Anlerhaltungsblatt des'Vorwärts Nr. 168. Freitag den 30. August 1912 (Nachdrul! MtCoUR.) 7] pelle der Eroberer. Von M. AndersenNexö. Uebersetzt von Mathilde Mann . Das ist eine Schweinerei mit dem Branntwein!" sagte Pelle kurz. Ja. das sag' man noch mal! Aber man hat hin und wieder auch ein gutes Wort nötig, und dann muß man es wohl nehmen, wo man es kriegen kann. Die Kollegen sehen auf einen runter, will ich Dir sagen, und wollen einen nicht unter sich dulden." Was is da denn los?" fragte Pelle. Was da los is? Da sind die fünf mal sechs Tage, weil man seinen alten Vater damals unterm Lockout nich sitzen und hungern ließ. Damals war ja alles schön und gut: Jakob war ein guter Sohn! Sie pfiffen auf die schmierigen Geldbeutel der Großen und auf das bißchen Wasser und Brot und den Teufel und seine Großmutter. Aber nu geht's nach'ner andern Melodie: Der da, der hat ja wegen Dieb- stahl gesessen! Und damit basta I Warum, da fragt keiner nach, man is Großbürger geworden, verstehst Du! In alten Zeiten hieß ich immer der fröhliche Jakob, und die Käme- raden mochten gern mit mir zusammenarbeiten. Weißt Du, wie tch nu heiß? Stehl-Jakob. Ja, sie sagen es ja nich gerade heraus, denn dann könnten sie wohl drauf gefaßt sein, daß einer ihnen den Schädel einhaute, aber es is doch mein Name. Na. sagt man zu sich selbst, damals hast du das Ganze wohl verkehrt beurteilt; am Ende bist du doch nichts als ein gemeiner Dieb. Und dann mußte ich trinken, um wieder ein ehrlicher Mann zu werden." Und gegen die Laternenpfähle wüten! Sollt'st Du nich lieber nach denen auslangen, die Dir was tun?" Jakob schwieg und duckte den Kopf: der starke, unverzagte Bursche war ein Hund geworden, den jeder mit Füßen treten konnte. War es denn so schlimm, mit den fünf mal sechs Tagen unter Seinesgleichen herumzugehen, was sollte Pelle dann sagen?Was macht Dein Bruder?" fragte er. um Jakobs Gedanken auf etwas Lichteres hinzulenken,er war ein Prachtkerl!" Er hat sich aufgehängt," erwiderte Jakob finster,er könnt' es nich aushalten. Wir veriibten den Einbruch ja zu- sammen, damit der eine dem anderen nichts vorzuwerfen hatt': und der Krämer schuldete meinem Altem ja Geld. Er hatte Arbeit dafür geleistet und sollt' nu darum betrogen wer- den, das war die Absicht. Und da saßen die beiden Alten und hungerten, frieren taten sie auch. Da schafften wir ihnen ihr Recht, un das war ja so über alle Maßen großartig gemacht. Aber hinterhier, wenn da auf dem Arbeitsplatz etwas im Gange war, Agitations- und Wahlspektakel und dergleichen neue Einrichtungen, dann gingen sie ganz zierlich um mich und ihn herum. Wir gehörten nich mit dazu, verstehst Du, wir hatten ja kein Stimmrecht. Er könnt' nich auf andere Fasson damit fertig werden, als daß er'n Strick um den Lampenhaken schlang. Ich Hab' die Sache selbst hin und her- gedreht, aber da is nich klug aus zu werden!" Jakob ging eine Strecke.Willst Du die Sache nu ordentlich in Schwung bringen? Hier is ein gutes Wort nötig." Pelle antwortete nicht: dies legte sich zu schwer auf ihn. Er hörte die Frage gar nicht. Deine Worte waren ja hauptsächlich schuld daran, daß wir an eine neue Zeit glaubten," fuhr Jakob hartnäckig fort. Sonst hätten mein Bruder und ich es am Ende anders an- gefangen, und dann wär' es uns beiden also besser gegangen. Na, Du hast ja selbst natürlich auch daran geglaubt! Aber was sagst Du nu? Glaubst Du noch an dies Neue? Denn man möcht' ja gevn wieder ein ehrlicher Mensch sein." Natürlich glaubte Pelle noch immer daran. Ja, denn da sind nämlich nich mehr viele, die noch einen roten Heller für die Geschichte geben. Aber wenn D u es sagst, zu Dir Hab' ich immer noch Fiduz. Man selbst hat ja rrich Grips genug, um selbst etwas auszutüfteln: und für uns kleinen Leute is es, ich möchi sagen, sa gewesen, als wenn der Pfropfen abging,'damals als Du wegkamst. Das Ganze stand da und wurd' zu abgestandenem Fusel. Geschehen tut da nichts, so daß wir armen Deubels es sehen können, und jedesmal, wenn man an zu jammern fängt, wird einem gleich ein Stimmzettel in die Faust gesteckt! Geh hin und stimm, Kamerad, dann wird es schon anders werden. Aber zum Teufel auch, das kann nich zünden bei einem Burschen, der von klein auf nichts gelernt hat. Für mich hatten sie nu mörderlich fein gesorgt mit Wiederherstellung meiner Ehre, damit ich mein. Stimmrecht wieder gebrauchen könnt': aber mich zu einem machen, auf den keiner runter sieht, das können sie nich. Und darum bedank' ich mich auch dafür! Aber wenn D u noch daran glaubst, denn tu ich es auch, verdammt und verflucht, denn zu Dir Hab' ich nu mal Fiduz. Hier hast Du meine Hand darauf." Jakob war noch derselbe einfältige, gutmütige Bursche wie in alten Zeiten, als er auf dem Boden derArche" hauste. Ein wenig mehr Böses hätte immerhin in ihm sein können! Aber seine Worte wärmten Pelle das Herz, hier war doch ein Mensch, der seiner bedurfte, und der noch an ihn glaubte, obwohl er im Kampf zum Krüppel geschlagen war! Dies war der erste Invalide: Pelle war darauf vorbereitet, mehr zu treffen und ihre Anklage hinzunehmen. Allerlei würde sich gegen ihn wenden, gerade jetzt, wo er machtlos dastand: aber er mußte das mitnehmen! Es war ihm, als habe er jetzt Kräfte dazu. Pelle ging wieder auf die Straße, er überließ den Füßen die Richtung und dachte an Vergangenheit und Zukunft. Sie waren so fest überzeugt gewesen, daß eine neue Zeit gleich für sie anbrechen würde! Die neue große Wahrheit war so selbsteinleuchtend gewesen, daß man meinte, all das Alte müßte vor ihr fallen wie vor einem Zaubern�rt, und nun hatte der Alltag auch ihr den Glanz abgenutzt! So weit er sehen konnte, war nichts Wesentliches geschehen-, und was sollte auch wohl geschehen? Es ging nicht so ohne weiteres, Systeme zu stürzen. Aus dem Urteil des fröhlichen Jakob konnte er sich sein eigenes bilden, aber er war nicht mehr verzagt. Mochte jetzt kommen, was kommen wollte. Er würde nichts dagegen haben, die Auffassung der alten Ka- meraden sogleich herauszufordern und seine Stellung ins reine zu bringen. Er war durch mehrere Seitengassen gekommen und stand plötzlich vor einem großen, erleuchteten Gebäude, die breite Treppe hinauf strömten Leute. Es war eins der Arbeiter- Versammlungshäuser: man feierte ein Fest wegen des Wahl» tages. Pelle folgte aus alter Gewohnheit dem Strom. Er hielt sich im Hintergrund des Saales und ge- brauchte seine Augen, als sei er eben von einem anderen Erd- ball heruntergefallen, wunderliche Gefühle sprudelten in ihm auf, als er wieder mit den vielen zusammen war. Einen Augenblick stürmte es in ihm wie von einem heftigen Per- langen, zu rufen: Hier bin ich wieder! und die Arme nach ihnen allen auszubreiten. Aber er bezwang das schnell, das Gesicht nahm wieder seine versteinerte Ruhe an. Das war also sein Heer von dem Kampf. Sie waren be» trächtlich besser in Kleidung als an dem Tage, als er sie im Triumph in die Stadt hineinführte, als ihre wahren Bürger: sie trügest auch den Kopf höher, verkrochen sich nicht hinter- einander, sondern forderten Platz. Mehr Essen bekamen sie, das konnte er sehen, die Gesichter waren-blanker davon ge» worden. Und die Augen waren träge im Ausdruck geworden, sie standen nicht mehr hungrig in das Ungewisse hinaus- grabend da. sondern bewegten sich ruhig und natürlich von einem Punkt zum andern. Man hatte sich offenbar wieder auf einen langen Marsch eingerichtet, und vielleicht war das gut: große Dinge vollzogen sich nicht im Handumdrehen. Er wurde dadurch aus seinen Gedanken erweckt, daß die Nächsten sich umwandten und ihn anstarrten. Immer mehr Gesichter drehten sich nach ihm um. Pelle ist hier! ging es wie ein Murmeln durch die Versammlung. Hunderte von Augen waren auf ihn gerichtet, fragend und forschend, einige in offener Erwartung, als müsse gleich auf der Stelle etwas ! Ungewöhnliches geschehen. Es gestaltete sich zu einer starken Bewegung, zu emer Welle, die ihn widerstandslos in den Vordergrund ddZ Saales