Anterhaltungsblatt des Horwärls Nr. 143. Freitag, öen 26. Juli. 1912 (RoAMuit nerDoten.l 19] Der AlLttiber. Von Ludwig Thoma . Die Schneiderin hielt Ursula zurück und winkte ihr mit ven Augen. „Laß guat sei!" hieß das. Und noch ein bedeutsamer Blick sagte der Erzürnten, daß es an diesem Tag keine Aufregung geben dürfe, wegen des Alten, wegen des Kaspar, wegen alles möglichen. Ursula verstand die Base und knurrte etwas Unverstand- liches vor sich hin, und es war ganz gewiß etwas Beleidi- gendes. „Uebahaupts is dös gar it de Vescht," fing die Zenzi wieder an-„de da geit mehra." Sie stieß mit dem Gabelstiel eine Kuh an, die näher bei ihr stand. Die Schneiderin schaute aber nicht das Tier, sondern die Magd prüfend von der Seite an und drehte sich geringschätzig weg, ohne eine Antwort zu geben. Sie ging die andere Reihe entlang und fand immer Wieder einen Grund, den Kopf mit Mißbilligung zu schütteln. „Mi siecht aa, daß's Auter(Euter) it ganz sauba g'halt'n is. und do bin i hoakli. Bal i dös dahoam mirk, jag i oani auf da Stell davo'; und red'n laß i übahaupts meine Deanst- bot'n gar nix. I valang d' Arbet, und firtil" „Waar no i Herr, nacha waar's bei ins g'rad a so!" sagte Ursula. „Aba du bischt it Herr!" dachte sich die Zenzi.„Und red'ts no zua, weg'n meina. I paß auf dös gar tt auf." Nach dem Essen fetzten sich die zwei einträchtigen Frauen- zimme: zu einem langen Diskurse in die Küche: es fehlte nicht an Nudeln(Gebäck) und Kaffee, und auch nicht am Gegen- stände, über den sich vieles sagen ließ. „Siehgst, Urschula, jetzt weil's d' ma du mehra vazählt hascht, moan i, es waar it gar so weit g'feit. Dös war a b'suffane Gaudi, und es waar g'scheidta g'wen, du hättst nix dagleicha tho." „Mi ko do aa's Mäu it halt'n, bal mi so was spannt (merkt)..." „Freili kunnt ma's halt'n, aba du bischt halt no it alt gnua und kennst di no z' Weng aus in da Welt. Mi wundert 's gar it so viel, daß dei Vata de Dummheit g'macht Hot." „Du bischt guat troffa, Basel ! Z'erscht hoscht aba ganz änderst g'red't." „I lob's jetzt aa it, und koa richtiga Mensch werd da änderst g'sinnt sei. Bal so was vorkimmt, is ja scho da Reschpekt bei de Deanstbot'n nimma vorhand'n." „No also!" „Aba wundern thuat's mi it, sag i, weil d' Manns» bilda allsammete so san, bal s' z' viel Bier Hamm .' „Von dem dein' glaabst d' na so was do it?" „Moanscht?" „I möcht di it sehg'n, wann du an sellan Vadacht hättst." „An Vadacht hon i koan, und i glaab it, daß was für- kimmt, aba trau'n thua'r i eahm gar it." „Geah?" „Na, gar it. Freili. unta da Woch und bei da Arbeit und so, da woaß i scho, daß sie nix feit, aba bal a grad am Sunntag a wengl rauschi hoamkam und stand eahm so a schlecht's Luada hi, na waar glei was g'schehg'n." „Da waar mi ja oiwei(alleweil) in da G'fahr!" „Mi muaß halt Obacht geb'n, Urschula." „Na, dös sag i glei, bal i so was glaabet, lasset i auf und davo." „Mi lafft it so g'schwind." „I scho'. und bal i dös wissat, daß da Kaschpa aa'r auf dera Seit'n waar, na möcht i liaba it heireth'n." .„Na muaßt d' ledi bleib'n, weil oana is wia da'r ander." „Du sagscht ma was schön's!" „Schaug, Urschula. i will da was vazähln: i hon den mein aa'r amal dawischt, wiar' a so schö staad(still) b'sufsa bei da Mitterdirn hibei g'stanna is und a Weng deutli mit die Händ' g'red't Hot. G'rad liab waar er g'wen!" „Aba da bischt drei'g'fahr'n?" „Na, dös sell hon i gar it tho. I ho mi g'stellt, als wenn i gar nix g'sehgn Hütt, und hon eahm schö tho, als wia'r an Krank'n, und hon an in's Bett eini bracht, und da Hot a fein Rausch und sei Dummheit ausg'schlafa: sie san ja gar it so scharf, als wia s' thean, und de mehra Zeit san s' froh, bal s' eahnan Ruah Hamm ." „Da müaßt instroans oiwei auf da Paß steh?" „A bissel Obacht geb'n braucht's scho: und de G'leg'uheit auf d' Seit'n ramma, dös is a Hauptsach." „Jetzt muaß i dir scho sag'n, Basel , daß mei Freud g'ringa wor'n is." „Ja, g'rad weg'n an schö' Hamm und weg'n da Luscht» barkeit braucht ina'r it heireth'n, mei liab's Madl: do werd da no viel untakemma, was da'r it g'fallt. S' Kinda kriag'n is it lutschi, und's Kinda wart'n aa it: aba's muaß amal sei, und ledi bleib'n is dös allaschlechtast. Da woaß oans auf oamal nimma, wo's hi'g'hört: und als Bäurin auf sein Sach hocka(in seinem Anwesen sitzen), is it zu'n varacht'n." „Aba bal's was werd mit'n Kaschpa, na muaß a ma an eigna Schwur ableg'n, daß er nia an anderne o'schaugt." „Da wurd' a bald meineidi. No, gar z' schiach(schlimm) derfft d' as aa it fürstell'n. Bei an junga Bauern is de G'fahr it so groß: dö sell'n Hamm mehra Stolz und mehra Eifa zu'n regier'n, aba bal's amal über'n vierzga umi gengan, nacha muaß mi guat aufpass'n. Do kemman's in zwoat'n Saft und schlag'n no mal aus, und g'schleckig(nasch- Haft) waarn s' nacha'r aa, und passet eahna so a bissel an Abwechs'lung. Do kam'3 eahna glei für, als wenn s' scho lang gnua bei oana blieb'n waar'n, und sie san viel dümma. Bal si da oani o schmeichelt, glaub'n s' ihr mehra und hör'n 's gern, daß s' no' was taug'n." „Auf dös patz i amal guat auf." „Aba'r it grob sei und it streit'«, sinscht bild'n s' eahna an Stolz ei. daß sie's erscht recht thean. Uebahaupts, mirk da dös: de Mannsbilda muaß mi oiwei auf'n Glaab'n lass'n, daß all's nach eahnan Kopf geht. Mi thean ja do de mehra Zeit, was mi mög'n: aba zoag'n derfcn mi dös it, und d' Nas'n derf'n mi eahna it drauf stöß'n. Vo selm sehg'n s' as tt, weil s' so viel'er'bilderisch san imd moanan, es ko gar it änderst sei, als daß sie allssammete regier'n. De Freud muaß mi eahna lass'n, und na red'n s' recht g'scheit an Wirtshaus und in da Gmoa(Gemeinde), aba staad und hoamli Hamm mi 's Heft in da Hand." Die Schneiderin zwinkerte bedeutsam ihrem Schützling zu und tauchte eine Nudel in den Kaffee: die Ursula aber hielt sich die Hand vors Maul und lachte voll Verständnis und sah die Zukunft wieder in schöneren Farben. Indem warf sie aber einen Blick auf die Uhr und rief: »�essas, jetzt is scho zwoa, und da Kaschpa is no it da!" „Der bleibt it aus, und mi Hamm ins glei bessa unta- halt'n, weil er it da war." „Genga ma fllri, na sehg'n ma'n vielleicht kemma." „Vo mir aus!" sagte die Schneiderin, und sie gingen in die Stube und schauten vom Fenster aus in den Hof. Es war wieder Trankzeit, in der die Kühe Waffer zu kriegen hatten, und darum stand Zenzi wieder am Brunnen und pumpte mit kräftigen Armen. „Siehgst d', Urschula," sagte die Vase,„dös leid i net, daß sie de Weibsbilda d' Röck gar so hoch aufijchlag'n." „So oane schämt si ja it!" „De amal g'wiß it! Schaug s' no grad o! Bis zu de Strumpfbandln siecht ma'r ihr aufi." „Wart', i schrei ihr g'schwind!" Ursula wollte das Fenster öffnen, aber die Schneiderin � hinderte sie daran. „Laß's guat sei jetzt: da kimmt grad da Kaschpa eina." Der Prücklbauer schlenkerte gemächlich durch die Einfahrt: und wie er die Zenzi sah, schob er den Hut zurück und pfiff lachend durch die Zähne. Er trat von hinten an sie heran und klopfte ihr mit dem Stecken derb auf die Waden. Sie fuhr herum: „Du hoscht mi aba daschrcckt!" „Bischt du so g'schrecki, Madl? Siechst gar it aus danach."
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29 (26.7.1912) 143
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