Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 158.

Freitag, den 16. August.

1912

( Nachdruck berboten.)

Wann nacha?"

"

34]

Der Wittiber.

Der

Von Ludwig Thoma .

Lenz wischte sich über die Stirne; der Schweiß stand ihm darauf. Herrgott! Wenn er' s überdachte, das konnte ja gar nicht sein, daß ihn der Vater wegen der hinausjagte, und alle Leute müßten auf seiner Seite stehen und es dem Alten sagen, was es für ein Unrecht sei.

Vielleicht, wenn er selber mit ihm reden würde, ganz ruhig, und würde es ihm vor Augen stellen, daß es die Jahre her nie etwas gebraucht hätte zwischen ihnen, und daß die Mutter verstorben sei im festen Glauben, daß ihr Sohn einmal das Sach in Händen haben werde, und daß jeßt eine fremde Person ihm Lügen erzähle, dann müßte doch der Vater auf das Rechte kommen.

Und das sollte nun gleich sein und nicht aufgeschoben werden, denn der Zustand war nicht mehr zum aushalten. Wie ein Knecht herumstehen, dem man das Davonjagen an­getragen hat, und der nicht weiß, ob es noch der Mühe wert tut, eine neue Arbeit anzufangen, das war das aller­schlechteste.

Dem Lenz war sonderbar zumut, wie er sich auf den schweren Weg machte. Es war ihm, als sei er über Nacht fremd geworden daheim, als gingen ihn die altvertrauten Dinge, die er um sich herum sah, nichts mehr an, oder als müßte er von neuem ein Recht darauf suchen.

Zögernd trat er ins Haus. Im Flöz stand Zenzi vor einem offenen Schranke und kramte in der Wäsche herum. Oft hatte Lenz seiner Mutter zugeschaut, wenn sie die sauber gewickelten Leinwandrollen umschichtete oder ein weißes Linnen zusammenlegte und mit der Hand sorgsam glättete; und von klein auf hatte er Respekt gehabt vor diesem bunt­bemalten Kasten, über den die Mutter eifersüchtig wachte. Jezt langte das Weibsbild mit frechen Händen hinein und warf die alte Ordnung über den Haufen.

Er gab ihm seinen Gruß nicht zurück, und wie es fragte, ob er zum Vater hinein wolle, hörte er nicht und ging ohne Antwort in die Stube.

Da setzte er sich an den Tisch und überlegte sich, wie er am besten seine Rede anfangen könne.

Wenn der Alte im Stuhl fißen würde, ihm gegenüber, und er würde dann sagen: Schau, Vata, des sell hat jetzt Toan Werth gar it, daß mir da aufanand häßlich san. Also, net wahr? Jekt hamm ma so lang mitanand g'haust, und 3'weg'n wos soll'n denn nacha mir auf oamal 3'friagt sei? thua mei Sach', und du werscht g'wiß it fag'n finna, daß i net gern arbet, und du muaßt it sagn, daß mir d' Bung außahängt vo lauta Gier nach' n Sach. Daß i gern auf' n Sof tam, dös sell is amal g'wiß, und weil mi aa gar nia was andersts g'wißt hot, und weil dös aa da Brauch is, daß mi' s Sach' vo de Eltern triagt, und hot mi aa seine bescht'n Johr' dahoam zuag'sezt, durch dös, daß ma' s gar it anderst g'moant hot, aba desweg'n is durchaus it da Fall, daß i di mit G'walt weg hamm möcht', oda daß i dir dei G'sund­heit it bagunn, und bal's du wos jogscht, nacha muaß dir dös wer anderna ei'g'red't hamm, und dös is amal frech g'log'n von dera Herrgottfaggerament

Lenz redete immer lauter in seiner Erregung und schlug mit der Hand auf den Tisch.

Da hörte er in der Nebenkammer husten und räuspern und gleich darauf den Vater rufen: sh ,, Wer red't denn da draußd?"

bin' s, Bata."

,, Mit wem streit'st denn?"

ho g'rad a fo für mi hi' g'redt."

"

Dös wer'n ma scho sehg'n; aba jeßt laß mir mei Ruah!" ,, Sollt' i in a Stund wieda kemma?"

"

,, Na, sog i. Du werst scho wart'n finna!"

Mit der Rede war es vorläufig nichts, und Lenz ging verdrossen aus der Stube.

er

Er sah Zenzi in der Küche arbeiten und sagte, so grob ' s heraus brachte, zur halbgeöffneten Türe hinein: ,, An Kaffee solltscht d' eahm bringa!"

Das Frauenzimmer war in seiner wichtigen Stellung mitteilsam geworden und rumorte mit der ungewohnten. Ar­beit mehr im Hause herum, als gerade notwendig war. Und jetzt wollte es auch arglos sich vor dem Sohn ein wenig prahlen und geschäftig zeigen.

Hoscht d' an Vata aufg'weckt? Dös hättst it thoa soll'n." ,, Hätt' i di frag'n müass'n?"

,, Na, aba weil a halt gar so spat hoam kemma is, und i ho scho a weng Angst g'habt, daß a si wos tho hot, weil a no im Wagl draußd g'schlafa hot, und i hon an aa so lang it g'hört, bis da Christl nacha außi is..

Lenz unterbrach die gesprächige Person, die er mit zuge­kniffenen Augen feindselig ansah.

Du! Gel, du bild'st da wos ei? Aba dös is no lang it da Fall! Bastehst d' mi?"

nicht.

Nein, die Zenzi verstand ihn und seinen Haß wirklich

"

Wos that i mir ei'bild'n?"

,, Dös, was nia werd. Gar nia! Für dös steh da'r i guat, du Schlamp'n, du vadächtiga!"

Und da war er weg und ließ das Weibsbild in wirk­licher Traurigkeit zurück; denn es schmerzt, mit einem fried­fertigen Sinn und der allerbesten Meinung einen solchen Schlag auf den Kopf zu kriegen. Man grübelt darüber nach, und weil man keinen Grund zu dieser besonderen Roheit finden kann, glaubt man bald an die Schlechtigkeit der Welt oder daran, daß man sterbensverlassen der Gegenstand des allgemeinen Unwillens ist. Und hernach steht das hilflose Weibsbild mit tränenden Augen am Herd und wischt sich mit rußigen Fingern übers Maul und schaut aus wie ein Haufen Unglück.

,, Wo3 feit denn dir?" fragte der Schormayer, wie ihm Benzi mit stillen Schmerz den Kaffee hinstellte. ,, Nix," sagte sie.

,, Weg'n nix werst d' na do it trenz'n( weinen)?" ,, Mi feit nir."

,, Vo mir aus! brauch' s it z' wiss'n."

Sie zog die Türe still hinter sich zu; und in dem Gefühl, das unschuldige Opfer einer ganz abscheulichen Grobheit ge­wesen zu sein, tröstete sie sich nach und nach.

Der Schormayer löffelte im dumpfen Bewußtsein, daß bier wieder einmal eine Ursache zum Aerger vorhanden sein fönnte, seinen Kaffee aus.

,, Der werd all Tag bessa," sagte er vor sich hin ,,, mit alle Leut is er saugrob, und mir schneid't er a G'sicht hi' wia neun Tag Neg'mvetta. An Hansgirgl hat a vatrieb'n, de ander trenzt im Haus umanand, und nacha wer i dro'femma. Bal's d' di no it schneid'st, du Grobian, du haglbuachana!"

Wenn es einmal so weit ist, daß sich zwei Leute, die zu­einander gehören, nicht mehr verstehen, dann helfen die besten Meinungen nichts. Lenz hatte mit sich selber eine große Erbarmnis, daß ihm sein anerkennenswerter Versuch so­gleich mißlungen war, und in der dummen Geschäftigkeit der Benzi sah er nichts als wohl angelegte Boshaftigkeit.

Und da er seinen Charakter behaupten und keine Arbeit angreifen wollte vor der Unterredung mit dem Alten, ging er am frühen Vormittag ins Wirtshaus. Als einziger Gast an diesem föhnwarmen Werktag, der jeden Pflug auf den Acker rief, erregte er das gerechte Aufsehen der Wirtin, und

" So? Sag' der andern, sie soll an Staffee in d' Stub'n fie setzte sich mit einem dicken Knäuel Wolle neben ihn und

bringa."

hätt' nacha aa mit dir wos z' red'n."

Wos denn?"

3'weg'n da Arbet, und a so halt."

hub ein Stricken und Fragen an, daß es dem verdrossenen Menschen zu eng in seiner Haut ward. Er gab mürrische Antworten, und gab keine Antworten; aber das war für die fluge Frau erst der rechte Ansporn, von allen Seiten und

Do bin i gar it aufg'legt dazua; dös sogscht d' ma hinten herum anzugreifen, denn das war doch einmal nicht ſpata."

natürlich, daß der Schormayer Lenz nach der gestrigen Hoch­