Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 164.
8]
Sonnabend, den 24. August.
( Nachbruc verboten.)
Pelle der Eroberer.
-
-
1912
Die bösen Mächte hatten ihn in ihren Bann gezogen, das war das Ganze, und nun ließen sie ihn wieder in das Tageslicht hinaus, in dem Glauben, daß er ein Kobold geworden war, wie alle seine Vorgänger. Aber Pelle war nicht verhert! Er hatte schon viel zu seinem Wachstum verbraucht und nahm Von M. Andersen Negö. Uebersetzt von Mathilde Mann . Dies mit. Was bedeutete wohl ein wenig Eingesperrtjein im Ferdinand brach in ein schallendes Gelächter aus:„ Herr Verhältnis zu dem dumpfen Tropfenfall von Jahrhunderten Du meines Lebens! Du und andern zu Gange helfen! Du Tropfenfall? er war ja mit dem Siegerhemd geboren, haft es wohl nich ausprobiert, was es heißt, von der Anstalt das Stahl und Gift widerstand. zurückzukehren; es wird Dir wohl schwer werden, selbst irgend- Er setzte sich auf einen hohen Punkt, warf die Müge von wo anzukommen, Freundchen. Ein neues Leben, hah! Ne, fich und ließ sich den frischen Wind um die Stirn streichen. bleib Du nur hier, denn machen wir ein feines Stück Arbeit Er war voll von reichen Verheißungen, auf seiner Frühlingszusammen, so bald es dunkel is. Die Villa sieht gar nich wanderung über die Erde hatte er alles Erbauliche und Starke so übel aus. Und dann können wir heut abend in die aufgesammelt und warf es ihm in den Schoß. Sieh um Dich, Bluttasse gehen und einen mächtigen Heimkehrschmauß Belle! halten und die heimgekehrten Amerikaner spielen, es is auch nich gerade fein, nach Hause zu kommen, ohne was für die Familie mitzubringen. Bleib Du nur hier! Du sollst bloß Laura mit dem Arm tanzen sehen! Das is mein Freß schat, weißt Du. Die fann auf' m Tisch tanzen, der voll Bierflaschen steht, mit verbundenen Augen, ohne einen Tropfen zu verschütten. Da soll auch ein kleiner Kuß für Dich abfallen. Den Deubel auch, Du bild'st Dir doch am Ende nich ein, daß Du anderswo willkommen bist? Ne, Du, da steht keiner und winkt den Heimkehrenden. Na, denn scher Dich zur Hölle, Du Rindvieh, und grüß Deine Großmutter! Wenn Du es satt hast, an den Brüsten des FamilienIebens zu saugen, so is meine Adresse die Bluttaise, da fannst Du nach mir fragen!" Die letzten Worte rief er mit der Hand vor dem Munde, seine heisere, hohle Stimme bildete einen Mißton in der reinen Frühlingsluft.
-
-
Belle schritt schnell dahin, als gelte es, etwas hinter sich zu legen. Er hatte in seinem stillen Sinn die wahnsinnige Hoffnung genährt, daß ihm irgendein freundlicher Empfang zuteil werde, wenn er herauskam, fingende Kameraden vielTeicht, oder eine Frau und zwei Kinder, die auf der weißen Landstraße standen und warteten! Und dann war da nur Ferdinand, der ihn in Empfang nahm! Na, das war' ne falts Dusche, und nun schüttelte er die Enttäuschung ab und holte aus, um vorwärts zu kommen; der frische Gang brachte das Blut in belebende Bewegung. So wie heute hatte der Himmel noch nie geleuchtet, die Sonne schien ihm gerade ins Herz hinein. Es lag ein lächelnder Gruß in allem, in dem Wind, der sich ihm gerade in die Arme warf, und in der frischen, schwarzen Erde und dem rinnenden Wasser der Gräben: Willkommen im Freien, Belle!
Wie weit und wie lieblich doch die Welt ist, wenn man Jahre zwischen vier kahlen Wänden verbracht hat! Da unten im Süden glich der Wolkenhimmel der Brust eines großen, hellen Vogels, so wie sie jedes Jahr von weither kommen, den Sommer in ihrem starken Flügelschlag, und zu allen Seiten Iagen offene, weiße Wege und zeigten hinaus mit lichten VerHeißungen.
Zum viertenmal zog er aus, um die Welt zu erobern, und diesmal war es bitterer Ernst. Bisher hatte sich immer wieder etwas dahinter gezeigt, aber nun fühlte er verhängnisvoll, daß die Wanderung entscheidend war; gewann er jetzt, fo eroberte er die Ewigkeit. Diesmal mußte es biegen oder brechen. Alles, was er besaß und hatte, führte er jetzt ins Feld, so schwer war er noch nie zuvor gerüstet gewesen. Weit hinter sich gewahrte er noch die Kuppel des Gefängnisses; gleich einer mächtigen Mühle lag es dort über dem Abstieg zur Unterwelt und mahlte das Elend zu Verbrechen im Namen der Menschlichkeit. Jeden, der von des Lebens Unsicherheit erfaßt war, jog es an sich; er hatte selber in dem Trichter über dem Auge der Mühle gehangen und gefühlt, wie der Wirbel sog.
Zu allen Seiten gingen sie und bestellten den Boden, das Pfluggespann nickte über den weichen Hügelzug hinüber und verschwand nach der anderen Seite. Ein schwacher Broden entstieg der schwarzen Ackererde, es war die letzte Kälte, die in dem sinkenden Lenztage verdampfte. Eine gute Strecke abwärts lachten ein paar rote kleine Häuser dem Sonnenuntergang zu, und noch weiter draußen lag die Stadt mit ihrem ewigen Rauchnebel über sich.
•
Wie würde sich seine Zukunft da unten gestalten? Und wie standen die Angelegenheiten, war das Neue fortgeschritten, oder sollte er sich wieder unter einen Aussauger stellen, sich das Notdürftigste aus seiner Arbeit herauspressen und den Rest in die Tasche eines andern wandern sehen? Es waren viele neue Fabriken da unten entstanden; sie bildeten jetzt einen ganzen Schutzgürtel vor der Stadt und streckten Hunderte von Riesenschornsteinen zum Himmel empor. Aber was fonnte da los sein, da sie nicht rauchten? Ein Lohnkampf? Nun mußte er also einen Plan für sein Leben machen, es wieder aufbauen auf dem tiefen Grund, der in der Einsamfeit gelegt war. Und hier saß er und wußte nicht das Allergeringste über den Zustand da unten! Nun, er hatte ja Freunde zu Zehntausenden, die Stadt lag ganz einfach da und wartete mit offenen Armen auf ihn, ihm noch mehr zugetan um alles dessentwillen, was er gelitten hatte! In all seiner unwissenheit hatte er doch vermocht, sie eine Strecke Weges zu führen, die Entwicklung hatte ihn zu ihrem blinden Werkzeug erkoren, und das war gut gegangen. Aber nun wollte er sie ganz in das Land hineinführen, denn nun hatte er die Schwere des Lebens in sich.
Ach, saß er nun nicht hier und stieg in die Luft auf, genau so wie in alten Zeiten, und vergaß alles, was ihn die Belle so bitter gelehrt hatte!
Das Wohlergehen der andern, ja wohl, er war umhergelaufen voller Sorge für die Taufenden von Familien und hatte nicht einmal vermocht, fein eigenes Heim aufzubauen. Humbug! Da unten saßen drei verschmähte Wesen und führten Anklage gegen ihn, und was nüßte es, daß er sich unter dem Wohlergehen der Vielen barg. Was half es, wenn er auch mit den Lobreden von Zehntausenden auftrat und die ganze Welt ihn Wohltäter nannte, wenn die drei, deren Wohl und Wehe ihm anvertraut war, ihn anklagten, daß er fie im Stich gelassen hatte. Er hatte oft genug versucht, fie zu übertäuben, aber da drinnen ging es nicht an, etwas durch Lärmen zum Schweigen zu bringen.
Belle zweifelte noch immer nicht daran, daß er ausersehen war, etwas für die Vielen auszurichten, aber das erschien so untergeordnet im Verhältnis dazu, daß er seinen Teil von dem, was einem jeden obliegt, vernachlässigt hatte.
Er hatte groß und klein mit einander verwechselt und geglaubt, daß, wenn er etwas ausrichtete, was fein anderer konnte, er sich dafür ein wenig leicht über die gewöhnlichen Alltagspflichten hinwegießen dürfe. Aber das Leben legte Aber Belle war ja reich ausgestattet; bisher hatte er verhängnisvoll seine Schwere gerade dahin, wo alle beteiligt glücklich alles in Auftrieb umgefeßt, und er nahm dies mit. waren. Und nun fam er wie ein elender Bettler, der alles Sein Haar war nicht mehr blond, dafür aber war fein Sinn erobert hatte, ausgenommen das Eigentliche, und der desmagisch erfüllt von einem geheimen Wissen von dem Wesen wegen nichts besaß, und mußte um Gnade und Barmherzig Der Dinge. Er hatte ja an der Wurzel von allem gefeffen und feit flehen. Als Verbrecher gestempelt, mußte er nun wieder es sich aus der Einsamkeit herausgelauscht, in dem dunklen von vorne anfangen und das ausführen, was er in den Tagen Berg hatte er gefeifen und geträumt wie der Glückspring, feiner Macht nicht fertig gebracht hatte. Es würde sicher während ihm die Ewigkeit von dem großen Nätsel vorsang. schwer werden, sein Heim unter diesen Verhältnissen aufzu