AnterhaltungMall des vorwärts Nr. 162. Donnerstag, den 22. August. 1912 (Zkaadrua ytrvotta.) Pelle äer Gröberer. Von M. AndersenNexö. Uebersetzt von Mathilde Mann . IV. Morgendämmerung. Mitten da draußen in dem offenen, fruchtbaren Land, wo der Pflug gerade damit beschäftigt war, die schwarze Erde um die vielen freundlichen kleinen Wohnungen aufzuwühlen, lag eine finstere Burg, die nach allen Seiten der lächelnden Welt öde Mauern entgegenstellte. Keine Fensterscheiben fingen die Morgen- und Abendröte auf und gaben sie bewegt zurück, drei Reihen eisenvergitterter Gucklöcher verschlangen unersätt- lich alles Licht des Tages. Immer gleich gierig sperrten sie die Mäuler auf, gegen den blauen Himmel gesehen, wirkten sie wie Löcher in die ewige Finsternis hinein. Mit erdrücken- der Schwere ragte der Steinkoloß über den vielen, lächelnden Wohnungen auf, aber die friedliche Bevölkerung schien sich nicht bedrückt zu fühlen. Sie pflügte ihren Acker bis hart unter die öden Mauern; und so weit hinaus, wie man die Burg sah, richteten sich die Augen mit einem Ausdruck darauf, der besagte, daß man sich gerade wohl fühlte hier unter den starken Mauern. Gleich einem Wahrzeichen ragte das mächtige Gebäude über allem andern auf; es konnte sehr wohl einem�Tempel ähneln, den eine dankbare Menschheit zu Gottes Ifhre errichtet hatte— so imponierend war es. Aber in einer fernen Ver- gangenheit mußte das geschehen seinl So barbarisch baut man heute keine Wohnungen mehr— nicht einmal für den lieben Gott— als gelte es nur Licht und Luft auszuschließen! Das schwere Mauerwerk war ganz durchdrungen von der naß- kalten Finsternis da drinnen, Jahrhunderte hatten die Ober- fläche verwittert und darin üppige Kulturen aus Schimmel und Schwämmen gebildet, aber es schien noch eine Ewigkeit stehen zu können.— Das Gebäude war jedoch keine Festung, auch kein Tempel, in dessen Dunkel der unbekannte Gott wohnte. Näherte man sich dem großen, schtveren Tor, das immer geschlossen war. so las man über der Wölbung das eine Wort Gefängnis, mit großen, eisernen Buchstaben gesetzt. Darunter stand ein einfältiger, lateinischer Vers, der recht anspruchsvoll besagte: Bin aller Tugend und Weisheit ßort! Gerechiigkeit gedeiht nur an diesem Ort. Eine? Tages mitten im Frühling tat sich die kleine Tür in dem Gefängnisportal auf, ein großer Mann trat heraus, und sah sich blinzelnd um. Das Tageslicht schlug ihm in das bleigraue Gesicht, so daß er zurücktaumelte und sich gegen die Mauer stützen mußte; es sah aus, als wolle er wieder hinein- flüchten. Er schöpfte tief Atem und wanderte dann in das offene Land hinaus. Ter Frühlingswind packte ihn mit einem gutgemeinten Griff, versuchte das zuchthäuslerisch geschnittene, grauge- sprenkelte Haar aufzuwühlen, das lockig und blond war, als er zuletzt darin hauste, und schlich sich wohltuend bis an den nackten Körper hinein, wie eine weiche, ei» wenig kühle Hand. Willkommen hier draußen, Pelle I sagte die Sonne und sah ihm in die ausgeweiteten Pupillen, wo das Zellendunkel faß und lauerte. Aber er verzog keine Miene, das Gesicht war wie in Stein gehauen. Die Augen zogen nur die Hornhaut so gewaltsam unter dein Einfluß des Lichts zusammen, daß es weh tat, und fuhren fort, suchend hinauszustarrcn. Jedesmal, wenn er einen Menschen erblickte, blieb er stehen und starrte gespannt, vielleicht in der Hoffnung, daß jemand kommen und ihn empfangen würde. Als er auf die Landstraße einbog, wurde er angerufen. Er wandte sich in plötzlicher, hastiger Freude um, duckte dann den Kops und setzte seinen Weg fort, ohne zu antworten, es war nur ein Strolch, der halb über einen Graben drinnen auf dem Felde hinausguckte und winkte. Er kani über den ge- pflügten Acker gelausen und brüllte heiser:„So wart doch, zum Teufel auch! Hat man hier den ganzen Tag gelegen und auf Gesellschaft gelauert, dann kannst Du doch wohl einen Augenblick warten!" Es war ein breitschultriger, ein wenig schwammiger Bursche mit flachem Rücken und einem dicken, steilen Nacken, der ganz gerade in die Mütze hinaufstieg, ohne den Hinterkopf hervortreten zu lassen und den Gedanken un- willkürlich auf das Sckwfott hinführte. Das Nasenbein war in das blaurote Gesicht eingesunken und verlieh ihm eine bullenbeißerartige Mischung von Brutalität und dummer Neugier. „Wie lange hast Du gesessen?" fragte er keuchend und blieb stehen. Er hatte böse Augen. „Ich kam damals rein, als der liebe Gott noch ein kleiner Junge war, nun kannst Du es Dir ja selbst ausrechnen," ant- wortete Pelle kurz angebunden. „Verdammt und verflucht, das war'n gehörige Zeit. Und warum haben sie Dich verdonnert?" „Ach. da war gerad' ein Platz frei. Da nahmen sie mich und steckten mich da hinein, damit er nicht leer bleiben sollt!" Der Strolch sah ihn schulend an.„Ne, das is zu dick auf- geschmiert, das glaubt Dir doch keiner!" sagte er unsicher. Plötzlich blieb er vor Pelle stehen und steckte ihm seine Stier- stirn ins Gesicht:„Nu will ich Dir mal was sagen, mein Junge! Ich will ungern den ersten Tag, wo ich frei bin, Hand an jemand legen, aber Du sollst Dich doch ein wenig in acht nehmen und Dich mit Deiner verehrten Aufgeblasen- heit an'ne andre Adresse wenden, ja. Denn hier Hab ich nun seit heut morgen gelegen und auf Gesellschaft gelauert!" „Ich Hab nicht die Absicht, irgendeinen Menschen zu be- leidigen," sagte Pelle abwesend. Er sah so aus, als sei er noch nicht zu der Welt zurückgekehrt, und machte keine Miene zu- zugreifen. „Na, also nich, das is ein Glück für Dich. Sonst könnst Du mal darauf gefaßt fein, daß man einen Farbendruck von Deiner betrüblichen Fratze nähme, so ungern man es auch töte.— Uebrigens soll ich Dich von Mutter grüßen." „Bist Du Ferdinand?" fragte Pelle und erhob den Kopf. „Stell Dich man bloß nicht an!" Ferdinand spie auf den Weg.„Man is wohl Großbürger vom Sitzen geworden, was?" „Ich erkannte Dich ja nicht," sagte Pelle eindringlich; er war plötzlich ins Leben zurückgerufen. „Na ja, tvcnn Du das sagst. Da muß wall die Schnauze Schuld an sein, die haben sie mir den Abend eingeschlagen, als ich Mutter in die Erde gebracht hatte. Ich soll Dich übrigens grüßen." „Danke!" sagte Pelle warm. Alte Erinnerungen aus der Arche riefen nach ihm Und brachten sein Blut wieder in Wallung.„Ist es lange her, seit Deine Mutter starb?" fragte er teilnehmend. Ferdinand nickte:„Na ja, es war übrigens recht gut. denn nu is da niemand mehr, um den man ein schlechtes Ge- wissen zu haben braucht. Ich hatt' mir ja in den Köpf gesetzt. daß sie verdient hätt', es auf ihre alten Tage ein bißchen an- ständig zu haben, und ich war mörderlich vorsichtig. Aber dann wurd' ich doch bei einem lumpigen Einbruch ertappt und kriegt acht Monate. Das war gleich nachdem sie Dich ein- gelocht hatten, aber das weißt Du wohl?" „Nein, woher sollt ich das wissen?" „Ich Hab es Dir doch rübertelearaphiert. Ich saß Dir gerade gegenüber, Flügel A., und als ich Deine Zelle äsis- gerechnet hatte, bestellte ich einen Abend die ganze Linie und klopfte Dir einen Gruß rüber. Aber da saß ein Mucker von einem Pfarrer an der Ecke von Deinem Flügel, einer von diesen Sittlichkeitskerls— na, das weißt Du nich mal? Ja, den Hab ich die ganze Zeit in Verdacht gehabt, daß er meinen Bescheid nicht weiter klopfte, obgleich da'ne schreckliche Menge Gelehrsamkeit auf solch Rindvieh verschwendet iS. Als ich dann rauSgekomnlen war, sagt' ich zu mir* selbst, daß die Sache nu ein Ende haben sollt', denn Mutter hat das fürchterlich mit- genommen. Ich versuchte, in eine von den Straßen zu kommen, wo die anständigen Gauner wohnen, und wurd' Kolporteur. und das ging sehr ordentlich. Denn es wäre doch'ne infame Niedertracht gewesen, wenn sie vor Hunger krepiert wär. Und wir hatten es gewaltig gilt'n halbes Jahr lang. Aber da schrammte sie doch ab. und darauf kannst Du Gift nehmen. nie im Leben is Ferdinand in solcher Drerklanne gewesen wie den Tag, als er sie draußen auf dem Westfriedhof in die Erde gebracht hat. Ma, nu liegt Mutter da und riecht von unten
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29 (22.8.1912) 162
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