Htnterhaltungsblatt des Nr. 170. Dienstag, den 3. September 1912 xzzachdnick 6«S0t«T.l 9] pelle der Gröberen Don M. AndersenNexö. Uebersetzt von Mathilde Mann . Er hatte sie auf das Sofa gelegt und saß über sie gebeugt da und erzählte ruhig, wie er bereut und sich gesehnt und es sich hatte leid sein lassen. Sie antwortete nicht, sondern hielt seine Hand krampfhaft fest, von Zeit zu Zeit öffnete sie die Augen und betrachtete ihn verstohlen. Plötzlich entdeckte sie, wie verheert und voller Furchen sein Gesicht war. sie liejj die Hand darüber hingleiten, wie um die Züge weich zu machen und brach in heftiges Weinen aus. Du hast es so schwer gehabt, Pelle!" sagte sie mit Un- gestüm und ließ ihre zitternden Finger durch sein grau- gesprenkeltes Haar gleiten.Ich kann es Deinem armen Kopf anfühlen, wie schlecht sie gegen Dich gewesen find. Und ich bin nicht einmal bei Dir gewesen! Wenn ich Dir doch nur so recht etwas zuliebe tun könnte, so daß Du wieder froh aussehen würdest!" Sie riß ihre Kleidertaille auf. legte seinen Kopf an ihren Busen und lullte ihn ein mit einem Ausdruck einer Mutter, die ihr Kind säugt. Und Pelles Antlitz veränderte sich leise, wie das des Kindes, wenn es an die Brust gelegt wird. Es war, als ergösse sich der Quell des Lebens in ihn, das Verhärtete wich aus den Zügen. Leben und Wärme ikehrten in sie zurück. Ich glaubte ja nicht, daß Du zu uns zurückkehren würdest," sagte Ellen und preßte heftig ihre Brust gegen feinen Mund.Von dem Augenblick an. wo Dich Lasse Frederik gestern traf, Hab' ich da gesessen und gewartet, daß Tu kommen würdest." > Pelle entdeckte plötzlich, wie übernächtig sie aussah. Du Just über Nacht gar nicht zu Bett gewesen?" sagte er. Sie schüttelte lächelnd den Kopf:Ich mußte ja auf- Passen, daß die Haustür nicht abgeschlossen wurde. Jedesmal, wenn jemand nach Hause kam, lief ich hinunter und schloß wieder auf. Du mußt dem Jungen nicht böse sein, weil er gleich zuerst bange vor Dir wurde. Hinterher bereute er es und lief den ganzen Abend in der Stadt herum, um Dich zu suchen." Aus der Schlafkammer rief eine helle Kindcrstimme immer eifriger:Manne ! Guten Tag, Manne!" Da drinnen saß Schwester aufrecht in Ellens Bett und spielte mit einer Feder, die sie aus dem Zipfel des Ober­bettes gezupft hatte. Sie ließ sich willig küssen und saß da mit ihrem Trotzmäulchen und der drolligsten krausen Nase.Du bist Mann!" sagte sie einschmeichelnd. Ja, das ist alles recht schön," sagte Pelle lachend,aber was für ein Mann?" Mann!" wiederholte sie und nickte ungeheuer ernsthaft. Schwester teilte offenbar jetzt das Bett mit Ellen. Am Fußende des großen Bettes stand ihr eigenes kleines Kinder- bett, das einstmals auch Lasse Frederiks gewesen war, und darin lag nun. Pelle wandte sich nach der anderen Wand um, wo Lasse Frederik in dem einschläfrigen Bett lag und pustete, den Arm unterm Kopf. Er hatte das Oberbett weg- gestrampelt und lag auf dem Bauch, in tiefe Ruhe versunken, die drallen Glieder frei gestreckt. Er war gut gebaut, der Bursche! Na, Faulpelz, kannst Du nun wohl machen, daß Du auf die Beine kommst!" rief Pelle und zerrte ihn an dem einen Fuß. Ter Junge wandte sich langsam um. Als er den Vater erblickte, war er plötzlich ganz wach und hob den Ellbogen Parierend über den Kopf. Es hängen keine Ohrfeigen in der Luft, mein Junge," sagte Pelle lachend.Das Spiel fängt erst heute an!" Lasse Frederik fuhr eigensinnig fort, sich mit dem Arm zu decken. Er lag da und starrte gleichgültig in die Stube hinaus, als ahne er nicht, woraus der Vater anspielte. Aber er hatte einen dunkelroten Kopf. Sagst Du Deinem Vater nicht einmal ordentlich guten Tag?" fragte Ellen. Da streckte er widerstrebend die Hand aus und wandte sich dann nach der Wand um. Er lag da und ärgerte sich über die Heldentaten des gestr-igen Tages, viel- leicht erwartete er auch eine Abstrafung. An dem Nagel über dem Bett hing seine Kittelschürze und feine Mütze. Lasse Frcderik ist wohl auch Milchjunge?" sagte Pelle. ,�za," erwiderte Ellen,und er ist ganz brauchbar zu der Arbeit. Die Kutscher loben ihn." Muß er denn nicht jetzt aufstehen und gehen? Ich bin schon verschiedenen Milchwagen begegnet." Nein, denn wir streiken in dieser Zeit," murmelte der Junge der Wand zugewendet. Pelle wurde ganz eifrig:Diese Beugels, also Ihr streikt! Was ist denn da los, handelt es sich um den Lohn?" Der Junge mußte erzählen. Er kam allmählich mit dem Gesicht zum Vorschein, sah aber den Vater nicht an. Ellen stand in der Tür und lauschte ihnen lächelnd, sie sah schwach aus.Lasse Frederik ist ja der Führer," sagte sie leise. Und dann liegt er hier, statt draußen zu sein und acht auf die Streikbrecher zu geben," rief Pelle ganz erregt aus« Du scheinst mir ein netter Führer zu fein!" Glaubst Tu, daß ein Junge so gemein ist, sich zum Streikbrecher zu machen?" sagte Lasse Frederik.Nein, die Leute holen sich ganz einfach die Milch selbst von den Wagen." Tann müßt Ihr die.Kutscher dazu kriegen, daß sie gc- meinfame Sache mit Euch madhen!" Ne, wir sind ja keine richtige Organisation. Darum woll'n sie uns nich unterstützen." Dann bildet doch'ne Organisation, zum Teufel auch! Willst Du mal machen, daß Tu rauskommst. Junge: lieg doch nich da und schnarch, wenn Tu so was vorhast! Glaubst Dir vielleicht, daß man sich hier in dieser Welt was erschläft?" Ter Junge rührte sich nicht, er fand offenbar nicht, daß ein Grund vorlag, den Vater besonders feierlich zu nehmen. Aber da traf ihn ein vorwurfsvoller Blick Ellens. Und ein, zwei, drei war er aus den Federn heraus und in den Kleidern. Während sie in der Stube saßen und Kaffee tranken, erteilte ihm Pelle allerlei Winke, wie er die Sache angreifen müsse. Er war sehr interessiert und ging gleich mit Leib und Seele in der Frage auf: es war, als habe er erst gestern mit den Massen zu tun gehabt, so viele gute Kampferinnerungcii! drangen auf ihm ein. Jetzt wußte also jedes Kind, daß es das Gemeinste von allem ans der ganzen Welt war, Dienste als Streikbrecher zu leisten! Und wie et hatte kämpfen müssen, um selbst famose Kameraden dahin zu bringen, daß sie dicjZache verstanden! Ganz komisch war es zu denken, daß der Streik, der die Ar- beiter mit Schaudern erfüllte, als er ihm zum erstenmal an- wendete, daß der jetzt etwas war, womit sich Kinder abgaben'. Tie Zeit schien hier heutzutage mit schnellen Schritten zu gehen! Sollte man Anteil am Gewinn haben, so mußte man fich tummeln. Als der Junge zur Tür hinaus war, trat Ellen an ihn heran und strich ihm über das Haar.Willkommen daheim!" sagte sie still und küßte ihn auf die gefurchte Stirn. Er drückte ihre Hand.Hab Dank, daß Du ein Heim für mich hast." erwiderte er und sah ihr in die Augen,sonst glaub' ist, tvär' ich vor die Hunde gegangen." Tu kannst mir glauben, daran hat der Junge seinen großen Anteil! Er greift tüchtig zu, sonst hätte es manch liebes Mal schlimm für mich ausgesehen. Du mußt nicht böse auf ihn sein, Pelle, wenn er auch manchmal ein bißchen kurz angebunden gegen Dich ist. Bedenke, er hat sich so viel von den anderen Jungen gefallen lassen müssen. Manchmal rst er ganz verprügelt nach Hause gSkonnnen." Um meinetwillen?" fragte Pelle kleinlaut. Ja, denn er konnte es nicht dulden, daß sie was von e.ir sagten. Eine Zeitlang war er in ewigen Prügeleien, jetzt glaub' ich übrigens, daß er sich Ruhe vor ihnen verschafft hat: denn er gibt nicht nach. Aber es mag ja was bei ihm sitzen ga- blieben sein.". Sie stand zögernd neben lhm. Da war rrgend envaI»