen Glauben übergetreten war, nicht beleidigen. Er hielt es für richtig und dem Gerechtigkeitssinne entsprechend, auf den jungen Mann zu warten.
Indessen lagen Abdallahs drei lange Vettern nicht auf Ser faulen Bank.
Marcel hatte sie übertrumpft, hier aber war eine günstige Gelegenheit, ihn wieder zu übertrumpfen.
Sie boten Mabrufas Schwiegervater an, ihm dreihundert Frank zu zahlen, wenn er sich weigerte, das Blutgeld von Marcel zu nehmen.
Den Alten dünfte es natürlich ein glänzendes Geschäft, feinen Sohn gebührend gerächt zu sehen und obendrein bares Geld in die Hand zu bekommen. Die Sache mit dem Marabu interessierte ihn nicht weiter. Aber so ganz sicher war ja nicht darauf zu rechnen, daß Marcel überhaupt mit dem Gelde zurückkam. Er schlug darum augenblicklich ein.
Als die Uzara erfuhr, daß Mabrufas Schwiegerbafer sich nicht mehr an dem Blutgelde genügen lassen, sondern unweigerlich die Mörderin gehängt sehen wolle, beschleunigte man mit innerer Genugtuung den Gang des Rechts.
Selbst der Bey hatte nun nichts mehr in den Weg zu Legen.
Wieder wurde Mabruka von den Spahis hinausgeführt. Sie vermochte das Geschehene nicht länger zusammenzuhalten; aber sie wußte, Marcel sei nach Tunis gefahren, um das Blutgeld zu holen und es stand für sie fest, daß er zurückkommen und ihr Leben retten würde.
Als der Volkshaufe sie erblickte und es von Mund zu Mund flog, daß der Marabu nun doch gerächt werden sollte, leuchtete es in allen Gesichtern auf. Man konnte sich mit erleichtertem Gewissen dem spannenden Schauspiele hingeben.
Mabrufa ging guten Mutes zum Galgen. Sie wußte, das Ganze war ja nur eine Art Schauspiel: Marcel war ein Mann, der sein Wort hielt.
Der Henker, der kein Angestellter war, sondern in jedem einzelnen Falle unter der Hefe der Zuhälter gewählt wurde, verband ihr die Augen.
Dies genierte sie mehr als der Strid, der jegt um ihren Hals gelegt wurde, denn nun konnte sie nicht mehr nach Marcel ausspähen.
Man richtete die fragikomische Frage an sie, ob sie noch etwas wünsche.
Mabruka wünschte vor allem, die Sache hinauszuziehen und bat den Henker, ihre Mlahfa um die Beine gut zusammenzubinden, da sie sich schäme, mit offenen Kleidern so hoch zu hängen.
Als dies besorgt und Marcel noch nicht zurückgekehrt war, begann sie Herzklopfen zu bekommen.
Es kam ihr ein neuer Einfall, der den dichtgedrängten Boltshaufen nicht wenig amüsierte. Sie wollte so ungern durstig zur Hölle fahren. Ob denn niemand so gut sein wollte, ihr ein Glas Wasser zu bringen?
Man schlägt die leßten Wünsche eines Delinquenten nicht ab, Ein reitender Spahi wurde nach Dar el Bey geschickt.
1912
Eben als er mit dem Wasser zurückkehrte, kam auch Marcel an, vor dem das Volk, in der Hoffnung auf eine neue Sensation, neugierig beiseite wich.
Mabruka! Dein Schwiegervater weigert sich, den Blutpreis zu nehmen. Ich kann Dich nicht retten, aber ich werde für Deine Seele beten. Sage mir nur erst, warum Du Abdallah getötet hast!"
,, Er hat ja Sultana ermordet!" schrie sie. Ein Murmeln ging durch die Massen.
Marcel stieß einen Schrei aus und sank bewußtlos zu
Boden.
Er ersparte es hierdurch zu sehen, wie der rohe Henker Mabruka hinrichtete.
32.
Ganz zeitlich an einem stillen Junimorgen saß Marcel auf Sidi bel Hassen bei Mabrukas Grab und las im Koran .
Er besaß nicht viel Glauben an die Kraft seiner Gebete, aber er hatte sein Wort gegeben und hielt, was er einer armen Seele gelobt, die sich in guten und bösen Tagen treu erwiesen hatte.
Dann stieg er hinauf in den rückwärtigsten und höchst. gelegenen Zeil des Friedhofes und setzte sich zwischen die Blumen eines Grabes, das, wie er nach langen systematischen Untersuchungen und Beratungen mit dem Friedhofspförtner ermittelt hatte, die letzte Ruhestätte der kleinen Sultana sein mußte.
Da niemand sich des Grabes annahm, hatte er die übliche längliche Erhöhung darüber mauern und sie mit weißem Marmor bekleiden lassen.
Er hatte es vor den anderen Gräbern nicht auffallend machen wollen. Mochte die Natur es mit ihrem Blumenflor bedecken und die Sünde verhüllen, die sie beging, indem sie dies junge Geschöpf zu leiden geboren werden ließ und es just da von sich stieß, als das Leben sich ihm zu öffnen begann.
Es war aller Grund, Blüten zu verschwenden über dies Kind, das sein siebzehntes Jahr nicht geschaut, aber schon alles erlebt hatte, was ein Weib durchleben und durchleiden kann. Und es war Grund zu vergessen
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Marcel hatte täglich ihr Grab besucht. Nun stand er im Begriffe, abzureisen. Alle strahlenden Zukunftspläne lagen da unten im Grabe bei Sultana. Was hatte er noch in diesem Lande zu tun, wo jeder Schritt ihm zur Qual ward!
Er fühlte, es lag über ihm wie ein Schicksal, daß er wie ein Baum war, der herausgerissen und umgepflanz wird, so oft er in einem neuen Erdreich Wurzel geschlagen hat und nie, nie Früchte tragen darf.
Während er in so traurigen Gedanken dasaß, hörte er hinter seinem Rücken Schritte sich nähern. Er sah sich um.
,, Nur! Endlich! Wo seid Ihr doch gewesen?" " Ich nehme Deine Hand nicht mehr. Wenn ich nicht feige wäre, so tötete ich Dich."
,, Könntest Du Dich nicht ein wenig näher erklären?" fragte Marcel unerschütterlich.
,, Du bist es, der Sultana getötet hat. Du und kein anderer. Nun hinterher durchschauen wir alles. Mutter hat mir das bißchen erzählt, das sie wußte. Sultana hat mir ein wenig gesagt, das ich nun erst verstehe. Und Mabruka hat Bleira dies und das mitgeteilt. Aber so wenig ich weiß, so ist es dennoch genug, mich verstehen zu lassen, daß Du meiner Schwester nachtrachtetest, noch ehe sie verheiratet war, und daß Du sie von ihrem Manne fortgelockt hast. Darum liegt sie jezt im Grabe."
Ich habe Sultana geliebt, und sie hat mich geliebt. eins von uns hat jemals einen anderen geliebt. Sie war frei, als sie zu mir fam, und ich hätte sie geheiratet."
,, War sie auch in jener Nacht frei, da Du Dich in mein Haus schlichst wie ein Dieb?"
• ,, Nein, diesen Vorwurf hast Du das Rht mir zu machen. Das heißt, wenn Du, der Du mit der Gattin Deines Vaters lebst, überhaupt das Recht hast, einem Menschen etwas vorzuwerfen. Ich selbst bereue nur eins: daß ich sie in jener Nacht nicht entführte. Ich glaube, Sultana dachte ebenso, und sie ist die einzige, auf deren Ansicht ich in dieser Sache Gewicht